04 September 2026

Das Kinderdepot

Bei Hofe war es üblich, dass die Adeligen ihre Kinder natürlich nicht selbst erzogen, nein, dafür hatten sie Betreuerinnen und Zofen, Kindermädchen und sonstige hilfreiche Geister, die dafür sorgten, dass der Nachwuchs fernab des offiziellen Lebens groß wurde. Lästige Arbeiten oblagen diesem Fußvolk, aber auch die Verantwortung für die Beherrschung höfischen Verhaltens lag in deren Händen. Von der Last der Beschäftigung mit zeitfressenden Sprösslingen ganz zu schweigen.

Das war damals durchaus die Ausnahme, in normalen Familien gab es Konstruktionen, in denen sich die Kinder im Wesentlichen miteinander beschäftigten, die Älteren die Jüngeren beaufsichtigten, anlernten und im Laufe des Älterwerdens in die Allgemeinarbeiten einbanden. Die Eltern spielten überwiegend die Rolle von Aufsicht, Organisation und Schlichtung.

Das Kinderdepot
In der darauffolgenden Entwicklungsstufe nahm die durchschnittliche Anzahl der Kinder in den Familien ab, es kam zu so einer Art internem Fachkräftemangel für Erziehung und Betreuung. Viel stärker als in vorhergehenden Generationen sprangen die Eltern in die Rolle der Erzieher, Unterhalter, Motivatoren, Mitspieler und sozusagen älterer Geschwister. Und da dieses Modell nur bedingt funktionieren konnte, wurden die Kinder gesammelt und jahrgangsweise betreut. Kindergarten nannte man das.

Irgendwo verortet zwischen mittelalterlichem Kindermädchen und Geschwistern oder Nachbarn wurde eine Struktur geschaffen, in die man seine Kinder abgeben und irgendwann wohlerzogen und grundschulreif abholen konnte.

Und jetzt das: Ein Kinderdepot. Angelehnt an Wertpapierdepots gibt man hier sein Kind in eine Verwahrstelle und schaut von außen, wie sich der Kurs, pardon: das Kind entwickelt. Und am Ende der Laufzeit dann mit hoffentlich guter Entwicklung abholen und in die nächste Anlageform (Grundschule) weitergeben. Kaufen - Verkaufen halt. Ziel der Transaktionen: "Damit dein Kind später mal sagt: 'Mama, ich zahle das'.

Eine gute Investition, auf Wunsch vermutlich auch als Premiumprodukt erhältlich. Dann kann das Kind nicht nur die Mama, sondern auch den Papa einladen. Oder die ganze Familie. Oder den ganzen Golfclub, der ist möglicherweise das Erwachsenendepot und zum Schluss schmeißt das Kind dann eine Lokalrunde im Altersheim, oder heißt das jetzt Seniorendepot?

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