Zurückgezogen in der Lounge habe ich so eine Art Beobachterposten bezogen. Ich wundere mich über den ruhigen Ablauf trotz zahlreicher Patienten, ebenso aber auch über das Telefon, das von Zeit zu Zeit läutet, ohne abgenommen zu werden. Gelegentlich schleppen sich Patienten über den Flur, in einigen Fällen in Begleitung ihres Besuches.
Gerade kommt ein Mann vorbei, im Schlepptau ein etwa sechsjähriges Mädchen, vermutlich seine Tochter. Sie hat ein silbernes Kleidchen mit einer rosa Schleife an, Locken, strahlt. Und da höre ich schon die Stimme einer Schwester „Möchtest du ein Eis?“ Der Vater wiegelt ab, aber die Schwester bleibt hartnäckig dran, ich höre schnelle Schritte hin und her, das Mädchen quietscht vergnügt und mit einem „Du bist so süß!“ wird die Kaltspeise übergeben.
Cut. Ein paar Jahre sind ins Land gegangen. Das Mädchen ist jetzt zehn Jahre alt. Es strahlt immer noch, weiß um seine einnehmende Außenwirkung, muss zwar jetzt nach Eis fragen, aber das wird ohne lange Diskussion herbeigeholt. Einfach so, auch wenn es eigentlich nicht vorgesehen ist. Frauen sind genauso fasziniert wie Männer, auch wenn noch keine Sexualität in ihrem Verhalten steckt.
Erneuter Zeitsprung. Wir sehen das Mädchen in der Pubertät wieder. Sie ist sich ihrer Strahlkraft bewusst, kokettiert und setzt ihre Reize bei jeder Gelegenheit ein, sofern es ihr hilfreich erscheint. Männer um den Finger zu wickeln, Frauen auszustechen und sich ein Ergebnis auch mal auf unlauterem Wege zu verschaffen treibt sie zur Perfektion.
Mittlerweile ist sie eine junge Frau, hat einen festen Partner, gelegentlich gibt es in beiden Richtungen Diskussionen hinsichtlich Treue und damit verbunden Eifersuchtsanfällen. Eis isst sie nicht mehr, um ihre Figur zu halten, auch eine Schwangerschaft kann sie sich unter diesem Gesichtspunkt nicht vorstellen. Gewohnt alle Wünsche erfüllt zu bekommen hat es ihr Gefährte ziemlich schwer.
Midlife-Crisis. Die vielen Enttäuschungen mit missratenen Partnerschaften haben Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Viele der jungen Dinger um sie herum werden bevorzugt, Männer kommen nur unverbindlich für ein paar Monate vorbei, suchen die Abwechslung mit ihr, finden übertriebenen Anspruch vor und sind dann wieder weg. An eine Zeit, in der sie einfach so ein Eis bekommen hat, kann sie sich kaum noch erinnern.
Was das bloß ausgelöst hat, fragt sie sich. Wer mag schuld sein, dass ihre Mitmenschen auf Abstand gehen, das Leben spürbar schwerer wird. Ja, das mag ein Teil des Alterns sein, die Haut verliert ihre jugendliche Frische und bekommt Fältchen. Doch viel schlimmer ist das Ende der Strahlkraft, der unbekümmerten Lebensfreude, der gezielte Einsatz von Reizen, die langsam verblassen.
Plopp. Ich bin zurück auf der Krankenstation, springe auf, um die Sechsjährige noch mal zu sehen. Aber sie ist schon an der Hand ihres Vaters den Flur entlang gelaufen und verschwindet gerade aus meinem Blickfeld.
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