21 August 2026

Mein Mähroboter (ist auch nur ein Mensch)

"Guten Tag, herzlich willkommen!" erklärt mir eine blecherne Stimme. Vermutlich hat ein chinesischer Softwareentwickler eine Stimme ausgewählt, die in seinen Ohren freundlich klingt, für europäische Verhältnisse aber eher wie die Ansage einer Fitnesstrainerin daherkommt. Einen Moment herrscht Ruhe, bis die Morgenversammlung der Bits und Bytes beendet ist und sie sich vor Beginn ihrer Tagesarbeit vor dem Kunden verbeugen. Der Kunde bin ich, denn: "Vielen Dank, dass Sie sich für ein Produkt von MOVA entschieden haben."

Ganz früher, da hat man den Rasenmäher aus der Garage geholt und ihn mit der eigenen Muskelkraft über die hervorstehenden Halme geschoben. Dann kamen motorgetriebene, aber von Menschenhand gesteuerte Mäher, mal mit Benzinmotor, mal mit Elektromotor, wahlweise kabelgebunden oder mit Akku. Und jetzt das. Ein plapperndes Gerät, das sich wie ein unterwürfiger Diener aufführt. "Der Roboter muss sich initialisieren, bitte warten Sie einen Moment."

Offensichtlich war die Morgenversammlung doch noch nicht abgeschlossen. Meine Gedanken schweifen zum Krankenhaus. Wenn das Pflegepersonal weit vor der Frühstückszeit zusammensitzt, abwechselnd rauchend und schwatzend, dann darf man sie auch nicht stören, muss auch einen Moment warten. Meine Gedanken kommen zurück zum Roboter, "Die Initialisierung ist abgeschlossen", jetzt kann es losgehen. Doch nichts passiert. Keine Anzeichen, dass mein Roboter sich in Bewegung setzt. Längst hätte ich mit einem Handmäher die ersten Halme gekappt, schon mal die Rasenkante bearbeitet.

Mein Mähroboter ist auch nur ein Mensch

Laut Anleitung soll das Gerät ja auch Sprachbefehle verstehen. Vielleicht ist das ein bisschen wie bei einem Hund, den man mit "Sitz", "Platz", "Fuß" instruieren und steuern kann. Ich versuche es mit "Start!", aber entweder ist das nicht das richtige Wort, vielleicht ist er auch abgelenkt oder will gar nicht auf mich hören. Ein Blick in die Bedienungsanleitung hilft weiter, ich muss erst eine Karte anlegen, sonst geht gar nichts.

Ach so, ja. Eine Karte anlegen natürlich. Darauf hätte ich ja kommen können. Ich schaue den Roboter an, ein wenig habe ich den Eindruck, dass er erwartungsvoll zurückschaut. Vielleicht sogar ein wenig neugierig. Keine Ahnung.

Wieder muss ich an Hundebesitzer denken. Bei manchen hat man ja den Eindruck, dass der Hund mit Herrchen oder Frauchen Gassi geht, nicht umgekehrt. Und so ist es hier auch. Wie von einer höheren Macht instruiert laufe ich mit meinem iPhone in der Hand hinter dem kleinen Burschen her, sorge dafür, dass er auf dem rechten Pfad bleibt und nicht etwa an den Blümchen im Beet schnuppert oder sich mit den Büschen am Wegesrand anlegt. Wie ein Zicklein weicht er aus, lässt sich nicht immer für das Rasenmähen gewinnen und interessiert sich in wilden Sprüngen auch mal für die Mulchabdeckung neben dem Gras.

"Kartierung abgeschlossen", meldet sich nun der Roboter, "Akku schwach. Ladestation wird angefahren." Und wenig später, nachdem er sich in sein Häuschen verzogen hat: "Ladevorgang gestartet." Ich bin ein wenig hin- und hergerissen, einerseits freue ich mich, wie redselig er mich über seinen Zustand informiert. Wie es ihm geht, was er vorhat, was gerade mit ihm passiert. Andererseits ist es schon erstaunlich, dass er erst mal ein Ladepäuschen machen muss, bevor er seine Arbeit beginnt. Aber was soll's, Zeit spielt keine Rolle, irgendwann wird er anfangen und noch irgendwanner wird er dann fertig sein.

Eine halbe Stunde später gehe ich mal nach ihm schauen. "Vielen Dank, dass Sie sich für ein Produkt von MOVA entschieden haben", begrüßt er mich freundlich und tatsächlich scheint diese Freundlichkeit von innen zu kommen, denn schon nach wenigen Anläufen verbindet er sich per Funk mit der App. Dort strahlt mich ein Smiley an, in tadellosem Deutsch bekomme ich mitgeteilt, dass ich den Mähvorgang nun starten, die Optionen einstellen oder einen Zeitplan erstellen kann. Ich bin neugierig und entscheide mich für das Starten des Mähvorgangs.

Nach einer kurzen Orientierung ("Die Initialisierung ist abgeschlossen. Der Mähauftrag wird ausgeführt") setzt er sich in Bewegung, zunächst eher zaghaft, dann immer schneller, um an einem offensichtlich von höherer Intelligenz festgelegten Punkt abrupt anzuhalten, "Der Mähvorgang wird gestartet" und nach einem leisen Piepser mit raschelndem Geräusch sein Messerwerk in Betrieb zu nehmen und eine akkurate gerade Bahn bis zum Ende der Rasenfläche zu kürzen.

Ich schaue ihm zu, wie man einem jungen Tier beim Spielen zuschaut. Ein Sausen über die Fläche, Abbremsen vor Hindernissen, Wenden am Rand und im Schweinsgalopp zurück parallel zur bereits gemähten Bahn. Eine göttliche Instanz betätigt fortwährend Brems- und Gaspedal, scheint am Lenkrad zu drehen und bahngerecht zu mähen, was zu mähen ist. Goethe kommt mir in den Sinn, der Zauberlehrling bin ich, der Besen, der Wasser holt und immer emsiger mit seinen Eimern beginnt, mein Grundstück zu fluten. Erst durch Rückkehr des Meisters kommt die ausufernde Aktion des Werkzeugs zu einem kontrollierten Ende. Ob der Besen seinerzeit auch einen Akku hatte?

Es würde mich nicht wundern, wenn er gleich noch ein lustiges Liedchen anstimmte, was den Chinesen an Erfahrung mit Maschinenbau abgeht, das gleichen sie mit Einfallsreichtum bei der Software aus. Und anders als Amerikaner wissen sie vielleicht, dass unser Bundeskanzler nicht Adolf Hitler heißt und nicht alle Deutschen 'Hoch auf dem gelben Wagen' singen.

Doch nichts dergleichen. Er hoppelt hin und her, meldet brav seinen Fortschritt an meine App und macht weder Mittags- noch Sonnenpäuschen. Lediglich der Akku... aber das hatten wir ja schon. Ich ziehe mich ins Haus zurück, er soll sich unbeobachtet fühlen. Heimlich schaue ich doch auf das Display meines iPhones, sehe ihn dort seine Bahnen ziehen und verfolge im Protokoll, wie er gut vorankommt. Doch was ist das? "Roboter festgefahren."

Im Eilschritt laufe ich hinaus, ja, tatsächlich, er hängt mit zwei Rädchen im Beet, hat offensichtlich mit allerlei Manövern versucht, wieder freizukommen, doch jetzt geht gar nichts mehr. Ich nehme ihn bei seinem Bügel, was er sogleich mit "Der Roboter wurde angehoben. Bitte prüfen." quittiert. Gleich nochmal: "Der Roboter wurde angehoben. Bitte prüfen." Ja, ja, ich weiß, aber wie soll es denn sonst gehen? Raus aus dem Beet, wieder auf seinem Rasen. Er dreht sich eine Weile um seine Achse, orientiert sich mit den Worten "Die Initialisierung ist abgeschlossen. Der Mähvorgang wird fortgesetzt." und fährt mit Anlauf wieder ins Beet.

"Mein Gott", sage ich, "kannst du dir nicht merken, dass Rasen Rasen und Rindenmulch Rindenmulch ist?" Aber wie ein trotziges Kind wühlt er unverdrossen in den braunen Spänen, lässt sich (mit den gewohnten Kommentaren) wieder auf den Rasen heben und macht wieder seine Dreheinlage. Und diesmal scheint er es doch gelernt zu haben, erkennt die Rasenkante, mäht schön knapp an ihr entlang und würdigt das Beet keines Blickes.

Ich bleibe in der Nähe. "Befahren der Beete verboten, Eigentümer haften für ihre Roboter." Einmal wird es noch knapp, fast denke ich, ich müsste wieder einschreiten, aber nur ein Rädchen touchiert den Mulch und dann geht es auf dem Rasen weiter. Uff. Ein letzter Blick auf sein bisheriges Werk, hoffentlich bleibt er auf dem Grün der Tugend, auch wenn ich nicht in der Nähe bin.

Sorgfältig ist er, macht seine Arbeit hier und dort, manchmal kann ich die Logik nicht erkennen, aber nach rund fünf Stunden zeigt die App eine komplett gemähte Fläche an und der Roboter meldet sich mit "Mähauftrag abgeschlossen" zurück. Ich kontrolliere noch mal seine Arbeit, doch, das hat er gut gemacht, das mit dem Rand muss ich im Auge behalten, aber grundsätzlich würde ich ihn auch als Schwiegersohn aufnehmen.

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