18 September 2026

Eckhard ruft an: Studienreise

Eckhard ruft an: Studienreise
In der Serie "Eckhard ruft an" nehme ich meine verschiedenen Gesprächspartner auf den Arm. Meist haben sie Humor, aber manchmal auch gar kein Verständnis für meine guten Ideen und ungewöhnlichen Fragen.

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Wie schön, wenn man mit jemand telefonieren kann, der etwas zu verkaufen hat. Dann ist das Gespräch meist viel netter, als wenn man als Bittsteller daherkommt. Heute habe ich das Telefon in der Hand, um mit einem Reisebüro zu sprechen, und schon ist jemand am Apparat: „Guten Tag, das Reisebüro Ihrer Wahl mit dem Anspruch höchster Zufriedenheit. Sie sprechen mit Frau Görklein.“

„Guten Tag Frau Görklein“, sage ich in den Hörer, „ich möchte gerne eine Reise buchen.“ – „Selbstverständlich, da sind Sie bei mir genau richtig. An was haben Sie denn gedacht?“ – „An eine Studienreise. Ich möchte gerne eine Studienreise machen.“

„Großartige Idee, Studienreisen erweitern den Horizont und man kann mit hochwertigen Führungen und Freizeitangeboten daraus ein ganz besonderes Erlebnis machen. Darf ich fragen, ob Sie noch berufstätig sind oder bereits in Rente?“

„Die einen sagen so, die anderen sagen so. Wenn Sie meinen Chef fragen, dann bin ich schon in Rente, aber das stimmt natürlich nicht.“ – „Also sind sie Arbeitnehmer?“ – „Sagen wir mal so: Ich nehme mir keine Arbeit, die bekomme ich zugewiesen, also Arbeit-Nehmer passt nicht. Aber ich muss für die Studienreise Urlaub nehmen, wenn Sie das meinen.“

„Gut, gut. Dann schauen wir mal weiter. Haben Sie schon ein Reiseziel, eine Zeit, besondere Wünsche? Oder vielleicht erst mal: Haben Sie schon mal eine Studienreise gemacht?“ – „Nein, also eine richtige Studienreise habe ich noch nicht gemacht. Und ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob sie mir gefallen könnte. Meist bin ich ja mit meiner Frau unterwegs, aber für diese Reise würden wir uns aufteilen. Nachher können Sie bitte schauen, wo ich meine Frau parken – pardon, zu einer Auszeit einbuchen kann.“

Ein Glucksen am anderen Ende der Leitung bestätigt mir, dass die Beraterin sich über gleich zwei neue Kunden freut. Vor ihrem inneren Auge entsteht sicherlich gerade ein Paket aus Wellness, einer Kulturreise, zahlreiche Extras und damit viel Marge.

„Was Ihre Frau angeht: Da finden wir mit Sicherheit auch eine wundervolle Option. Aber zurück zu Ihnen: Soll es eher eine Fernreise werden, exotische Kulturen vielleicht, oder lieber im nahen Ausland, mit wundervollen Sehenswürdigkeiten und reichlich Hintergrundinformationen einschließlich geschichtlichem Background?“

„Tatsächlich, Sie sagen es: nahes Ausland. Ich möchte gerne nach Pisa, dieser italienischen Stadt mit dem schiefen Turm. Geht das?“ – „Aber sicher, tatsächlich ist Pisa eine phantastische Wahl, um Studienreisen zu entdecken. Denken Sie nur an den weltweit ältesten Botanischen Garten, an die Museen und dabei insbesondere an Tuttomundo von Keith Haring. Und dann die lauschigen Plätze, diese leckeren lokalen Spezialitäten namens Cecina und – nicht zu vergessen - der hervorragende Chianti-Wein.“

„Phantastisch, Sie sagen es. Und vielleicht gibt es ja auch nette Mitreisende und Urlaubsbekanntschaften, Sie verstehen?“ – „Da bin ich sicher, unsere Reisen sind exklusiv wie unsere Gäste. Haben Sie bestimmte Vorstellungen, was Sie jedenfalls erleben möchten? Vielleicht Ausflüge in die Umgebung, Florenz sollten Sie sich nicht entgehen lassen!“

„Ja, absolut. Aber wenn Sie mich so fragen, handelt es sich ja um eine Studienreise. Also, da kann man doch Studien kennenlernen und erklärt bekommen.“ – „Ich verstehe nicht recht, welche Studien meinen Sie konkret?“

„Ja, lesen Sie denn keine Zeitung? Ich spreche von der Pisa-Studie, dieser Erhebung von Lernerfolgen der Kinder. Das ist doch eine Studie, und die würde mich mir gerne vor Ort genauer ansehen, erläutert bekommen mit allen möglichen Informationen von Insidern. Das ist der Sinn der Sache.“

Räuspern, kurzes Luftholen. „Ich möchte es Ihnen mal so beschreiben. Eine Reise nach Pisa ist ein besonderes Erlebnis, das wir daneben auch mit diversen Zusatzangeboten weiter ausbauen können. Aber die Pisa-Studie werden Sie dort nicht finden.“

„Warum nicht, die ist doch veröffentlicht oder gibt es da irgendwelche Geheimnisse? Verschwörungen vielleicht oder Klüngel wie beim Eurovision Song Contest?“

„Aber nein“, sie hat sich wieder gefangen, aber sie ist jetzt vorsichtig, ob und was sie mir verkaufen kann, „es ist nur so, dass sie nichts mit der Stadt Pisa zu tun hat. Die Abkürzung steht für irgendwas mit Internationaler Schülerbewertung. Warten Sie, ich schaue mal nach, ob ich Informationen finde…“ Einen Moment später: „Hatte ich doch richtig in Erinnerung, die Studie kommt von der OECD und die hat Ihren Sitz in Paris. Wie wäre es mit Paris? Savoir vivre, lebendig, der Nabel der Kultur Frankreichs. Wie hört sich das an?“

"Ein wenig enttäuscht bin ich schon, ich hatte mich auf Italien eingestellt, da spreche ich auch ein wenig die Sprache und war auch schon mal dort, damals als Student in Mailand. Ja, also Paris hört sich auch ganz gut an, aber das muss ich mir noch mal überlegen. Sind Sie ganz sicher, dass die Studie nicht doch aus Pisa kommt?“

„Ja, leider. Aber glauben Sie mir, gegen Paris ist Pisa nur ein laues Lüftchen, die Anfahrt nach Paris wäre viel kürzer und auf dem Weg könnte ich Ihnen eine grandiose Wellness-Oase für Ihre Frau in der Nähe von Saarbrücken empfehlen.“

„Hm“, mache ich, wenig überzeugt, „ich will es mir mal durch den Kopf gehen lassen. Pisa wäre ein Traum gewesen, mit dem Gedanken an Paris muss ich mich erst mal anfreunden. Aber vielen Dank für das freundliche Gespräch, vielleicht melde ich mich in den nächsten Tagen noch einmal.“

Ihre Enttäuschung kann die Frau nicht ganz verbergen, wünscht mir aber noch einen schönen Tag und würde sich freuen, wenn ich mich wieder melde. Und das mit Paris – ganz ehrlich – das sollte ich mir noch mal durch den Kopf gehen lassen. 

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11 September 2026

Eckhard ruft an: Bahngleis-Nummerierung

Eckhard ruft an: Bahngleis-Nummerierung
In der Serie "Eckhard ruft an" nehme ich meine verschiedenen Gesprächspartner auf den Arm. Meist haben sie Humor, aber manchmal auch gar kein Verständnis für meine guten Ideen und ungewöhnlichen Fragen.
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"Hallo", sage ich in den Telefonhörer, "hallo, bin ich beim Kundenservice der Deutschen Bahn gelandet?" Eine ziemlich mürrische Stimme lässt mich sicher sein, dass mein männlicher Gesprächspartner, etwa dreißig, Mitteleuropäer aber geboren mit einem Migrationshintergrund, tatsächlich für die DB arbeitet. Vermutlich als Teil eines Callcenters, aber aktuell aus dem Homeoffice arbeitet.

"Ich habe eine Änderung vorzuschlagen, sind Sie dafür zuständig?" Kurze Stille am anderen Ende. Mein Gegenüber muss erst mal darüber nachdenken, welche Rubrik im CRM-Tool er anklicken soll. Vermutlich gibt es da so was wie Anfragen, Beratung, technische Probleme oder Beschwerden. Aber keine Rubrik für Änderungen oder Verbesserungen.

Richtig geraten, er antwortet ein wenig hilflos: "Möchten Sie eine Beschwerde aufgeben oder eine allgemeine Frage beantwortet bekommen?" - "Nein", sage ich fröhlich, "ganz im Gegenteil, ich habe einen konstruktiven Vorschlag, wie die Deutsche Bahn mit Gleisänderungen umgehen kann. Dabei Zeit spart und die Aufwände reduziert."

"Gleisänderungen?" echot mein Gegenüber, "Haben Sie ein Problem mit Gleisänderungen?" - Ich bin entsetzt, wie kann man nur immer nur in Beschwerden, Schwierigkeiten und Problemen denken. Naja, vielleicht wird man so, wenn man eine Weile im Callcenter der Deutschen Bahn gearbeitet hat. Freundlich erkläre ich ihm: "Aber nein, kein Problem. Nur schauen Sie, es ist doch umständlich, wenn im DB Navigator bei Änderungen eine andere Gleisnummer angegeben wird, statt einfach nur dem Gleis eine andere, also die neue Nummer zu geben."

Jetzt habe ich ihn abgehängt. Sei es, dass er immer noch keine Rubrik für diese Kunden-Interaktion in seinem CRM-Tool gefunden hat, sei es, dass er meinem Gedanken nicht folgen kann oder dass er ihn nicht weitergeben möchte. Also lege ich noch mal vorsichtig nach: "Mein Ansatz ist vielleicht ein wenig schwierig zu verstehen, ich kann ihn gerne an Hand eines Beispiels erläutern, wenn Sie möchten. Können Sie mir doch bitte vorab schon mal die Ticketnummer nennen, unter der Sie meinen Vorschlag erfassen."

Schnaufen. Dann nennt er mir einen zehnstelligen Code, der mit 'Comp' beginnt und sich für mich wie die Aufnahme einer Beschwerde anhört, ich denke an den englischen Begriff Complaint für Beschwerde. Na, egal, ich führe ihm das Beispiel aus und bitte ihn, das entsprechend in meinem Ticket aufzunehmen.

"Oft erlebt man, dass ein Zug auf einem anderen Gleis ankommt als im Fahrplan vorgesehen. Nehmen wir an, er sollte auf Gleis 10 ankommen, aber es wird Gleis 8 daraus. Dann wird Stand heute im DB Navigator angezeigt 'Zug fährt heute abweichend von Gleis 8'. Als Fahrgast laufe ich dann im Bahnhof von Gleis 10 zu Gleis 8, dort kommt ja mein Zug an und fährt von dort auch wieder ab. In Zeiten der elektronischen Informationstafeln ist das aber viel einfacher. Ich behalte die Gleisnummer bei, keine Information im DB Navigator, die verkehrt sein könnte oder möglicherweise noch mal nachgebessert werden muss. Vielmehr wird die derzeit noch feste Beschriftung des Gleises mit der Nummer 8 zu einer Wechselanzeige umgebaut, auf der jetzt die Nummer 10 erscheint. Nicht der Zug wechselt den Bahnsteig, sondern dieser seine Nummer, verstehen Sie?"

Ich bin unsicher, ob er die Brillanz meiner Idee voll erfasst hat, diese Leichtigkeit, die sich im Bahnhof breit macht, weil nicht mehr die Reisenden sich bewegen müssen, sondern die Gleise ihre Nummerierung anpassen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich fröhliche Fahrgäste, begeisterte Mütter mit Kinderwagen und strahlende Menschen, die trotz Gehbehinderung die nun notwendige Suche und Kommunikation zu schätzen wissen.

„Und in einer späteren Ausbaustufe“, verrate ich meinem geduldigen Zuhörer, „können Sie dann auch die Uhren individualisieren. Verstehen Sie, dann sind nicht die Züge verspätet, sondern jeder Zug hat seine eigene Uhr und die wird so eingestellt, dass der Zug genau zur Fahrplan-Uhrzeit ein- oder ausfährt. Man spart sich Angaben im DB Navigator, keine Anfragen an überforderte Servicekräfte mehr, keine Korrekturen zu Kursbüchern oder Fahrplänen… ganz simpel, nicht wahr?“

Das Rascheln am anderen Ende der Leitung verheißt nichts Gutes. Hat er aufgegeben, bin ich ihm mit meinen innovativen Ansätzen zu weit voraus oder sollte ich mich doch lieber zum Vorstand durchstellen lassen? Ein ganz leises Klicken bestätigt meine Vermutung, es wird noch stiller als vorher, aber ich habe ja die Ticket-Nummer.

Gerne werde ich in den nächsten Tagen mal nach dem weiteren Verlauf fragen.

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04 September 2026

Das Kinderdepot

Bei Hofe war es üblich, dass die Adeligen ihre Kinder natürlich nicht selbst erzogen, nein, dafür hatten sie Betreuerinnen und Zofen, Kindermädchen und sonstige hilfreiche Geister, die dafür sorgten, dass der Nachwuchs fernab des offiziellen Lebens groß wurde. Lästige Arbeiten oblagen diesem Fußvolk, aber auch die Verantwortung für die Beherrschung höfischen Verhaltens lag in deren Händen. Von der Last der Beschäftigung mit zeitfressenden Sprösslingen ganz zu schweigen.

Das war damals durchaus die Ausnahme, in normalen Familien gab es Konstruktionen, in denen sich die Kinder im Wesentlichen miteinander beschäftigten, die Älteren die Jüngeren beaufsichtigten, anlernten und im Laufe des Älterwerdens in die Allgemeinarbeiten einbanden. Die Eltern spielten überwiegend die Rolle von Aufsicht, Organisation und Schlichtung.

Das Kinderdepot
In der darauffolgenden Entwicklungsstufe nahm die durchschnittliche Anzahl der Kinder in den Familien ab, es kam zu so einer Art internem Fachkräftemangel für Erziehung und Betreuung. Viel stärker als in vorhergehenden Generationen sprangen die Eltern in die Rolle der Erzieher, Unterhalter, Motivatoren, Mitspieler und sozusagen älterer Geschwister. Und da dieses Modell nur bedingt funktionieren konnte, wurden die Kinder gesammelt und jahrgangsweise betreut. Kindergarten nannte man das.

Irgendwo verortet zwischen mittelalterlichem Kindermädchen und Geschwistern oder Nachbarn wurde eine Struktur geschaffen, in die man seine Kinder abgeben und irgendwann wohlerzogen und grundschulreif abholen konnte.

Und jetzt das: Ein Kinderdepot. Angelehnt an Wertpapierdepots gibt man hier sein Kind in eine Verwahrstelle und schaut von außen, wie sich der Kurs, pardon: das Kind entwickelt. Und am Ende der Laufzeit dann mit hoffentlich guter Entwicklung abholen und in die nächste Anlageform (Grundschule) weitergeben. Kaufen - Verkaufen halt. Ziel der Transaktionen: "Damit dein Kind später mal sagt: 'Mama, ich zahle das'.

Eine gute Investition, auf Wunsch vermutlich auch als Premiumprodukt erhältlich. Dann kann das Kind nicht nur die Mama, sondern auch den Papa einladen. Oder die ganze Familie. Oder den ganzen Golfclub, der ist möglicherweise das Erwachsenendepot und zum Schluss schmeißt das Kind dann eine Lokalrunde im Altersheim, oder heißt das jetzt Seniorendepot?

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28 August 2026

Kunst, ganz allgemein

Kunst ganz allgemein
Ist schwierig
Versteht man nicht
Muss wehtun

Ist ein Markt
Braucht man nicht
Bringt nichts
Ist was für Reiche
Kann jeder
Kommt von können

Muss man studiert haben
Oder wenigstens so tun

Ist Ansichtssache
Hat eine Botschaft
Muss eine Botschaft haben
Darf keine haben

Ist subjektiv
Ist objektiv
Ist provokant
Sonst ist es keine Kunst

Ist zeitgenössisch
Was immer das heißt

Muss groß sein
Oder wenigstens wichtig aussehen
Hängt an der Wand
Steht im Weg
Passt ins Wohnzimmer
Oder garantiert nicht

Ist Geschmacksache
Deshalb gibt es Kunstkritiker
Ist unbezahlbar
Oder nichts wert
Kommt auf den Namen an
Und auf das Etikett

Muss man erklären
Am besten vorher
Danach ist es sowieso zu spät

Kann jeder
Aber nicht jeder darf das sagen

Ist frei
Hat aber Regeln

Macht Spaß
Das ist verdächtig
Und wenn es gefällt,
ist es vielleicht gar keine Kunst.

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21 August 2026

Mein Mähroboter (ist auch nur ein Mensch)

"Guten Tag, herzlich willkommen!" erklärt mir eine blecherne Stimme. Vermutlich hat ein chinesischer Softwareentwickler eine Stimme ausgewählt, die in seinen Ohren freundlich klingt, für europäische Verhältnisse aber eher wie die Ansage einer Fitnesstrainerin daherkommt. Einen Moment herrscht Ruhe, bis die Morgenversammlung der Bits und Bytes beendet ist und sie sich vor Beginn ihrer Tagesarbeit vor dem Kunden verbeugen. Der Kunde bin ich, denn: "Vielen Dank, dass Sie sich für ein Produkt von MOVA entschieden haben."

Ganz früher, da hat man den Rasenmäher aus der Garage geholt und ihn mit der eigenen Muskelkraft über die hervorstehenden Halme geschoben. Dann kamen motorgetriebene, aber von Menschenhand gesteuerte Mäher, mal mit Benzinmotor, mal mit Elektromotor, wahlweise kabelgebunden oder mit Akku. Und jetzt das. Ein plapperndes Gerät, das sich wie ein unterwürfiger Diener aufführt. "Der Roboter muss sich initialisieren, bitte warten Sie einen Moment."

Offensichtlich war die Morgenversammlung doch noch nicht abgeschlossen. Meine Gedanken schweifen zum Krankenhaus. Wenn das Pflegepersonal weit vor der Frühstückszeit zusammensitzt, abwechselnd rauchend und schwatzend, dann darf man sie auch nicht stören, muss auch einen Moment warten. Meine Gedanken kommen zurück zum Roboter, "Die Initialisierung ist abgeschlossen", jetzt kann es losgehen. Doch nichts passiert. Keine Anzeichen, dass mein Roboter sich in Bewegung setzt. Längst hätte ich mit einem Handmäher die ersten Halme gekappt, schon mal die Rasenkante bearbeitet.

Mein Mähroboter ist auch nur ein Mensch

Laut Anleitung soll das Gerät ja auch Sprachbefehle verstehen. Vielleicht ist das ein bisschen wie bei einem Hund, den man mit "Sitz", "Platz", "Fuß" instruieren und steuern kann. Ich versuche es mit "Start!", aber entweder ist das nicht das richtige Wort, vielleicht ist er auch abgelenkt oder will gar nicht auf mich hören. Ein Blick in die Bedienungsanleitung hilft weiter, ich muss erst eine Karte anlegen, sonst geht gar nichts.

Ach so, ja. Eine Karte anlegen natürlich. Darauf hätte ich ja kommen können. Ich schaue den Roboter an, ein wenig habe ich den Eindruck, dass er erwartungsvoll zurückschaut. Vielleicht sogar ein wenig neugierig. Keine Ahnung.

Wieder muss ich an Hundebesitzer denken. Bei manchen hat man ja den Eindruck, dass der Hund mit Herrchen oder Frauchen Gassi geht, nicht umgekehrt. Und so ist es hier auch. Wie von einer höheren Macht instruiert laufe ich mit meinem iPhone in der Hand hinter dem kleinen Burschen her, sorge dafür, dass er auf dem rechten Pfad bleibt und nicht etwa an den Blümchen im Beet schnuppert oder sich mit den Büschen am Wegesrand anlegt. Wie ein Zicklein weicht er aus, lässt sich nicht immer für das Rasenmähen gewinnen und interessiert sich in wilden Sprüngen auch mal für die Mulchabdeckung neben dem Gras.

"Kartierung abgeschlossen", meldet sich nun der Roboter, "Akku schwach. Ladestation wird angefahren." Und wenig später, nachdem er sich in sein Häuschen verzogen hat: "Ladevorgang gestartet." Ich bin ein wenig hin- und hergerissen, einerseits freue ich mich, wie redselig er mich über seinen Zustand informiert. Wie es ihm geht, was er vorhat, was gerade mit ihm passiert. Andererseits ist es schon erstaunlich, dass er erst mal ein Ladepäuschen machen muss, bevor er seine Arbeit beginnt. Aber was soll's, Zeit spielt keine Rolle, irgendwann wird er anfangen und noch irgendwanner wird er dann fertig sein.

Eine halbe Stunde später gehe ich mal nach ihm schauen. "Vielen Dank, dass Sie sich für ein Produkt von MOVA entschieden haben", begrüßt er mich freundlich und tatsächlich scheint diese Freundlichkeit von innen zu kommen, denn schon nach wenigen Anläufen verbindet er sich per Funk mit der App. Dort strahlt mich ein Smiley an, in tadellosem Deutsch bekomme ich mitgeteilt, dass ich den Mähvorgang nun starten, die Optionen einstellen oder einen Zeitplan erstellen kann. Ich bin neugierig und entscheide mich für das Starten des Mähvorgangs.

Nach einer kurzen Orientierung ("Die Initialisierung ist abgeschlossen. Der Mähauftrag wird ausgeführt") setzt er sich in Bewegung, zunächst eher zaghaft, dann immer schneller, um an einem offensichtlich von höherer Intelligenz festgelegten Punkt abrupt anzuhalten, "Der Mähvorgang wird gestartet" und nach einem leisen Piepser mit raschelndem Geräusch sein Messerwerk in Betrieb zu nehmen und eine akkurate gerade Bahn bis zum Ende der Rasenfläche zu kürzen.

Ich schaue ihm zu, wie man einem jungen Tier beim Spielen zuschaut. Ein Sausen über die Fläche, Abbremsen vor Hindernissen, Wenden am Rand und im Schweinsgalopp zurück parallel zur bereits gemähten Bahn. Eine göttliche Instanz betätigt fortwährend Brems- und Gaspedal, scheint am Lenkrad zu drehen und bahngerecht zu mähen, was zu mähen ist. Goethe kommt mir in den Sinn, der Zauberlehrling bin ich, der Besen, der Wasser holt und immer emsiger mit seinen Eimern beginnt, mein Grundstück zu fluten. Erst durch Rückkehr des Meisters kommt die ausufernde Aktion des Werkzeugs zu einem kontrollierten Ende. Ob der Besen seinerzeit auch einen Akku hatte?

Es würde mich nicht wundern, wenn er gleich noch ein lustiges Liedchen anstimmte, was den Chinesen an Erfahrung mit Maschinenbau abgeht, das gleichen sie mit Einfallsreichtum bei der Software aus. Und anders als Amerikaner wissen sie vielleicht, dass unser Bundeskanzler nicht Adolf Hitler heißt und nicht alle Deutschen 'Hoch auf dem gelben Wagen' singen.

Doch nichts dergleichen. Er hoppelt hin und her, meldet brav seinen Fortschritt an meine App und macht weder Mittags- noch Sonnenpäuschen. Lediglich der Akku... aber das hatten wir ja schon. Ich ziehe mich ins Haus zurück, er soll sich unbeobachtet fühlen. Heimlich schaue ich doch auf das Display meines iPhones, sehe ihn dort seine Bahnen ziehen und verfolge im Protokoll, wie er gut vorankommt. Doch was ist das? "Roboter festgefahren."

Im Eilschritt laufe ich hinaus, ja, tatsächlich, er hängt mit zwei Rädchen im Beet, hat offensichtlich mit allerlei Manövern versucht, wieder freizukommen, doch jetzt geht gar nichts mehr. Ich nehme ihn bei seinem Bügel, was er sogleich mit "Der Roboter wurde angehoben. Bitte prüfen." quittiert. Gleich nochmal: "Der Roboter wurde angehoben. Bitte prüfen." Ja, ja, ich weiß, aber wie soll es denn sonst gehen? Raus aus dem Beet, wieder auf seinem Rasen. Er dreht sich eine Weile um seine Achse, orientiert sich mit den Worten "Die Initialisierung ist abgeschlossen. Der Mähvorgang wird fortgesetzt." und fährt mit Anlauf wieder ins Beet.

"Mein Gott", sage ich, "kannst du dir nicht merken, dass Rasen Rasen und Rindenmulch Rindenmulch ist?" Aber wie ein trotziges Kind wühlt er unverdrossen in den braunen Spänen, lässt sich (mit den gewohnten Kommentaren) wieder auf den Rasen heben und macht wieder seine Dreheinlage. Und diesmal scheint er es doch gelernt zu haben, erkennt die Rasenkante, mäht schön knapp an ihr entlang und würdigt das Beet keines Blickes.

Ich bleibe in der Nähe. "Befahren der Beete verboten, Eigentümer haften für ihre Roboter." Einmal wird es noch knapp, fast denke ich, ich müsste wieder einschreiten, aber nur ein Rädchen touchiert den Mulch und dann geht es auf dem Rasen weiter. Uff. Ein letzter Blick auf sein bisheriges Werk, hoffentlich bleibt er auf dem Grün der Tugend, auch wenn ich nicht in der Nähe bin.

Sorgfältig ist er, macht seine Arbeit hier und dort, manchmal kann ich die Logik nicht erkennen, aber nach rund fünf Stunden zeigt die App eine komplett gemähte Fläche an und der Roboter meldet sich mit "Mähauftrag abgeschlossen" zurück. Ich kontrolliere noch mal seine Arbeit, doch, das hat er gut gemacht, das mit dem Rand muss ich im Auge behalten, aber grundsätzlich würde ich ihn auch als Schwiegersohn aufnehmen.

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14 August 2026

Du bist so süß

Zurückgezogen in der Lounge habe ich so eine Art Beobachterposten bezogen. Ich wundere mich über den ruhigen Ablauf trotz zahlreicher Patienten, ebenso aber auch über das Telefon, das von Zeit zu Zeit läutet, ohne abgenommen zu werden. Gelegentlich schleppen sich Patienten über den Flur, in einigen Fällen in Begleitung ihres Besuches.

Du bist so süß
Gerade kommt ein Mann vorbei, im Schlepptau ein etwa sechsjähriges Mädchen, vermutlich seine Tochter. Sie hat ein silbernes Kleidchen mit einer rosa Schleife an, Locken, strahlt. Und da höre ich schon die Stimme einer Schwester „Möchtest du ein Eis?“ Der Vater wiegelt ab, aber die Schwester bleibt hartnäckig dran, ich höre schnelle Schritte hin und her, das Mädchen quietscht vergnügt und mit einem „Du bist so süß!“ wird die Kaltspeise übergeben.

Cut. Ein paar Jahre sind ins Land gegangen. Das Mädchen ist jetzt zehn Jahre alt. Es strahlt immer noch, weiß um seine einnehmende Außenwirkung, muss zwar jetzt nach Eis fragen, aber das wird ohne lange Diskussion herbeigeholt. Einfach so, auch wenn es eigentlich nicht vorgesehen ist. Frauen sind genauso fasziniert wie Männer, auch wenn noch keine Sexualität in ihrem Verhalten steckt.

Erneuter Zeitsprung. Wir sehen das Mädchen in der Pubertät wieder. Sie ist sich ihrer Strahlkraft bewusst, kokettiert und setzt ihre Reize bei jeder Gelegenheit ein, sofern es ihr hilfreich erscheint. Männer um den Finger zu wickeln, Frauen auszustechen und sich ein Ergebnis auch mal auf unlauterem Wege zu verschaffen treibt sie zur Perfektion.

Mittlerweile ist sie eine junge Frau, hat einen festen Partner, gelegentlich gibt es in beiden Richtungen Diskussionen hinsichtlich Treue und damit verbunden Eifersuchtsanfällen. Eis isst sie nicht mehr, um ihre Figur zu halten, auch eine Schwangerschaft kann sie sich unter diesem Gesichtspunkt nicht vorstellen. Gewohnt alle Wünsche erfüllt zu bekommen hat es ihr Gefährte ziemlich schwer.

Midlife-Crisis. Die vielen Enttäuschungen mit missratenen Partnerschaften haben Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Viele der jungen Dinger um sie herum werden bevorzugt, Männer kommen nur unverbindlich für ein paar Monate vorbei, suchen die Abwechslung mit ihr, finden übertriebenen Anspruch vor und sind dann wieder weg. An eine Zeit, in der sie einfach so ein Eis bekommen hat, kann sie sich kaum noch erinnern.

Was das bloß ausgelöst hat, fragt sie sich. Wer mag schuld sein, dass ihre Mitmenschen auf Abstand gehen, das Leben spürbar schwerer wird. Ja, das mag ein Teil des Alterns sein, die Haut verliert ihre jugendliche Frische und bekommt Fältchen. Doch viel schlimmer ist das Ende der Strahlkraft, der unbekümmerten Lebensfreude, der gezielte Einsatz von Reizen, die langsam verblassen.

Plopp. Ich bin zurück auf der Krankenstation, springe auf, um die Sechsjährige noch mal zu sehen. Aber sie ist schon an der Hand ihres Vaters den Flur entlang gelaufen und verschwindet gerade aus meinem Blickfeld.

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07 August 2026

Bilderreise Teil 6: Promenade (Reprise)

Bilderreise - Teil 6: Promenade (Reprise)

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Eine leere Leinwand

Sommergarten: Leere Leinwand
Wenn wir auf unsere Bilderreise zurückblicken, erkennen wir keinen geraden Weg und keine abgeschlossene Geschichte. Vielmehr begegnen wir einer Folge von Bildern, die unterschiedliche Erfahrungen sichtbar gemacht haben und dennoch auf überraschende Weise miteinander verbunden sind.

Mit den Treppenschritten begann eine Bewegung durch Zeit und Identität. Im Maskenspiel begegneten wir den Rollen, die wir übernehmen, und der Frage nach dem, was hinter ihnen verborgen bleibt. Innenwelten führte uns in die Nähe zweier Menschen und in die Verletzlichkeit jeder echten Begegnung. In der Zarten Erinnerung wurde spürbar, wie Vergangenheit in uns weiterlebt, selbst wenn ihre Konturen längst verblasst sind. Und die Blüte in Fragmenten erinnerte uns daran, dass sich das Ganze oft erst aus vielen einzelnen Teilen zusammensetzt.

Vielleicht war dies weniger eine Ausstellung von Bildern als eine Reise durch Erfahrungen, die uns alle verbinden.

Nun steht die Staffelei leer.

Dort, wo eben noch Formen, Farben und Geschichten sichtbar waren, bleibt eine offene Fläche zurück. Doch vielleicht bedeutet diese Leere nicht, dass etwas fehlt. Vielleicht ist sie vielmehr ein Raum für das, was erst jetzt entstehen kann.

Denn was wir aus Kunst mitnehmen, entsteht selten im Augenblick des Betrachtens. Oft beginnt ihre eigentliche Wirkung erst später – in einer Erinnerung, in einem Gedanken, in einem Gespräch auf dem Heimweg.

Vielleicht kann dieses Bild nicht gemalt werden.

Vielleicht entsteht es erst in der Erinnerung eines jeden Einzelnen.

In den Gedanken, die wir mitnehmen.

In den Bildern, die nachklingen.

Und in den Wegen, die wir von hier aus weitergehen.

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Mussorgsky: Promenade (Reprise)

Promenade - rekonstruiert
Als Modest Mussorgsky seine Bilder einer Ausstellung komponierte, kehrte er immer wieder zur Promenade zurück.

Sie verbindet die einzelnen Bilder zu einem Ganzen.

Doch mit jedem Bild verändert sie sich: Mal neugierig, mal eilig, mal unschlüssig, mal voll düsterer Gedanken.

Derselbe Weg wird erneut beschritten – aber der Mensch, der ihn geht, ist nicht mehr derselbe.

So schließt sich heute der Kreis unserer Bilderreise.

Die erste Promenade war ein Aufbruch.

Die letzte Promenade ist eine Rückkehr.

Nicht zurück an den Ausgangspunkt, sondern zurück zu uns selbst – bereichert um die Bilder, die wir gesehen, die Gedanken, die wir geteilt, und die Musik, die wir gehört haben.

Die Leinwand bleibt leer.

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Der Klang: Promenade (Reprise)


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