02 Oktober 2026

Gruppenausflug

Planmäßig hat sich die Gruppe getroffen, um gemeinsam zum Aussichtsturm zu gehen. Wir sind weitgehend vollständig, nur Thomas ist noch mal los, weil er sich einen Kaffee holen möchte. Das dauert überraschend lange, aber wir gehen mit ein paar Scherzen darüber hinweg. Allerdings muss jetzt Nadine mal auf Toilette, sie fragt herum, aber keiner weiß, wo sie hier in der Gegend ein WC findet.

Kaum hat sie sich auf den Weg gemacht, taucht Thomas wieder auf. Gutgelaunt schwenkt er den Pappbecher mit seinem Kaffee, erläutert uns ausführlich die Preisgestaltung des Anbieters und warum er sich wofür entschieden hat. Grundsätzlich eine kurzweilige Geschichte, wenn auch für Teetrinker wie mich nicht eben relevant. Mangels anderer Themen hören die anderen zu, lächeln freundlich und warten kollektiv auf Nadine, die jetzt wieder am Ende der Straße auftaucht. Sie ist schlecht gelaunt, hat keine Toilette gefunden, wollte uns aber auch nicht länger warten lassen.

Gruppenausflug
Wir brechen auf, wie sich nach ein paar Schritten herausstellt, hat Dirk Knieprobleme, seit gestern schmerzt es auf der rechten Seite, vielleicht waren die Laufschuhe noch nicht richtig eingelaufen. Jedenfalls humpelt er mächtig und hat Schwierigkeiten, mit der ohnehin eher moderaten Geschwindigkeit der Gruppe mitzuhalten. Natürlich nehmen wir Rücksicht, Claudia fragt, ob sie ihm irgendwie helfen kann, soll sie vielleicht ein Uber organisieren?

Thomas hat sich mit seinem Kaffee an die Spitze der Gruppe manövriert, wie selbstverständlich laufen alle hinter ihm her. Gerade erzählt er eine Anekdote aus dem letzten Urlaub, eine unfassbar lange Treppe zu einem Tempel und eine Frau, die versuchte, diese Treppe mit einem Kinderwagen zu bewältigen. Abwechselnd hätten die Männer immer ein paar Dutzend Stufen den Kinderwagen getragen, am Ende waren dann alle oben angekommen um festzustellen, dass man von der Rückseite eine Art Lift hätte nehmen können.

Wir sind so vertieft in die Geschichte, dass keiner auf die Idee kommt, Thomas danach zu fragen, ob er den Weg kennt. Erst als der Fußgängerweg unvermittelt endet und die Fahrbahn in eine Bundesstraße übergeht, kommen mir Zweifel. Nein, bekennt Thomas, den Weg kenne er nicht, hätte er ja auch gar nicht behauptet. Hektisch ziehen alle ihre Handys aus der Tasche, jetzt ist der Rat von Google Maps gefragt. Während Tina sicher ist, dass wir uns rechts halten müssen, erklärt der jetzt auch eintreffende Dirk, dass er mit seinem lädierten Knie nicht durchs Feld laufen und deshalb links abbiegen würde.

Die Gruppe ist hin- und hergerissen. Wir können Dirk jetzt nicht hängenlassen. Aber der Weg links ist zwar asphaltiert, aber ein merklicher Umweg, nachdem wir bis hierher ohnehin schon in eine deutlich ungünstige Richtung gestartet sind. Aufteilen kommt aber auch nicht in Frage, also biegen wir entgegen der Google-Empfehlung nach links ab.

Nadine nutzt die allgemeine Diskussion, um mal schnell hinter einem Baum zu verschwinden, kommt mit einem erleichterten Gesichtsausdruck wieder hervor und hat nach wenigen Schritten die Gruppe wieder eingeholt, die sich auf Dirks Tempo eingestellt hat.

Jetzt läuft der kleine Zug in eine planmäßige Richtung. Wir können zuschauen, wie sich die Restzeit verringert, wenn auch langsamer als berechnet. Thomas ist wieder vorne, zwar ohne Handy, aber dafür mit einem neuen Schwank aus seinem Leben. Ohne die Andeutung eines schlechten Gewissens plappert er diesmal von seiner letzten Arbeitsstelle, erzählt von einem Ölfass, das gerade in dem Moment geplatzt war, als die Inspektion daran vorbeikam und was das für eine Welle ausgelöst hatte. Wochenlange Nachuntersuchungen wie es zum Platzen kommen konnte, wer oder was dafür verantwortlich gewesen sein könnte und wie man das in Zukunft zu verhindern gedachte.

Unser Fußgängerweg seitlich der Fahrbahn führt jetzt mit einer kleinen Brücke über einen Wasserlauf, Dirk wackelt besorgniserregend, so dass Claudia ihn beherzt am Arm fasst und über die Holzbohlen führt. Kurz entsteht eine Diskussion, ob das übergriffig war und ob sie Dirk nicht vorher hätte fragen müssen, aber die Gruppe ist sich einig, dass Dirk sich nicht anstellen soll und jetzt mal gefälligst auch helfen lassen soll.

Das lässt Claudia nicht zweimal sagen, schon hat sie Dirk untergehakt und auf einmal geht es alles viel besser, wirkt sich sein Knieproblem nicht mehr ganz so hinderlich auf die Gruppengeschwindigkeit aus. Wie einen Talisman hat Nadine ihr Handy umklammert, schaut gebannt auf das Display, redet ganz leise auf das Smartphone ein. Zuerst denke ich, dass sie die Spracheingabe nutzt, aber sie spricht nur ganz allgemein mit dem Gerät. Wenn man genauer hinhört geht es um den Akku, der offensichtlich langsam zur Neige geht und den sie anbettelt, jetzt nicht den Geist aufzugeben.

Die Stimme von Thomas habe ich inzwischen ausgeblendet, er läuft vorne, der Mund ist nach wie vor in Bewegung. Doch, jetzt höre ich wieder Fetzen seiner aktuellen Geschichte, autonomes Fahren und KI stehen im Mittelpunkt und warum er ein Auto ohne diesen modernen Schnickschnack sucht. Er hat schon mit einem Freund gesprochen, ein Jaguar E-Type wäre total cool, stilvoll und fernab dieser technischen Dinge, die schon seit Jahrzehnten unausrottbar immer mehr Einzug halten.

Dort hinten, da ist sich Nadine sicher, da liegt unser Ziel, der Aussichtsturm, von dem aus man einen phantastischen Blick über die Gegend haben soll. Unten ein kleines Bistro, da wollen wir nach der Turmbesteigung ein paar Schoppen zu uns nehmen. Die Gruppe hat nun das Ziel vor Augen, es geht noch mal ein Stück schneller. Nadine hat recht, auch wenn inzwischen der Akku alle ist und sie nur noch auf Sicht navigieren kann. Es ist der angepeilte Turm.

Allerdings ist das Bistro dunkel. Aufstieg auf die Aussichtsplattform nicht möglich, denn der Eingang für die Treppe ist nur durch das Bistro zugänglich. Wir schauen uns etwas irritiert an. Hatte nicht irgendwer im Vorfeld geschaut, ob wir den Turm besteigen können? Die Augen richten sich auf mich. Du hattest doch die Idee mit dem Turm, hast du denn nicht nachgefragt?

Ehrlicherweise: Nein. Ich hatte mich nicht in der Rolle des Organisators gesehen oder von wem auch immer die Frage oder gar den Auftrag gestellt bekommen. Und wie sich bei genauerem Hinschauen auf die Eingangstür herausstellt, sind wir auch einfach nur zu spät dran. Ohne die Verzögerungen und Umwege könnten wir jetzt nach einem schönen Ausblick bei einem Ebbelwoi sitzen.

Und als ob ich für diese unerwartete Wendung verantwortlich wäre, richtet sich die schlechte Stimmung gegen mich. Und stellt den Vorschlag der Wanderung – erst recht zum Aussichtsturm - jetzt grundsätzlich in Frage. Strahlender Gewinner wieder Thomas, nichts kann ihn erschüttern, die Reisegeschichte zu einer wegen Renovierung geschlossenen Höhle in Spanien kommt wie aus der Pistole geschossen. Und jetzt suchen wir uns mal eine gemütliche Kneipe und holen das Trinkgelage nach, verkündet er, Scheiß auf den Ausblick, ist ja eh schon zu dunkel.

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25 September 2026

Eckhard ruft an: Gartenmarkt Voss

Eckhard ruft an: Gartenmarkt Voss
In der Serie "Eckhard ruft an" nehme ich meine verschiedenen Gesprächspartner auf den Arm. Meist haben sie Humor, aber manchmal auch gar kein Verständnis für meine guten Ideen und ungewöhnlichen Fragen.

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Es dauert eine ganze Weile, bis ich am anderen Ende der Leitung endlich eine menschliche Stimme höre. Zuerst ein Freizeichen, dann eine Weiterleitung auf ein Handy, dann wieder ein Freizeichen und jetzt endlich ein Mann „Guten Tag, Gartenmarkt Voss“.

Im Hintergrund höre ich emsiges Treiben, Geräusche, vermutlich zahlreiche Kunden und andere Angestellte. „Oh“, sage ich, „bin ich bei ‚Voss und Söhne‘?“ – „Voss ja, Söhne nein. Was kann ich für Sie tun?“ Ich ignoriere die Frage und hake nach: „Haben Sie keine Kinder? Kinder sind was Wunderbares, gerade für einen Familienbetrieb wichtig und man kann nicht früh genug damit anfangen, sie mit einzubinden.“

„Ja, ja. Weswegen rufen Sie denn nun an?“ - „Ich möchte gerne einen Bonsai kaufen. Haben sie einen da?“ – „Also, wir sind nicht spezialisiert auf Bonsai, da wäre es besser, wenn sie einfach vorbeikommen und sich anschauen, was wir Ihnen anbieten können. Ein paar Pflanzen sind bestimmt vorrätig. Haben Sie an etwas Spezielles gedacht?“

„Nein“, sage ich, „ich habe noch gar keine Vorstellung. Wissen Sie, Garten ist die Hoheit meiner Frau, die weiß immer ganz genau, was sie haben will. Ich bin nur der Einkäufer. Was sind denn das für Pflanzen, die sie dahaben, sind die auch groß und kräftig?“ Eine Weile höre ich nur das Hintergrundgeräusch, das Handy scheint sich zu bewegen „Ich gebe Ihnen mal meine Tochter. Ich habe gerade Kunden.“

Weg ist er, kruschpeln im Hörer, dann eine junge Frau: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ – „Sind Sie Frau Voss junior?“ – „Ähm ja, ich bin die Tochter, mein Vater hat mir das Handy weitergereicht. Haben Sie eine Frage zu unseren Pflanzen?“ – „Ich möchte einen Bonsai kaufen. Wissen Sie, so einen anständigen Kameraden, der sich gut in unserem Garten macht. Normalerweise fährt meine Frau immer herum und schaut sich die Sachen an oder bestellt im Internet. Heute wollte ich mal selber fragen.“

„Also, auf Bonsai sind wir nicht spezialisiert“, sagt die Frau, „aber wir haben einige Pflanzen da, die Sie sich gerne mal anschauen können. Am Besten gleich zusammen mit Ihrer Frau, dann können wir gemeinsam die Gartengestaltung besprechen.“

„Also mit meiner Frau, das ist so eine Sache, die würde ich erst mal nicht mitbringen wollen. Wenn die dabei ist, gibt es meist Streit.“ – „Das wollen wir natürlich nicht. Dann kommen Sie alleine, aber ein Foto von Ihrem Garten könnten Sie gerne mitbringen.“

„Wissen Sie“, sage ich, „das ist wie gesagt gar nicht so einfach. Meine Frau wählt irgendwas aus, dann pflanze ich die Gehölze ein und alles scheint gut zu sein. Aber dann krepeln die Pflanzen und meine Frau schneidet dann die ganzen abgestorbenen Äste ab. Das ist schon frustrierend, sie sagt dann immer ‚dann können wir ja gleich einen Bonsai kaufen‘. Und das möchte ich jetzt machen.“

„Ach so“, sagt die junge Frau, „jetzt verstehe ich. Bonsai sind aber gar keine speziellen Züchtungen oder besondere Pflanzen, die kommen aus dem asiatischen Raum und werden nur anders kultiviert. Da spielen die Begrenzung des Wurzelraums und regelmäßige Schnitte eine wesentliche Rolle. Es ist also dasselbe wie eine normale Pflanze, die man nur ganz anders behandelt.“

„Ach“, sage ich, „ach was? Dann brauche ich gar keinen Bonsai?“ – „Nein, das erkläre ich Ihnen gerne ausführlich. Kommen Sie doch bitte mal vormittags vorbei und bringen Sie Fotos mit. Dann habe ich Zeit für Sie und kann Ihnen zeigen, was ich meine. Jetzt steht der Laden voll mit Kunden.“

„Oh, ganz lieben Dank für das Angebot, ich freue mich darauf, Sie kennenzulernen. Und noch was: Benennen Sie doch den Betrieb um in ‚Voss & Tochter‘, das passt zum Zeitgeist, dass man auch bei Gartenmärkten nicht nur an Männer denkt. Und ein Familienbetrieb ist eine tolle Sache.“

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18 September 2026

Eckhard ruft an: Studienreise

Eckhard ruft an: Studienreise
In der Serie "Eckhard ruft an" nehme ich meine verschiedenen Gesprächspartner auf den Arm. Meist haben sie Humor, aber manchmal auch gar kein Verständnis für meine guten Ideen und ungewöhnlichen Fragen.

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Wie schön, wenn man mit jemand telefonieren kann, der etwas zu verkaufen hat. Dann ist das Gespräch meist viel netter, als wenn man als Bittsteller daherkommt. Heute habe ich das Telefon in der Hand, um mit einem Reisebüro zu sprechen, und schon ist jemand am Apparat: „Guten Tag, das Reisebüro Ihrer Wahl mit dem Anspruch höchster Zufriedenheit. Sie sprechen mit Frau Görklein.“

„Guten Tag Frau Görklein“, sage ich in den Hörer, „ich möchte gerne eine Reise buchen.“ – „Selbstverständlich, da sind Sie bei mir genau richtig. An was haben Sie denn gedacht?“ – „An eine Studienreise. Ich möchte gerne eine Studienreise machen.“

„Großartige Idee, Studienreisen erweitern den Horizont und man kann mit hochwertigen Führungen und Freizeitangeboten daraus ein ganz besonderes Erlebnis machen. Darf ich fragen, ob Sie noch berufstätig sind oder bereits in Rente?“

„Die einen sagen so, die anderen sagen so. Wenn Sie meinen Chef fragen, dann bin ich schon in Rente, aber das stimmt natürlich nicht.“ – „Also sind sie Arbeitnehmer?“ – „Sagen wir mal so: Ich nehme mir keine Arbeit, die bekomme ich zugewiesen, also Arbeit-Nehmer passt nicht. Aber ich muss für die Studienreise Urlaub nehmen, wenn Sie das meinen.“

„Gut, gut. Dann schauen wir mal weiter. Haben Sie schon ein Reiseziel, eine Zeit, besondere Wünsche? Oder vielleicht erst mal: Haben Sie schon mal eine Studienreise gemacht?“ – „Nein, also eine richtige Studienreise habe ich noch nicht gemacht. Und ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob sie mir gefallen könnte. Meist bin ich ja mit meiner Frau unterwegs, aber für diese Reise würden wir uns aufteilen. Nachher können Sie bitte schauen, wo ich meine Frau parken – pardon, zu einer Auszeit einbuchen kann.“

Ein Glucksen am anderen Ende der Leitung bestätigt mir, dass die Beraterin sich über gleich zwei neue Kunden freut. Vor ihrem inneren Auge entsteht sicherlich gerade ein Paket aus Wellness, einer Kulturreise, zahlreiche Extras und damit viel Marge.

„Was Ihre Frau angeht: Da finden wir mit Sicherheit auch eine wundervolle Option. Aber zurück zu Ihnen: Soll es eher eine Fernreise werden, exotische Kulturen vielleicht, oder lieber im nahen Ausland, mit wundervollen Sehenswürdigkeiten und reichlich Hintergrundinformationen einschließlich geschichtlichem Background?“

„Tatsächlich, Sie sagen es: nahes Ausland. Ich möchte gerne nach Pisa, dieser italienischen Stadt mit dem schiefen Turm. Geht das?“ – „Aber sicher, tatsächlich ist Pisa eine phantastische Wahl, um Studienreisen zu entdecken. Denken Sie nur an den weltweit ältesten Botanischen Garten, an die Museen und dabei insbesondere an Tuttomundo von Keith Haring. Und dann die lauschigen Plätze, diese leckeren lokalen Spezialitäten namens Cecina und – nicht zu vergessen - der hervorragende Chianti-Wein.“

„Phantastisch, Sie sagen es. Und vielleicht gibt es ja auch nette Mitreisende und Urlaubsbekanntschaften, Sie verstehen?“ – „Da bin ich sicher, unsere Reisen sind exklusiv wie unsere Gäste. Haben Sie bestimmte Vorstellungen, was Sie jedenfalls erleben möchten? Vielleicht Ausflüge in die Umgebung, Florenz sollten Sie sich nicht entgehen lassen!“

„Ja, absolut. Aber wenn Sie mich so fragen, handelt es sich ja um eine Studienreise. Also, da kann man doch Studien kennenlernen und erklärt bekommen.“ – „Ich verstehe nicht recht, welche Studien meinen Sie konkret?“

„Ja, lesen Sie denn keine Zeitung? Ich spreche von der Pisa-Studie, dieser Erhebung von Lernerfolgen der Kinder. Das ist doch eine Studie, und die würde mich mir gerne vor Ort genauer ansehen, erläutert bekommen mit allen möglichen Informationen von Insidern. Das ist der Sinn der Sache.“

Räuspern, kurzes Luftholen. „Ich möchte es Ihnen mal so beschreiben. Eine Reise nach Pisa ist ein besonderes Erlebnis, das wir daneben auch mit diversen Zusatzangeboten weiter ausbauen können. Aber die Pisa-Studie werden Sie dort nicht finden.“

„Warum nicht, die ist doch veröffentlicht oder gibt es da irgendwelche Geheimnisse? Verschwörungen vielleicht oder Klüngel wie beim Eurovision Song Contest?“

„Aber nein“, sie hat sich wieder gefangen, aber sie ist jetzt vorsichtig, ob und was sie mir verkaufen kann, „es ist nur so, dass sie nichts mit der Stadt Pisa zu tun hat. Die Abkürzung steht für irgendwas mit Internationaler Schülerbewertung. Warten Sie, ich schaue mal nach, ob ich Informationen finde…“ Einen Moment später: „Hatte ich doch richtig in Erinnerung, die Studie kommt von der OECD und die hat Ihren Sitz in Paris. Wie wäre es mit Paris? Savoir vivre, lebendig, der Nabel der Kultur Frankreichs. Wie hört sich das an?“

"Ein wenig enttäuscht bin ich schon, ich hatte mich auf Italien eingestellt, da spreche ich auch ein wenig die Sprache und war auch schon mal dort, damals als Student in Mailand. Ja, also Paris hört sich auch ganz gut an, aber das muss ich mir noch mal überlegen. Sind Sie ganz sicher, dass die Studie nicht doch aus Pisa kommt?“

„Ja, leider. Aber glauben Sie mir, gegen Paris ist Pisa nur ein laues Lüftchen, die Anfahrt nach Paris wäre viel kürzer und auf dem Weg könnte ich Ihnen eine grandiose Wellness-Oase für Ihre Frau in der Nähe von Saarbrücken empfehlen.“

„Hm“, mache ich, wenig überzeugt, „ich will es mir mal durch den Kopf gehen lassen. Pisa wäre ein Traum gewesen, mit dem Gedanken an Paris muss ich mich erst mal anfreunden. Aber vielen Dank für das freundliche Gespräch, vielleicht melde ich mich in den nächsten Tagen noch einmal.“

Ihre Enttäuschung kann die Frau nicht ganz verbergen, wünscht mir aber noch einen schönen Tag und würde sich freuen, wenn ich mich wieder melde. Und das mit Paris – ganz ehrlich – das sollte ich mir noch mal durch den Kopf gehen lassen. 

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11 September 2026

Eckhard ruft an: Bahngleis-Nummerierung

Eckhard ruft an: Bahngleis-Nummerierung
In der Serie "Eckhard ruft an" nehme ich meine verschiedenen Gesprächspartner auf den Arm. Meist haben sie Humor, aber manchmal auch gar kein Verständnis für meine guten Ideen und ungewöhnlichen Fragen.
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"Hallo", sage ich in den Telefonhörer, "hallo, bin ich beim Kundenservice der Deutschen Bahn gelandet?" Eine ziemlich mürrische Stimme lässt mich sicher sein, dass mein männlicher Gesprächspartner, etwa dreißig, Mitteleuropäer aber geboren mit einem Migrationshintergrund, tatsächlich für die DB arbeitet. Vermutlich als Teil eines Callcenters, aber aktuell aus dem Homeoffice arbeitet.

"Ich habe eine Änderung vorzuschlagen, sind Sie dafür zuständig?" Kurze Stille am anderen Ende. Mein Gegenüber muss erst mal darüber nachdenken, welche Rubrik im CRM-Tool er anklicken soll. Vermutlich gibt es da so was wie Anfragen, Beratung, technische Probleme oder Beschwerden. Aber keine Rubrik für Änderungen oder Verbesserungen.

Richtig geraten, er antwortet ein wenig hilflos: "Möchten Sie eine Beschwerde aufgeben oder eine allgemeine Frage beantwortet bekommen?" - "Nein", sage ich fröhlich, "ganz im Gegenteil, ich habe einen konstruktiven Vorschlag, wie die Deutsche Bahn mit Gleisänderungen umgehen kann. Dabei Zeit spart und die Aufwände reduziert."

"Gleisänderungen?" echot mein Gegenüber, "Haben Sie ein Problem mit Gleisänderungen?" - Ich bin entsetzt, wie kann man nur immer nur in Beschwerden, Schwierigkeiten und Problemen denken. Naja, vielleicht wird man so, wenn man eine Weile im Callcenter der Deutschen Bahn gearbeitet hat. Freundlich erkläre ich ihm: "Aber nein, kein Problem. Nur schauen Sie, es ist doch umständlich, wenn im DB Navigator bei Änderungen eine andere Gleisnummer angegeben wird, statt einfach nur dem Gleis eine andere, also die neue Nummer zu geben."

Jetzt habe ich ihn abgehängt. Sei es, dass er immer noch keine Rubrik für diese Kunden-Interaktion in seinem CRM-Tool gefunden hat, sei es, dass er meinem Gedanken nicht folgen kann oder dass er ihn nicht weitergeben möchte. Also lege ich noch mal vorsichtig nach: "Mein Ansatz ist vielleicht ein wenig schwierig zu verstehen, ich kann ihn gerne an Hand eines Beispiels erläutern, wenn Sie möchten. Können Sie mir doch bitte vorab schon mal die Ticketnummer nennen, unter der Sie meinen Vorschlag erfassen."

Schnaufen. Dann nennt er mir einen zehnstelligen Code, der mit 'Comp' beginnt und sich für mich wie die Aufnahme einer Beschwerde anhört, ich denke an den englischen Begriff Complaint für Beschwerde. Na, egal, ich führe ihm das Beispiel aus und bitte ihn, das entsprechend in meinem Ticket aufzunehmen.

"Oft erlebt man, dass ein Zug auf einem anderen Gleis ankommt als im Fahrplan vorgesehen. Nehmen wir an, er sollte auf Gleis 10 ankommen, aber es wird Gleis 8 daraus. Dann wird Stand heute im DB Navigator angezeigt 'Zug fährt heute abweichend von Gleis 8'. Als Fahrgast laufe ich dann im Bahnhof von Gleis 10 zu Gleis 8, dort kommt ja mein Zug an und fährt von dort auch wieder ab. In Zeiten der elektronischen Informationstafeln ist das aber viel einfacher. Ich behalte die Gleisnummer bei, keine Information im DB Navigator, die verkehrt sein könnte oder möglicherweise noch mal nachgebessert werden muss. Vielmehr wird die derzeit noch feste Beschriftung des Gleises mit der Nummer 8 zu einer Wechselanzeige umgebaut, auf der jetzt die Nummer 10 erscheint. Nicht der Zug wechselt den Bahnsteig, sondern dieser seine Nummer, verstehen Sie?"

Ich bin unsicher, ob er die Brillanz meiner Idee voll erfasst hat, diese Leichtigkeit, die sich im Bahnhof breit macht, weil nicht mehr die Reisenden sich bewegen müssen, sondern die Gleise ihre Nummerierung anpassen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich fröhliche Fahrgäste, begeisterte Mütter mit Kinderwagen und strahlende Menschen, die trotz Gehbehinderung die nun notwendige Suche und Kommunikation zu schätzen wissen.

„Und in einer späteren Ausbaustufe“, verrate ich meinem geduldigen Zuhörer, „können Sie dann auch die Uhren individualisieren. Verstehen Sie, dann sind nicht die Züge verspätet, sondern jeder Zug hat seine eigene Uhr und die wird so eingestellt, dass der Zug genau zur Fahrplan-Uhrzeit ein- oder ausfährt. Man spart sich Angaben im DB Navigator, keine Anfragen an überforderte Servicekräfte mehr, keine Korrekturen zu Kursbüchern oder Fahrplänen… ganz simpel, nicht wahr?“

Das Rascheln am anderen Ende der Leitung verheißt nichts Gutes. Hat er aufgegeben, bin ich ihm mit meinen innovativen Ansätzen zu weit voraus oder sollte ich mich doch lieber zum Vorstand durchstellen lassen? Ein ganz leises Klicken bestätigt meine Vermutung, es wird noch stiller als vorher, aber ich habe ja die Ticket-Nummer.

Gerne werde ich in den nächsten Tagen mal nach dem weiteren Verlauf fragen.

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04 September 2026

Das Kinderdepot

Bei Hofe war es üblich, dass die Adeligen ihre Kinder natürlich nicht selbst erzogen, nein, dafür hatten sie Betreuerinnen und Zofen, Kindermädchen und sonstige hilfreiche Geister, die dafür sorgten, dass der Nachwuchs fernab des offiziellen Lebens groß wurde. Lästige Arbeiten oblagen diesem Fußvolk, aber auch die Verantwortung für die Beherrschung höfischen Verhaltens lag in deren Händen. Von der Last der Beschäftigung mit zeitfressenden Sprösslingen ganz zu schweigen.

Das war damals durchaus die Ausnahme, in normalen Familien gab es Konstruktionen, in denen sich die Kinder im Wesentlichen miteinander beschäftigten, die Älteren die Jüngeren beaufsichtigten, anlernten und im Laufe des Älterwerdens in die Allgemeinarbeiten einbanden. Die Eltern spielten überwiegend die Rolle von Aufsicht, Organisation und Schlichtung.

Das Kinderdepot
In der darauffolgenden Entwicklungsstufe nahm die durchschnittliche Anzahl der Kinder in den Familien ab, es kam zu so einer Art internem Fachkräftemangel für Erziehung und Betreuung. Viel stärker als in vorhergehenden Generationen sprangen die Eltern in die Rolle der Erzieher, Unterhalter, Motivatoren, Mitspieler und sozusagen älterer Geschwister. Und da dieses Modell nur bedingt funktionieren konnte, wurden die Kinder gesammelt und jahrgangsweise betreut. Kindergarten nannte man das.

Irgendwo verortet zwischen mittelalterlichem Kindermädchen und Geschwistern oder Nachbarn wurde eine Struktur geschaffen, in die man seine Kinder abgeben und irgendwann wohlerzogen und grundschulreif abholen konnte.

Und jetzt das: Ein Kinderdepot. Angelehnt an Wertpapierdepots gibt man hier sein Kind in eine Verwahrstelle und schaut von außen, wie sich der Kurs, pardon: das Kind entwickelt. Und am Ende der Laufzeit dann mit hoffentlich guter Entwicklung abholen und in die nächste Anlageform (Grundschule) weitergeben. Kaufen - Verkaufen halt. Ziel der Transaktionen: "Damit dein Kind später mal sagt: 'Mama, ich zahle das'.

Eine gute Investition, auf Wunsch vermutlich auch als Premiumprodukt erhältlich. Dann kann das Kind nicht nur die Mama, sondern auch den Papa einladen. Oder die ganze Familie. Oder den ganzen Golfclub, der ist möglicherweise das Erwachsenendepot und zum Schluss schmeißt das Kind dann eine Lokalrunde im Altersheim, oder heißt das jetzt Seniorendepot?

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28 August 2026

Kunst, ganz allgemein

Kunst ganz allgemein
Ist schwierig
Versteht man nicht
Muss wehtun

Ist ein Markt
Braucht man nicht
Bringt nichts
Ist was für Reiche
Kann jeder
Kommt von können

Muss man studiert haben
Oder wenigstens so tun

Ist Ansichtssache
Hat eine Botschaft
Muss eine Botschaft haben
Darf keine haben

Ist subjektiv
Ist objektiv
Ist provokant
Sonst ist es keine Kunst

Ist zeitgenössisch
Was immer das heißt

Muss groß sein
Oder wenigstens wichtig aussehen
Hängt an der Wand
Steht im Weg
Passt ins Wohnzimmer
Oder garantiert nicht

Ist Geschmacksache
Deshalb gibt es Kunstkritiker
Ist unbezahlbar
Oder nichts wert
Kommt auf den Namen an
Und auf das Etikett

Muss man erklären
Am besten vorher
Danach ist es sowieso zu spät

Kann jeder
Aber nicht jeder darf das sagen

Ist frei
Hat aber Regeln

Macht Spaß
Das ist verdächtig
Und wenn es gefällt,
ist es vielleicht gar keine Kunst.

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21 August 2026

Mein Mähroboter (ist auch nur ein Mensch)

"Guten Tag, herzlich willkommen!" erklärt mir eine blecherne Stimme. Vermutlich hat ein chinesischer Softwareentwickler eine Stimme ausgewählt, die in seinen Ohren freundlich klingt, für europäische Verhältnisse aber eher wie die Ansage einer Fitnesstrainerin daherkommt. Einen Moment herrscht Ruhe, bis die Morgenversammlung der Bits und Bytes beendet ist und sie sich vor Beginn ihrer Tagesarbeit vor dem Kunden verbeugen. Der Kunde bin ich, denn: "Vielen Dank, dass Sie sich für ein Produkt von MOVA entschieden haben."

Ganz früher, da hat man den Rasenmäher aus der Garage geholt und ihn mit der eigenen Muskelkraft über die hervorstehenden Halme geschoben. Dann kamen motorgetriebene, aber von Menschenhand gesteuerte Mäher, mal mit Benzinmotor, mal mit Elektromotor, wahlweise kabelgebunden oder mit Akku. Und jetzt das. Ein plapperndes Gerät, das sich wie ein unterwürfiger Diener aufführt. "Der Roboter muss sich initialisieren, bitte warten Sie einen Moment."

Offensichtlich war die Morgenversammlung doch noch nicht abgeschlossen. Meine Gedanken schweifen zum Krankenhaus. Wenn das Pflegepersonal weit vor der Frühstückszeit zusammensitzt, abwechselnd rauchend und schwatzend, dann darf man sie auch nicht stören, muss auch einen Moment warten. Meine Gedanken kommen zurück zum Roboter, "Die Initialisierung ist abgeschlossen", jetzt kann es losgehen. Doch nichts passiert. Keine Anzeichen, dass mein Roboter sich in Bewegung setzt. Längst hätte ich mit einem Handmäher die ersten Halme gekappt, schon mal die Rasenkante bearbeitet.

Mein Mähroboter ist auch nur ein Mensch

Laut Anleitung soll das Gerät ja auch Sprachbefehle verstehen. Vielleicht ist das ein bisschen wie bei einem Hund, den man mit "Sitz", "Platz", "Fuß" instruieren und steuern kann. Ich versuche es mit "Start!", aber entweder ist das nicht das richtige Wort, vielleicht ist er auch abgelenkt oder will gar nicht auf mich hören. Ein Blick in die Bedienungsanleitung hilft weiter, ich muss erst eine Karte anlegen, sonst geht gar nichts.

Ach so, ja. Eine Karte anlegen natürlich. Darauf hätte ich ja kommen können. Ich schaue den Roboter an, ein wenig habe ich den Eindruck, dass er erwartungsvoll zurückschaut. Vielleicht sogar ein wenig neugierig. Keine Ahnung.

Wieder muss ich an Hundebesitzer denken. Bei manchen hat man ja den Eindruck, dass der Hund mit Herrchen oder Frauchen Gassi geht, nicht umgekehrt. Und so ist es hier auch. Wie von einer höheren Macht instruiert laufe ich mit meinem iPhone in der Hand hinter dem kleinen Burschen her, sorge dafür, dass er auf dem rechten Pfad bleibt und nicht etwa an den Blümchen im Beet schnuppert oder sich mit den Büschen am Wegesrand anlegt. Wie ein Zicklein weicht er aus, lässt sich nicht immer für das Rasenmähen gewinnen und interessiert sich in wilden Sprüngen auch mal für die Mulchabdeckung neben dem Gras.

"Kartierung abgeschlossen", meldet sich nun der Roboter, "Akku schwach. Ladestation wird angefahren." Und wenig später, nachdem er sich in sein Häuschen verzogen hat: "Ladevorgang gestartet." Ich bin ein wenig hin- und hergerissen, einerseits freue ich mich, wie redselig er mich über seinen Zustand informiert. Wie es ihm geht, was er vorhat, was gerade mit ihm passiert. Andererseits ist es schon erstaunlich, dass er erst mal ein Ladepäuschen machen muss, bevor er seine Arbeit beginnt. Aber was soll's, Zeit spielt keine Rolle, irgendwann wird er anfangen und noch irgendwanner wird er dann fertig sein.

Eine halbe Stunde später gehe ich mal nach ihm schauen. "Vielen Dank, dass Sie sich für ein Produkt von MOVA entschieden haben", begrüßt er mich freundlich und tatsächlich scheint diese Freundlichkeit von innen zu kommen, denn schon nach wenigen Anläufen verbindet er sich per Funk mit der App. Dort strahlt mich ein Smiley an, in tadellosem Deutsch bekomme ich mitgeteilt, dass ich den Mähvorgang nun starten, die Optionen einstellen oder einen Zeitplan erstellen kann. Ich bin neugierig und entscheide mich für das Starten des Mähvorgangs.

Nach einer kurzen Orientierung ("Die Initialisierung ist abgeschlossen. Der Mähauftrag wird ausgeführt") setzt er sich in Bewegung, zunächst eher zaghaft, dann immer schneller, um an einem offensichtlich von höherer Intelligenz festgelegten Punkt abrupt anzuhalten, "Der Mähvorgang wird gestartet" und nach einem leisen Piepser mit raschelndem Geräusch sein Messerwerk in Betrieb zu nehmen und eine akkurate gerade Bahn bis zum Ende der Rasenfläche zu kürzen.

Ich schaue ihm zu, wie man einem jungen Tier beim Spielen zuschaut. Ein Sausen über die Fläche, Abbremsen vor Hindernissen, Wenden am Rand und im Schweinsgalopp zurück parallel zur bereits gemähten Bahn. Eine göttliche Instanz betätigt fortwährend Brems- und Gaspedal, scheint am Lenkrad zu drehen und bahngerecht zu mähen, was zu mähen ist. Goethe kommt mir in den Sinn, der Zauberlehrling bin ich, der Besen, der Wasser holt und immer emsiger mit seinen Eimern beginnt, mein Grundstück zu fluten. Erst durch Rückkehr des Meisters kommt die ausufernde Aktion des Werkzeugs zu einem kontrollierten Ende. Ob der Besen seinerzeit auch einen Akku hatte?

Es würde mich nicht wundern, wenn er gleich noch ein lustiges Liedchen anstimmte, was den Chinesen an Erfahrung mit Maschinenbau abgeht, das gleichen sie mit Einfallsreichtum bei der Software aus. Und anders als Amerikaner wissen sie vielleicht, dass unser Bundeskanzler nicht Adolf Hitler heißt und nicht alle Deutschen 'Hoch auf dem gelben Wagen' singen.

Doch nichts dergleichen. Er hoppelt hin und her, meldet brav seinen Fortschritt an meine App und macht weder Mittags- noch Sonnenpäuschen. Lediglich der Akku... aber das hatten wir ja schon. Ich ziehe mich ins Haus zurück, er soll sich unbeobachtet fühlen. Heimlich schaue ich doch auf das Display meines iPhones, sehe ihn dort seine Bahnen ziehen und verfolge im Protokoll, wie er gut vorankommt. Doch was ist das? "Roboter festgefahren."

Im Eilschritt laufe ich hinaus, ja, tatsächlich, er hängt mit zwei Rädchen im Beet, hat offensichtlich mit allerlei Manövern versucht, wieder freizukommen, doch jetzt geht gar nichts mehr. Ich nehme ihn bei seinem Bügel, was er sogleich mit "Der Roboter wurde angehoben. Bitte prüfen." quittiert. Gleich nochmal: "Der Roboter wurde angehoben. Bitte prüfen." Ja, ja, ich weiß, aber wie soll es denn sonst gehen? Raus aus dem Beet, wieder auf seinem Rasen. Er dreht sich eine Weile um seine Achse, orientiert sich mit den Worten "Die Initialisierung ist abgeschlossen. Der Mähvorgang wird fortgesetzt." und fährt mit Anlauf wieder ins Beet.

"Mein Gott", sage ich, "kannst du dir nicht merken, dass Rasen Rasen und Rindenmulch Rindenmulch ist?" Aber wie ein trotziges Kind wühlt er unverdrossen in den braunen Spänen, lässt sich (mit den gewohnten Kommentaren) wieder auf den Rasen heben und macht wieder seine Dreheinlage. Und diesmal scheint er es doch gelernt zu haben, erkennt die Rasenkante, mäht schön knapp an ihr entlang und würdigt das Beet keines Blickes.

Ich bleibe in der Nähe. "Befahren der Beete verboten, Eigentümer haften für ihre Roboter." Einmal wird es noch knapp, fast denke ich, ich müsste wieder einschreiten, aber nur ein Rädchen touchiert den Mulch und dann geht es auf dem Rasen weiter. Uff. Ein letzter Blick auf sein bisheriges Werk, hoffentlich bleibt er auf dem Grün der Tugend, auch wenn ich nicht in der Nähe bin.

Sorgfältig ist er, macht seine Arbeit hier und dort, manchmal kann ich die Logik nicht erkennen, aber nach rund fünf Stunden zeigt die App eine komplett gemähte Fläche an und der Roboter meldet sich mit "Mähauftrag abgeschlossen" zurück. Ich kontrolliere noch mal seine Arbeit, doch, das hat er gut gemacht, das mit dem Rand muss ich im Auge behalten, aber grundsätzlich würde ich ihn auch als Schwiegersohn aufnehmen.

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14 August 2026

Du bist so süß

Zurückgezogen in der Lounge habe ich so eine Art Beobachterposten bezogen. Ich wundere mich über den ruhigen Ablauf trotz zahlreicher Patienten, ebenso aber auch über das Telefon, das von Zeit zu Zeit läutet, ohne abgenommen zu werden. Gelegentlich schleppen sich Patienten über den Flur, in einigen Fällen in Begleitung ihres Besuches.

Du bist so süß
Gerade kommt ein Mann vorbei, im Schlepptau ein etwa sechsjähriges Mädchen, vermutlich seine Tochter. Sie hat ein silbernes Kleidchen mit einer rosa Schleife an, Locken, strahlt. Und da höre ich schon die Stimme einer Schwester „Möchtest du ein Eis?“ Der Vater wiegelt ab, aber die Schwester bleibt hartnäckig dran, ich höre schnelle Schritte hin und her, das Mädchen quietscht vergnügt und mit einem „Du bist so süß!“ wird die Kaltspeise übergeben.

Cut. Ein paar Jahre sind ins Land gegangen. Das Mädchen ist jetzt zehn Jahre alt. Es strahlt immer noch, weiß um seine einnehmende Außenwirkung, muss zwar jetzt nach Eis fragen, aber das wird ohne lange Diskussion herbeigeholt. Einfach so, auch wenn es eigentlich nicht vorgesehen ist. Frauen sind genauso fasziniert wie Männer, auch wenn noch keine Sexualität in ihrem Verhalten steckt.

Erneuter Zeitsprung. Wir sehen das Mädchen in der Pubertät wieder. Sie ist sich ihrer Strahlkraft bewusst, kokettiert und setzt ihre Reize bei jeder Gelegenheit ein, sofern es ihr hilfreich erscheint. Männer um den Finger zu wickeln, Frauen auszustechen und sich ein Ergebnis auch mal auf unlauterem Wege zu verschaffen treibt sie zur Perfektion.

Mittlerweile ist sie eine junge Frau, hat einen festen Partner, gelegentlich gibt es in beiden Richtungen Diskussionen hinsichtlich Treue und damit verbunden Eifersuchtsanfällen. Eis isst sie nicht mehr, um ihre Figur zu halten, auch eine Schwangerschaft kann sie sich unter diesem Gesichtspunkt nicht vorstellen. Gewohnt alle Wünsche erfüllt zu bekommen hat es ihr Gefährte ziemlich schwer.

Midlife-Crisis. Die vielen Enttäuschungen mit missratenen Partnerschaften haben Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Viele der jungen Dinger um sie herum werden bevorzugt, Männer kommen nur unverbindlich für ein paar Monate vorbei, suchen die Abwechslung mit ihr, finden übertriebenen Anspruch vor und sind dann wieder weg. An eine Zeit, in der sie einfach so ein Eis bekommen hat, kann sie sich kaum noch erinnern.

Was das bloß ausgelöst hat, fragt sie sich. Wer mag schuld sein, dass ihre Mitmenschen auf Abstand gehen, das Leben spürbar schwerer wird. Ja, das mag ein Teil des Alterns sein, die Haut verliert ihre jugendliche Frische und bekommt Fältchen. Doch viel schlimmer ist das Ende der Strahlkraft, der unbekümmerten Lebensfreude, der gezielte Einsatz von Reizen, die langsam verblassen.

Plopp. Ich bin zurück auf der Krankenstation, springe auf, um die Sechsjährige noch mal zu sehen. Aber sie ist schon an der Hand ihres Vaters den Flur entlang gelaufen und verschwindet gerade aus meinem Blickfeld.

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07 August 2026

Bilderreise Teil 6: Promenade (Reprise)

Bilderreise - Teil 6: Promenade (Reprise)

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Eine leere Leinwand

Sommergarten: Leere Leinwand
Wenn wir auf unsere Bilderreise zurückblicken, erkennen wir keinen geraden Weg und keine abgeschlossene Geschichte. Vielmehr begegnen wir einer Folge von Bildern, die unterschiedliche Erfahrungen sichtbar gemacht haben und dennoch auf überraschende Weise miteinander verbunden sind.

Mit den Treppenschritten begann eine Bewegung durch Zeit und Identität. Im Maskenspiel begegneten wir den Rollen, die wir übernehmen, und der Frage nach dem, was hinter ihnen verborgen bleibt. Innenwelten führte uns in die Nähe zweier Menschen und in die Verletzlichkeit jeder echten Begegnung. In der Zarten Erinnerung wurde spürbar, wie Vergangenheit in uns weiterlebt, selbst wenn ihre Konturen längst verblasst sind. Und die Blüte in Fragmenten erinnerte uns daran, dass sich das Ganze oft erst aus vielen einzelnen Teilen zusammensetzt.

Vielleicht war dies weniger eine Ausstellung von Bildern als eine Reise durch Erfahrungen, die uns alle verbinden.

Nun steht die Staffelei leer.

Dort, wo eben noch Formen, Farben und Geschichten sichtbar waren, bleibt eine offene Fläche zurück. Doch vielleicht bedeutet diese Leere nicht, dass etwas fehlt. Vielleicht ist sie vielmehr ein Raum für das, was erst jetzt entstehen kann.

Denn was wir aus Kunst mitnehmen, entsteht selten im Augenblick des Betrachtens. Oft beginnt ihre eigentliche Wirkung erst später – in einer Erinnerung, in einem Gedanken, in einem Gespräch auf dem Heimweg.

Vielleicht kann dieses Bild nicht gemalt werden.

Vielleicht entsteht es erst in der Erinnerung eines jeden Einzelnen.

In den Gedanken, die wir mitnehmen.

In den Bildern, die nachklingen.

Und in den Wegen, die wir von hier aus weitergehen.

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Mussorgsky: Promenade (Reprise)

Promenade - rekonstruiert
Als Modest Mussorgsky seine Bilder einer Ausstellung komponierte, kehrte er immer wieder zur Promenade zurück.

Sie verbindet die einzelnen Bilder zu einem Ganzen.

Doch mit jedem Bild verändert sie sich: Mal neugierig, mal eilig, mal unschlüssig, mal voll düsterer Gedanken.

Derselbe Weg wird erneut beschritten – aber der Mensch, der ihn geht, ist nicht mehr derselbe.

So schließt sich heute der Kreis unserer Bilderreise.

Die erste Promenade war ein Aufbruch.

Die letzte Promenade ist eine Rückkehr.

Nicht zurück an den Ausgangspunkt, sondern zurück zu uns selbst – bereichert um die Bilder, die wir gesehen, die Gedanken, die wir geteilt, und die Musik, die wir gehört haben.

Die Leinwand bleibt leer.

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Der Klang: Promenade (Reprise)


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31 Juli 2026

Bilderreise - Teil 5: Ballett der unausgeschlüpften Küken

Bilderreise - Teil 5: Ballett der unausgeschlüpften Küken

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Blüte in Fragmenten

Sandra Gleitsmann: Blüte in Fragmenten

Auf den ersten Blick sehen wir eine Blume.

Ein Motiv, das in der Kunst seit Jahrhunderten für Schönheit, Wachstum und Lebenskraft steht.

Doch diese Blüte entfaltet sich nicht in weichen natürlichen Formen. Sie setzt sich aus unzähligen Facetten zusammen, aus Fragmenten, die sich zu einem Ganzen fügen und zugleich ihre Eigenständigkeit bewahren.

Gerade darin liegt für mich die besondere Spannung dieses Bildes.

Die Blume erscheint lebendig und kraftvoll, und doch wirkt sie, als wäre sie in ihre Einzelteile zerlegt worden. Das Vertraute bleibt erkennbar, aber es hat seine Selbstverständlichkeit verloren.

Vielleicht erzählt das Bild damit auch etwas über unsere Zeit.

Wir erleben die Welt selten als geschlossenes Ganzes. Informationen, Bilder, Erinnerungen und Erfahrungen erreichen uns in vielen einzelnen Fragmenten. Oft versuchen wir erst im Nachhinein, daraus einen Zusammenhang zu formen.

Und doch entsteht aus diesen Bruchstücken etwas Neues.

So wie aus den vielen polygonalen Flächen eine Blüte entsteht, entsteht auch aus den einzelnen Erfahrungen unseres Lebens etwas, das wir Identität nennen.

Das Bild bewegt sich zwischen Gegensätzen: zwischen Natürlichkeit und Konstruktion, zwischen Gefühl und Analyse, zwischen organischem Wachstum und geometrischer Ordnung.

Es entscheidet sich nicht für eine Seite.

Vielleicht liegt gerade darin seine Schönheit.

Denn das Leben selbst ist selten vollkommen und selten widerspruchsfrei.

Es besteht aus Fragmenten, die sich immer wieder neu zusammensetzen.

Und manchmal erkennen wir erst mit etwas Abstand, dass gerade diese Fragmente das Ganze ausmachen.
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Mussorgsky: Ballett der unausgeschlüpften Küken

Viktor Hartmann: Ballett der unausgeschlüpften Küken
Nach den stillen Erinnerungen des alten Schlosses führt uns Mussorgsky nun in eine ganz andere Welt.

Sein „Ballett der unausgeschlüpften Küken“ entstand nach einem Bühnenentwurf für das Ballett „Trilby“ für Kinder in Kükenkostümen.

Die Musik ist leicht, verspielt und voller Bewegung.

Doch hinter ihrer Heiterkeit verbirgt sich ein Gedanke, der gut zu diesem Bild passt.

Die Küken sind noch nicht geschlüpft.

Sie befinden sich in einem Zustand des Werdens.

Ihre endgültige Gestalt ist noch nicht sichtbar.

Auch die Blüte vor uns erscheint nicht als vollkommene, abgeschlossene Form.

Sie setzt sich aus vielen einzelnen Teilen zusammen.

Und dennoch entsteht daraus etwas Lebendiges.

So erzählen Bild und Musik auf unterschiedliche Weise von Entwicklung und Entfaltung.

Von der Kraft des Lebens, die bereits spürbar ist, bevor sie ihre endgültige Form gefunden hat.

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Der Klang: Ballett der unausgeschlüpften Küken


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24 Juli 2026

Bilderreise - Teil 4: Das Alte Schloss

Bilderreise Teil 4: Das Alte Schloss

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Zarte Erinnerung

Sandra Gleitsmann: Zarte Erinnerung

Manche Bilder erzählen eine Geschichte. Andere wecken Erinnerungen, von denen wir vielleicht gar nicht wussten, dass wir sie noch in uns tragen.

„Zarte Erinnerung“ gehört für mich zu diesen Bildern.

Das Mädchen richtet seinen Blick nicht auf die Welt um sich herum. Es scheint vielmehr einem Gedanken nachzuhängen, der sich unserem Blick entzieht. Gerade dadurch entsteht eine besondere Nähe. Wir beobachten keine Handlung, kein Ereignis und keinen dramatischen Moment. Wir begegnen einer Stimmung.

Vielleicht kennen wir solche Augenblicke aus unserem eigenen Leben. Momente, in denen die Gegenwart für einen Augenblick stillzustehen scheint und etwas Vergangenes in uns auftaucht. Nicht als klare Erinnerung mit scharfen Konturen, sondern eher wie ein leiser Nachhall.

Erinnerungen verhalten sich selten wie Fotografien. Mit der Zeit verblassen Einzelheiten, während die Gefühle oft erstaunlich lebendig bleiben. Man erinnert sich nicht mehr an jedes Wort, nicht mehr an jeden Ort, aber an die Wärme eines Sommers, an einen Blick, an einen Augenblick des Glücks oder der Traurigkeit.

Vielleicht berührt uns dieses Bild gerade deshalb so unmittelbar. Es versucht nicht, etwas zu erklären. Es drängt sich nicht auf. Es lässt Raum für das, was jeder Betrachter selbst mitbringt.

Die Ruhe des Bildes erzählt von Unschuld, seine Sanftheit von Vergänglichkeit. Doch darin liegt nichts Bedrohliches. Im Gegenteil: Vielleicht werden manche Dinge gerade deshalb kostbar, weil sie nicht bleiben.

So wird „Zarte Erinnerung“ zu einem stillen Gedicht aus Licht und Schatten – und zu einer Einladung, den eigenen Erinnerungen für einen Moment zu begegnen.

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Mussorgsky: Das Alte Schloss

Viktor Hartmann: Das Alte Schloss
Auch Mussorgskys nächstes Werk führt uns in eine Welt der Erinnerung.

„Das Alte Schloss“ gehört zu den ruhigsten und poetischsten Stücken der gesamten Suite.

Die Musik entstand nach einer Zeichnung eines alten Schlosses.

Vor diesem Schloss steht ein Sänger, dessen Lied wie eine Stimme aus längst vergangener Zeit klingt.

Es geht dabei weniger um ein Gebäude als um eine Stimmung.

Um das Gefühl, dass Vergangenes plötzlich wieder gegenwärtig wird.

Darin begegnen sich Bild und Musik.

Beide laden uns ein, für einen Moment still zu werden.

Beide erzählen von der Schönheit dessen, was nicht festgehalten werden kann.

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Der Klang: DasAlte Schloss


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17 Juli 2026

Bilderreise - Teil 3: Samuel Goldenberg und Schmuÿle

Ein Sommergarten voller Kunst 2026

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht.
Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen. 

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Innenwelten (Duett)

Sandra Gleitsmann: Innenwelten (Duett)

„Innenwelten“ zeigt zwei Menschen in großer körperlicher Nähe.

Und doch erzählt das Bild nicht von Harmonie allein.

Die beiden Figuren berühren sich, aber sie verschmelzen nicht. Jede bleibt erkennbar als eigenes Wesen mit einer eigenen Geschichte, einer eigenen Verletzlichkeit und einer eigenen inneren Welt.

Gerade darin liegt die besondere Spannung des Bildes.

Oft sprechen wir von Nähe, als wäre sie das Gegenteil von Distanz. Doch jede Beziehung bewegt sich zwischen diesen beiden Polen. Wir können einem Menschen sehr nahe sein und dennoch niemals vollständig wissen, was in ihm vorgeht.

Die Künstlerin macht diesen Gedanken sichtbar.

Die Körper werden zu Leinwänden innerer Landschaften. Farben, Formen und organische Strukturen scheinen Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen anzudeuten, die sich nicht in Worte übersetzen lassen.

Gleichzeitig begegnen sich die beiden Figuren auf Augenhöhe.

Sie wirken verletzlich und stark zugleich.

Vielleicht erinnert uns das Bild daran, dass wahre Nähe nicht bedeutet, den anderen vollständig zu verstehen.

Sondern anzuerkennen, dass in jedem Menschen ein Bereich bleibt, der nur ihm selbst gehört.

So erzählt „Innenwelten“ nicht von Verschmelzung, sondern von Begegnung.

Von zwei eigenständigen Welten, die sich für einen Moment berühren.

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Mussorgsky: Samuel Goldenberg und Schmuÿle

Viktor Hartmann: Samuel Goldenberg und Schmuÿle

Auch im nächsten Werk begegnen wir zwei Stimmen.

In Mussorgskys Musik treten Samuel Goldenberg und Schmuÿle einander gegenüber.

Die beiden Figuren könnten unterschiedlicher kaum sein.

Die eine Stimme wirkt ruhig, kraftvoll und bestimmt.

Die andere erscheint lebhafter, fragender und unruhiger.

Doch die Musik lebt nicht vom Gegensatz allein.

Sie lebt vom Dialog.

Erst im Zusammenspiel entsteht das ganze Bild.

Darin liegt eine schöne Verbindung zu „Innenwelten“.

Auch hier geht es um zwei Individuen, die einander begegnen.

Um Nähe und Unterschied.

Um die Spannung zwischen Eigenständigkeit und Verbundenheit.

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Der Klang: Samuel Goldenberg und Schmuÿle


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10 Juli 2026

Bilderreise - Teil 2: Gnomus

Ein Sommergarten voller Kunst 2026

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht.
Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen. 

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Das Maskenspiel

Sandra Gleitsmann: Das Maskenspiel

„Das Maskenspiel“ handelt auf den ersten Blick von einer Maske.

Doch je länger man das Bild betrachtet, desto deutlicher wird, dass die eigentliche Frage nicht lautet, wer sich hinter der Maske verbirgt, sondern warum wir überhaupt Masken tragen.

Die Maske wirkt zugleich schützend und verstörend. Sie verdeckt das Gesicht, lenkt unseren Blick aber paradoxerweise erst recht auf das, was verborgen bleibt.

Damit berührt das Bild eine sehr menschliche Erfahrung.

Schon früh lernen wir, unterschiedliche Rollen einzunehmen. Wir verhalten uns anders als Kind, als Freund, als Partner, als Berufstätige. Manche dieser Rollen geben uns Sicherheit. Andere engen uns ein. Wieder andere übernehmen wir so selbstverständlich, dass wir sie kaum noch bemerken.

Das Bild macht diesen Widerspruch sichtbar.

Die Figur erscheint verletzlich und zugleich selbstbewusst. Die feinen Stoffe, die Federn und die beinahe theatralische Inszenierung verleihen ihr etwas Festliches. Doch die groben Nähte auf der Maske erzählen eine andere Geschichte.

Sie wirken wie Spuren von Brüchen, Erfahrungen und Verletzungen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Spannung des Werkes:

Dass Identität nicht etwas Fertiges ist, das sich einfach enthüllen lässt.

Sondern etwas, das entsteht, sich verändert und manchmal auch mühsam zusammengesetzt werden muss.

So wird die Maske nicht nur zum Symbol des Verbergens.

Sie wird zugleich zum Symbol der Suche nach dem eigenen Ich.

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Die Musik: Gnomus

Viktor Hartmann: Gnomus
Auch Mussorgskys „Gnomus“ begegnet uns nicht mit Klarheit.

Die Figur des Gnoms wirkt rätselhaft, sprunghaft und schwer zu greifen.

Mal erscheint sie verspielt.

Dann wieder unruhig oder sogar verstörend.

Ähnlich wie die Maske in diesem Bild zeigt auch die Musik nicht alles auf den ersten Blick.

Sie lässt uns bewusst im Ungewissen.

Beide Werke spielen mit dem Verborgenen.

Mit dem, was wir zu erkennen glauben, und dem, was sich unserem Blick entzieht.

Vielleicht liegt gerade darin ihre Verbindung:

Dass sie uns daran erinnern, wie vielschichtig Identität sein kann.

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Der Klang: Bilder einer Ausstellung


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03 Juli 2026

Bilderreise - Teil 1: Promenade

Ein Sommergarten voller Kunst 2026

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. 
Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen. 

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Treppenschritte

Sandra Gleitsmann: Treppenschritte
„Treppenschritte“ erzählt von einem Weg.
Bemerkenswert ist dabei, dass das Bild unsere Aufmerksamkeit nicht auf ein Ziel lenkt. Es interessiert sich nicht für den Ort, an dem die Bewegung endet, sondern für die Bewegung selbst.

Die mehrfach dargestellte Figur erinnert an die frühen Chronofotografien von Étienne-Jules Marey oder Eadweard Muybridge, bei denen einzelne Phasen einer Bewegung gleichzeitig sichtbar werden. Die Treppe ist dabei weniger das eigentliche Motiv als vielmehr das Gerüst, an dem sich diese Bewegung entfaltet.

Dadurch entsteht eine interessante Verschiebung unserer Wahrnehmung. Normalerweise erleben wir Zeit als Abfolge von Augenblicken. Hier scheinen mehrere Momente zugleich präsent zu sein. Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich.

Das Bild thematisiert damit nicht nur Bewegung, sondern auch Identität.
Wer ist die dargestellte Person?
Die Figur am Anfang der Treppe?
Die in der Mitte?
Oder die am Ende?

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Frage des Bildes: Ob wir überhaupt jemals dieselben bleiben.
Jeder Schritt verändert unsere Perspektive. Jede Erfahrung hinterlässt Spuren. Und doch erleben wir uns selbst als eine zusammenhängende Person.
Der Abstieg kann als innerer Rückzug gelesen werden. Ebenso aber als nüchterne Beobachtung von Rhythmus, Wiederholung und Veränderung.

Gerade diese Offenheit macht den Reiz des Werkes aus.
Es gibt keine eindeutige Antwort.

Stattdessen lädt uns das Bild dazu ein, über Zeit, Bewegung und Identität nachzudenken.
Wer waren wir einen Schritt zuvor?
Und wer werden wir nach dem nächsten sein?
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Die Musik: Promenade

Viktor Hartmann: Promenade
Für die Verbindung zur „Promenade“ ist das ein schöner Ausgangspunkt.

Auch Mussorgskys Musik erzählt von Bewegung.

Sie beschreibt keinen bestimmten Ort, sondern einen Menschen auf dem Weg.

Als Mussorgsky seine „Bilder einer Ausstellung“ komponierte, stellte er jedem neuen Eindruck eine Promenade voran, die beschreibt, wie er zwischen den Bildern umherwandert.

Von Bild zu Bild verändert sich der Blick des Betrachters.

Und mit jedem Schritt entsteht eine neue Perspektive.

So beginnt auch unsere Bilderreise mit einem Menschen in Bewegung.

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Der Klang: Bilder einer Ausstellung


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12 Juni 2026

Reha-Ziele

Neulich in der Reha hatte ich ein Anfangsgespräch, bei dem es um die Erfassung meiner aktuellen Verfassung und meine Rehaziele ging. Der Arzt langte mit geübtem Griff in die Schublade, holte einen Fragebogen hervor und begann bestimmte Zeilen anzukreuzen. Dabei war er nicht geizig, auch ohne meinen ausdrücklichen Wunsch wurde mir eine Schulung in der Lehrküche verschrieben, auch Techniken zur Muskelentspannung und Rückenschulungen bekamen ungefragt ein Kreuzchen.

Heraus kam ein buntes Programm, das die Organisatoren dann die Teilnahmen an verschiedenen Kursen, Vorträgen und Übungseinheiten überführten. Ohne weiteres Zutun kamen dann auch noch Basisthemen wie Hausführung und Mittagessen im Speisesaal mit dazu. Und da kristallisierte sich im Laufe der Tage ein weiteres Reha-Ziel heraus, nämlich die Fertigkeit des Vordrängelns. Wer hier nicht lernwillig war, der musste mit schlechter Sicht, abgegessenem Salatbuffet oder einem verspäteten Trainingsbeginn Vorlieb nehmen.

Reha-Ziele

Bestaunenswert insbesondere, dass die Orthopädie-Patienten mit ihren Rollatoren und Gehhilfen meist die Nase vorne hatten. Aufgeplustert und den Weg blockierend weiter vorne, Platz freihaltend für die Freundin in der Mitte und schlank vorschiebend im hinteren Teil der Warteschlange. Patienten, die aus dem Nichts auftauchend plötzlich weit vor mir im Vortragssaal saßen, die Liegen im Ruheraum belegten oder einen strategisch geschickten Essensplatz einnahmen.

Zweifellos hatte der Arzt diese Rubrik übersehen, denn neben den Profis auf diesem Gebiet konnte ich viele - meist männliche - Patienten sehen, die bei dieser Fertigkeit komplett überfordert waren. Den taktisch geschickt eingesetzten Mobilitätshilfen waren sie genauso unterlegen wie dem ungefragten Eintreten in Türen mit der Aufschrift "Sie werden aufgerufen". Lieber mal vorpreschen und dann zurückrudern als von vornherein zurückhaltend agieren.

Ich denke, man sollte auch diesen Punkt sowohl bei der Aufnahme als auch bei der Entlassung messen. Schließlich gehört zur Rehabilitation neben dem Blutdruck auch ein geübtes Verhalten in der Gesellschaft. Notfalls muss man sich dort ja auch ohne Krücken seinen Weg bahnen und den eigenen Vorteil sichern.

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05 Juni 2026

Willkommen im Fitnessstudio

Martin empfängt mich. Im Gegensatz zu Menschen in anderen Betrieben scheinen die Mitarbeiter in Fitnessstudios keinen Nachnamen zu haben. Vielleicht wurde er bei Ihrer Geburt weggelassen, die Eltern konnten sich nicht entscheiden oder es steckt schlichte Sparsamkeit dahinter.

Willkommen im Fitnessstudio
Martin also. Er strahlt mich an, quetscht mir mit seinem festen Händedruck die rechte Hand und weiß sofort, „Du kommst wegen Fitness.“ – „Mensch,“ sage ich, „Martin, da merkt man die jahrelange Erfahrung. Ja, du hast recht. Das ist genau mein Ziel. Sag mal, das ist doch ein Fitnessstudio, oder?“

Er strahlt von einer bis zur anderen Wange. „Komm mit, da drüben sind die Umkleiden, heute erst mal ein Schnuppertraining und ich kann mir ein Bild machen, wie wir deinen Trainingsplan machen.“ Das hört sich vernünftig an. In Sportkleidung und Trainingsschuhen stehe ich nach wenigen Minuten wieder an der Rezeption. Martin heißt jetzt Stefan, ist wesentlich weniger muskulös und erläutert mir im Gehen die möglichen Verträge.

„Kannst du erst mal die Hanteln wegräumen, die sind mir zu schwer“, raunt Stefan mir zu. Ich schaue auf den Boden. In einem Kinderzimmer hätte ich gesagt, dass das gesamt Spielzeug nach dem Besuch der Freunde auf dem Boden verstreut ist. – „Ja“, sage ich, „soll ich sie nur zur Seite rollen?“ – „Nein, dort drüben sind die Ständer, fängst du mit den leichten an, die schweren ganz nach rechts. Das trainiert dann auch entsprechend. Wenn du möchtest, kannst du sie danach noch mal auf den Boden legen und noch mal einräumen.“

Nachdem ich die Hantelecke unter Aufsicht fünfmal aufgeräumt habe schleust er mich weiter in den Cardio-Raum. „Hier kannst du etwas für den Kreislauf tun. Kann ich aber nicht empfehlen, das ist nur was für Mädchen.“ – „Und was kannst du empfehlen?“ – „Unsere Kurse. Besonders beliebt ist das Workout bei Constanze. Im Programm trägt er den Titel ‚No pain no gain‘“

„Ja, cool“, höre ich mich sagen, „ist das denn auch was für Anfänger wie mich?“ – „Natürlich! Constanze ist sehr feinfühlig. Sie wählt die Langhanteln immer nur Faktor zwei höher als deine Durchschnittsbelastung. Die meisten Teilnehmer lieben Sie dafür.“ – „Das hört sich aber doch etwas zu schwer an. Ich würde gerne langsam einsteigen.“

„Langsam einsteigen?! Hm. Das ist nicht unser Schwerpunkt. Wie gesagt, der Name ‚No pain no gain‘ ist Programm, man muss sich schon reinsteigern, das geht nicht nur durch Zuschauen. Apropos: Dort drüben an der Wand ist der Spiegelbereich. Da triffst du auch immer Lothar, das ist der mit dem Muscelshirt, der kann dich zu allen Fragen beraten.“

„Aber ihr habt auch Trainer, die weiterhelfen können?“ will ich wissen. „Natürlich, wir stehen dir jederzeit zur Verfügung. Aber wir sind eher für die administrativen Tätigkeiten und die emotionale Unterstützung zuständig. Vor einigen Wochen gab es in einem Kurs eine Rangelei, weil sich die Teilnehmer nicht auf ein Leistungsniveau einigen konnten. Wir haben das aber schnell in den Griff bekommen, nur ein paar blaue Augen und Rippenbrüche.“

„Das hört sich ja recht wüst an. Gibt es denn keine Angebote für Gäste wie mich?“ – „Gäste? Wir haben Kunden, die es ernst nehmen, da muss man raus aus der Komfortzone, da zählt ‚No pain…“ – „No gain. Ich weiß. Wie wäre es mit Gerätetraining? Habe ich vorhin nicht einen EGym-Zirkel gesehen?“

„Wenn Sie unbedingt wollen. Wir können es uns mal anschauen. Aber ich kenne mich da gar nicht aus. Außerdem stellen sich die Geräte selbst ein, dafür brauchen Sie ja kein Fitnessstudio. Da können Sie ja gleich im Wald herumlaufen. Und nach einer Runde ist man fertig – was macht man danach noch hier?“

Wir verlassen den Freihantelbereich, ich kann fühlen, wie sich die Blicke von Lothar in meinen Rücken bohren. Sein Urteil ist bestimmt so vernichtend wie die Botschaft seiner Tattoos. Beim Zirkel ist es recht ruhig, einige Personen meiner Statur und etwa meines Alters bewegen die Hebel und Walzen.

„Das sieht doch recht passend aus“, bemerke ich, „wer stellt die Geräte denn ein?“ – Stefan stöhnt „Sie müssen einen Account anlegen, danach werden Sie von der Maschine dort drüben vermessen und die Geräte bekommen eine Grundeinstellung, die beim ersten Training automatisch mit KI auf Ihren Level angepasst wird. Sie machen mich arbeitslos, wollen Sie das?“

Ich schrecke zurück. Natürlich will ich das nicht. Vor meinem geistigen Auge sehe ich das verwaiste Studio, nur noch die älteren Damen und Herren am automatisierten Zirkel und an der Theke ein weinender Angestellter, der zum Zeitvertreib mit 10-kg-Hanteln jongliert.

„Nein, nein!“ stammle ich. „Sie brauchen selbstverständlich Ihre Tätigkeit. Und ich wollte auch gar nicht auf Ihre Fachkundigkeit verzichten. Was kann ich machen, damit Sie Ihre Stelle behalten?“ – „Wir könnten so tun, als wäre ich Ihr persönlicher Trainer. Ich sitze dann hier und nicke gelegentlich.“

Langsam wird ein guter Plan daraus. Ich schaue Stefan an, stelle mir vor, dass ich mit einer Kombination aus Entspannungs-Yoga und gemütlichem Fahren auf einem Ergometer beginne. „Eine sehr gute Idee“, findet mein neuer Personal-Trainer, „Das bekommst du schon hin. Mich würde es jedenfalls wesentlich entlasten und ich kann mich auf meine Aufgaben konzentrieren.“

Bevor er mir einen langlaufenden Vertrag zuschiebt erläutert er mir noch die schon erwähnte Grundhaltung No-pain-no-gain, versichert mir, dass er sehr geübt darin ist, vor Überanstrengung zu schützen und spezialisiert darauf ist, Probleme zu erkennen und mir den Raum zu lassen, sie zu lösen. 

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