Neben mir hängt eine Auswahl an Hosen, zwei verschiedene Farben und drei Schnitte. Ich probiere mich durch, mal empfinde ich den Bund als zu eng, mal sitzt das Bein nicht richtig. Noch während ich mich vor dem Spiegel hin- und herdrehe höre ich ein ganz leises Geräusch, so etwas wie ein „Hallo!“
Ich lasse mich nicht irritieren, ziehe die dunkle Hose wieder aus und greife nach der blauen. Da wieder „Hallo!… Hallo, können Sie mir bitte helfen?“ Die Stimme scheint aus der Wand zu kommen, leise aber deutlich zu verstehen. Ist es ein Geist, der mit mir Kontakt aufnehmen will oder ist es ein versteckter Lautsprecher, der von der Umkleideaufsicht bedient wird?
Jetzt wird es etwas lauter, etwas deutlicher. Ich kann eine Männerstimme identifizieren, „Ich bin in ein zu enges Oberteil geschlüpft und jetzt komme ich nicht mehr heraus.“ – „Aha. Was soll ich machen?“ – „Mir aus dem Oberteil heraushelfen.“ Ich habe keine Lust, einem Fremden aus seinem Oberteil zu helfen, „Wie sind Sie überhaupt reingekommen und warum haben Sie nicht eine Größe größer genommen?“
„Wahrscheinlich ist die Beschriftung falsch, Größe 56 passt mir sonst immer, und wenn nicht ist es zumindest nicht so eng, dass ich nicht mehr rauskomme. Aber jetzt hängt es fest am Bauch und an der Brust.“ – „Warum rufen Sie nicht einfach die Bedienung, die kann Ihnen doch besser helfen als ich.“ – „Ist mir peinlich.“
Ja, das wäre mir auch peinlich. „Können Sie nicht wieder so raus, wie Sie reingekommen sind?“ – „Nein, ich habe ja schon alles versucht, sonst würde ich Sie ja nicht im Hilfe bitten.“ Also, wenn er einen Herzanfall hätte oder auf dem Boden läge würde ich ja eingreifen, aber so: „Also, ehrlich gesagt ist es für mich ein wenig ungewohnt, einen fremden Mann auszuziehen. Wenn Sie eine Frau wären…“
„Bin ich aber nicht, was ist denn jetzt, Sie können ja weggucken. Für eine andere Person nur ein Handgriff, aber ich komme alleine nicht raus.“ – „Wissen Sie was, machen Sie einfach das Preisschild ab, geben mir Geld und ich erledige den Zahlvorgang an der Kasse. Dann können Sie das Oberteil anlassen und zu Hause in Ruhe mit Ihrer Frau ausziehen.“
„Aber ich will es nicht kaufen, es ist ja zu eng.“ Stimmt auch wieder. „Dann rufe ich doch lieber die Bedienung und sage ihr, dass wir versehentlich die Kleidung getauscht haben, die Umkleiden sind ja so eng hier. Und dass Sie jetzt nicht mehr aus meinem Oberteil herauskommen.“
„Oh Gott nein, das hinterlässt den falschen Eindruck.“ – „Soll ich lieber nach einer Schere fragen, dann können Sie sich selbst befreien? Und wenn Sie das Oberteil dann kaufen, können Sie es vielleicht vom Schneider wieder zusammennähen lassen. Oder als zwei Putzlappen verwenden.“
Ich entschließe mich, keine der ausgewählten Hosen zu nehmen. Heute habe ich einfach nicht das gefunden, was ich mir vorgestellt habe. Mit ein paar Handgriffen ist wieder alles auf den Verkaufsbügeln aufgehängt, meine Jeans wieder angezogen und die Jacke übergeworfen.
Stöhnen in der Kabine nebenan, gefolgt von dem feinen Geräusch reißenden Stoffes. „Uff, ich bin doch wieder raus“ höre ich meinen Nachbarn noch sagen, während ich denke: Es geht doch nichts über Anregung zur Selbsthilfe.
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