31 Juli 2026

Bilderreise - Teil 5: Ballett der unausgeschlüpften Küken

Bilderreise - Teil 5: Ballett der unausgeschlüpften Küken

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Blüte in Fragmenten

Sandra Gleitsmann: Blüte in Fragmenten

Auf den ersten Blick sehen wir eine Blume.

Ein Motiv, das in der Kunst seit Jahrhunderten für Schönheit, Wachstum und Lebenskraft steht.

Doch diese Blüte entfaltet sich nicht in weichen natürlichen Formen. Sie setzt sich aus unzähligen Facetten zusammen, aus Fragmenten, die sich zu einem Ganzen fügen und zugleich ihre Eigenständigkeit bewahren.

Gerade darin liegt für mich die besondere Spannung dieses Bildes.

Die Blume erscheint lebendig und kraftvoll, und doch wirkt sie, als wäre sie in ihre Einzelteile zerlegt worden. Das Vertraute bleibt erkennbar, aber es hat seine Selbstverständlichkeit verloren.

Vielleicht erzählt das Bild damit auch etwas über unsere Zeit.

Wir erleben die Welt selten als geschlossenes Ganzes. Informationen, Bilder, Erinnerungen und Erfahrungen erreichen uns in vielen einzelnen Fragmenten. Oft versuchen wir erst im Nachhinein, daraus einen Zusammenhang zu formen.

Und doch entsteht aus diesen Bruchstücken etwas Neues.

So wie aus den vielen polygonalen Flächen eine Blüte entsteht, entsteht auch aus den einzelnen Erfahrungen unseres Lebens etwas, das wir Identität nennen.

Das Bild bewegt sich zwischen Gegensätzen: zwischen Natürlichkeit und Konstruktion, zwischen Gefühl und Analyse, zwischen organischem Wachstum und geometrischer Ordnung.

Es entscheidet sich nicht für eine Seite.

Vielleicht liegt gerade darin seine Schönheit.

Denn das Leben selbst ist selten vollkommen und selten widerspruchsfrei.

Es besteht aus Fragmenten, die sich immer wieder neu zusammensetzen.

Und manchmal erkennen wir erst mit etwas Abstand, dass gerade diese Fragmente das Ganze ausmachen.
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Mussorgsky: Ballett der unausgeschlüpften Küken

Viktor Hartmann: Ballett der unausgeschlüpften Küken
Nach den stillen Erinnerungen des alten Schlosses führt uns Mussorgsky nun in eine ganz andere Welt.

Sein „Ballett der unausgeschlüpften Küken“ entstand nach einem Bühnenentwurf für das Ballett „Trilby“ für Kinder in Kükenkostümen.

Die Musik ist leicht, verspielt und voller Bewegung.

Doch hinter ihrer Heiterkeit verbirgt sich ein Gedanke, der gut zu diesem Bild passt.

Die Küken sind noch nicht geschlüpft.

Sie befinden sich in einem Zustand des Werdens.

Ihre endgültige Gestalt ist noch nicht sichtbar.

Auch die Blüte vor uns erscheint nicht als vollkommene, abgeschlossene Form.

Sie setzt sich aus vielen einzelnen Teilen zusammen.

Und dennoch entsteht daraus etwas Lebendiges.

So erzählen Bild und Musik auf unterschiedliche Weise von Entwicklung und Entfaltung.

Von der Kraft des Lebens, die bereits spürbar ist, bevor sie ihre endgültige Form gefunden hat.

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Der Klang: Ballett der unausgeschlüpften Küken


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24 Juli 2026

Bilderreise - Teil 4: Das Alte Schloss

Bilderreise Teil 4: Das Alte Schloss

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Zarte Erinnerung

Sandra Gleitsmann: Zarte Erinnerung

Manche Bilder erzählen eine Geschichte. Andere wecken Erinnerungen, von denen wir vielleicht gar nicht wussten, dass wir sie noch in uns tragen.

„Zarte Erinnerung“ gehört für mich zu diesen Bildern.

Das Mädchen richtet seinen Blick nicht auf die Welt um sich herum. Es scheint vielmehr einem Gedanken nachzuhängen, der sich unserem Blick entzieht. Gerade dadurch entsteht eine besondere Nähe. Wir beobachten keine Handlung, kein Ereignis und keinen dramatischen Moment. Wir begegnen einer Stimmung.

Vielleicht kennen wir solche Augenblicke aus unserem eigenen Leben. Momente, in denen die Gegenwart für einen Augenblick stillzustehen scheint und etwas Vergangenes in uns auftaucht. Nicht als klare Erinnerung mit scharfen Konturen, sondern eher wie ein leiser Nachhall.

Erinnerungen verhalten sich selten wie Fotografien. Mit der Zeit verblassen Einzelheiten, während die Gefühle oft erstaunlich lebendig bleiben. Man erinnert sich nicht mehr an jedes Wort, nicht mehr an jeden Ort, aber an die Wärme eines Sommers, an einen Blick, an einen Augenblick des Glücks oder der Traurigkeit.

Vielleicht berührt uns dieses Bild gerade deshalb so unmittelbar. Es versucht nicht, etwas zu erklären. Es drängt sich nicht auf. Es lässt Raum für das, was jeder Betrachter selbst mitbringt.

Die Ruhe des Bildes erzählt von Unschuld, seine Sanftheit von Vergänglichkeit. Doch darin liegt nichts Bedrohliches. Im Gegenteil: Vielleicht werden manche Dinge gerade deshalb kostbar, weil sie nicht bleiben.

So wird „Zarte Erinnerung“ zu einem stillen Gedicht aus Licht und Schatten – und zu einer Einladung, den eigenen Erinnerungen für einen Moment zu begegnen.

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Mussorgsky: Das Alte Schloss

Viktor Hartmann: Das Alte Schloss
Auch Mussorgskys nächstes Werk führt uns in eine Welt der Erinnerung.

„Das Alte Schloss“ gehört zu den ruhigsten und poetischsten Stücken der gesamten Suite.

Die Musik entstand nach einer Zeichnung eines alten Schlosses.

Vor diesem Schloss steht ein Sänger, dessen Lied wie eine Stimme aus längst vergangener Zeit klingt.

Es geht dabei weniger um ein Gebäude als um eine Stimmung.

Um das Gefühl, dass Vergangenes plötzlich wieder gegenwärtig wird.

Darin begegnen sich Bild und Musik.

Beide laden uns ein, für einen Moment still zu werden.

Beide erzählen von der Schönheit dessen, was nicht festgehalten werden kann.

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Der Klang: DasAlte Schloss


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17 Juli 2026

Bilderreise - Teil 3: Samuel Goldenberg und Schmuÿle

Ein Sommergarten voller Kunst 2026

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht.
Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen. 

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Innenwelten (Duett)

Sandra Gleitsmann: Innenwelten (Duett)

„Innenwelten“ zeigt zwei Menschen in großer körperlicher Nähe.

Und doch erzählt das Bild nicht von Harmonie allein.

Die beiden Figuren berühren sich, aber sie verschmelzen nicht. Jede bleibt erkennbar als eigenes Wesen mit einer eigenen Geschichte, einer eigenen Verletzlichkeit und einer eigenen inneren Welt.

Gerade darin liegt die besondere Spannung des Bildes.

Oft sprechen wir von Nähe, als wäre sie das Gegenteil von Distanz. Doch jede Beziehung bewegt sich zwischen diesen beiden Polen. Wir können einem Menschen sehr nahe sein und dennoch niemals vollständig wissen, was in ihm vorgeht.

Die Künstlerin macht diesen Gedanken sichtbar.

Die Körper werden zu Leinwänden innerer Landschaften. Farben, Formen und organische Strukturen scheinen Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen anzudeuten, die sich nicht in Worte übersetzen lassen.

Gleichzeitig begegnen sich die beiden Figuren auf Augenhöhe.

Sie wirken verletzlich und stark zugleich.

Vielleicht erinnert uns das Bild daran, dass wahre Nähe nicht bedeutet, den anderen vollständig zu verstehen.

Sondern anzuerkennen, dass in jedem Menschen ein Bereich bleibt, der nur ihm selbst gehört.

So erzählt „Innenwelten“ nicht von Verschmelzung, sondern von Begegnung.

Von zwei eigenständigen Welten, die sich für einen Moment berühren.

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Mussorgsky: Samuel Goldenberg und Schmuÿle

Viktor Hartmann: Samuel Goldenberg und Schmuÿle

Auch im nächsten Werk begegnen wir zwei Stimmen.

In Mussorgskys Musik treten Samuel Goldenberg und Schmuÿle einander gegenüber.

Die beiden Figuren könnten unterschiedlicher kaum sein.

Die eine Stimme wirkt ruhig, kraftvoll und bestimmt.

Die andere erscheint lebhafter, fragender und unruhiger.

Doch die Musik lebt nicht vom Gegensatz allein.

Sie lebt vom Dialog.

Erst im Zusammenspiel entsteht das ganze Bild.

Darin liegt eine schöne Verbindung zu „Innenwelten“.

Auch hier geht es um zwei Individuen, die einander begegnen.

Um Nähe und Unterschied.

Um die Spannung zwischen Eigenständigkeit und Verbundenheit.

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Der Klang: Samuel Goldenberg und Schmuÿle


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10 Juli 2026

Bilderreise - Teil 2: Gnomus

Ein Sommergarten voller Kunst 2026

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht.
Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen. 

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Das Maskenspiel

Sandra Gleitsmann: Das Maskenspiel

„Das Maskenspiel“ handelt auf den ersten Blick von einer Maske.

Doch je länger man das Bild betrachtet, desto deutlicher wird, dass die eigentliche Frage nicht lautet, wer sich hinter der Maske verbirgt, sondern warum wir überhaupt Masken tragen.

Die Maske wirkt zugleich schützend und verstörend. Sie verdeckt das Gesicht, lenkt unseren Blick aber paradoxerweise erst recht auf das, was verborgen bleibt.

Damit berührt das Bild eine sehr menschliche Erfahrung.

Schon früh lernen wir, unterschiedliche Rollen einzunehmen. Wir verhalten uns anders als Kind, als Freund, als Partner, als Berufstätige. Manche dieser Rollen geben uns Sicherheit. Andere engen uns ein. Wieder andere übernehmen wir so selbstverständlich, dass wir sie kaum noch bemerken.

Das Bild macht diesen Widerspruch sichtbar.

Die Figur erscheint verletzlich und zugleich selbstbewusst. Die feinen Stoffe, die Federn und die beinahe theatralische Inszenierung verleihen ihr etwas Festliches. Doch die groben Nähte auf der Maske erzählen eine andere Geschichte.

Sie wirken wie Spuren von Brüchen, Erfahrungen und Verletzungen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Spannung des Werkes:

Dass Identität nicht etwas Fertiges ist, das sich einfach enthüllen lässt.

Sondern etwas, das entsteht, sich verändert und manchmal auch mühsam zusammengesetzt werden muss.

So wird die Maske nicht nur zum Symbol des Verbergens.

Sie wird zugleich zum Symbol der Suche nach dem eigenen Ich.

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Die Musik: Gnomus

Viktor Hartmann: Gnomus
Auch Mussorgskys „Gnomus“ begegnet uns nicht mit Klarheit.

Die Figur des Gnoms wirkt rätselhaft, sprunghaft und schwer zu greifen.

Mal erscheint sie verspielt.

Dann wieder unruhig oder sogar verstörend.

Ähnlich wie die Maske in diesem Bild zeigt auch die Musik nicht alles auf den ersten Blick.

Sie lässt uns bewusst im Ungewissen.

Beide Werke spielen mit dem Verborgenen.

Mit dem, was wir zu erkennen glauben, und dem, was sich unserem Blick entzieht.

Vielleicht liegt gerade darin ihre Verbindung:

Dass sie uns daran erinnern, wie vielschichtig Identität sein kann.

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Der Klang: Bilder einer Ausstellung


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03 Juli 2026

Bilderreise - Teil 1: Promenade

Ein Sommergarten voller Kunst 2026

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. 
Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen. 

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Treppenschritte

Sandra Gleitsmann: Treppenschritte
„Treppenschritte“ erzählt von einem Weg.
Bemerkenswert ist dabei, dass das Bild unsere Aufmerksamkeit nicht auf ein Ziel lenkt. Es interessiert sich nicht für den Ort, an dem die Bewegung endet, sondern für die Bewegung selbst.

Die mehrfach dargestellte Figur erinnert an die frühen Chronofotografien von Étienne-Jules Marey oder Eadweard Muybridge, bei denen einzelne Phasen einer Bewegung gleichzeitig sichtbar werden. Die Treppe ist dabei weniger das eigentliche Motiv als vielmehr das Gerüst, an dem sich diese Bewegung entfaltet.

Dadurch entsteht eine interessante Verschiebung unserer Wahrnehmung. Normalerweise erleben wir Zeit als Abfolge von Augenblicken. Hier scheinen mehrere Momente zugleich präsent zu sein. Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich.

Das Bild thematisiert damit nicht nur Bewegung, sondern auch Identität.
Wer ist die dargestellte Person?
Die Figur am Anfang der Treppe?
Die in der Mitte?
Oder die am Ende?

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Frage des Bildes: Ob wir überhaupt jemals dieselben bleiben.
Jeder Schritt verändert unsere Perspektive. Jede Erfahrung hinterlässt Spuren. Und doch erleben wir uns selbst als eine zusammenhängende Person.
Der Abstieg kann als innerer Rückzug gelesen werden. Ebenso aber als nüchterne Beobachtung von Rhythmus, Wiederholung und Veränderung.

Gerade diese Offenheit macht den Reiz des Werkes aus.
Es gibt keine eindeutige Antwort.

Stattdessen lädt uns das Bild dazu ein, über Zeit, Bewegung und Identität nachzudenken.
Wer waren wir einen Schritt zuvor?
Und wer werden wir nach dem nächsten sein?
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Die Musik: Promenade

Viktor Hartmann: Promenade
Für die Verbindung zur „Promenade“ ist das ein schöner Ausgangspunkt.

Auch Mussorgskys Musik erzählt von Bewegung.

Sie beschreibt keinen bestimmten Ort, sondern einen Menschen auf dem Weg.

Als Mussorgsky seine „Bilder einer Ausstellung“ komponierte, stellte er jedem neuen Eindruck eine Promenade voran, die beschreibt, wie er zwischen den Bildern umherwandert.

Von Bild zu Bild verändert sich der Blick des Betrachters.

Und mit jedem Schritt entsteht eine neue Perspektive.

So beginnt auch unsere Bilderreise mit einem Menschen in Bewegung.

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Der Klang: Bilder einer Ausstellung


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12 Juni 2026

Reha-Ziele

Neulich in der Reha hatte ich ein Anfangsgespräch, bei dem es um die Erfassung meiner aktuellen Verfassung und meine Rehaziele ging. Der Arzt langte mit geübtem Griff in die Schublade, holte einen Fragebogen hervor und begann bestimmte Zeilen anzukreuzen. Dabei war er nicht geizig, auch ohne meinen ausdrücklichen Wunsch wurde mir eine Schulung in der Lehrküche verschrieben, auch Techniken zur Muskelentspannung und Rückenschulungen bekamen ungefragt ein Kreuzchen.

Heraus kam ein buntes Programm, das die Organisatoren dann die Teilnahmen an verschiedenen Kursen, Vorträgen und Übungseinheiten überführten. Ohne weiteres Zutun kamen dann auch noch Basisthemen wie Hausführung und Mittagessen im Speisesaal mit dazu. Und da kristallisierte sich im Laufe der Tage ein weiteres Reha-Ziel heraus, nämlich die Fertigkeit des Vordrängelns. Wer hier nicht lernwillig war, der musste mit schlechter Sicht, abgegessenem Salatbuffet oder einem verspäteten Trainingsbeginn Vorlieb nehmen.

Reha-Ziele

Bestaunenswert insbesondere, dass die Orthopädie-Patienten mit ihren Rollatoren und Gehhilfen meist die Nase vorne hatten. Aufgeplustert und den Weg blockierend weiter vorne, Platz freihaltend für die Freundin in der Mitte und schlank vorschiebend im hinteren Teil der Warteschlange. Patienten, die aus dem Nichts auftauchend plötzlich weit vor mir im Vortragssaal saßen, die Liegen im Ruheraum belegten oder einen strategisch geschickten Essensplatz einnahmen.

Zweifellos hatte der Arzt diese Rubrik übersehen, denn neben den Profis auf diesem Gebiet konnte ich viele - meist männliche - Patienten sehen, die bei dieser Fertigkeit komplett überfordert waren. Den taktisch geschickt eingesetzten Mobilitätshilfen waren sie genauso unterlegen wie dem ungefragten Eintreten in Türen mit der Aufschrift "Sie werden aufgerufen". Lieber mal vorpreschen und dann zurückrudern als von vornherein zurückhaltend agieren.

Ich denke, man sollte auch diesen Punkt sowohl bei der Aufnahme als auch bei der Entlassung messen. Schließlich gehört zur Rehabilitation neben dem Blutdruck auch ein geübtes Verhalten in der Gesellschaft. Notfalls muss man sich dort ja auch ohne Krücken seinen Weg bahnen und den eigenen Vorteil sichern.

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05 Juni 2026

Willkommen im Fitnessstudio

Martin empfängt mich. Im Gegensatz zu Menschen in anderen Betrieben scheinen die Mitarbeiter in Fitnessstudios keinen Nachnamen zu haben. Vielleicht wurde er bei Ihrer Geburt weggelassen, die Eltern konnten sich nicht entscheiden oder es steckt schlichte Sparsamkeit dahinter.

Willkommen im Fitnessstudio
Martin also. Er strahlt mich an, quetscht mir mit seinem festen Händedruck die rechte Hand und weiß sofort, „Du kommst wegen Fitness.“ – „Mensch,“ sage ich, „Martin, da merkt man die jahrelange Erfahrung. Ja, du hast recht. Das ist genau mein Ziel. Sag mal, das ist doch ein Fitnessstudio, oder?“

Er strahlt von einer bis zur anderen Wange. „Komm mit, da drüben sind die Umkleiden, heute erst mal ein Schnuppertraining und ich kann mir ein Bild machen, wie wir deinen Trainingsplan machen.“ Das hört sich vernünftig an. In Sportkleidung und Trainingsschuhen stehe ich nach wenigen Minuten wieder an der Rezeption. Martin heißt jetzt Stefan, ist wesentlich weniger muskulös und erläutert mir im Gehen die möglichen Verträge.

„Kannst du erst mal die Hanteln wegräumen, die sind mir zu schwer“, raunt Stefan mir zu. Ich schaue auf den Boden. In einem Kinderzimmer hätte ich gesagt, dass das gesamt Spielzeug nach dem Besuch der Freunde auf dem Boden verstreut ist. – „Ja“, sage ich, „soll ich sie nur zur Seite rollen?“ – „Nein, dort drüben sind die Ständer, fängst du mit den leichten an, die schweren ganz nach rechts. Das trainiert dann auch entsprechend. Wenn du möchtest, kannst du sie danach noch mal auf den Boden legen und noch mal einräumen.“

Nachdem ich die Hantelecke unter Aufsicht fünfmal aufgeräumt habe schleust er mich weiter in den Cardio-Raum. „Hier kannst du etwas für den Kreislauf tun. Kann ich aber nicht empfehlen, das ist nur was für Mädchen.“ – „Und was kannst du empfehlen?“ – „Unsere Kurse. Besonders beliebt ist das Workout bei Constanze. Im Programm trägt er den Titel ‚No pain no gain‘“

„Ja, cool“, höre ich mich sagen, „ist das denn auch was für Anfänger wie mich?“ – „Natürlich! Constanze ist sehr feinfühlig. Sie wählt die Langhanteln immer nur Faktor zwei höher als deine Durchschnittsbelastung. Die meisten Teilnehmer lieben Sie dafür.“ – „Das hört sich aber doch etwas zu schwer an. Ich würde gerne langsam einsteigen.“

„Langsam einsteigen?! Hm. Das ist nicht unser Schwerpunkt. Wie gesagt, der Name ‚No pain no gain‘ ist Programm, man muss sich schon reinsteigern, das geht nicht nur durch Zuschauen. Apropos: Dort drüben an der Wand ist der Spiegelbereich. Da triffst du auch immer Lothar, das ist der mit dem Muscelshirt, der kann dich zu allen Fragen beraten.“

„Aber ihr habt auch Trainer, die weiterhelfen können?“ will ich wissen. „Natürlich, wir stehen dir jederzeit zur Verfügung. Aber wir sind eher für die administrativen Tätigkeiten und die emotionale Unterstützung zuständig. Vor einigen Wochen gab es in einem Kurs eine Rangelei, weil sich die Teilnehmer nicht auf ein Leistungsniveau einigen konnten. Wir haben das aber schnell in den Griff bekommen, nur ein paar blaue Augen und Rippenbrüche.“

„Das hört sich ja recht wüst an. Gibt es denn keine Angebote für Gäste wie mich?“ – „Gäste? Wir haben Kunden, die es ernst nehmen, da muss man raus aus der Komfortzone, da zählt ‚No pain…“ – „No gain. Ich weiß. Wie wäre es mit Gerätetraining? Habe ich vorhin nicht einen EGym-Zirkel gesehen?“

„Wenn Sie unbedingt wollen. Wir können es uns mal anschauen. Aber ich kenne mich da gar nicht aus. Außerdem stellen sich die Geräte selbst ein, dafür brauchen Sie ja kein Fitnessstudio. Da können Sie ja gleich im Wald herumlaufen. Und nach einer Runde ist man fertig – was macht man danach noch hier?“

Wir verlassen den Freihantelbereich, ich kann fühlen, wie sich die Blicke von Lothar in meinen Rücken bohren. Sein Urteil ist bestimmt so vernichtend wie die Botschaft seiner Tattoos. Beim Zirkel ist es recht ruhig, einige Personen meiner Statur und etwa meines Alters bewegen die Hebel und Walzen.

„Das sieht doch recht passend aus“, bemerke ich, „wer stellt die Geräte denn ein?“ – Stefan stöhnt „Sie müssen einen Account anlegen, danach werden Sie von der Maschine dort drüben vermessen und die Geräte bekommen eine Grundeinstellung, die beim ersten Training automatisch mit KI auf Ihren Level angepasst wird. Sie machen mich arbeitslos, wollen Sie das?“

Ich schrecke zurück. Natürlich will ich das nicht. Vor meinem geistigen Auge sehe ich das verwaiste Studio, nur noch die älteren Damen und Herren am automatisierten Zirkel und an der Theke ein weinender Angestellter, der zum Zeitvertreib mit 10-kg-Hanteln jongliert.

„Nein, nein!“ stammle ich. „Sie brauchen selbstverständlich Ihre Tätigkeit. Und ich wollte auch gar nicht auf Ihre Fachkundigkeit verzichten. Was kann ich machen, damit Sie Ihre Stelle behalten?“ – „Wir könnten so tun, als wäre ich Ihr persönlicher Trainer. Ich sitze dann hier und nicke gelegentlich.“

Langsam wird ein guter Plan daraus. Ich schaue Stefan an, stelle mir vor, dass ich mit einer Kombination aus Entspannungs-Yoga und gemütlichem Fahren auf einem Ergometer beginne. „Eine sehr gute Idee“, findet mein neuer Personal-Trainer, „Das bekommst du schon hin. Mich würde es jedenfalls wesentlich entlasten und ich kann mich auf meine Aufgaben konzentrieren.“

Bevor er mir einen langlaufenden Vertrag zuschiebt erläutert er mir noch die schon erwähnte Grundhaltung No-pain-no-gain, versichert mir, dass er sehr geübt darin ist, vor Überanstrengung zu schützen und spezialisiert darauf ist, Probleme zu erkennen und mir den Raum zu lassen, sie zu lösen. 

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