24 April 2026

Einmal das Übliche, bitte!

Verlängerte Wochenenden laden dazu ein, eine neue Gegend oder Stadt zu erkunden. Mal ist es eine Metropole, mal ein urbaner Bereich, den ich ein wenig kennenlernen möchte. Fotopirsch ist dann angesagt, Flanieren über die Fußgängerzone, durch Gässchen, verstohlener Blick in Hinterhöfe.

Und dann die Nagelprobe. Ein Restaurantbesuch, neugierig auf andere Küchenangebote, anderes Ambiente oder auch andere Zubereitung. Wir sitzen am Tisch, die Bedienung hat die Speisekarte gebracht, noch mal über den Tisch gewischt und das Besteck zurechtgerückt. Ohne das Essensangebot genauer zu betrachten winke ich die Angestellte heran.

Einmal das Übliche bitte
„Einmal das Übliche bitte. Auch für meine Frau.“ Die Bedienung sieht mich an, grübelt und sucht offensichtlich in ihrem Gedächtnis, was sie für mich in der Küche ordern soll. „Es tut mir leid, ich kann mich nicht erinnern, was Sie sonst bestellen. Vielleicht hat eine Kollegin Sie bedient?“

„Ach herrje“, seufze ich. „Das ist ja wirklich ein wenig enttäuschend. Als regelmäßiger Gast weiß ich Ihre Küche zu schätzen, aber mit dem Service hapert es ein wenig. Dann nehmen Sie erst mal die Getränke auf und dann schicken Sie Ihre Kollegin, die hilft uns hoffentlich in gewohnter Qualität weiter.“

Die junge Frau bringt Wasser und Wein, dann: „Meine Kollegin ist heute leider nicht da, aber vielleicht können Sie mir einfach das gewünschte Menü von der Karte nennen, gerne gebe ich es dann bevorzugt an die Küche weiter.“

„Liebling“, sagt meine Frau, „Liebling, das junge Ding tut was sie kann. Ist halt heute nicht ganz wie sonst. Aber sie kann doch einen ‚Gruß aus der Küche‘ bringen, während wir auf das Menü warten.“ – „Ja“, wende ich mich einlenkend zu ihr, „so können wir es machen.“ Und weiter zur Bedienung: „Bitte wie üblich eine Kleinigkeit aufs Haus vorneweg und dann bringen Sie noch mal die Karte. Oder besser noch: Haben Sie eine Empfehlung für uns?“

„Von unserer Tageskarte kann ich Ihnen heute…“ – „Nein, stopp!“ unterbreche ich sie. Nicht die Tageskarte, da haben wir schlechte Erfahrungen gemacht. Irgendwelche Mahlzeiten, die sonst nicht mehr rausgegeben werden können zu überhöhten Preisen. Aber die Masche machen wir nicht mit.“

Unsere Bedienung ringt nach Fassung. „Dann sollten Sie unser Rinderfilet auf Brokkoli in einer leichten Rotweinsauce mit getrüffelten Kartoffeln nehmen.“ – „Um Gottes Willen“, meine Frau schaltet sich ein, „nichts mit Trüffeln. Und überhaupt, dunkles Fleisch ist für den Cholesterinwert absolut schlecht. Denken Sie doch auch mal an die Gesundheit Ihrer Gäste.“

„Fisch“, haucht das Mädchen, „dann sollten Sie unseren Heilbutt probieren. Er wird mit einer Mousse von Rote Beete serviert, Zitronenreis umlegt mit Anisdip.“ – „Heilbutt?“ stöhnt meine Frau, „Heilbutt ist wegen Überfischung stark gefährdet. Sagen Sie, das ist ja alles ein wenig kopflos hier. Ist Nachhaltigkeit denn überhaupt kein Thema?“

 „Das kriegen wir gerettet“, sage ich beschwichtigend, und an die Bedienung gewendet: „Wenn Sie die Rote Beete gegen Prinzessbohnen tauschen, anstelle des Heilbutts können wir Dorsch nehmen. Wobei ich dann Polenta vorziehen würde.“ Zu meiner Frau: „Schatz, was meinst du?“ 

„Wir können es probieren.“ Meine Frau ist jetzt kurz angebunden, demonstriert ihre Unzufriedenheit mit Service, Komposition und Beratung. „Bringen Sie erst mal die amuse gueule. Und den Wein. Gerne auch schnell. Sagen Sie, ist der Chef heute eigentlich auch nicht da?“

Die Bedienung zuckt zusammen, versichert, alles zügig und zu unserer Zufriedenheit in Auftrag zu geben. Tatsächlich kommt nach wenigen Augenblicken ein geradezu üppiger Vorspeisenteller aus verschiedenen Tapas und Brotsorten. Der Wein ist prima, wir lassen es uns gutgehen.

Dann der Hauptgang. Liebevoll ist der Dorsch auf den Prinzessbohnen angerichtet, flankieren Röschen aus Polenta den See aus Anisdip. Wir schlagen zu, lassen den Fisch auf der Zunge zergehen, befeuchten den Gaumen mit dem Wein und unterbrechen das Geschmackserlebnis nur mit kurzen Ausflügen in den Brotkorb.

Die Mahlzeit ist fortgeschritten, da winke ich unsere Bedienung heran. „Die Küche hat sich Mühe gegeben, wenn Sie wissen, was ich damit sagen will. Mühe geben ist gut, aber gelungen ist etwas anderes. Wir verzichten auf diesen Gang, Sie können abräumen. Wir gehen direkt zum Kaffee mit diesen Törtchen aufs Haus über, die der Chef uns sonst kredenzt.“

Diesmal hat sie mich sofort verstanden, mit wenigen Handgriffen ist der Tisch leer, der Kaffee steht da, vor jedem von uns ein Törtchen und ohne weitere Anforderung auch die Rechnung. Gott sei Dank muss ich nicht diskutieren, dass sie sich schon glücklich schätzen können, dass ich immerhin den halbausgetrunkenen Wein bezahle. Und in einer Geste der Großzügigkeit auch den Kaffee übernehme.

„Siehst du“, sage ich zu meiner Frau im Hinausgehen, „das ist mal wieder ein Beispiel für gehobene Gastronomie mit Potential. Wenn sie nur nicht an der falschen Stelle sparen würden.“

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10 April 2026

Express-Kasse

Der Einkaufswagen im Rewe ist ziemlich klein, regelmäßig gerate ich an die Grenze seines Fassungsvermögens. Mit sperrigen Paketen wie Küchenrollen, Toilettenpapier und einem Träger Tetrapack ist schon ein merklicher Teil des Platzes verbraucht.

Und dann natürlich noch die restlichen Kleinigkeiten, Obst, Gemüse, Backwaren und Gewürze. Hoch beladen lasse ich mich wieder langsam in Richtung Kassenbereich treiben. Zu meinem Unmut bin ich in die Rushhour geraten, vor den normalen Kassen sind lange Schlangen. Ich laufe auf die Kasse mit der kürzesten Wartereihe zu und freue mich, dass es zügig voran geht.

Express-Kasse
Meine Artikel sind zum größten Teil schon auf dem Band, als mich die Kassiererin anspricht. „Das ist die Express-Kasse, maximal zehn Artikel.“ – „Ja“, sage ich und belade abschließend das Transportband. – „Maximal zehn Artikel“, jetzt schon lauter. – „Ja“, sage ich. „Relativ zu welcher Dimension gilt das Limit?“

Die Kassiererin versteht mich nicht, beharrt auf ihrer Standardaussage mit der Begrenzung der Anzahl. „Sind es die Artikel pro Bandbeladung? Oder pro Minute, pro Zahlvorgang?“ will ich wissen. „Natürlich pro Kunde. Und das sind doch viel mehr als zehn Teile, also bitte nehmen Sie eine der anderen Kassen.“ 

„Oh.“ Ich schaue mich um, hinter mir eine Frau mit zwei Magermilchjoghurt, dahinter ein Junge mit einer Packung Kaugummi, dann wieder ein Einkaufswagen mit zwei Packungen Taschentüchern, insgesamt 60 Packungen, das sind 600 Tempos.

„Die Tempos da hinten, zählen die als 600 Stück, als 60 Teile, 2 Artikel oder 1 Bezahlvorgang?“ bohre ich bei meiner Kassiererin nach. Sie ist sichtlich genervt, die Kunden werden unruhig, weil es nicht vorangeht. „Ach“, sage ich leicht dahin, „wenn Sie in Ihrer Kompetenz überfordert sind, dann lassen Sie doch den Geschäftsführer kommen. Der kann das bestimmt besser beurteilen.“

„Der Einkaufswagen ist einfach zu voll. Es ist eine Expresskasse, es soll zügig gehen und ist für die Kunden, die nur einen kleinen Einkauf haben. Für Standardkunden sind die anderen Kassen da.“ – „Ich bin kein Standardkunde, ich bin Stammkunde bei Rewe. Genaugenommen bin ich sogar mehrere Stammkunden.“

„Das verstehe ich nicht.“ – „Ich kaufe nicht nur für mich ein. Auch für meine Frau, meine Tochter, meine Schwiegermutter, meinen Nachbarn und hier hinten auf dem Band sehen Sie auch Leckerli für den Hund meiner Tochter. Also bin ich sechs Stammkunden. Und wenn Sie darauf bestehen, bezahle ich auch getrennt für jeden dieser Stammkunden, wenn Sie mir die Punkte alle auf mein Einkaufskonto gutschreiben. Das sind dann weniger als die albernen zehn Artikel pro Kunde, aber ich kann Ihnen versichern, dass es länger dauert.“

Die Frau stöhnt auf. „Gut, gut“, mault sie, „lassen Sie die Artikel auf dem Band, zahlen Sie alles zusammen, aber das nächste Mal gehen Sie zu einer Standardkasse.“ – „Ich will es Ihnen mal nachsehen, dass Sie so lange brauchen, um einen Stammkunden angemessen zu bedienen. Und auch Ihr impertinentes Beharren auf Standardkassen lassen wir für heute mal auf sich beruhen.“

An ihren Augen sehe ich, dass sie mit dem Wort ‚impertinent‘ nichts anfangen kann. Aber jetzt schnappt sie sich mit flinken Fingern meine eingekaufte Ware, die das gesamte Kassenband belegt und zieht sie im Eiltempo am Scanner vorbei. Express-Kasse eben.

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03 April 2026

Optimismus durch den Karfreitag

Endpunkt eines Niedergangs. Vom gefeierten Star über Verfolgung, Verrat und Verurteilung bis zum Tode. Wir gedenken am heutigen Karfreitag dem Meilenstein in der Geschichte von Jesus Christus, an dem sein menschliches Leben zu Ende ging. Grund für Trauer also, in der christlichen Tradition entsprechend als Gedenktag mit gedeckter Stimmung begangen.

Aber ist das denn überhaupt passend? Nach diesem Tiefpunkt des Verlaufes kann es ja nur noch aufwärts gehen. Was die Bibel ja auch ausführlich berichtet. Und dieses Aufwärtsgehen ist ein positiver Ausblick auf die Zukunft, also ein Grund für Optimismus.

Optimismus durch den Karfreitag

Damit ergibt sich, dass Karfreitag weniger ein Trauertag ist, als ein Feiertag des Optimismus. Wenn man vermeintlich die Talsohle erreicht hat, dann ist Vorfreude auf einen Trend angesagt, der nur nach oben zeigen kann. Und damit ist der Karfreitag dann auch das Gegenteil der Depression, die viele Prominente mit Sorgen vor dem Abstieg befallen. „Hurra!“, möchte man rufen, „es geht nun wieder bergauf. Und ich bin dabei!“

Egal, ob wir uns die angeschlagene wirtschaftliche Entwicklung anschauen, ob wir die steil ansteigenden Lebenshaltungskosten betrachten, voller Entsetzen zum Iran und nach Amerika blicken: Je schlimmer es wird, desto größer ist die Chance, dass es mit einer Aufbruchstimmung wieder besser wird. Die Trümmerfrauen als Basis für das deutsche Wirtschaftswachstum sind nur ein Beispiel dafür, dass ein Wiederaufbau aus kaum fassbar desolater Lage nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich ist.

Ob aus unserer derzeitigen Lage eine Erfolgsgeschichte wie nach dem letzten Weltkrieg wird oder ob wir die über Jahrtausende treibende religiöse Kraft des Christentums in modernem Gewand wiederholen können ist nicht absehbar. Aber dass wir genau jetzt die Chance dazu haben, das steht außer Zweifel.

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01 April 2026

Demokratie-Kreis in der Kreis-Demokratie

Die Kommunalwahl vom 15.03.26 wird jetzt in ersten Gesprächen für die Bürgerinnen und Bürger in konkrete Maßnahmen umgesetzt. Wie vor einigen Tagen bekannt wurde, haben die Parteien schon während des Wahlkampfes erste Sondierungsgespräche geführt. Dabei ist ein Ansatz entwickelt worden, der zunächst im Rheingau-Taunus-Kreis pilotiert und später auf weitere Kreise ausgedehnt werden soll.

In einem bislang geheimen Positionspapier „Demokratie-Kreis in der Kreis-Demokratie“ stellen die Parteien fest, dass eine Trennung in seitlich abgegrenzte Fraktionen heute keinen Sinn mehr macht. Da es einen Überlapp der Wahlkampfthemen vom linken Spektrum mit Ansätzen der rechten Seite gibt, wird hier das Modell eines Kreises angestrebt. In der Praxis bedeutet das, dass die AfD an die Linke anstößt und so den Kreis schließt.

Demokratie-Kreis in der Kreis-Demokratie
Der Ansatz findet parteiübergreifend viel Zustimmung. „Wir können unsere Kräfte bündeln, den Wählerauftrag erfüllen und den Rheingau-Taunus-Kreis weiterentwickeln, ohne uns in Diskussionen über links oder rechts zu verzetteln“, wird ein Politiker zitiert.

Tatsächlich werden der Initiative große Erfolgsaussichten eingeräumt. Die Gemeinde Niedernhausen war an den vertraulichen Vorbereitungen beteiligt und will sich am heutigen ersten April zu ersten konkreten Maßnahmen äußern.

Wie unser Korrespondent aus der Gemeindevertretung vorab erfuhr, soll in einem ersten Schritt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verstärkt umgesetzt werden. Die Bürgermeisterin erhält eine Stabstelle, in der die Gleichstellungsbeauftragte neben beratender auch ordnungsgebende und überwachende Funktion hat. Gemeinderat und Ordnungsamt werden ihr in AGG-Themen unterstellt.

Vorbereitungen wurden bereits getroffen, um Geschlechterquoten für Straßennamen einzuführen. Im Sinne des AGG muss jede Straße abwechselnd Frau / Mann / neutral benannt werden. Und auch im Rathaus hat das AGG konkrete Konsequenzen, so sollen die Bürostühle ausgetauscht und nach Geschlecht, Alter, Haarfarbe ausgewählt werden, damit niemand bevorzugt wird.

Für viele Bürger relevant ist die Gleichbehandlungsampel für Hunde: Hunde jeder Größe dürfen gleich lang Gassi gehen. Und wer das Rathaus besucht wird die AGG-konformen Türöffnungszeiten bemerken, nach denen Türen zeitlich wechselnd im Zieh- und Drückmodus geöffnet werden müssen. Die Gleichstellungsbeauftragte für Zugänge ist für die Überwachung zuständig und kann bei Verdacht auf Benachteiligung angesprochen werden.

Besonderes Augenmerk liegt auf der einzuführenden Verordnung für Diskriminierungsverhinderung in Konsumbereichen. „Diese Verordnung wird noch sehr kontrovers diskutiert, aber wir wollen hier eine umsetzbare Regelung, die die Entwicklung unserer Gesellschaft widerspiegelt“, so der Vertreter einer großen Fraktion.

Hinter der Verordnung verbergen sich unter anderem Regelungen für die Reihenfolge an der Kasse im Supermarkt oder beim Bäcker. „Es kann nicht sein, dass wir im Jahr 2026 so unaufmerksam mit der Gleichbehandlung von Männern und Frauen, Erwachsenen und Kindern, Rentnern und Berufstätigen oder auch intelligenten und dummen Menschen umgehen. Klare Regelungen für die Reihenfolge beim Abkassieren nach einem rotierenden Fairness-System wäre aus unserer Sicht eine Lösung, die sich in der Praxis leicht einführen und überwachen lässt.“

An welchen weiteren Punkten der neue Ansatz „Demokratie-Kreis in der Kreis-Demokratie“ sich etablieren wird ist noch unklar. Verfolgen Sie die weiteren Mitteilungen in der örtlichen Presse und in den Sozialen Medien in den Tagen nach dem ersten April.

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27 März 2026

Neben mir in der Sauna

Feiner Dampf wallt durch den Raum, ein Hauch von Eukalyptus liegt in der Luft. Herein kommt ein Mann etwa meines Alters, meiner Körpergröße, recht muskulös. Er wischt mit dem Handtuch über die Holzbank, lässt sich darauf fallen, wobei sein nackter Oberkörper gegen die Rückenlehne stößt.
Neben mir in der Sauna


Einigen Minuten Schweigen, dann sage ich: „Haben Sie Kinder?“ Zuerst fühlt er sich nicht angesprochen, dann registriert er meine Frage, denkt kurz nach. „Na, Sie werden doch wissen, ob Sie Kinder haben“ hake ich nach. Er schwankt zwischen Aufnahme des Gesprächsangebotes und Ablehnung.

„Wieso fragen Sie?“ – „Ich schreibe an einer Studie. Und da möchte ich andere Menschen kennenlernen. Wie ist es mit den Kindern?“ – „Ja, ich habe Kinder. Zwei Mädchen.“ – „Und sind die ganz normal entstanden mit Ihrer Frau oder Freundin oder Partnerin? Oder durch künstliche Befruchtung?“

Er zuckt kurz, dann: „Das geht Sie gar nichts an.“ – „Natürlich nicht, Entschuldigung. Wussten Sie, dass Kinder, die bei wildem Sex entstehen eine um bis zu zehn Prozent höhere Lebenserwartung haben, als Kinder von Kuschelsex und noch mal fünf Prozent mehr als bei künstlicher Befruchtung. Deshalb wollte ich nur hören, wie das Ganze angefangen hat.“

„Ach so, nein, das wusste ich nicht.“ Pause. Ich lege nach: „Daneben gibt es Studien, die die Beständigkeit von Partnerschaften mit dem Einkommen korrelieren. Wie lange sind Sie schon mit Ihrer Partnerin zusammen?“

„Gut zehn Jahre“, mein Gesprächspartner scheint etwas mürrisch, ohne Zweifel muss ich ein wenig nachhelfen. „Kritische Phase“, murmele ich, „viele Ehen, gerade mit Kindern, geraten nach dieser Zeit in ernsthafte Schwierigkeiten. Haben Sie schon mal an eine Paartherapie gedacht?“

Diesmal reagiert er extrem schnell, offensichtlich habe ich einen wunden Punkt erwischt: „Das geht Sie nun wirklich nichts an. Und ich möchte mich auch gar nicht mit Ihnen unterhalten.“ – „Oh“, ich gebe mich einfühlsam, aber nicht beleidigt, „ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Verstehen Sie, eine gute Partnerschaft ist wie ein Geschenk, das muss man auch vorsichtig auspacken.“

Er entspannt wieder, also Gelegenheit: „Apropos auspacken. Wann haben Sie Ihre Frau das letzte Mal ausgepackt? Ich weiß, das ist ein Tabuthema, aber es ist ja so wichtig darüber auch mal zu sprechen und nach zehn Jahren…“ Er springt auf „Mein Intimleben geht Sie nun wirklich nichts an“ brüllt er schon fast.

„Okay, okay“ beschwichtige ich ihn, „lassen Sie uns dann doch lieber über Ihre finanziellen Verhältnisse sprechen.“ Jetzt heißt es improvisieren, „Lebenshaltung, zunehmende Ansprüche der Frau und der Kinder sind schon eine Belastung. Da liegt ein wenig Mogelei schon nahe.“

„Was wollen Sie denn damit sagen?“, er ist offensichtlich verblüfft. „Nun“, sage ich, „eine kleine Abfrage beim Finanzamt bestätigt diese weit verbreitete Form der niedrigschwelligen Steuersünden. Ich glaube ja nicht, dass das Konsequenzen hat, aber mit der zunehmenden Technisierung der Steuerbehörden könnte auch Ihr Fall zunehmend in den Fokus der Bots geraten.“

„Wie, was, Abfrage beim Finanzamt? Wer sind Sie denn überhaupt?“ Er schwankt zwischen Verärgerung und Sorge. – „Habe ich Ihnen doch schon gesagt. Ich schreibe eine Studie, dafür informiere ich mich gerne. Das Buchungssystem vom Hotel konnte mir Ihre Adresse bereitstellen, damit habe ich die Datenbank vom Finanzamt besucht. Glauben Sie mir, reine Routine.“

Jetzt ist er wirklich erschüttert. „Sie… haben… meine…?“ – „Ja, ich möchte ja, dass Sie ihren Urlaub genießen, dass Sie Kinder zeugen, die möglichst lange leben und eine Partnerschaft haben, die viele Jahre hält. Verstehen Sie?“

„Ähm, ja“, jegliche Wut ist verraucht, er bekommt einen geradezu zärtlichen Blick, „das habe ich wohl missverstanden. Entschuldigen Sie, zwischendurch habe ich Sie für unverschämt gehalten, aber eigentlich haben Sie ja Recht und man spricht viel zu wenig über solche Themen.“

„Oh“, erwidere ich leicht, „ich sollte das Gespräch auch mit Ihrer Frau führen. Wussten Sie, dass die Trennungsrate nicht nur eng mit partnerschaftlichen Problemen zusammenhängt oder mit dem Aussehen, sondern auch mit der Anzahl übereinstimmender Antworten zu alltäglichen Fragestellungen zwischen den Partnern?“

Ich lasse den Satz gut einwirken, dann ergänze ich: „Wie würden Sie das Aussehen Ihrer Frau beschreiben, Figur, Augen, Haare, Attraktivität?“ – „Ich würde sagen, sie sieht normal aus, oder vielleicht eher gut, schlank, lange Haare, attraktiv.“

Noch während er weiter überlegt, wie er seine Frau mir gegenüber beschreiben soll, habe ich mich erhoben, ziehe das Handtuch hoch und halte auf die Tür zu. Fast beiläufig sage ich „Für eine fundierte weitere Beratung empfehle ich Ihnen, dass Ihre Frau mich zur weiteren Abklärung besucht. Zimmer 204. Sagen wir 21 Uhr, meinen sie, das passt?“

Er ist so perplex, dass er nur kurz nickt, mir versichert, dass das Gespräch mit mir sehr interessant war und er seiner Frau ans Herz legen wird, mich zu treffen.

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20 März 2026

Karin, die Redselige

Die Tür öffnet sich langsam, eine Frau mittleren Alters mit Pferdeschwanz steckt den Kopf in den Raum. Orientierend schaut sie sich um, dann kommt sie herein, setzt sich auf die untere Bank und lockert das Handtuch ein wenig. Stille, ein paar Minuten kein Geräusch, keine Bewegung.

Sie schaut sich um, wirft unauffällig einen Blick auf die anderen Gäste, bleibt mit den Augen hier und da kurz hängen, schaut dann wieder auf den Boden vor sich und schließt die Augen. Nach und nach leert es sich, teilbekleidete Menschen verlassen den Raum, schlüpfen in ihre Badeschuhe und verschwinden in einen anderen Teil der Anlage.

Karin, die Redselige
Wir sind allein. Ohne aufzuschauen setzt sie sich seitwärts, hebt jetzt doch den Blick und visiert mich an. Als wäre eine Schleuse aufgegangen beginnt sie zu reden, ich erfahre in Kurzform ihre Lebensgeschichte, Karin aus Bielefeld, zwei Kinder, getrennt lebend, Büroangestellte, Schwester zur Zeit im Ausland. Sport betreibt sie in Kursen, Yoga und ob ich das kenne, das ist so entspannend wie das Ausspannen nach dem Aufguss in der Sauna. Und so weiter.

Ich höre nur mit halbem Ohr zu, vermutlich bin ich auch gar nicht der Gesprächspartner, es ist eher zufällig, dass ich mit ihr in einem Raum sitze. Jedenfalls will sie auch gar nichts von mir hören, erzählt nur vor sich hin. Meine Gedanken schweifen ab und ich überlege, ob es eine Botschaft gibt, warum sie mich mit all ihren Geschichten überfällt. Ist es ein unspezifisches Mitteilungsbedürfnis, der Wunsch nach Kommunikation, eine Form der Kontaktaufnahme mit Option zur Vertiefung vielleicht. Oder ein Hilfeschrei, weil sie sonst niemand hat, mit dem sie ihr Leben und ihre Situation teilen kann.

Sie ist bei ihrem Beruf angekommen, bei Kollegen, einer Form von Burnout, Midlife-Crisis höre ich aus ihren Berichten heraus. Nicht nur im Beruf, auch im Leben und als Frau fühlt sie sich wie ein gebrauchter Gegenstand, oder solle sie sagen verbraucht, ohne Sinn. Ist da ein Funken von Frust, von Depression in den Sätzen, die Suche nach dem Prinzen, der sie in die goldene Kutsche packt und in sein Schloss entführt.

Was das Beste an den Tagen hier sei, fragt sie mich, ohne eine Antwort abzuwarten ist es der Spa, das tolle Essen und der Sekt zum Frühstück. Vor allem der Sekt zum Frühstück, ja, ein Glas zum Start des Tages, zwischen Vergessen und flüssiger Leichtigkeit, die ein paar Stunden anhält.

Ich nicke, schwinge meine Beine von der Bank eine Etage tiefer, dann murmele ich ein paar freundliche Worte, lege das Handtuch fester um und verlasse den Ort der Geschichten einer unglücklichen Frau.

Einige Stunden Entspannung, Sport und Whirlpool später bin ich bereit für das Abendessen. Noch etwas zu früh, ich steuere zuerst die Bar an. Und da sitzt sie, hat einen Aperol Spritz vor sich stehen oder zumindest das, was noch davon übrig ist. Ich zögere kurz, wenn ich mich neben sie setze wirkt es wie eine Annäherung, wenn ich mich entfernt platziere sieht es aus wie Ablehnung. Ich entscheide mich für einen Platz am Tresen, aber mit freien Barhockern zwischen uns.

Sofort sitzt sie neben mir, hat sich ihren Aperol mitgebracht und redet wie bekannt auf mich ein. Einstieg über das Essen, das jetzt gleich serviert wird, ihre Kochkünste und das Essverhalten ihrer Kinder und ihres Mannes. Von dem sie ja getrennt lebt. Nein, er fehle ihr nicht, phasenweise hätten sie sich nur gestritten, auch wegen der Kinder und überhaupt.

So hatte ich mir die Zeit bis zum Abendessen nicht vorgestellt, mein Blick fällt auf einen Mann etwa in meinem Alter, vielleicht etwas älter, der an einem Tischchen sitzt, ein Glas Wein vor sich, ein Buch daneben. Ich löse mich von meiner alleinerziehenden Freundin, die inzwischen einen weiteren Aperol bestellt hat und mit ihrer Hand recht aufdringlich meinen Unterarm bearbeitet. Ich befreie mich aus ihren Fängen, gleite vom Hocker und steuere auf den Tisch mit dem fremden Mann zu.

„Hallo“, begrüße ich ihn, „Mensch, Bernd, schön, dich wiederzusehen. Wer hätte das gedacht, ist ja schon ein paar Jahre her.“ Der Mann schaut mich verdutzt an, offensichtlich habe ich ihn aus seinen Gedanken gerissen. – „Guten Abend“, höflich, kurzes Zögern, dann: „Ich heiße nicht Bernd und ich kenne Sie nicht, verwechseln Sie mich vielleicht?“

Ein schneller Blick auf sein Buch, dann sage ich „Ich habe kein gutes Namensgedächtnis, aber ich erinnere mich noch genau, dass wir bei einem Wein in der Bar gesessen haben und uns über Theodor Fontane unterhalten haben.“ Wieder nachdenkliches Zögern, ich habe einen Treffer gelandet.

„Also, daran kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern, aber es kann schon sein.“ – „Ja klar, es ging um ‚Effi Briest‘ und wir haben uns mit der damaligen Zeit beschäftigt.“ Offensichtlich wieder ein Treffer, der Bestseller vom alten Theodor steht bestimmt auch in seinem Bücherschrank an prominenter Stelle. Ich lasse es einen Moment absacken, dann: „Siehst du Karin dort drüben? Sie ist ein Musterbeispiel für die heutige Zeit, eine Adaption, Transformation, ja, geradezu wie eine zeitgenössische Bearbeitung, verstehst du?“

Erwischt, seine Neugierde ist geweckt, seine Gedankenwelt umgeschwenkt in die Effie Briest, die jetzt wohl Karin heißt und die sich einreiht in Klassiker, die er auch bei Flaubert wiederfinden könnte. Und hier sitzt sie, lebendig, aus den Romanen hervorgestiegen, wie ich ihm ins Ohr flüstere. Und ob ich sie nicht an unseren Tisch bitten solle.

Schon bin ich wieder am Tresen, lege meine Hand zärtlich auf den Barhocker neben Karin, beuge mich ganz nah an sie heran und überbringe den Wunsch zum weiteren Kontakt mit meinem alten Freund, der zufällig dort drüben sitzt.

Nein, denke ich mir, von Verkuppeln möchte ich eigentlich nicht sprechen, aber zwei Menschen zusammenzubringen ist doch ein schönes Erlebnis, und wenn ich dann auch noch einen ungestörten Abend verbringen kann, ist es doch win-win.

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11 März 2026

Unter meiner Rollmatratze

Nach dem Lied "Unter meinem Fingernagel" von M. M. Westernhagen

Unter meiner Rollmatratze
Unter meiner Rollmatratze
Hatt’ ich ihn versteckt
Zwischen all dem Dreck
Den alten Schrank komplett

Unter meiner Rollmatratze
War er gut versteckt
Zwischen all dem Dreck
Denn jetzt soll er weg
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Und ich warte, warte
Auf die Sperrmüll-Sparte
Ich warte, warte
Niemand schafft ihn weg.
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Unter meiner Rollmatratze
Lag noch ein Regal
Mann war das ’ne Qual
Schrammen überall

Unter meiner Rollmatratze
Lag noch eine Couch
Platt vom letzten Plausch
Am Freitag flog sie raus
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Und ich warte, warte
Auf die Sperrmüll-Sparte
Ich warte, warte
Niemand kommt ans Haus.
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Tränen, Tränen im Kaffee
Tränen, Tränen - Ach herrje!

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Unter meiner Rollmatratze
Hatt’ ich ihn versteckt
All den Sperrmülldreck
Keiner holt ihn weg

Unter meiner Rollmatratze
Fege ich den Dreck
Mit ’nem Besen weg
Hat ja doch kein Zweck
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Und ich fahre, fahre
Ohne Sperrmüll-Karre
Ich fahre, fahre
Selber weg
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Verdammt
Zu voll

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