21 August 2026

Mein Mähroboter (ist auch nur ein Mensch)

"Guten Tag, herzlich willkommen!" erklärt mir eine blecherne Stimme. Vermutlich hat ein chinesischer Softwareentwickler eine Stimme ausgewählt, die in seinen Ohren freundlich klingt, für europäische Verhältnisse aber eher wie die Ansage einer Fitnesstrainerin daherkommt. Einen Moment herrscht Ruhe, bis die Morgenversammlung der Bits und Bytes beendet ist und sie sich vor Beginn ihrer Tagesarbeit vor dem Kunden verbeugen. Der Kunde bin ich, denn: "Vielen Dank, dass Sie sich für ein Produkt von MOVA entschieden haben."

Ganz früher, da hat man den Rasenmäher aus der Garage geholt und ihn mit der eigenen Muskelkraft über die hervorstehenden Halme geschoben. Dann kamen motorgetriebene, aber von Menschenhand gesteuerte Mäher, mal mit Benzinmotor, mal mit Elektromotor, wahlweise kabelgebunden oder mit Akku. Und jetzt das. Ein plapperndes Gerät, das sich wie ein unterwürfiger Diener aufführt. "Der Roboter muss sich initialisieren, bitte warten Sie einen Moment."

Offensichtlich war die Morgenversammlung doch noch nicht abgeschlossen. Meine Gedanken schweifen zum Krankenhaus. Wenn das Pflegepersonal weit vor der Frühstückszeit zusammensitzt, abwechselnd rauchend und schwatzend, dann darf man sie auch nicht stören, muss auch einen Moment warten. Meine Gedanken kommen zurück zum Roboter, "Die Initialisierung ist abgeschlossen", jetzt kann es losgehen. Doch nichts passiert. Keine Anzeichen, dass mein Roboter sich in Bewegung setzt. Längst hätte ich mit einem Handmäher die ersten Halme gekappt, schon mal die Rasenkante bearbeitet.

Mein Mähroboter ist auch nur ein Mensch

Laut Anleitung soll das Gerät ja auch Sprachbefehle verstehen. Vielleicht ist das ein bisschen wie bei einem Hund, den man mit "Sitz", "Platz", "Fuß" instruieren und steuern kann. Ich versuche es mit "Start!", aber entweder ist das nicht das richtige Wort, vielleicht ist er auch abgelenkt oder will gar nicht auf mich hören. Ein Blick in die Bedienungsanleitung hilft weiter, ich muss erst eine Karte anlegen, sonst geht gar nichts.

Ach so, ja. Eine Karte anlegen natürlich. Darauf hätte ich ja kommen können. Ich schaue den Roboter an, ein wenig habe ich den Eindruck, dass er erwartungsvoll zurückschaut. Vielleicht sogar ein wenig neugierig. Keine Ahnung.

Wieder muss ich an Hundebesitzer denken. Bei manchen hat man ja den Eindruck, dass der Hund mit Herrchen oder Frauchen Gassi geht, nicht umgekehrt. Und so ist es hier auch. Wie von einer höheren Macht instruiert laufe ich mit meinem iPhone in der Hand hinter dem kleinen Burschen her, sorge dafür, dass er auf dem rechten Pfad bleibt und nicht etwa an den Blümchen im Beet schnuppert oder sich mit den Büschen am Wegesrand anlegt. Wie ein Zicklein weicht er aus, lässt sich nicht immer für das Rasenmähen gewinnen und interessiert sich in wilden Sprüngen auch mal für die Mulchabdeckung neben dem Gras.

"Kartierung abgeschlossen", meldet sich nun der Roboter, "Akku schwach. Ladestation wird angefahren." Und wenig später, nachdem er sich in sein Häuschen verzogen hat: "Ladevorgang gestartet." Ich bin ein wenig hin- und hergerissen, einerseits freue ich mich, wie redselig er mich über seinen Zustand informiert. Wie es ihm geht, was er vorhat, was gerade mit ihm passiert. Andererseits ist es schon erstaunlich, dass er erst mal ein Ladepäuschen machen muss, bevor er seine Arbeit beginnt. Aber was soll's, Zeit spielt keine Rolle, irgendwann wird er anfangen und noch irgendwanner wird er dann fertig sein.

Eine halbe Stunde später gehe ich mal nach ihm schauen. "Vielen Dank, dass Sie sich für ein Produkt von MOVA entschieden haben", begrüßt er mich freundlich und tatsächlich scheint diese Freundlichkeit von innen zu kommen, denn schon nach wenigen Anläufen verbindet er sich per Funk mit der App. Dort strahlt mich ein Smiley an, in tadellosem Deutsch bekomme ich mitgeteilt, dass ich den Mähvorgang nun starten, die Optionen einstellen oder einen Zeitplan erstellen kann. Ich bin neugierig und entscheide mich für das Starten des Mähvorgangs.

Nach einer kurzen Orientierung ("Die Initialisierung ist abgeschlossen. Der Mähauftrag wird ausgeführt") setzt er sich in Bewegung, zunächst eher zaghaft, dann immer schneller, um an einem offensichtlich von höherer Intelligenz festgelegten Punkt abrupt anzuhalten, "Der Mähvorgang wird gestartet" und nach einem leisen Piepser mit raschelndem Geräusch sein Messerwerk in Betrieb zu nehmen und eine akkurate gerade Bahn bis zum Ende der Rasenfläche zu kürzen.

Ich schaue ihm zu, wie man einem jungen Tier beim Spielen zuschaut. Ein Sausen über die Fläche, Abbremsen vor Hindernissen, Wenden am Rand und im Schweinsgalopp zurück parallel zur bereits gemähten Bahn. Eine göttliche Instanz betätigt fortwährend Brems- und Gaspedal, scheint am Lenkrad zu drehen und bahngerecht zu mähen, was zu mähen ist. Goethe kommt mir in den Sinn, der Zauberlehrling bin ich, der Besen, der Wasser holt und immer emsiger mit seinen Eimern beginnt, mein Grundstück zu fluten. Erst durch Rückkehr des Meisters kommt die ausufernde Aktion des Werkzeugs zu einem kontrollierten Ende. Ob der Besen seinerzeit auch einen Akku hatte?

Es würde mich nicht wundern, wenn er gleich noch ein lustiges Liedchen anstimmte, was den Chinesen an Erfahrung mit Maschinenbau abgeht, das gleichen sie mit Einfallsreichtum bei der Software aus. Und anders als Amerikaner wissen sie vielleicht, dass unser Bundeskanzler nicht Adolf Hitler heißt und nicht alle Deutschen 'Hoch auf dem gelben Wagen' singen.

Doch nichts dergleichen. Er hoppelt hin und her, meldet brav seinen Fortschritt an meine App und macht weder Mittags- noch Sonnenpäuschen. Lediglich der Akku... aber das hatten wir ja schon. Ich ziehe mich ins Haus zurück, er soll sich unbeobachtet fühlen. Heimlich schaue ich doch auf das Display meines iPhones, sehe ihn dort seine Bahnen ziehen und verfolge im Protokoll, wie er gut vorankommt. Doch was ist das? "Roboter festgefahren."

Im Eilschritt laufe ich hinaus, ja, tatsächlich, er hängt mit zwei Rädchen im Beet, hat offensichtlich mit allerlei Manövern versucht, wieder freizukommen, doch jetzt geht gar nichts mehr. Ich nehme ihn bei seinem Bügel, was er sogleich mit "Der Roboter wurde angehoben. Bitte prüfen." quittiert. Gleich nochmal: "Der Roboter wurde angehoben. Bitte prüfen." Ja, ja, ich weiß, aber wie soll es denn sonst gehen? Raus aus dem Beet, wieder auf seinem Rasen. Er dreht sich eine Weile um seine Achse, orientiert sich mit den Worten "Die Initialisierung ist abgeschlossen. Der Mähvorgang wird fortgesetzt." und fährt mit Anlauf wieder ins Beet.

"Mein Gott", sage ich, "kannst du dir nicht merken, dass Rasen Rasen und Rindenmulch Rindenmulch ist?" Aber wie ein trotziges Kind wühlt er unverdrossen in den braunen Spänen, lässt sich (mit den gewohnten Kommentaren) wieder auf den Rasen heben und macht wieder seine Dreheinlage. Und diesmal scheint er es doch gelernt zu haben, erkennt die Rasenkante, mäht schön knapp an ihr entlang und würdigt das Beet keines Blickes.

Ich bleibe in der Nähe. "Befahren der Beete verboten, Eigentümer haften für ihre Roboter." Einmal wird es noch knapp, fast denke ich, ich müsste wieder einschreiten, aber nur ein Rädchen touchiert den Mulch und dann geht es auf dem Rasen weiter. Uff. Ein letzter Blick auf sein bisheriges Werk, hoffentlich bleibt er auf dem Grün der Tugend, auch wenn ich nicht in der Nähe bin.

Sorgfältig ist er, macht seine Arbeit hier und dort, manchmal kann ich die Logik nicht erkennen, aber nach rund fünf Stunden zeigt die App eine komplett gemähte Fläche an und der Roboter meldet sich mit "Mähauftrag abgeschlossen" zurück. Ich kontrolliere noch mal seine Arbeit, doch, das hat er gut gemacht, das mit dem Rand muss ich im Auge behalten, aber grundsätzlich würde ich ihn auch als Schwiegersohn aufnehmen.

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14 August 2026

Du bist so süß

Zurückgezogen in der Lounge habe ich so eine Art Beobachterposten bezogen. Ich wundere mich über den ruhigen Ablauf trotz zahlreicher Patienten, ebenso aber auch über das Telefon, das von Zeit zu Zeit läutet, ohne abgenommen zu werden. Gelegentlich schleppen sich Patienten über den Flur, in einigen Fällen in Begleitung ihres Besuches.

Du bist so süß
Gerade kommt ein Mann vorbei, im Schlepptau ein etwa sechsjähriges Mädchen, vermutlich seine Tochter. Sie hat ein silbernes Kleidchen mit einer rosa Schleife an, Locken, strahlt. Und da höre ich schon die Stimme einer Schwester „Möchtest du ein Eis?“ Der Vater wiegelt ab, aber die Schwester bleibt hartnäckig dran, ich höre schnelle Schritte hin und her, das Mädchen quietscht vergnügt und mit einem „Du bist so süß!“ wird die Kaltspeise übergeben.

Cut. Ein paar Jahre sind ins Land gegangen. Das Mädchen ist jetzt zehn Jahre alt. Es strahlt immer noch, weiß um seine einnehmende Außenwirkung, muss zwar jetzt nach Eis fragen, aber das wird ohne lange Diskussion herbeigeholt. Einfach so, auch wenn es eigentlich nicht vorgesehen ist. Frauen sind genauso fasziniert wie Männer, auch wenn noch keine Sexualität in ihrem Verhalten steckt.

Erneuter Zeitsprung. Wir sehen das Mädchen in der Pubertät wieder. Sie ist sich ihrer Strahlkraft bewusst, kokettiert und setzt ihre Reize bei jeder Gelegenheit ein, sofern es ihr hilfreich erscheint. Männer um den Finger zu wickeln, Frauen auszustechen und sich ein Ergebnis auch mal auf unlauterem Wege zu verschaffen treibt sie zur Perfektion.

Mittlerweile ist sie eine junge Frau, hat einen festen Partner, gelegentlich gibt es in beiden Richtungen Diskussionen hinsichtlich Treue und damit verbunden Eifersuchtsanfällen. Eis isst sie nicht mehr, um ihre Figur zu halten, auch eine Schwangerschaft kann sie sich unter diesem Gesichtspunkt nicht vorstellen. Gewohnt alle Wünsche erfüllt zu bekommen hat es ihr Gefährte ziemlich schwer.

Midlife-Crisis. Die vielen Enttäuschungen mit missratenen Partnerschaften haben Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Viele der jungen Dinger um sie herum werden bevorzugt, Männer kommen nur unverbindlich für ein paar Monate vorbei, suchen die Abwechslung mit ihr, finden übertriebenen Anspruch vor und sind dann wieder weg. An eine Zeit, in der sie einfach so ein Eis bekommen hat, kann sie sich kaum noch erinnern.

Was das bloß ausgelöst hat, fragt sie sich. Wer mag schuld sein, dass ihre Mitmenschen auf Abstand gehen, das Leben spürbar schwerer wird. Ja, das mag ein Teil des Alterns sein, die Haut verliert ihre jugendliche Frische und bekommt Fältchen. Doch viel schlimmer ist das Ende der Strahlkraft, der unbekümmerten Lebensfreude, der gezielte Einsatz von Reizen, die langsam verblassen.

Plopp. Ich bin zurück auf der Krankenstation, springe auf, um die Sechsjährige noch mal zu sehen. Aber sie ist schon an der Hand ihres Vaters den Flur entlang gelaufen und verschwindet gerade aus meinem Blickfeld.

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07 August 2026

Bilderreise Teil 6: Promenade (Reprise)

Bilderreise - Teil 6: Promenade (Reprise)

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Eine leere Leinwand

Sommergarten: Leere Leinwand
Wenn wir auf unsere Bilderreise zurückblicken, erkennen wir keinen geraden Weg und keine abgeschlossene Geschichte. Vielmehr begegnen wir einer Folge von Bildern, die unterschiedliche Erfahrungen sichtbar gemacht haben und dennoch auf überraschende Weise miteinander verbunden sind.

Mit den Treppenschritten begann eine Bewegung durch Zeit und Identität. Im Maskenspiel begegneten wir den Rollen, die wir übernehmen, und der Frage nach dem, was hinter ihnen verborgen bleibt. Innenwelten führte uns in die Nähe zweier Menschen und in die Verletzlichkeit jeder echten Begegnung. In der Zarten Erinnerung wurde spürbar, wie Vergangenheit in uns weiterlebt, selbst wenn ihre Konturen längst verblasst sind. Und die Blüte in Fragmenten erinnerte uns daran, dass sich das Ganze oft erst aus vielen einzelnen Teilen zusammensetzt.

Vielleicht war dies weniger eine Ausstellung von Bildern als eine Reise durch Erfahrungen, die uns alle verbinden.

Nun steht die Staffelei leer.

Dort, wo eben noch Formen, Farben und Geschichten sichtbar waren, bleibt eine offene Fläche zurück. Doch vielleicht bedeutet diese Leere nicht, dass etwas fehlt. Vielleicht ist sie vielmehr ein Raum für das, was erst jetzt entstehen kann.

Denn was wir aus Kunst mitnehmen, entsteht selten im Augenblick des Betrachtens. Oft beginnt ihre eigentliche Wirkung erst später – in einer Erinnerung, in einem Gedanken, in einem Gespräch auf dem Heimweg.

Vielleicht kann dieses Bild nicht gemalt werden.

Vielleicht entsteht es erst in der Erinnerung eines jeden Einzelnen.

In den Gedanken, die wir mitnehmen.

In den Bildern, die nachklingen.

Und in den Wegen, die wir von hier aus weitergehen.

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Mussorgsky: Promenade (Reprise)

Promenade - rekonstruiert
Als Modest Mussorgsky seine Bilder einer Ausstellung komponierte, kehrte er immer wieder zur Promenade zurück.

Sie verbindet die einzelnen Bilder zu einem Ganzen.

Doch mit jedem Bild verändert sie sich: Mal neugierig, mal eilig, mal unschlüssig, mal voll düsterer Gedanken.

Derselbe Weg wird erneut beschritten – aber der Mensch, der ihn geht, ist nicht mehr derselbe.

So schließt sich heute der Kreis unserer Bilderreise.

Die erste Promenade war ein Aufbruch.

Die letzte Promenade ist eine Rückkehr.

Nicht zurück an den Ausgangspunkt, sondern zurück zu uns selbst – bereichert um die Bilder, die wir gesehen, die Gedanken, die wir geteilt, und die Musik, die wir gehört haben.

Die Leinwand bleibt leer.

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Der Klang: Promenade (Reprise)


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31 Juli 2026

Bilderreise - Teil 5: Ballett der unausgeschlüpften Küken

Bilderreise - Teil 5: Ballett der unausgeschlüpften Küken

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Blüte in Fragmenten

Sandra Gleitsmann: Blüte in Fragmenten

Auf den ersten Blick sehen wir eine Blume.

Ein Motiv, das in der Kunst seit Jahrhunderten für Schönheit, Wachstum und Lebenskraft steht.

Doch diese Blüte entfaltet sich nicht in weichen natürlichen Formen. Sie setzt sich aus unzähligen Facetten zusammen, aus Fragmenten, die sich zu einem Ganzen fügen und zugleich ihre Eigenständigkeit bewahren.

Gerade darin liegt für mich die besondere Spannung dieses Bildes.

Die Blume erscheint lebendig und kraftvoll, und doch wirkt sie, als wäre sie in ihre Einzelteile zerlegt worden. Das Vertraute bleibt erkennbar, aber es hat seine Selbstverständlichkeit verloren.

Vielleicht erzählt das Bild damit auch etwas über unsere Zeit.

Wir erleben die Welt selten als geschlossenes Ganzes. Informationen, Bilder, Erinnerungen und Erfahrungen erreichen uns in vielen einzelnen Fragmenten. Oft versuchen wir erst im Nachhinein, daraus einen Zusammenhang zu formen.

Und doch entsteht aus diesen Bruchstücken etwas Neues.

So wie aus den vielen polygonalen Flächen eine Blüte entsteht, entsteht auch aus den einzelnen Erfahrungen unseres Lebens etwas, das wir Identität nennen.

Das Bild bewegt sich zwischen Gegensätzen: zwischen Natürlichkeit und Konstruktion, zwischen Gefühl und Analyse, zwischen organischem Wachstum und geometrischer Ordnung.

Es entscheidet sich nicht für eine Seite.

Vielleicht liegt gerade darin seine Schönheit.

Denn das Leben selbst ist selten vollkommen und selten widerspruchsfrei.

Es besteht aus Fragmenten, die sich immer wieder neu zusammensetzen.

Und manchmal erkennen wir erst mit etwas Abstand, dass gerade diese Fragmente das Ganze ausmachen.
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Mussorgsky: Ballett der unausgeschlüpften Küken

Viktor Hartmann: Ballett der unausgeschlüpften Küken
Nach den stillen Erinnerungen des alten Schlosses führt uns Mussorgsky nun in eine ganz andere Welt.

Sein „Ballett der unausgeschlüpften Küken“ entstand nach einem Bühnenentwurf für das Ballett „Trilby“ für Kinder in Kükenkostümen.

Die Musik ist leicht, verspielt und voller Bewegung.

Doch hinter ihrer Heiterkeit verbirgt sich ein Gedanke, der gut zu diesem Bild passt.

Die Küken sind noch nicht geschlüpft.

Sie befinden sich in einem Zustand des Werdens.

Ihre endgültige Gestalt ist noch nicht sichtbar.

Auch die Blüte vor uns erscheint nicht als vollkommene, abgeschlossene Form.

Sie setzt sich aus vielen einzelnen Teilen zusammen.

Und dennoch entsteht daraus etwas Lebendiges.

So erzählen Bild und Musik auf unterschiedliche Weise von Entwicklung und Entfaltung.

Von der Kraft des Lebens, die bereits spürbar ist, bevor sie ihre endgültige Form gefunden hat.

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Der Klang: Ballett der unausgeschlüpften Küken


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24 Juli 2026

Bilderreise - Teil 4: Das Alte Schloss

Bilderreise Teil 4: Das Alte Schloss

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Zarte Erinnerung

Sandra Gleitsmann: Zarte Erinnerung

Manche Bilder erzählen eine Geschichte. Andere wecken Erinnerungen, von denen wir vielleicht gar nicht wussten, dass wir sie noch in uns tragen.

„Zarte Erinnerung“ gehört für mich zu diesen Bildern.

Das Mädchen richtet seinen Blick nicht auf die Welt um sich herum. Es scheint vielmehr einem Gedanken nachzuhängen, der sich unserem Blick entzieht. Gerade dadurch entsteht eine besondere Nähe. Wir beobachten keine Handlung, kein Ereignis und keinen dramatischen Moment. Wir begegnen einer Stimmung.

Vielleicht kennen wir solche Augenblicke aus unserem eigenen Leben. Momente, in denen die Gegenwart für einen Augenblick stillzustehen scheint und etwas Vergangenes in uns auftaucht. Nicht als klare Erinnerung mit scharfen Konturen, sondern eher wie ein leiser Nachhall.

Erinnerungen verhalten sich selten wie Fotografien. Mit der Zeit verblassen Einzelheiten, während die Gefühle oft erstaunlich lebendig bleiben. Man erinnert sich nicht mehr an jedes Wort, nicht mehr an jeden Ort, aber an die Wärme eines Sommers, an einen Blick, an einen Augenblick des Glücks oder der Traurigkeit.

Vielleicht berührt uns dieses Bild gerade deshalb so unmittelbar. Es versucht nicht, etwas zu erklären. Es drängt sich nicht auf. Es lässt Raum für das, was jeder Betrachter selbst mitbringt.

Die Ruhe des Bildes erzählt von Unschuld, seine Sanftheit von Vergänglichkeit. Doch darin liegt nichts Bedrohliches. Im Gegenteil: Vielleicht werden manche Dinge gerade deshalb kostbar, weil sie nicht bleiben.

So wird „Zarte Erinnerung“ zu einem stillen Gedicht aus Licht und Schatten – und zu einer Einladung, den eigenen Erinnerungen für einen Moment zu begegnen.

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Mussorgsky: Das Alte Schloss

Viktor Hartmann: Das Alte Schloss
Auch Mussorgskys nächstes Werk führt uns in eine Welt der Erinnerung.

„Das Alte Schloss“ gehört zu den ruhigsten und poetischsten Stücken der gesamten Suite.

Die Musik entstand nach einer Zeichnung eines alten Schlosses.

Vor diesem Schloss steht ein Sänger, dessen Lied wie eine Stimme aus längst vergangener Zeit klingt.

Es geht dabei weniger um ein Gebäude als um eine Stimmung.

Um das Gefühl, dass Vergangenes plötzlich wieder gegenwärtig wird.

Darin begegnen sich Bild und Musik.

Beide laden uns ein, für einen Moment still zu werden.

Beide erzählen von der Schönheit dessen, was nicht festgehalten werden kann.

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Der Klang: DasAlte Schloss


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17 Juli 2026

Bilderreise - Teil 3: Samuel Goldenberg und Schmuÿle

Ein Sommergarten voller Kunst 2026

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht.
Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen. 

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Innenwelten (Duett)

Sandra Gleitsmann: Innenwelten (Duett)

„Innenwelten“ zeigt zwei Menschen in großer körperlicher Nähe.

Und doch erzählt das Bild nicht von Harmonie allein.

Die beiden Figuren berühren sich, aber sie verschmelzen nicht. Jede bleibt erkennbar als eigenes Wesen mit einer eigenen Geschichte, einer eigenen Verletzlichkeit und einer eigenen inneren Welt.

Gerade darin liegt die besondere Spannung des Bildes.

Oft sprechen wir von Nähe, als wäre sie das Gegenteil von Distanz. Doch jede Beziehung bewegt sich zwischen diesen beiden Polen. Wir können einem Menschen sehr nahe sein und dennoch niemals vollständig wissen, was in ihm vorgeht.

Die Künstlerin macht diesen Gedanken sichtbar.

Die Körper werden zu Leinwänden innerer Landschaften. Farben, Formen und organische Strukturen scheinen Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen anzudeuten, die sich nicht in Worte übersetzen lassen.

Gleichzeitig begegnen sich die beiden Figuren auf Augenhöhe.

Sie wirken verletzlich und stark zugleich.

Vielleicht erinnert uns das Bild daran, dass wahre Nähe nicht bedeutet, den anderen vollständig zu verstehen.

Sondern anzuerkennen, dass in jedem Menschen ein Bereich bleibt, der nur ihm selbst gehört.

So erzählt „Innenwelten“ nicht von Verschmelzung, sondern von Begegnung.

Von zwei eigenständigen Welten, die sich für einen Moment berühren.

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Mussorgsky: Samuel Goldenberg und Schmuÿle

Viktor Hartmann: Samuel Goldenberg und Schmuÿle

Auch im nächsten Werk begegnen wir zwei Stimmen.

In Mussorgskys Musik treten Samuel Goldenberg und Schmuÿle einander gegenüber.

Die beiden Figuren könnten unterschiedlicher kaum sein.

Die eine Stimme wirkt ruhig, kraftvoll und bestimmt.

Die andere erscheint lebhafter, fragender und unruhiger.

Doch die Musik lebt nicht vom Gegensatz allein.

Sie lebt vom Dialog.

Erst im Zusammenspiel entsteht das ganze Bild.

Darin liegt eine schöne Verbindung zu „Innenwelten“.

Auch hier geht es um zwei Individuen, die einander begegnen.

Um Nähe und Unterschied.

Um die Spannung zwischen Eigenständigkeit und Verbundenheit.

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Der Klang: Samuel Goldenberg und Schmuÿle


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10 Juli 2026

Bilderreise - Teil 2: Gnomus

Ein Sommergarten voller Kunst 2026

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht.
Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen. 

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Das Maskenspiel

Sandra Gleitsmann: Das Maskenspiel

„Das Maskenspiel“ handelt auf den ersten Blick von einer Maske.

Doch je länger man das Bild betrachtet, desto deutlicher wird, dass die eigentliche Frage nicht lautet, wer sich hinter der Maske verbirgt, sondern warum wir überhaupt Masken tragen.

Die Maske wirkt zugleich schützend und verstörend. Sie verdeckt das Gesicht, lenkt unseren Blick aber paradoxerweise erst recht auf das, was verborgen bleibt.

Damit berührt das Bild eine sehr menschliche Erfahrung.

Schon früh lernen wir, unterschiedliche Rollen einzunehmen. Wir verhalten uns anders als Kind, als Freund, als Partner, als Berufstätige. Manche dieser Rollen geben uns Sicherheit. Andere engen uns ein. Wieder andere übernehmen wir so selbstverständlich, dass wir sie kaum noch bemerken.

Das Bild macht diesen Widerspruch sichtbar.

Die Figur erscheint verletzlich und zugleich selbstbewusst. Die feinen Stoffe, die Federn und die beinahe theatralische Inszenierung verleihen ihr etwas Festliches. Doch die groben Nähte auf der Maske erzählen eine andere Geschichte.

Sie wirken wie Spuren von Brüchen, Erfahrungen und Verletzungen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Spannung des Werkes:

Dass Identität nicht etwas Fertiges ist, das sich einfach enthüllen lässt.

Sondern etwas, das entsteht, sich verändert und manchmal auch mühsam zusammengesetzt werden muss.

So wird die Maske nicht nur zum Symbol des Verbergens.

Sie wird zugleich zum Symbol der Suche nach dem eigenen Ich.

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Die Musik: Gnomus

Viktor Hartmann: Gnomus
Auch Mussorgskys „Gnomus“ begegnet uns nicht mit Klarheit.

Die Figur des Gnoms wirkt rätselhaft, sprunghaft und schwer zu greifen.

Mal erscheint sie verspielt.

Dann wieder unruhig oder sogar verstörend.

Ähnlich wie die Maske in diesem Bild zeigt auch die Musik nicht alles auf den ersten Blick.

Sie lässt uns bewusst im Ungewissen.

Beide Werke spielen mit dem Verborgenen.

Mit dem, was wir zu erkennen glauben, und dem, was sich unserem Blick entzieht.

Vielleicht liegt gerade darin ihre Verbindung:

Dass sie uns daran erinnern, wie vielschichtig Identität sein kann.

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Der Klang: Bilder einer Ausstellung


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03 Juli 2026

Bilderreise - Teil 1: Promenade

Ein Sommergarten voller Kunst 2026

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. 
Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen. 

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Treppenschritte

Sandra Gleitsmann: Treppenschritte
„Treppenschritte“ erzählt von einem Weg.
Bemerkenswert ist dabei, dass das Bild unsere Aufmerksamkeit nicht auf ein Ziel lenkt. Es interessiert sich nicht für den Ort, an dem die Bewegung endet, sondern für die Bewegung selbst.

Die mehrfach dargestellte Figur erinnert an die frühen Chronofotografien von Étienne-Jules Marey oder Eadweard Muybridge, bei denen einzelne Phasen einer Bewegung gleichzeitig sichtbar werden. Die Treppe ist dabei weniger das eigentliche Motiv als vielmehr das Gerüst, an dem sich diese Bewegung entfaltet.

Dadurch entsteht eine interessante Verschiebung unserer Wahrnehmung. Normalerweise erleben wir Zeit als Abfolge von Augenblicken. Hier scheinen mehrere Momente zugleich präsent zu sein. Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich.

Das Bild thematisiert damit nicht nur Bewegung, sondern auch Identität.
Wer ist die dargestellte Person?
Die Figur am Anfang der Treppe?
Die in der Mitte?
Oder die am Ende?

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Frage des Bildes: Ob wir überhaupt jemals dieselben bleiben.
Jeder Schritt verändert unsere Perspektive. Jede Erfahrung hinterlässt Spuren. Und doch erleben wir uns selbst als eine zusammenhängende Person.
Der Abstieg kann als innerer Rückzug gelesen werden. Ebenso aber als nüchterne Beobachtung von Rhythmus, Wiederholung und Veränderung.

Gerade diese Offenheit macht den Reiz des Werkes aus.
Es gibt keine eindeutige Antwort.

Stattdessen lädt uns das Bild dazu ein, über Zeit, Bewegung und Identität nachzudenken.
Wer waren wir einen Schritt zuvor?
Und wer werden wir nach dem nächsten sein?
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Die Musik: Promenade

Viktor Hartmann: Promenade
Für die Verbindung zur „Promenade“ ist das ein schöner Ausgangspunkt.

Auch Mussorgskys Musik erzählt von Bewegung.

Sie beschreibt keinen bestimmten Ort, sondern einen Menschen auf dem Weg.

Als Mussorgsky seine „Bilder einer Ausstellung“ komponierte, stellte er jedem neuen Eindruck eine Promenade voran, die beschreibt, wie er zwischen den Bildern umherwandert.

Von Bild zu Bild verändert sich der Blick des Betrachters.

Und mit jedem Schritt entsteht eine neue Perspektive.

So beginnt auch unsere Bilderreise mit einem Menschen in Bewegung.

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Der Klang: Bilder einer Ausstellung


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12 Juni 2026

Reha-Ziele

Neulich in der Reha hatte ich ein Anfangsgespräch, bei dem es um die Erfassung meiner aktuellen Verfassung und meine Rehaziele ging. Der Arzt langte mit geübtem Griff in die Schublade, holte einen Fragebogen hervor und begann bestimmte Zeilen anzukreuzen. Dabei war er nicht geizig, auch ohne meinen ausdrücklichen Wunsch wurde mir eine Schulung in der Lehrküche verschrieben, auch Techniken zur Muskelentspannung und Rückenschulungen bekamen ungefragt ein Kreuzchen.

Heraus kam ein buntes Programm, das die Organisatoren dann die Teilnahmen an verschiedenen Kursen, Vorträgen und Übungseinheiten überführten. Ohne weiteres Zutun kamen dann auch noch Basisthemen wie Hausführung und Mittagessen im Speisesaal mit dazu. Und da kristallisierte sich im Laufe der Tage ein weiteres Reha-Ziel heraus, nämlich die Fertigkeit des Vordrängelns. Wer hier nicht lernwillig war, der musste mit schlechter Sicht, abgegessenem Salatbuffet oder einem verspäteten Trainingsbeginn Vorlieb nehmen.

Reha-Ziele

Bestaunenswert insbesondere, dass die Orthopädie-Patienten mit ihren Rollatoren und Gehhilfen meist die Nase vorne hatten. Aufgeplustert und den Weg blockierend weiter vorne, Platz freihaltend für die Freundin in der Mitte und schlank vorschiebend im hinteren Teil der Warteschlange. Patienten, die aus dem Nichts auftauchend plötzlich weit vor mir im Vortragssaal saßen, die Liegen im Ruheraum belegten oder einen strategisch geschickten Essensplatz einnahmen.

Zweifellos hatte der Arzt diese Rubrik übersehen, denn neben den Profis auf diesem Gebiet konnte ich viele - meist männliche - Patienten sehen, die bei dieser Fertigkeit komplett überfordert waren. Den taktisch geschickt eingesetzten Mobilitätshilfen waren sie genauso unterlegen wie dem ungefragten Eintreten in Türen mit der Aufschrift "Sie werden aufgerufen". Lieber mal vorpreschen und dann zurückrudern als von vornherein zurückhaltend agieren.

Ich denke, man sollte auch diesen Punkt sowohl bei der Aufnahme als auch bei der Entlassung messen. Schließlich gehört zur Rehabilitation neben dem Blutdruck auch ein geübtes Verhalten in der Gesellschaft. Notfalls muss man sich dort ja auch ohne Krücken seinen Weg bahnen und den eigenen Vorteil sichern.

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05 Juni 2026

Willkommen im Fitnessstudio

Martin empfängt mich. Im Gegensatz zu Menschen in anderen Betrieben scheinen die Mitarbeiter in Fitnessstudios keinen Nachnamen zu haben. Vielleicht wurde er bei Ihrer Geburt weggelassen, die Eltern konnten sich nicht entscheiden oder es steckt schlichte Sparsamkeit dahinter.

Willkommen im Fitnessstudio
Martin also. Er strahlt mich an, quetscht mir mit seinem festen Händedruck die rechte Hand und weiß sofort, „Du kommst wegen Fitness.“ – „Mensch,“ sage ich, „Martin, da merkt man die jahrelange Erfahrung. Ja, du hast recht. Das ist genau mein Ziel. Sag mal, das ist doch ein Fitnessstudio, oder?“

Er strahlt von einer bis zur anderen Wange. „Komm mit, da drüben sind die Umkleiden, heute erst mal ein Schnuppertraining und ich kann mir ein Bild machen, wie wir deinen Trainingsplan machen.“ Das hört sich vernünftig an. In Sportkleidung und Trainingsschuhen stehe ich nach wenigen Minuten wieder an der Rezeption. Martin heißt jetzt Stefan, ist wesentlich weniger muskulös und erläutert mir im Gehen die möglichen Verträge.

„Kannst du erst mal die Hanteln wegräumen, die sind mir zu schwer“, raunt Stefan mir zu. Ich schaue auf den Boden. In einem Kinderzimmer hätte ich gesagt, dass das gesamt Spielzeug nach dem Besuch der Freunde auf dem Boden verstreut ist. – „Ja“, sage ich, „soll ich sie nur zur Seite rollen?“ – „Nein, dort drüben sind die Ständer, fängst du mit den leichten an, die schweren ganz nach rechts. Das trainiert dann auch entsprechend. Wenn du möchtest, kannst du sie danach noch mal auf den Boden legen und noch mal einräumen.“

Nachdem ich die Hantelecke unter Aufsicht fünfmal aufgeräumt habe schleust er mich weiter in den Cardio-Raum. „Hier kannst du etwas für den Kreislauf tun. Kann ich aber nicht empfehlen, das ist nur was für Mädchen.“ – „Und was kannst du empfehlen?“ – „Unsere Kurse. Besonders beliebt ist das Workout bei Constanze. Im Programm trägt er den Titel ‚No pain no gain‘“

„Ja, cool“, höre ich mich sagen, „ist das denn auch was für Anfänger wie mich?“ – „Natürlich! Constanze ist sehr feinfühlig. Sie wählt die Langhanteln immer nur Faktor zwei höher als deine Durchschnittsbelastung. Die meisten Teilnehmer lieben Sie dafür.“ – „Das hört sich aber doch etwas zu schwer an. Ich würde gerne langsam einsteigen.“

„Langsam einsteigen?! Hm. Das ist nicht unser Schwerpunkt. Wie gesagt, der Name ‚No pain no gain‘ ist Programm, man muss sich schon reinsteigern, das geht nicht nur durch Zuschauen. Apropos: Dort drüben an der Wand ist der Spiegelbereich. Da triffst du auch immer Lothar, das ist der mit dem Muscelshirt, der kann dich zu allen Fragen beraten.“

„Aber ihr habt auch Trainer, die weiterhelfen können?“ will ich wissen. „Natürlich, wir stehen dir jederzeit zur Verfügung. Aber wir sind eher für die administrativen Tätigkeiten und die emotionale Unterstützung zuständig. Vor einigen Wochen gab es in einem Kurs eine Rangelei, weil sich die Teilnehmer nicht auf ein Leistungsniveau einigen konnten. Wir haben das aber schnell in den Griff bekommen, nur ein paar blaue Augen und Rippenbrüche.“

„Das hört sich ja recht wüst an. Gibt es denn keine Angebote für Gäste wie mich?“ – „Gäste? Wir haben Kunden, die es ernst nehmen, da muss man raus aus der Komfortzone, da zählt ‚No pain…“ – „No gain. Ich weiß. Wie wäre es mit Gerätetraining? Habe ich vorhin nicht einen EGym-Zirkel gesehen?“

„Wenn Sie unbedingt wollen. Wir können es uns mal anschauen. Aber ich kenne mich da gar nicht aus. Außerdem stellen sich die Geräte selbst ein, dafür brauchen Sie ja kein Fitnessstudio. Da können Sie ja gleich im Wald herumlaufen. Und nach einer Runde ist man fertig – was macht man danach noch hier?“

Wir verlassen den Freihantelbereich, ich kann fühlen, wie sich die Blicke von Lothar in meinen Rücken bohren. Sein Urteil ist bestimmt so vernichtend wie die Botschaft seiner Tattoos. Beim Zirkel ist es recht ruhig, einige Personen meiner Statur und etwa meines Alters bewegen die Hebel und Walzen.

„Das sieht doch recht passend aus“, bemerke ich, „wer stellt die Geräte denn ein?“ – Stefan stöhnt „Sie müssen einen Account anlegen, danach werden Sie von der Maschine dort drüben vermessen und die Geräte bekommen eine Grundeinstellung, die beim ersten Training automatisch mit KI auf Ihren Level angepasst wird. Sie machen mich arbeitslos, wollen Sie das?“

Ich schrecke zurück. Natürlich will ich das nicht. Vor meinem geistigen Auge sehe ich das verwaiste Studio, nur noch die älteren Damen und Herren am automatisierten Zirkel und an der Theke ein weinender Angestellter, der zum Zeitvertreib mit 10-kg-Hanteln jongliert.

„Nein, nein!“ stammle ich. „Sie brauchen selbstverständlich Ihre Tätigkeit. Und ich wollte auch gar nicht auf Ihre Fachkundigkeit verzichten. Was kann ich machen, damit Sie Ihre Stelle behalten?“ – „Wir könnten so tun, als wäre ich Ihr persönlicher Trainer. Ich sitze dann hier und nicke gelegentlich.“

Langsam wird ein guter Plan daraus. Ich schaue Stefan an, stelle mir vor, dass ich mit einer Kombination aus Entspannungs-Yoga und gemütlichem Fahren auf einem Ergometer beginne. „Eine sehr gute Idee“, findet mein neuer Personal-Trainer, „Das bekommst du schon hin. Mich würde es jedenfalls wesentlich entlasten und ich kann mich auf meine Aufgaben konzentrieren.“

Bevor er mir einen langlaufenden Vertrag zuschiebt erläutert er mir noch die schon erwähnte Grundhaltung No-pain-no-gain, versichert mir, dass er sehr geübt darin ist, vor Überanstrengung zu schützen und spezialisiert darauf ist, Probleme zu erkennen und mir den Raum zu lassen, sie zu lösen. 

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29 Mai 2026

Als Aushilfe im Kino

Aus dem Leben moderner Menschen kann man das Kino langsam wegdenken. In einer Zeit von netflix, amazon und Co auf einem anständigen Flachbildschirm besteht kein Interesse mehr, sich aus den eigenen vier Wänden wegzubewegen, Popcorn zu kaufen, mit der Freundin zu knutschen und irgendeinen bescheuerten Hollywood-Film zu schauen.

Entsprechend krebsen die Lichtspielhäuser mehr schlecht als recht vor sich hin. Für einen Freund habe ich heute ehrenamtlich die Kasse übernommen, das ist ja inzwischen ein Job ähnlich der Verteilung von Lebensmittel durch die Tafel. Wir haben in dem kleinen Haus drei Säle, die Filme starten leicht zeitversetzt, damit der Vorführer die Werbung starten, Eis anbieten und den Hauptfilm laden kann.

Als Aushilfe im Kino
Wir sind nur zu zweit zur Bedienung der paar Dutzend Zuschauer, die sich trotz gutem Wetter und buntem Fernsehprogramm hierhin verlaufen haben. Ein junges Pärchen nähert sich: „Schön, dass Sie da sind. Haben Sie einen bestimmten Film vor Augen oder lieber unser Happy-Film-Roulette?“ – „Wir möchten gerne um 20 Uhr in ‚Der Astronaut‘“ – „Den kann ich nicht empfehlen. Typischer Männerfilm, da wird Ihre Freundin nicht viel Freude haben. Ich gebe Ihnen zwei Karten für ‚Reminders of him – Für immer ein Teil von dir‘. Typischer Frauenfilm, aber in der Knutschreihe ganz hinten auch für Sie ein Genuss.“

Überraschung, dann: „Wir wollten eigentlich in den ‚Astronaut‘, bitte.“ – „Was sind Sie denn so beratungsresistent? Also gut, einmal ‚Astronaut‘ für den Herren und einmal ‚Reminders of him‘ für die Dame.“ – „Ähm, nein, wir möchten schon gemeinsam in die Vorstellung gehen.“

„Ja, soll ich Ihnen die beiden Filme mischen? Die Actionszenen vom ‚Astronaut‘ mit dem Herzschmerz aus den ‚Reminders‘? Das wird die anderen Zuschauer aber irritieren. Nein, das geht leider nicht. Und wie ich schon sagte: Wenn Sie beide einen schönen Abend und Zwinker-Zwinker eine schöne Nacht haben wollen, dann führt an den ‚Reminders of him‘ kein Weg vorbei.“

Etwas unzufrieden wirken die beiden schon, als sie mit ihren Eintrittskarten in Richtung Snack-Stand weiterlaufen. Ich schiebe die Kasse zu, schließe die Tür und schlüpfe hinter die Theke. „Was darf’s denn sein?“ – „Zwei Cola, bitte.“ Und zu seiner Freundin: „Nachos?“

„Die Cola in klein, mittel, groß, extragroß, superextragroß? Normal, light oder zero? Mit oder ohne Koffein?“ – „Öööh, also wir nehmen… Schatz, was sollen wir nehmen?“ – „Zwei Cola zero mit Koffein in mittel.“

„Und die Nachos? Mit Salsa, mit Käse oder Mut zur Trockenheit?“ – „Vielleicht doch lieber das Popcorn.“ – „Wie Sie meinen. Also zwei Popcorn, klein, groß oder ‚ich bereue es später‘? Wenn wir noch so viel haben. Wissen Sie, vorgestern ist nicht viel übriggeblieben.“

„Oh. Sehe ich da hinten Brezeln?“ – „Natürlich. Unser berühmtes Salzgebäck. Wir lassen es in jahrelanger Arbeit von Hand trocknen. Ich würde Ihnen allerdings raten, die Cola dann in groß zu bestellen, damit Sie es herunterbekommen… Sonst noch einen Wunsch?“

Sie verschwinden in Saal zwei, so wie es aussieht ist es mir gelungen, alle ‚Astronaut‘-Gäste auf die beiden anderen Filme umzuleiten, so dass ich nur zwei Filme starten muss. Die Türen stehen noch offen, ich schnappe mir den Träger mit den Eiswaffeln und stampfe zum ‚Reminders of him‘. Erst mal Licht an im Saal, damit ich besser sehen kann.

„Irgendjemand Eis, Nüsschen, Brezeln? Oder Taschentücher? Die werden Sie nachher brauchen. Liebe Männer, ihr dürft auch mal Gefühle zeigen.“ Keine Bewegung, keine winkenden Hände zum Ordern von Langnese oder Lorenz. Ich gehe mit strengem Blick an den Reihen entlang in Richtung Leinwand.

„Herrje“, sage ich, „ein Missverständnis. Die erworbenen Karten berechtigen zum gemütlichen Sitzen in unserem einzigartigen Lichtspielhaus. Vermutlich möchten Sie aber jetzt den Genuss noch weiter steigern, ich könnte Ihnen dazu einen Blockbuster mit Maika Monroe zeigen. Also, wenn Sie pro Paar einen kleinen Snack erwerben. Alternativ setze ich mich gemütlich hier vorne hin und erzähle Ihnen den Inhalt des Films mit meinen Worten. Ich habe ihn in den letzten Tagen schon so oft gesehen.“

Unverzüglich gehen die Hände hoch, verkaufe ich Eiskonfekt, werden mir die überteuerten Tütchen mit gesalzenen Erdnüssen aus dem Kasten abgenommen. „Wie reizend von Ihnen“, sage ich im Rausgehen mit gefülltem Geldbeutel, „Kino hat einfach eine wunderbare Tradition, die sollte man nicht auf die Projektion von Bewegtbildern reduzieren.“

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22 Mai 2026

Anregung zur Selbsthilfe

Neben mir hängt eine Auswahl an Hosen, zwei verschiedene Farben und drei Schnitte. Ich probiere mich durch, mal empfinde ich den Bund als zu eng, mal sitzt das Bein nicht richtig. Noch während ich mich vor dem Spiegel hin- und herdrehe höre ich ein ganz leises Geräusch, so etwas wie ein „Hallo!“

Anregung zur Selbsthilfe

Ich lasse mich nicht irritieren, ziehe die dunkle Hose wieder aus und greife nach der blauen. Da wieder „Hallo!… Hallo, können Sie mir bitte helfen?“ Die Stimme scheint aus der Wand zu kommen, leise aber deutlich zu verstehen. Ist es ein Geist, der mit mir Kontakt aufnehmen will oder ist es ein versteckter Lautsprecher, der von der Umkleideaufsicht bedient wird?

Jetzt wird es etwas lauter, etwas deutlicher. Ich kann eine Männerstimme identifizieren, „Ich bin in ein zu enges Oberteil geschlüpft und jetzt komme ich nicht mehr heraus.“ – „Aha. Was soll ich machen?“ – „Mir aus dem Oberteil heraushelfen.“ Ich habe keine Lust, einem Fremden aus seinem Oberteil zu helfen, „Wie sind Sie überhaupt reingekommen und warum haben Sie nicht eine Größe größer genommen?“

„Wahrscheinlich ist die Beschriftung falsch, Größe 56 passt mir sonst immer, und wenn nicht ist es zumindest nicht so eng, dass ich nicht mehr rauskomme. Aber jetzt hängt es fest am Bauch und an der Brust.“ – „Warum rufen Sie nicht einfach die Bedienung, die kann Ihnen doch besser helfen als ich.“ – „Ist mir peinlich.“

Ja, das wäre mir auch peinlich. „Können Sie nicht wieder so raus, wie Sie reingekommen sind?“ – „Nein, ich habe ja schon alles versucht, sonst würde ich Sie ja nicht im Hilfe bitten.“ Also, wenn er einen Herzanfall hätte oder auf dem Boden läge würde ich ja eingreifen, aber so: „Also, ehrlich gesagt ist es für mich ein wenig ungewohnt, einen fremden Mann auszuziehen. Wenn Sie eine Frau wären…“

„Bin ich aber nicht, was ist denn jetzt, Sie können ja weggucken. Für eine andere Person nur ein Handgriff, aber ich komme alleine nicht raus.“ – „Wissen Sie was, machen Sie einfach das Preisschild ab, geben mir Geld und ich erledige den Zahlvorgang an der Kasse. Dann können Sie das Oberteil anlassen und zu Hause in Ruhe mit Ihrer Frau ausziehen.“

„Aber ich will es nicht kaufen, es ist ja zu eng.“ Stimmt auch wieder. „Dann rufe ich doch lieber die Bedienung und sage ihr, dass wir versehentlich die Kleidung getauscht haben, die Umkleiden sind ja so eng hier. Und dass Sie jetzt nicht mehr aus meinem Oberteil herauskommen.“

„Oh Gott nein, das hinterlässt den falschen Eindruck.“ – „Soll ich lieber nach einer Schere fragen, dann können Sie sich selbst befreien? Und wenn Sie das Oberteil dann kaufen, können Sie es vielleicht vom Schneider wieder zusammennähen lassen. Oder als zwei Putzlappen verwenden.“

Ich entschließe mich, keine der ausgewählten Hosen zu nehmen. Heute habe ich einfach nicht das gefunden, was ich mir vorgestellt habe. Mit ein paar Handgriffen ist wieder alles auf den Verkaufsbügeln aufgehängt, meine Jeans wieder angezogen und die Jacke übergeworfen.

Stöhnen in der Kabine nebenan, gefolgt von dem feinen Geräusch reißenden Stoffes. „Uff, ich bin doch wieder raus“ höre ich meinen Nachbarn noch sagen, während ich denke: Es geht doch nichts über Anregung zur Selbsthilfe.

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15 Mai 2026

Der Nächste, bitte!

Das Älterwerden merkt man deutlichsten daran, dass man mehr Zeit bei Ärzten verbringt. Genauer gesagt nicht bei den Ärzten, sondern in deren Wartezimmern. Auf dem ungepolsterten Stuhl und aus hygienegründen heruntergekühltem Raum warte ich auf meinen Gesprächstermin.

Es leert sich, einige Patienten sind nur wenige Minuten mit mir im Wartezimmer. Die Zeitschriften auf dem Tisch habe ich schon durchgeschaut, auch zwischendurch einen Becher mit Wasser getrunken. Endlich geht die Tür auf, die Assistentin zeigt auf mich „Der Nächste, bitte!“

In Sprechzimmer zwei harre ich der Dinge, die da kommen. Sprechstundenhilfe rein, ein paar Handgriffe am Computer, dann wieder raus. Tür auf, der Arzt betritt das Zimmer. Seine Bühne, er strahlt mich an: „Wie geht es Ihnen? Was kann ich für Sie tun?“

Ein paar Minuten habe ich meine Krankengeschichte dargelegt, Blutdruck ist gemessen („Na, den sollten wir im Auge behalten. Trinken Sie regelmäßig Kaffee, Rauchen Sie oder wie steht es mit dem Alkohol?“), und der Rücken abgehorcht.

Nein, expliziten beruflichen Stress habe ich nicht. Zumindest nicht mehr als andere Leute und auch nicht mehr als sonst. „Eine Beruhigungsspritze?“ frage ich nach, weil sich der Weißkittel an seinem Hängeschrank zu schaffen macht. „Sie müssen zur Ruhe kommen, eine komplette Kur sehe ich noch nicht, aber erste Symptome für Burn-out.“

„Leider kann ich selbst keine Spritzen sehen, das ist mir immer unangenehm, verstehen Sie?“ Er dreht sich zu mir um „Vielleicht können Sie einen Moment aus dem Fenster gucken, dann ist es für mich leichter. Und vorher trinke ich noch einen Schluck Wasser.“

Ich signalisiere mein Verständnis, frage ihn nach seinem Blutdruck und ob er vielleicht lieber seine hübsche Assistentin schicken möchte. Er besteht darauf, die Spritze selbst zu setzen, aber natürlich nur, wenn es mir nichts ausmacht. „Legen Sie sich doch bitte gerade hier auf die Liege, dann erledigen wir das ganz schnell.“

Die Blondine von der Rezeption kommt herein, sieht den Arzt mit der Spritze und bietet ihre Hilfe an. „Ja“, sage ich, „das wäre vielleicht eine gute Idee.“ – „Ach was“, der Arzt, „aber holen Sie doch bitte das Erste-Hilfe-Buch von meinem Schreibtisch und machen Sie mir einen kleinen Hugo, ist ja gleich Mittagspause. Oder gleich zwei, auch für den Herrn hier. Ach was, drei, nehmen Sie auch einen.“

Wir sprechen noch mal über die Ohrenschmerzen, wegen denen ich gekommen war. „Waren Sie eigentlich dieses Jahr schon beim Zahnarzt?“ will der Behandelnde wissen, aber bevor ich nachdenken, ihm antworten oder ihn nach dem Ziel dieser Frage interviewen kann ist die Blondine wieder im Zimmer, drei Hugo dabei.

In gelöster Stimmung werden wir uns einig, dass Ohrenschmerzen oft überbewertet werden und das Leben an und für sich schön ist. Dass Burn-out eine ganz fiese Sache ist, weit verbreitet in der Gesellschaft und oft gar nichts mit dem Beruf zu tun hat, sondern mit einem unausgewogenen Liebesleben.

Die zweite Runde Hugo ist am Start, offensichtlich war die Idee mit der Beruhigungsspritze nicht gut, ein Rezept über Hopfentabletten und die Empfehlung, mal wieder mit meiner Frau intim zu werden sehen sowohl der Arzt als auch seine Assistentin als viel bessere Alternativen. Sie zwinkern sich fröhlich zu, eher zufällig kommt die schöne Arzthand auf dem ebenso schönen MTA-Po zu liegen.

Der Nächste, bitte!

Ich stehe auf, merke jetzt den Alkohol und schwanke auf die Tür zu. Überlege es mir dann anders, schüttele dem Arzt noch mal dankbar die Hand, versichere ihm, dass von den Ohrenschmerzen nichts mehr zu spüren ist und nehme noch mal ganz gezielt die Tür ins Visier. Die Assistentin macht sich vom Arzt los, hakt mich unter und begleitet mich nach draußen.

Gemeinsam stehen wir vor dem Sprechzimmer, nicken uns an und rufen dann im Chor: „Der Nächste, bitte!“

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08 Mai 2026

Änderung der Straßenbeleuchtung

Das Telefon hat geklingelt. Ich nehme ab, melde mich wie gewünscht mit: „Guten Tag, Sie sprechen mit dem Amt für Soziales, Bürgeranträgen, Hilfebedürftige und sonstige Fälle. Mein Name ist Christian Moritz, wie kann ich Ihnen helfen?“

Änderung der Straßenbeleuchtung
Knacken, dann eine Männerstimme, ich vermute mal eine Person Mitte fünfzig. „Ich rufe an wegen der Straßenbeleuchtung.“ – „Aha. Was ist damit?“ – „Sie leuchtet.“ – „Das ist nicht weiter ungewöhnlich, um nicht zu sagen, das ist ihre Aufgabe.“ – „Ja, aber nicht so.“ – „Wie denn?“

Wir tasten uns heran. „Sie leuchtet die ganze Nacht.“ – „Auch das ist nicht weiter ungewöhnlich.“ – „Nein, aber sie leuchtet in mein Schlafzimmer.“ – „Verstehe ich Sie richtig, vor Ihrem Schlafzimmerfenster ist ein Straßenbeleuchtungskörper, der während der gesamten Nacht aktiviert ist?“ – „Wie bitte?“ – „Ich meine, Sie rufen an, weil die Laterne, wie Sie es nennen, die ganze Nacht brennt.“

„Ja, genau. Genau das tut sie.“ – „Und weswegen rufen Sie an?“ – „Genau deshalb. Weil sie brennt. Die ganze Nacht. Vor meinem Schlafzimmerfenster.“ – „Das ist ihre Aufgabe. Die ganze Nacht oder zumindest während der dunklen Phase durchgehend zu leuchten.“ – „Schon. Aber sie leuchtet in mein Schlafzimmerfenster.“ – „Das sagten Sie schon.“

„Verstehen Sie denn nicht?“ – „Nein.“ – „Ich kann nicht schlafen. Und wissen Sie warum?“ – „Nein.“ – „Weil mir die Straßenlaterne ins Schlafzimmer scheint und es hell ist.“ – „Haben Sie es schon mal mit einem Rollo probiert? Oder einem Rollladen, einer Jalousie oder sonstiger Verdunkelung?“

„Ja, aber das ist nicht dasselbe. Ich möchte ja Licht haben. Nur nicht so viel. Und nicht von der Straßenlaterne.“ – „Die lässt sich aber nicht dimmen.“ – „Gilt hier nicht auch das Verursacherprinzip?“ – „Verursacherprinzip?“

„Wenn irgendwas Störungen verursacht und mehrere Bürger sind betroffen und gestört. Dann muss sich doch nicht jeder Bürger einzeln schützen. Sondern man entfernt den Verursacher, in diesem Fall die Straßenlaterne.“ – „Die kann man nicht einfach entfernen. Dafür müssen Sie einen Antrag stellen und einen Verwaltungsakt einleiten.“

„Verwaltungsakt einleiten? Das hört sich kompliziert an.“ – „Kompliziert vielleicht nicht, aber ich vermute mal, dass es seine Zeit braucht. Wenn es überhaupt positiv ausgeht. Ich will Ihnen mal sagen, wer alles beteiligt ist.“ – „Das interessiert mich eigentlich nicht. Ich möchte es ja nur dunkel haben.“

„Das sehen Sie etwas zu einfach. Ihr Antrag wird von einem Sachbearbeiter geprüft, dann im Bauausschuss besprochen, an den Haupt- und Finanzausschuss weitergereicht, der ihn mit dem Bauamt diskutiert. Weiter geht es an den Bauhof, der mit dem Subunternehmer Kontakt aufnimmt. Das muss dann amtlich eingemessen, geplant und baulich umgesetzt werden.“

„Nein, oder? Nur, damit es in meinem Schlafzimmer dunkel wird?“ – „Genau. Aber wissen Sie, ich bin bürgernah, es gibt noch einen Alternativweg.“ – „Warum sagen Sie das nicht gleich?“ – „Sie melden ein Gewerbe an.“ – „Ich soll was?“ – „Ein Gewerbe anmelden. Haben Sie Kinder?“ – „Ja.“ – „Und Ihre Partnerin ist die Mutter?“ – „Ja.“

„Dann haben wir es ja schon. Ihre Frau meldet einfach ein Gewerbe für erotische Dienstleistungen an. Das Geschäft funktioniert, das können Sie ja mit den eigenen Kindern beweisen und Sie sind dann der einzige Kunde Ihrer Frau. Was halten Sie davon?“

„Was hat das mit der Straßenbeleuchtung zu tun?“ – „Gemäß Bebauungsplan ist eine zweckgebundene Beleuchtungsanpassung möglich. In Ihrem Fall wäre das dann rotes Licht. Und wenn Sie dann die Fenster mit grünen Scheiben versehen ist es bei Ihnen so dunkel wie Sie es sich wünschen. Und tagsüber haben Sie es immer schön grün. Das ist doch eine phantastische Lösung.“

Mein Gesprächspartner muss das erst mal auf sich wirken lassen. Angestellte im öffentlichen Dienst mit bürgernahen und pragmatischen Lösungen ist er nicht gewöhnt. Ich kann geradezu hören, wie er denkt, dann schließlich: „Ich will es mir mal durch den Kopf gehen lassen. Vor allem, was meine Frau dazu sagt.“

„Machen Sie das“, sage ich, „ich hoffe, ich konnte Ihr Anliegen zufriedenstellend lösen. Bleiben Sie doch bitte nach diesem Gespräch noch kurz in der Leitung, es gibt eine Befragung zur Anruferzufriedenheit.“

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01 Mai 2026

Haben Sie den auch koffeinfrei?

Dieser Ausblick auf die Fußgängerzone. Vorübereilende Passanten, Junge, Alte, Mütter mit Kinderwagen. Paare ins Gespräch vertieft, mit oder ohne Einkaufstaschen. Am liebsten junge Frauen, die die Straße als Laufsteg nutzen und sich präsentieren.

Das wackelige Bistrotischchen gehört dazu. Ich weiß nicht, warum die Dinger wackeln müssen, eigentlich immer. Oder wenn sie stabil stehen, weil sie nur drei Beine haben, dann stehen sie so schief, dass man Angst um die Getränke haben muss. Im obligatorischen Halter ist eine zerfledderte Speisekarte festgeklemmt und entgeht so der Gefahr vom Tisch herunterzurutschen.

Ich blättere darin herum. Frühstück geht um diese Uhrzeit nicht mehr, aber ich habe keinen großen Hunger für eine normale Mahlzeit. Also eine Kleinigkeit oder besser im Moment erst mal gar nichts. Andererseits ist der Ausblick schön, irgendwas muss ich bestellen.

Haben Sie den auch koffeinfrei
„Einen ‚Latte macchiato‘ bitte. Haben Sie den auch in koffeinfrei?“ Der Kellner schaut mich bedächtig an. „Also, normalerweise nicht. Aber ich frage mal nach.“ Er verschwindet, ich betrachte weiter den Strom der Einkaufswilligen, genieße die Sonne und lehne mich auf dem unbequemen Bistrostuhl zurück.

„Ja“, strahlt mich der Kellner an, „wir können Ihnen den Latte macchiato auch in koffeinfrei zubereiten. Haben Sie daneben noch einen Wunsch?“ – „Wo sie so fragen: Ja, ich hätte gerne dazu noch ein Glas Wasser und einen doppelten Espresso. Zum Wachbleiben, verstehen Sie? Und ein Kissen für meinen Stuhl wäre prima.“

Der Angestellte nickt. Ich glaube, eigentlich würde er lieber den Kopf schütteln, aber er zückt nur sein Notizbüchlein und notiert meine Bestellung, Tisch 11. Er dreht sich schon weg, dann fragt er doch noch mal nach: „Also einen koffeinfreien Latte macchiato und einen koffeinhaltigen Espresso zum Wachbleiben, habe ich das richtig verstanden?“

„Nein“, sage ich, „nein, ein doppelter Espresso, sonst wird das doch nichts mit dem Wachbleiben.“ – „Sollen wir den Latte macchiato nicht direkt mit Koffein bereiten, dann bleiben Sie wach und brauchen keinen separaten doppelten Espresso?“

„O-m-g“ stoße ich hervor, „oh mein Gott. Das ist was völlig anderes. Der Magen verstoffwechselt den Latte macchiato mit seiner Milch völlig anders. Der übliche Grenzwert für Koffein von zweihundert Milligramm gilt da nicht und führt langfristig zu Herz- und Hirnproblemen. Haben Sie mal beobachtet, was aus Menschen wird, die jahrelang Latte macchiato trinken?“

Irritierte Antwort: „Nein, habe ich nicht. Ich wusste auch gar nicht, dass es Grenzwerte und Schäden gibt. Wollen Sie denn überhaupt den doppelten Espresso, oder wollen Sie nicht lieber einen Mittagsschlaf halten, ich bringe Ihnen eine Decke.“

Ich schaue ihn lange und durchdringend an. „Sie sind wirklich ein aufmerksamer Mensch, dem seine Kunden nicht egal sind. Ja, bringen Sie mir den Latte macchiato, ein Kissen, die angebotene Decke und vielleicht können Sie mir auch den Tisch dort drüben geben, sobald er frei wird. Ich glaube, da kann ich besser einschlafen.“

Ein perfekter Tisch, eingemummelt in eine weiche Decke und zwischen dem Schlummern immer mal ein Blick auf das bunte Treiben auf der Straße. Und kein Kellner, der mich ständig wegen einer Nachbestellung anspricht.

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24 April 2026

Einmal das Übliche, bitte!

Verlängerte Wochenenden laden dazu ein, eine neue Gegend oder Stadt zu erkunden. Mal ist es eine Metropole, mal ein urbaner Bereich, den ich ein wenig kennenlernen möchte. Fotopirsch ist dann angesagt, Flanieren über die Fußgängerzone, durch Gässchen, verstohlener Blick in Hinterhöfe.

Und dann die Nagelprobe. Ein Restaurantbesuch, neugierig auf andere Küchenangebote, anderes Ambiente oder auch andere Zubereitung. Wir sitzen am Tisch, die Bedienung hat die Speisekarte gebracht, noch mal über den Tisch gewischt und das Besteck zurechtgerückt. Ohne das Essensangebot genauer zu betrachten winke ich die Angestellte heran.

Einmal das Übliche bitte
„Einmal das Übliche bitte. Auch für meine Frau.“ Die Bedienung sieht mich an, grübelt und sucht offensichtlich in ihrem Gedächtnis, was sie für mich in der Küche ordern soll. „Es tut mir leid, ich kann mich nicht erinnern, was Sie sonst bestellen. Vielleicht hat eine Kollegin Sie bedient?“

„Ach herrje“, seufze ich. „Das ist ja wirklich ein wenig enttäuschend. Als regelmäßiger Gast weiß ich Ihre Küche zu schätzen, aber mit dem Service hapert es ein wenig. Dann nehmen Sie erst mal die Getränke auf und dann schicken Sie Ihre Kollegin, die hilft uns hoffentlich in gewohnter Qualität weiter.“

Die junge Frau bringt Wasser und Wein, dann: „Meine Kollegin ist heute leider nicht da, aber vielleicht können Sie mir einfach das gewünschte Menü von der Karte nennen, gerne gebe ich es dann bevorzugt an die Küche weiter.“

„Liebling“, sagt meine Frau, „Liebling, das junge Ding tut was sie kann. Ist halt heute nicht ganz wie sonst. Aber sie kann doch einen ‚Gruß aus der Küche‘ bringen, während wir auf das Menü warten.“ – „Ja“, wende ich mich einlenkend zu ihr, „so können wir es machen.“ Und weiter zur Bedienung: „Bitte wie üblich eine Kleinigkeit aufs Haus vorneweg und dann bringen Sie noch mal die Karte. Oder besser noch: Haben Sie eine Empfehlung für uns?“

„Von unserer Tageskarte kann ich Ihnen heute…“ – „Nein, stopp!“ unterbreche ich sie. Nicht die Tageskarte, da haben wir schlechte Erfahrungen gemacht. Irgendwelche Mahlzeiten, die sonst nicht mehr rausgegeben werden können zu überhöhten Preisen. Aber die Masche machen wir nicht mit.“

Unsere Bedienung ringt nach Fassung. „Dann sollten Sie unser Rinderfilet auf Brokkoli in einer leichten Rotweinsauce mit getrüffelten Kartoffeln nehmen.“ – „Um Gottes Willen“, meine Frau schaltet sich ein, „nichts mit Trüffeln. Und überhaupt, dunkles Fleisch ist für den Cholesterinwert absolut schlecht. Denken Sie doch auch mal an die Gesundheit Ihrer Gäste.“

„Fisch“, haucht das Mädchen, „dann sollten Sie unseren Heilbutt probieren. Er wird mit einer Mousse von Rote Beete serviert, Zitronenreis umlegt mit Anisdip.“ – „Heilbutt?“ stöhnt meine Frau, „Heilbutt ist wegen Überfischung stark gefährdet. Sagen Sie, das ist ja alles ein wenig kopflos hier. Ist Nachhaltigkeit denn überhaupt kein Thema?“

 „Das kriegen wir gerettet“, sage ich beschwichtigend, und an die Bedienung gewendet: „Wenn Sie die Rote Beete gegen Prinzessbohnen tauschen, anstelle des Heilbutts können wir Dorsch nehmen. Wobei ich dann Polenta vorziehen würde.“ Zu meiner Frau: „Schatz, was meinst du?“ 

„Wir können es probieren.“ Meine Frau ist jetzt kurz angebunden, demonstriert ihre Unzufriedenheit mit Service, Komposition und Beratung. „Bringen Sie erst mal die amuse gueule. Und den Wein. Gerne auch schnell. Sagen Sie, ist der Chef heute eigentlich auch nicht da?“

Die Bedienung zuckt zusammen, versichert, alles zügig und zu unserer Zufriedenheit in Auftrag zu geben. Tatsächlich kommt nach wenigen Augenblicken ein geradezu üppiger Vorspeisenteller aus verschiedenen Tapas und Brotsorten. Der Wein ist prima, wir lassen es uns gutgehen.

Dann der Hauptgang. Liebevoll ist der Dorsch auf den Prinzessbohnen angerichtet, flankieren Röschen aus Polenta den See aus Anisdip. Wir schlagen zu, lassen den Fisch auf der Zunge zergehen, befeuchten den Gaumen mit dem Wein und unterbrechen das Geschmackserlebnis nur mit kurzen Ausflügen in den Brotkorb.

Die Mahlzeit ist fortgeschritten, da winke ich unsere Bedienung heran. „Die Küche hat sich Mühe gegeben, wenn Sie wissen, was ich damit sagen will. Mühe geben ist gut, aber gelungen ist etwas anderes. Wir verzichten auf diesen Gang, Sie können abräumen. Wir gehen direkt zum Kaffee mit diesen Törtchen aufs Haus über, die der Chef uns sonst kredenzt.“

Diesmal hat sie mich sofort verstanden, mit wenigen Handgriffen ist der Tisch leer, der Kaffee steht da, vor jedem von uns ein Törtchen und ohne weitere Anforderung auch die Rechnung. Gott sei Dank muss ich nicht diskutieren, dass sie sich schon glücklich schätzen können, dass ich immerhin den halbausgetrunkenen Wein bezahle. Und in einer Geste der Großzügigkeit auch den Kaffee übernehme.

„Siehst du“, sage ich zu meiner Frau im Hinausgehen, „das ist mal wieder ein Beispiel für gehobene Gastronomie mit Potential. Wenn sie nur nicht an der falschen Stelle sparen würden.“

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