25 Juli 2025

Nerds Diary: Nachmittags habe ich wieder Besuch (S3/F6)

Nachmittags habe ich wieder Besuch

Nerds Diary: Nachmittags habe ich wieder Besuch (S3/F6)
... Nachdem ich früh ins Bett gekommen bin und entsprechend früh aufstehen konnte, war die Morgenarbeit gut zu erledigen. Sogar die fälligen Pflichtdokumentationen waren zügig gemacht, die Anfrage aus dem Fachbereich auch einigermaßen schnell bearbeitet. Die Kollegen fragen, ob irgendwas wäre und sticheln, dass ich wie frisch verliebt wirkte.

Aber das kann nicht sein, ich bin alleine in der Wohnung, sitze mit meinem Kaffeepott vor dem Computer und jage die Bits und Bytes vor mir her. Noch deutlich vor Mittag verlasse ich eine Sitzung vorzeitig und erkläre den verdutzten Kameraden, dass ich jetzt erst mal Yoga machen müsste. Anders als erwartet finden sie es total gut, dass ich Bewegung in mein Leben bringe.

„Ich werde jetzt keine Pizza aus dem Tiefkühlschrank holen“ sage ich zu mir selbst und merke, dass ich im Geist die Alternativen in meinen Vorräten durchgehe. Selbst für das Backen eines Mandarinenkuchens ist noch Zeit und wie auf Kommando klingelt es an der Tür.

„Sag jetzt nichts.“ – „Du siehst gut aus.“ – „Hast du das gerade wirklich gesagt?“ – „Ja.“ – „Du bist An-wen-dungs-manager. Die sagen sowas nicht.“ – „Ich schon.“ Es folgt eine Szene wie in einem mittelklassigen Hollywoodfilm. Sie stürzt auf mich zu, nimmt mich in den Arm und drückt mich. 

„Du hast wirklich Kuchen gebacken.“ Ich verschweige ihr, dass dabei der Handmixer kaputt gegangen ist, weil sich der Rührarm im Löffel verharkt hat, mit dem ich den Teig zusätzlich vermischen wollte. „Zufälligerweise habe ich Sahne dabei.“ - „Und ich habe nur eine Kuchengabel.“ Wir müssen beide lachen.

Sie zieht die Vorhänge zu. „Wir machen Schattenkino. Hol mal eine Lampe.“ Nach einigen missglückten Versuchen geht es ganz gut, ein bisschen Kuchen auf dem Boden, aber auf der Wand erscheint eine Fütterungsszene, die wir mit dem Handy filmen.

Wir bauen noch eine Sequenz mit Sahne ein, stehen auf einem Bein, um die Akrobatik zu erhöhen und unterbrechen nur für den Eierlikör, den sie noch in ihrem Rucksack findet. „Hast du eigentlich mal wieder Brownies gebacken?“ Aber auch ohne Cannabis wird es immer lustiger und wir beschließen, eine Kuchenspur ins Schlafzimmer zu legen, damit wir den Weg in die Küche zurückfinden.

Angekommen hat sie einen neuen Plan. „Wir machen eat-in-the-dark.“ – „Was soll das sein?“ – „Wir lassen den Rollladen runter und nehmen den Kuchen mit unter die Bettdecke.“ -  „Das könnte eine ziemliche Matscherei werden.“

Es ist wirklich stockdunkel, den Kuchen kann ich noch ertasten, aber es ist schwierig herauszufinden, wo die kleine Schüssel mit der Sahne ist. „Oh, ich glaube, ich habe die Sahne gefunden.“ Einen Moment später habe ich zwei Finger mit Sahne im Mund, nachdem sie sich an meiner Wange den Weg dorthin gesucht haben.

Ich revanchiere mich mit einem Stück Kuchen und verzichte dabei sicherheitshalber auf die Gabel. Eigentlich habe ich gar keinen Hunger mehr, trotzdem geht die Schlacht munter weiter. Da sie nicht stillhält, erwische ich beim nächsten Angriff ihre Schulter, sie zuckt zurück, kann aber nicht verhindern, dass ihr T-Shirt eine Portion Sahne abbekommt.

Es wird stickig unter der Decke, zumal sie jetzt auf meinem Bauch sitzt. „Jetzt nicht bewegen, Kuchen und Sahne sind auf deiner Brust“ und die Situation ausnutzt, um mir wieder einen Finger in den Mund zu stecken. Ich winde mich unter ihrem Gewicht. „Versuchs doch.“ Mit einer gekonnten Bewegung geht sie in einen Herabschauenden Hund über, ihr Gesicht kann ich in der Dunkelheit nicht erkennen, aber ihr Atem kommt ganz aus der Nähe.

Und ihre Füße sind heute auch gar nicht kalt.

[Das gibt es seit 14.02.25 als kleine Serie jede Woche]

18 Juli 2025

Nerds Diary: Du musst dein Leben in den Griff bekommen (S3/F5)

Du musst dein Leben in den Griff bekommen

Nerds Diary: Du musst dein Leben in den Griff bekommen (S3/F5)
„Du musst dein Leben in den Griff bekommen.“ – „Ich finde, es ist im Griff.“ – „Soll das auf Dauer so weitergehen?“ – „Was ist falsch daran?“ – „Du brauchst mehr Stabilität, innere Ausgewogenheit, Resilienz.“ – „Das ist mal was, was ich kenne.“ – „Was davon?“ – „Resilienz.“

Wir diskutieren über Bounceforward und Bounceback. „Woher kennst du das?“ – „Hab ich mal irgendwo gehört.“ – „Erzähl schon.“ – „Aus der Technik. Da gibt es das auch.“ – „Werden Computer auch psychologisch betreut und therapiert?“ – „Kommt mir manchmal so vor.“

Diskussion über Psychologie im Allgemeinen, Therapeuten, Umgang mit Rückschlägen. Ich erzähle von DORA. „Es gibt ja doch Frauen in deinem Leben.“ – „DORA ist der Digital Operational Resilience Act, das ist keine Frau.“ – „Oh, wie unromantisch.“

„Ich weiß was, was dir helfen könnte. Komm mal mit.“ Wir gehen ins Büro, ich werde mit Schreibblock und Stift ausgestattet. „Du erarbeitest jetzt dein Ikigai.“ – „Mein was?“ – „Ikigai. Japanische Selbstfindung mit vier Dimensionen.“ Pause „Ich erkläre es dir.“

Auf dem Zettel entstehen große Blasen mit den Überschriften „Was ich kann“, „Was ich gerne mache“, „Wofür ich Geld bekomme“ und „Was die Welt braucht“. "Du schreibst jetzt in jede Blase was rein und nachher schauen wir, wo es Überschneidungen gibt." - „Können wir das nicht heute Abend machen, jetzt muss ich mich erst noch anziehen und dann arbeiten.“

Immerhin darf ich wieder ins Bad, den Bademantel gegen Jeans und Pulli tauschen. Kaum bin ich drin geht die Tür auf, sie legt mir den Block mit den vorgemalten Blasen auf den Boden. Dann geht die Tür zu und ich höre den Schlüssel im Schloss. „Lass mich sofort raus.“

„Erst die Hausaufgaben. Sag Bescheid, wenn du zu allen Feldern was eingetragen hast. Und versuch nicht zu schummeln, ich schaue mir das nachher genau an.“ Seufzend ziehe ich mich an, mache mir aus Handtüchern einen halbwegs bequemen Sitz und fange an, den Zettel auszufüllen.

Eine Stunde später klopft es an der Tür „Bist du noch nicht fertig?“ – „Ich will es sorgfältig machen. Was ich gut kann und gerne mache, das war ziemlich einfach. Auch wofür ich Geld bekomme war schnell aufgeschrieben. Aber was braucht die Welt von mir?“ – „Komm wenigstens wieder aus dem Bad.“ – „Ich habe es mir gemütlich gemacht.“

Am Couchtisch gehen wir meine Notizen durch. „Du hast dich ja richtig reingekniet.“ Diskussion über viele technische Aspekte, wo das Herz bleibt und ob man als Anwendungsmanager nur ein Nerd sein kann. „Gibt es überhaupt keine Menschen in deinem Leben, die du liebst?“ – „Doch, meine Mutter.“ – „Das meinst du nicht ernst. Ich meine Beziehungen, irgend ein Mann oder eine Frau. Von mir aus ohne Sex. Aber mit Gefühlen.“

„Ich würde jetzt wirklich gerne mal an den Computer gehen und schauen, wie es im Büro läuft.“ – „Du weichst immer aus. Immer, wenn ich nach Gefühlen frage oder mit dir über Beziehungen sprechen will musst du ins Büro.“ – „Ich möchte halt nicht drüber sprechen.“ – „Aber ich.“ – „Ja.“

Einen Moment schweigen wir, dann strahlt sie mich an. „Du hast Recht. Das kann man nicht erzwingen.“ Lachend schüttelt sie mich durch, gutgelaunt „Wir spielen Wahrheit oder Pflicht.“ – „Oh nein, sicher nicht.“ – „Keine Angst, jetzt darfst du erst mal ins Büro.“

Mittagessen, Kaffeepause, Abendessen. Kein Wort mehr über Ikigai, Psychologie, Beziehungsfragen. Es bleibt dabei, dass sie gute Laune hat, von ihrer Freundin erzählt, die Spaß an Boxen hat und im Club auf Männer eindrischt. Und dabei drückt sie mich hier, knufft mich da und hat dann völlig überraschend ihre Jacke in der Hand. „Ich gehe mal eine Runde um den Block. Kommst du mit?“

Die Tür schließt sich hinter ihr, ich merke, wie ich mich entspanne und obwohl es schon ziemlich spät ist schaue ich doch noch mal im Büro nach der Arbeit von heute.

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11 Juli 2025

Nerds Diary: Ich höre Musik (S3/F4)

Ich höre Musik

Nerds Diary: Ich höre Musik (S3/F4)
... Aus fernen Sphären dringt Hardrock in mein Ohr. Zuerst sehr leise, dann etwas lauter und immer lauter, bis es schmerzt. Ich schaue mich um, mein Radiowecker kann unmöglich diese Lautstärke entfalten. Nichts zu sehen, die Musik scheint aus dem Wohnzimmer zu kommen. Beim Heben des Kopfes kommt mir wieder die Erinnerung an gestern, ein bisschen Kater, ein steifer Nacken, Kratzen im Hals, schlechtes Gewissen. Ich schiebe die Decke zur Seite und sehe das verschmutzte T-Shirt. Stimmt, da war was.

Die Musik ist aus, vielleicht habe ich das nur geträumt, stehe jetzt aber auf und setze mich tapfer in Richtung Badezimmer in Bewegung. Als ich am Arbeitszimmer vorbeikomme sehe ich sie dort sitzen. Sie hat mein Handy in der Hand, starrt gespannt auf den Bildschirm. "Was machst du da?" - "Guten Morgen. Hast du gut geschlafen?" - "Kann ich nicht sagen." - "Also nein? Soll ich dir einen Kaffee machen? Um die Uhrzeit bist du doch sonst schon lange auf."

Oh Gott, ja, ich habe total verschlafen. Wen ich mich jetzt noch im Büro anmelde muss ich die quälenden Fragen der Kollegen über mich ergehen lassen. Erst mal ins Badezimmer, kalt duschen macht den Kopf frei. Noch nicht ganz wach höre ich wieder die Musik, irgendwas zwischen ACDC und Nickelback.

Schnell das Wasser aus, notdürftig mit dem Handtuch abgetrocknet und im Bademantel rüber ins Wohnzimmer. Die Lautsprecher vibrieren unter dem Sound. Sie ist nicht zu sehen, ich drehe mich um, stehe im Flur, dessen Beleuchtung im Takt der Musik an- und ausgeht.

Aus der Küche dringt Kaffeegeruch, aber auch hier ist sie nicht. Badezimmer: Fehlanzeige. Endlich entdecke ich sie in meinem Büro. „Smart Home ist ja viel leichter zu bedienen als ich dachte.“ – „Was soll das?“ – „Du kannst die einzelnen Programme sogar miteinander kombinieren.“ – „Mach mal die Musik aus.“ – „Und diese Option zur Synchronisation mit KI ist ja irre.“

Diskussion über die Notwendigkeit, alle Funktionen meiner Smart Home App durchzuprobieren. Es klopft von unten, mein Nachbar verlangt nach Ruhe. „Dieser Langweiler soll sich auch mal vernünftige Mucke kaufen. Vielleicht braucht er mal einen Spotify-Account.“ Und lauter: „Wünsch dir was, dann kriegste das.“

Das Klopfen hört auf. „Na also. Man muss nur richtig mit den Leuten umgehen.“ Es klopft wieder, diesmal aber an der Haustür. Jetzt merke ich, dass ich noch im Bademantel bin, will nicht an die Tür und überhaupt keine Diskussion führen. „Komm, mach jetzt leise“ bettle ich. – „Wo geht das, ‚leise‘?“ – „Mach einfach ganz aus.“ Aber das geht nicht so einfach, die gesamte Programmierung ist durcheinander, Heizung, Jalousien, Musik, Beleuchtung, alles.

„Der Sicherungskasten.“ – „Was hast du vor?“ – „Sicherung raus, Ruhe.“ Jetzt klingelt auch noch das Telefon. Sicher will der Nachbar auch auf diesem Weg noch mal seinem Ärger Luft machen. Aber laut Display ist es meine Mutter. Die kann ich jetzt gar nicht gebrauchen. Kurz bevor ich panisch den Hauptschalter herunterdrücke finde ich doch noch den Alles-aus-Knopf in der App.

Die Musik verstummt, die Beleuchtung geht aus, die Jalousien bleiben stehen. Die Ruhe nach dem Sturm. Sie schaut mich etwas enttäuscht an. „Der Kaffee ist bestimmt durchgelaufen. Du brauchst jetzt Koffein. Und ruf mal im Büro an.“

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04 Juli 2025

Nerds Diary: Das Deployment ist durch (S3/F3)

 Das Deployment ist durch

Das Deployment ist durch (S3/F3)
... ich schaue in den Kühlschrank, Gott sei Dank hat sie mir beim letzten Einkauf auch Bananen mitgebracht. Das kühle Obst tut gut an der Stirn, ich mache die Schale ab und beiße hinein. Das Telefon klingelt, ein Kollege will noch mal über den heutigen Nachmittag sprechen und ein Lessons-learned organisieren. Das will ich auch, aber anders als er meint. "Können wir das morgen machen, ich fühle mich nicht ganz wohl."

Das Telefon klingelt wieder "Du warst heute so abwesend, ist alles ok?" - "Ja, alles ok, alles cool. Ein bisschen Kopfschmerzen gerade." Schon nett. Wieder das Telefon, ja bin ich eine Telefonzentrale? "Ich bins" - "Ja?" - "Wie geht es dir, du warst so plötzlich weg." - "Ja." - "Haben dir die Brownies nicht geschmeckt?" - "Doch." - "Was dann?" - "Ich musste noch arbeiten." - "Ich komme gleich vorbei." - "Ich bin müde, komm doch bitte morgen."

Es klingelt an der Haustür. "Zeit für Yoga!" Sie strahlt mich an. "Kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen, ich bin müde, fühle mich nicht wohl. Und lieber ins Bett als Sport machen." Es folgen die bekannten Haltungen, Cobra, Vorbeuge, Herabschauender Hund, Berg. Ich werde tatsächlich langsam wieder munter. "Jetzt noch ein bisschen frische Luft." Ich reiße die Fenster auf, stelle mich in den entstehenden Durchzug. Hinter mir höre ich Bewegung, Geklapper aus der Küche.

"Grünes Abendessen. Wir machen mal FDDH." - "Was soll das sein?" - "Friss du die Hälfte. Ich beiße in ein Salatblatt, du übernimmst den Rest. Und umgekehrt. Das spart Besteck und ist total lustig." Der Küchentisch ist etwas zu breit für das Spiel, aber wenn wir beide halbwegs stehen und uns über den Tisch beugen, kommen wir an die Sachen heran, die der andere schon halb im Mund hat. Das Ganze auch noch mit Getränken zu probieren artet in eine ziemliche Sauerei aus.

Mit vollgekleckerten T-Shirts lassen wir uns unter den beschlabberten Tisch fallen. "Findest du das nicht ziemlich kindisch?" - "Aber gar nicht. Das ist archaisch, in der Steinzeit musste man sich seine Mahlzeit auch mit den anderen aus der Höhle teilen. Und konnte noch froh sein, wenn man was abbekommen hat." Es folgt eine Diskussion über die Entwicklung der Menschheit, Kultur im Allgemeinen und Esskultur im Besonderen.

"Die Asiaten essen mit Stäbchen. Hast du mal gesehen, wie die über ihren Schüsseln hängen?" - "Oder die Afrikaner mit ihrem Porenbrot, mit dem sie irgendeine Paste aufnehmen und in den Mund stecken." - "Oder die Franzosen, die morgens ihre trockenen Baguettestücke vom Vortag so lange in den Milchkaffee tunken, bis sie essbar werden." - "Oder die Tartaren, die so lange auf dem Fleisch herumreiten, bis es weich ist."

Wir sind auf allen Vieren im Wohnzimmer angekommen, zurück auf die Yoga-Matte. Ich rolle mich auf den Rücken für die Große Entspannung. Die Übungen hatte ich ja vorhin schon. Die Augen fallen mir zu, neben mir höre ich einschläfernde Worte, eine Wanderung durch meinen Körper vom Kopf über das Herz, meinen Magen und mein Becken bis in die Füße.

Mitten in der Nacht wache ich auf, der Rücken tut mir weh vom Liegen auf der harten Matte und der Hals kratzt etwas, weil ich mich wohl verkühlt habe. Sie ist nicht da, ich schleppe mich angezogen zum Bett und schlafe weiter.

[Das gibt es seit 14.02.25 als kleine Serie jede Woche]

27 Juni 2025

Nerds Diary: Früher Nachmittag (S3/F2)

 Früher Nachmittag

Nerds Diary Früher Nachmittag
... ich sitze am Schreibtisch und kämpfe mit den Tücken der Technik. Heute läuft es gar nicht rund, ein Jenkins-Job bockt und die Kollegen können den Fehler nicht finden. Irgendwer muss an der Konfiguration herumgefummelt haben und jetzt werden die Artefakte nicht vollständig eingesammelt. Eine Telefonkonferenz jagt die nächste, aber das Deployment will einfach nicht in Gang kommen.

Jetzt wieder ein Anruf, diesmal aber nicht aus dem Büro. "Kommst du rüber?" - "Ich kann gerade nicht, der Jenkins spinnt herum." - "Lass ihn spinnen, ich habe frisch gebacken." - "Nein, geht wirklich nicht, hier funktioniert was nicht." - "Aber hier! Das wird dir gute Laune machen." - "Nein, erst die Arbeit, die hat jetzt Prio." - "Wie du meinst."

Etwa eine Viertelstunde später sitze ich bei ihr am Couchtisch. Vor mir steht ein großes Backblech mit Brownies, noch fluffig warm und verführerisch duftend. Sie pendelt zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her, bringt Kaffee und Cola. Wir stoßen mit der Cola an, ich stürze mich auf die Brownies. "Und?" - "Lecker." - "Sag ich doch." - "Was machst du eigentlich gerade, ich meine im Büro?" - "Was reparieren." Wir kauen weiter, Kaffee und Kuchen scheinen mich tatsächlich zu entspannen. Im Grunde ist diese kleine Panne beim Computer gar nicht der Rede wert.

Die Laune verbessert sich zusehends, wir holen Würfel und spielen um das nächste Kuchenstück. Mittlerweile sitzen wir nicht mehr auf der Couch, sondern liegen auf dem Boden. Da lässt es sich viel besser würfeln und die paar Krümel, die daneben gehen, können wir nachher noch wegsaugen. Jetzt rollt der Würfelbecher unter die Couch, wir müssen uns immer aufsetzen, die Würfel in die Hand nehmen und sie auf den Boden rollen. Oder sollten wir sie nicht einfach hochwerfen? Einer der Würfel landet in der Cola, es spritzt, wir lachen uns tot.

"Sag mal, ist irgendwas in der Cola oder in den Brownies?" - "Wie kommst du denn darauf?" - "Ich hab so ein Gefühl." - "Du bist ein Nerd, der hat kein Gefühl bei Brownies." - "Doch, irgendwie schmecken sie heute anders." - "Vielleicht." Nachdem sie mir gestanden hat, dass sie die Zutaten ein wenig ergänzt hat, wird mir klar, warum wir so high sind. "So kann ich unmöglich noch arbeiten." - "Warum, dann geht es alles viel leichter. Ich sag doch immer 'Entspann dich'."

Die Uhr hängt ein bisschen schief, dabei bewegt sie sich auch ein klein wenig, jedenfalls gelingt es mir nicht, sie abzulesen. Sie wälzt mich wieder auf den Bauch, setzt sich auf meinen Rücken und knetet an meinen Schultern herum. "Stehst du eigentlich auf Frauen?" - "Wie kommst du jetzt darauf?" - "Weil du im Büro etwas mit Jenkins machst, das ist doch ein Mann." - "Jenkins ist ein Computerprogramm." - "Oh." Pause. "Aber sag mal." - "Was jetzt?" - "Ob du auf Frauen stehst." - "Ja, schon." - "Aber nicht auf mich?" - "Doch. Ja, nein, weiß nicht." Pause. "Ich ziehe dir jetzt dein T-Shirt aus." - "Ich muss noch mal ins Büro, bis nachher."

Ich winde mich unter ihr frei, komme auf die Füße und stolpere in Richtung Wohnungstür. "Ach, da ist ja wieder der Neue." Der Nachbar hantiert gerade an den Briefkästen. "Ist der Herr in Eile?" Ich murmele irgendwas Unverständliches, meine Zunge ist von den gepimpten Brownies mächtig schwer. Jetzt nur nach Hause, ein paar Minuten auf der Couch werden mich wieder in Schwung bringen. Und natürlich viel trinken.

Die Decke bewegt sich ganz leicht, meine Gedanken bewegen sich mit, was war das gerade? Jedenfalls muss ich gleich noch mal an den Computer, nachfragen, was das Deployment macht. Oder auch nicht, wie meine schweren Augenlider mich wissen lassen.

[Das gibt es seit 14.02.25 als kleine Serie jede Woche]

20 Juni 2025

Nerds Diary: Ein wenig gelangweilt (S3/F1)

Ein wenig gelangweilt

Nerds Diary: Ein wenig gelangweilt (S3/F1)
... trotte ich durch die Gegend. Seit unserem gemeinsamen Bad habe ich sie nicht mehr gesehen. Seit Wochen nicht. Die Arbeit hält mich am Laufen, aber manchmal denke ich an die verrückten Ideen, die sie immer hatte. Am Anfang habe ich täglich die Wohnung geputzt, aber das hat aufgehört, jetzt versacke ich eher bei Minecraft oder Fortnite

An der Haustür bleibe ich kurz stehen. Auf dem Rücken habe ich meinen Rucksack mit den Einkäufen, jetzt muss ich noch den Schlüssel aus der Tasche kramen. Da sehe sie lässig an der Hauswand lehnen. "Hast du mir aufgelauert?" - "Nein. Was hast du eingekauft?" - "Warum fragst du?" - "Lass mal sehen." Ich öffne den Rucksack: Pizza, Cola, Spaghetti, Kekse. "Das ist aber eine ungesunde Mischung." - "Wo warst du eigentlich in den letzten Wochen?" - "Kein Obst?!"

Das könnte jetzt so weitergehen, aber ich lasse es mal auf sich beruhen und schließe die Haustür auf. In der Wohnung angekommen "Deine Mutter hat sich angekündigt." - "Woher weißt du das?" - "Hat sie dir geschrieben." - "Wieso weißt du, was sie geschrieben hat?" - "Stand im Brief drin." - "Welcher Brief?" - "Na, aus dem Briefkasten, ein Brief halt." - "Und den hast du gelesen?"

"Wir müssen das vorbereiten. Wann hast du das letzte Mal saubergemacht? Und hast du Getränke da? Tee? Essen?" Einige Zeit später bin ich mit einem langen Einkaufszettel wieder auf dem Weg zum Supermarkt. Der Liste war eine ausführliche Diskussion über notwendige Artikel, gesunde Produkte und die Auswahl einer selbst zuzubereitenden Mahlzeit vorausgegangen. "Was soll ich denn kochen?" - "Schau mal bei Chefkoch.de. Oder bei Youtube." - "Ich habe noch nie für meine Mutter gekocht. Muss das sein?" - "Sie wird begeistert von dir sein. Du schaffst das schon."

Bereits kurz vor der Haustür höre ich bei der Rückkehr die bekannte Musik mit einem Stil zwischen ACDC und Nickelback. Die Tür geht auf, noch bevor ich den Schlüssel hineingesteckt habe, sie kommt mir entgegen und rennt mich fast um, weil sie einen hohen Stapel Pizzakartons vor sich her trägt. "Oder wollen wir daraus einen Jenga-Turm bauen?" - "Lieber nicht. Der Bücherturm hat mir gereicht." - "Na gut, dann laufe mal runter zum Altpapier. Ich räum in der Zeit im Kühlschrank auf, da ist noch uralter Käse drin." - "Wo ist eigentlich der Brief meiner Mutter?" - "Ach so, ja, also, den Brief gibt es eigentlich gar nicht." - "Verstehe ich nicht. Woher weißt du dann, dass sie kommt?"

"Sie kommt nicht." Diskussion, warum sie das zu mir gesagt hat. Entwarnung, Muttern ist nicht im Anflug, aber meine Wohnung ist aufgeräumt, gesunde Lebensmittel im Kühlschrank und ich habe mir ein Rezept herausgesucht, was ich jetzt kochen werde. Etwas überrumpelt, aber motiviert mache ich mich am Herd zu schaffen. "Ich kümmere mich um den Nachtisch." Während die Nudeln kochen und das Hackfleisch anbrät, laufe ich kurz rüber in das Arbeitszimmer. Anmeldung am Computer, die Jungs in der Firma haben das Backup erfolgreich eingespielt.

Rückkehr in die Küche, auf dem Herd die Nudeln und das Hackfleisch, aber auf der Arbeitsplatte ein großer Beutel Mais. "Was hast du vor?" - "Popcorn" - "Ist das der Nachtisch?"

Wir sitzen am Küchentisch, der Hackfleischauflauf ist weitgehend im Magen, jetzt beratschlagen wir die Zubereitung von Popcorn. "Einfach in die Mikrowelle." - "Muss man da nicht irgendeine Folie drummachen?" - "Ach was, wir machen das so, dann können die Körner richtig aufspringen." Und das tun sie. Ziemlich schnell füllt sich der Garraum der Mikrowelle, aber es poppt immer weiter. Mit lautem Radau springt die Tür auf und eine große Ladung aufgepoppter Mais ergießt sich auf den Küchenboden.

"Nicht schlimm, du hast doch vorhin den Boden gewischt." Wir kriechen über den Boden, sammeln die Körner so gut es geht wieder ein, auch unter den Möbeln und in den Ritzen der Küchenzeile haben sich einige kleinere Maiskörner versteckt. Ich werde in den nächsten Tagen bestimmt noch weitere Reste finden.

"Probier mal, die schmecken echt lecker." Inzwischen sitzen wir vor dem Fernseher und starren auf den dunklen Bildschirm. "Es gibt bestimmt keine spannende Sendung, lass uns einfach was spielen." - "Ich würde lieber Nuhr im Ersten sehen." - "Wie altmodisch. Hast du kein Netflix?" - "Nein, brauch ich nicht, kostet nur."

Das Thema Bewegung ist in den letzten Tagen zu kurz gekommen. "Wir machen Twister." - "Kenn ich nicht." - "Da muss man auf einer Matte mit bunten Punkten mit irgendeinem Körperteil einen ausgewürfelten Farbpunkt berühren." - "Ich habe keine Matte mit bunten Punkten."

Der Läufer aus dem Flur bekommt die notwendigen Kleckse verpasst, nachdem sie in meinem Schreibtisch noch einen Wassermalkasten aus der Schulzeit entdeckt hat. Farbenfroh liegt er jetzt im Wohnzimmer, die Farbe ist weitgehend getrocknet und ein Würfel präpariert. Abwechselnd wird gewürfelt, wir verhaken uns in immer wilderen Verrenkungen. Längst sind die Hände und Füße bunt von der nur halb getrockneten Farbe, sehen auch T-Shirt und Hose aus, als ob wir gerade von einer Anstreich-Aktion zurückkämen.

"Macht nichts, das macht dein Leben viel fröhlicher." - "Finde ich nicht. Es macht meine Kleidung nur viel dreckiger." - "Das ist Farbe, kein Dreck." - "Aber ich muss sie waschen." - "Ja, und?" Nur noch in Unterhose rolle ich den Teppich zusammen, schleife ihn ins Badezimmer, wo er erst mal gründlich durchtrocknen kann.

[Das gibt es seit 14.02.25 als kleine Serie jede Woche]

13 Juni 2025

Fernsehauftritt

Gerade kommt die Visagistin noch mal bei mir vorbei, pudert ein bisschen in meinem Gesicht nach. Vorhin hat sie sich um meinen Bart gekümmert, diverse Schichten Primer, Makeup, Concealer, Shadow und Glow aufgetragen. Beim Blick in den Spiegel sehe ich mein Gesicht, ich sehe aus wie immer, dabei schöner und jünger. Die erneute Puderschicht soll mattieren wegen der Scheinwerfer, wie die junge Dame mir erklärt.

Fernsehauftritt

Nun ist sie wieder weg, stattdessen taucht ein Assistent auf, der mir nochmal den organisatorischen Rahmen erläutert. Wann ich auf welches Licht achten muss, welche Kamera gerade aktiv ist, welche Signalwörter im Interview üblich sind. Und natürlich das Publikum. Das wird gerade warmgeklatscht, ist freudig-neugierig auf den Abend und wird brav an den verabredeten Stellen Beifall spenden.

Alles ist geplant, nichts so, wie es die Fernsehzuschauer nachher präsentiert bekommen. Der Assistent zieht wieder ab, eine Durchsage aus dem Off kündigt noch zehn Minuten an. Vor lauter Aufregung schwirrt mir der Kopf. Was mache ich eigentlich hier? Ich bin in diese Fernsehshow eingeladen, um meine neue Veröffentlichung vorzustellen. Fleißige Leser haben mich in der Zugriffsstatistik so weit nach oben geklickt, dass ich aus der Unsichtbarkeit des Publikationsstroms über die Sichtbarkeitsschwelle geraten bin.

Wir haben vorhin schon mal als Probe am blumengeschmückten Couchtisch gesessen, ein bekannter Moderator hat mit seinen Moderationskarten gespielt, routiniert ein paar unverfängliche Fragen gestellt. Stellprobe, Mikrofonprobe, Beleuchtung nachjustiert. Die Kameras müssen noch ein wenig verschoben, die Zoomeinstellungen korrigiert werden. Kontakt mit dem Regieboard hergestellt, der Produzent schaut noch mal vorbei.

Noch zwei Minuten, wie die unsichtbare Sprecherin ankündigt. Gleich nicht zu hektisch laufen, sitzt die Hose, was wollte ich als Eingangsstatement von mir geben? Langsam steigt so etwas wie Panik in mir auf, zwar ist die Hektik um mich einer geradezu beängstigenden Ruhe gewichen, aber gerade das lässt die ganze Szene unheimlich wirken. Die Regielampe ist auf gelb, Vorstufe zum Beginn der Sendung, letzte Phase vor meinem Auftritt.

Der Kloß in meinem Hals macht sich langsam dicker. Bekomme ich überhaupt noch einen Ton heraus oder noch schlimmer, selbst das Luftholen fällt mir schwerer. Jetzt kommt doch noch mal die Visagistin, sie hat wohl beobachtet, dass ich immer blasser werde, unter dem Vorwand, mir mit ihrem Rougepinsel ein wenig Farbe zu verpassen legt sie mir ihre warme Hand auf die Schulter. Wie gut das tut.

Die Lampe am Ausgang geht auf grün, der Assistent stürzt sich auf mich, zerrt an meinem Arm. Meine Beine sind unendlich schwer, ich komme nicht aus dem Stuhl heraus, die Lampen um den Spiegel scheinen sich zu bewegen, mein Spiegelbild wirkt verzerrt. Ein klarer Gedanke ist so natürlich nicht zu erwarten, ich sterbe vor Aufregung. Was hat mich nur geritten, mich auf dieses Abenteuer einzulassen, mich in aller Öffentlichkeit lächerlich zu machen, bei meinen Freunden heimliches Fremdschämen zu sorgen.

Ganz kurz schließe ich noch mal die Augen, sammle meine Gedanken, atme tief durch, versuche die Attacke zu beenden. Dann öffne ich die Augen wieder. Schweißgebadet schaue ich mich um. Ich bin zu Hause, am Schreibtisch, meine Frau steht neben mir und ruckelt an meinem Arm. Jetzt wieder ihre Hand auf meiner Schulter, es war gar nicht die Visagistin, aber jedenfalls tut es gut.

Natürlich bin ich nicht im Fernsehen, weder gehen meine Veröffentlichungen viral, noch habe ich eine umfassende Anhängerschaft oder vertrete gar so polarisierende Statements, dass ich öffentliche Aufmerksamkeit errege. Kein Grund zur Panik also, mein Leben wird nicht in das Scheinwerferlicht politischer oder literarischer Kritiker gezerrt, ich kann entspannt weiter das schreiben, was mir durch den Kopf geht und für andere interessant erscheint.

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