27 März 2026

Neben mir in der Sauna

Feiner Dampf wallt durch den Raum, ein Hauch von Eukalyptus liegt in der Luft. Herein kommt ein Mann etwa meines Alters, meiner Körpergröße, recht muskulös. Er wischt mit dem Handtuch über die Holzbank, lässt sich darauf fallen, wobei sein nackter Oberkörper gegen die Rückenlehne stößt.
Neben mir in der Sauna


Einigen Minuten Schweigen, dann sage ich: „Haben Sie Kinder?“ Zuerst fühlt er sich nicht angesprochen, dann registriert er meine Frage, denkt kurz nach. „Na, Sie werden doch wissen, ob Sie Kinder haben“ hake ich nach. Er schwankt zwischen Aufnahme des Gesprächsangebotes und Ablehnung.

„Wieso fragen Sie?“ – „Ich schreibe an einer Studie. Und da möchte ich andere Menschen kennenlernen. Wie ist es mit den Kindern?“ – „Ja, ich habe Kinder. Zwei Mädchen.“ – „Und sind die ganz normal entstanden mit Ihrer Frau oder Freundin oder Partnerin? Oder durch künstliche Befruchtung?“

Er zuckt kurz, dann: „Das geht Sie gar nichts an.“ – „Natürlich nicht, Entschuldigung. Wussten Sie, dass Kinder, die bei wildem Sex entstehen eine um bis zu zehn Prozent höhere Lebenserwartung haben, als Kinder von Kuschelsex und noch mal fünf Prozent mehr als bei künstlicher Befruchtung. Deshalb wollte ich nur hören, wie das Ganze angefangen hat.“

„Ach so, nein, das wusste ich nicht.“ Pause. Ich lege nach: „Daneben gibt es Studien, die die Beständigkeit von Partnerschaften mit dem Einkommen korrelieren. Wie lange sind Sie schon mit Ihrer Partnerin zusammen?“

„Gut zehn Jahre“, mein Gesprächspartner scheint etwas mürrisch, ohne Zweifel muss ich ein wenig nachhelfen. „Kritische Phase“, murmele ich, „viele Ehen, gerade mit Kindern, geraten nach dieser Zeit in ernsthafte Schwierigkeiten. Haben Sie schon mal an eine Paartherapie gedacht?“

Diesmal reagiert er extrem schnell, offensichtlich habe ich einen wunden Punkt erwischt: „Das geht Sie nun wirklich nichts an. Und ich möchte mich auch gar nicht mit Ihnen unterhalten.“ – „Oh“, ich gebe mich einfühlsam, aber nicht beleidigt, „ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Verstehen Sie, eine gute Partnerschaft ist wie ein Geschenk, das muss man auch vorsichtig auspacken.“

Er entspannt wieder, also Gelegenheit: „Apropos auspacken. Wann haben Sie Ihre Frau das letzte Mal ausgepackt? Ich weiß, das ist ein Tabuthema, aber es ist ja so wichtig darüber auch mal zu sprechen und nach zehn Jahren…“ Er springt auf „Mein Intimleben geht Sie nun wirklich nichts an“ brüllt er schon fast.

„Okay, okay“ beschwichtige ich ihn, „lassen Sie uns dann doch lieber über Ihre finanziellen Verhältnisse sprechen.“ Jetzt heißt es improvisieren, „Lebenshaltung, zunehmende Ansprüche der Frau und der Kinder sind schon eine Belastung. Da liegt ein wenig Mogelei schon nahe.“

„Was wollen Sie denn damit sagen?“, er ist offensichtlich verblüfft. „Nun“, sage ich, „eine kleine Abfrage beim Finanzamt bestätigt diese weit verbreitete Form der niedrigschwelligen Steuersünden. Ich glaube ja nicht, dass das Konsequenzen hat, aber mit der zunehmenden Technisierung der Steuerbehörden könnte auch Ihr Fall zunehmend in den Fokus der Bots geraten.“

„Wie, was, Abfrage beim Finanzamt? Wer sind Sie denn überhaupt?“ Er schwankt zwischen Verärgerung und Sorge. – „Habe ich Ihnen doch schon gesagt. Ich schreibe eine Studie, dafür informiere ich mich gerne. Das Buchungssystem vom Hotel konnte mir Ihre Adresse bereitstellen, damit habe ich die Datenbank vom Finanzamt besucht. Glauben Sie mir, reine Routine.“

Jetzt ist er wirklich erschüttert. „Sie… haben… meine…?“ – „Ja, ich möchte ja, dass Sie ihren Urlaub genießen, dass Sie Kinder zeugen, die möglichst lange leben und eine Partnerschaft haben, die viele Jahre hält. Verstehen Sie?“

„Ähm, ja“, jegliche Wut ist verraucht, er bekommt einen geradezu zärtlichen Blick, „das habe ich wohl missverstanden. Entschuldigen Sie, zwischendurch habe ich Sie für unverschämt gehalten, aber eigentlich haben Sie ja Recht und man spricht viel zu wenig über solche Themen.“

„Oh“, erwidere ich leicht, „ich sollte das Gespräch auch mit Ihrer Frau führen. Wussten Sie, dass die Trennungsrate nicht nur eng mit partnerschaftlichen Problemen zusammenhängt oder mit dem Aussehen, sondern auch mit der Anzahl übereinstimmender Antworten zu alltäglichen Fragestellungen zwischen den Partnern?“

Ich lasse den Satz gut einwirken, dann ergänze ich: „Wie würden Sie das Aussehen Ihrer Frau beschreiben, Figur, Augen, Haare, Attraktivität?“ – „Ich würde sagen, sie sieht normal aus, oder vielleicht eher gut, schlank, lange Haare, attraktiv.“

Noch während er weiter überlegt, wie er seine Frau mir gegenüber beschreiben soll, habe ich mich erhoben, ziehe das Handtuch hoch und halte auf die Tür zu. Fast beiläufig sage ich „Für eine fundierte weitere Beratung empfehle ich Ihnen, dass Ihre Frau mich zur weiteren Abklärung besucht. Zimmer 204. Sagen wir 21 Uhr, meinen sie, das passt?“

Er ist so perplex, dass er nur kurz nickt, mir versichert, dass das Gespräch mit mir sehr interessant war und er seiner Frau ans Herz legen wird, mich zu treffen.

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20 März 2026

Karin, die Redselige

Die Tür öffnet sich langsam, eine Frau mittleren Alters mit Pferdeschwanz steckt den Kopf in den Raum. Orientierend schaut sie sich um, dann kommt sie herein, setzt sich auf die untere Bank und lockert das Handtuch ein wenig. Stille, ein paar Minuten kein Geräusch, keine Bewegung.

Sie schaut sich um, wirft unauffällig einen Blick auf die anderen Gäste, bleibt mit den Augen hier und da kurz hängen, schaut dann wieder auf den Boden vor sich und schließt die Augen. Nach und nach leert es sich, teilbekleidete Menschen verlassen den Raum, schlüpfen in ihre Badeschuhe und verschwinden in einen anderen Teil der Anlage.

Karin, die Redselige
Wir sind allein. Ohne aufzuschauen setzt sie sich seitwärts, hebt jetzt doch den Blick und visiert mich an. Als wäre eine Schleuse aufgegangen beginnt sie zu reden, ich erfahre in Kurzform ihre Lebensgeschichte, Karin aus Bielefeld, zwei Kinder, getrennt lebend, Büroangestellte, Schwester zur Zeit im Ausland. Sport betreibt sie in Kursen, Yoga und ob ich das kenne, das ist so entspannend wie das Ausspannen nach dem Aufguss in der Sauna. Und so weiter.

Ich höre nur mit halbem Ohr zu, vermutlich bin ich auch gar nicht der Gesprächspartner, es ist eher zufällig, dass ich mit ihr in einem Raum sitze. Jedenfalls will sie auch gar nichts von mir hören, erzählt nur vor sich hin. Meine Gedanken schweifen ab und ich überlege, ob es eine Botschaft gibt, warum sie mich mit all ihren Geschichten überfällt. Ist es ein unspezifisches Mitteilungsbedürfnis, der Wunsch nach Kommunikation, eine Form der Kontaktaufnahme mit Option zur Vertiefung vielleicht. Oder ein Hilfeschrei, weil sie sonst niemand hat, mit dem sie ihr Leben und ihre Situation teilen kann.

Sie ist bei ihrem Beruf angekommen, bei Kollegen, einer Form von Burnout, Midlife-Crisis höre ich aus ihren Berichten heraus. Nicht nur im Beruf, auch im Leben und als Frau fühlt sie sich wie ein gebrauchter Gegenstand, oder solle sie sagen verbraucht, ohne Sinn. Ist da ein Funken von Frust, von Depression in den Sätzen, die Suche nach dem Prinzen, der sie in die goldene Kutsche packt und in sein Schloss entführt.

Was das Beste an den Tagen hier sei, fragt sie mich, ohne eine Antwort abzuwarten ist es der Spa, das tolle Essen und der Sekt zum Frühstück. Vor allem der Sekt zum Frühstück, ja, ein Glas zum Start des Tages, zwischen Vergessen und flüssiger Leichtigkeit, die ein paar Stunden anhält.

Ich nicke, schwinge meine Beine von der Bank eine Etage tiefer, dann murmele ich ein paar freundliche Worte, lege das Handtuch fester um und verlasse den Ort der Geschichten einer unglücklichen Frau.

Einige Stunden Entspannung, Sport und Whirlpool später bin ich bereit für das Abendessen. Noch etwas zu früh, ich steuere zuerst die Bar an. Und da sitzt sie, hat einen Aperol Spritz vor sich stehen oder zumindest das, was noch davon übrig ist. Ich zögere kurz, wenn ich mich neben sie setze wirkt es wie eine Annäherung, wenn ich mich entfernt platziere sieht es aus wie Ablehnung. Ich entscheide mich für einen Platz am Tresen, aber mit freien Barhockern zwischen uns.

Sofort sitzt sie neben mir, hat sich ihren Aperol mitgebracht und redet wie bekannt auf mich ein. Einstieg über das Essen, das jetzt gleich serviert wird, ihre Kochkünste und das Essverhalten ihrer Kinder und ihres Mannes. Von dem sie ja getrennt lebt. Nein, er fehle ihr nicht, phasenweise hätten sie sich nur gestritten, auch wegen der Kinder und überhaupt.

So hatte ich mir die Zeit bis zum Abendessen nicht vorgestellt, mein Blick fällt auf einen Mann etwa in meinem Alter, vielleicht etwas älter, der an einem Tischchen sitzt, ein Glas Wein vor sich, ein Buch daneben. Ich löse mich von meiner alleinerziehenden Freundin, die inzwischen einen weiteren Aperol bestellt hat und mit ihrer Hand recht aufdringlich meinen Unterarm bearbeitet. Ich befreie mich aus ihren Fängen, gleite vom Hocker und steuere auf den Tisch mit dem fremden Mann zu.

„Hallo“, begrüße ich ihn, „Mensch, Bernd, schön, dich wiederzusehen. Wer hätte das gedacht, ist ja schon ein paar Jahre her.“ Der Mann schaut mich verdutzt an, offensichtlich habe ich ihn aus seinen Gedanken gerissen. – „Guten Abend“, höflich, kurzes Zögern, dann: „Ich heiße nicht Bernd und ich kenne Sie nicht, verwechseln Sie mich vielleicht?“

Ein schneller Blick auf sein Buch, dann sage ich „Ich habe kein gutes Namensgedächtnis, aber ich erinnere mich noch genau, dass wir bei einem Wein in der Bar gesessen haben und uns über Theodor Fontane unterhalten haben.“ Wieder nachdenkliches Zögern, ich habe einen Treffer gelandet.

„Also, daran kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern, aber es kann schon sein.“ – „Ja klar, es ging um ‚Effi Briest‘ und wir haben uns mit der damaligen Zeit beschäftigt.“ Offensichtlich wieder ein Treffer, der Bestseller vom alten Theodor steht bestimmt auch in seinem Bücherschrank an prominenter Stelle. Ich lasse es einen Moment absacken, dann: „Siehst du Karin dort drüben? Sie ist ein Musterbeispiel für die heutige Zeit, eine Adaption, Transformation, ja, geradezu wie eine zeitgenössische Bearbeitung, verstehst du?“

Erwischt, seine Neugierde ist geweckt, seine Gedankenwelt umgeschwenkt in die Effie Briest, die jetzt wohl Karin heißt und die sich einreiht in Klassiker, die er auch bei Flaubert wiederfinden könnte. Und hier sitzt sie, lebendig, aus den Romanen hervorgestiegen, wie ich ihm ins Ohr flüstere. Und ob ich sie nicht an unseren Tisch bitten solle.

Schon bin ich wieder am Tresen, lege meine Hand zärtlich auf den Barhocker neben Karin, beuge mich ganz nah an sie heran und überbringe den Wunsch zum weiteren Kontakt mit meinem alten Freund, der zufällig dort drüben sitzt.

Nein, denke ich mir, von Verkuppeln möchte ich eigentlich nicht sprechen, aber zwei Menschen zusammenzubringen ist doch ein schönes Erlebnis, und wenn ich dann auch noch einen ungestörten Abend verbringen kann, ist es doch win-win.

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11 März 2026

Unter meiner Rollmatratze

Nach dem Lied "Unter meinem Fingernagel" von M. M. Westernhagen

Unter meiner Rollmatratze
Unter meiner Rollmatratze
Hatt’ ich ihn versteckt
Zwischen all dem Dreck
Den alten Schrank komplett

Unter meiner Rollmatratze
War er gut versteckt
Zwischen all dem Dreck
Denn jetzt soll er weg
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Und ich warte, warte
Auf die Sperrmüll-Sparte
Ich warte, warte
Niemand schafft ihn weg.
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Unter meiner Rollmatratze
Lag noch ein Regal
Mann war das ’ne Qual
Schrammen überall

Unter meiner Rollmatratze
Lag noch eine Couch
Platt vom letzten Plausch
Am Freitag flog sie raus
========
Und ich warte, warte
Auf die Sperrmüll-Sparte
Ich warte, warte
Niemand kommt ans Haus.
========

Tränen, Tränen im Kaffee
Tränen, Tränen - Ach herrje!

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Unter meiner Rollmatratze
Hatt’ ich ihn versteckt
All den Sperrmülldreck
Keiner holt ihn weg

Unter meiner Rollmatratze
Fege ich den Dreck
Mit ’nem Besen weg
Hat ja doch kein Zweck
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Und ich fahre, fahre
Ohne Sperrmüll-Karre
Ich fahre, fahre
Selber weg
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Verdammt
Zu voll

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06 März 2026

Ein Tageszimmer bitte

„Guten Tag, Sie sind verbunden mit dem Wellness- und Spa Royal, mein Name ist Ramona Heil, was kann ich für Sie tun?“
„Ich möchte gerne ein Zimmer buchen.“ – „Sehr gerne“, flötet die Frau am anderen Ende der Leitung, „wann möchten Sie das Zimmer denn haben?“ – „Am fünfzehnten Mai“, sage ich, „ich komme alleine, Sie können mir aber auch gerne ein Doppelzimmer geben.“

„Ich schaue mal“, kurze Pause, dann: „Das ist der Tag nach Christi Himmelfahrt, ein Brückentag, da sind wir leider schon ausgebucht. Darf ich Sie vielleicht für einen anderen Tag aufnehmen?“ – „Nein“, sage ich, „ich möchte an genau diesem Tag ein Zimmer haben. Aber ich brauche es auch nur tagsüber. Ein Tageszimmer sozusagen.“

„Es tut mir leid“, meine Gesprächspartnerin bleibt hart, „aber wir haben kein Zimmer frei. Auch kein ‚Tageszimmer‘, wie Sie es nennen.“

„Wissen Sie“, erläutere ich meiner Ramona, „ich bin Nachtarbeiter. Ich ruhe mich tagsüber aus, wenn andere Menschen aktiv sind. Ich brauche also kein Zimmer für eine Übernachtung, sondern nur für den Tagesschlaf. Das lässt sich doch mit den Gewohnheiten anderer Gäste kombinieren, die tagsüber im Wellnessbereich sind.“

„Ich verstehe Sie, aber wir vergeben Zimmer nur für ganze Tage.“ – „Ja, genau das meine ich ja: Das Zimmer für einen ganzen Tag, aber eben nicht für die Nacht. Sie können es ja gerne dann abends weitergeben und als Nachtzimmer anbieten. An einen spät anreisenden Gast zum Beispiel. Oder als Paket mit einer Spa-Behandlung vermarkten. Wissen Sie, was ich meine?“

Zögern. Nach ihrer Stimme ist Ramona eine junge Frau und vermutlich nicht besonders hoch in der Hierarchie des Hotels. Mit meinem Anliegen ist sie offensichtlich überfordert. „Das habe ich noch nie gehört“, bestätigt sie meine Vermutung bezüglich Überforderung, „gerne nehmen wir Sie als Gast auf, aber nicht nur für einen Tagesabschnitt und am fünfzehnten sind wir ausgebucht.“ Dann nach kurzem Überlegen: „Aber ich kann Sie auf eine Warteliste setzen, falls ein anderer Gast seine Reservierung storniert. Möchten Sie, dass ich das mache?“

„Sehr freundlich von Ihnen. Aber ich muss verbindlich wissen, ob ich bei Ihnen ein paar Stunden Ruhe finde, nach denen ich meine Nachtarbeit aufnehmen kann. Schauen Sie doch mal in Ihre Reservierungen. Da ist doch bestimmt ein Kandidat mit später Anreise dabei, dem ich das Zimmer übergeben kann. Und Sie verdienen ja auch doppelt daran. Erst an meiner Buchung, dann an der meines Nachfolgers. Obwohl ich mir natürlich einen kleinen Rabatt vorstellen könnte.“

Am Schnaufen kann ich deutlich erkennen, dass der Rezeptionistin langsam die Geduld ausgeht. Oder sind es nur meine guten Argumente, die sie allmählich in die Enge treiben? Jedenfalls ist sie noch in der Leitung und überlegt laut: „Ich versuche mal, Sie an unseren Reservierungsmanager durchzustellen. Vielleicht kann der Ihnen weiterhelfen.“ Wartemusik.

Ein Tageszimmer bitte
„Guten Tag, Sie sind verbunden mit dem Wellness- und Spa Royal, mein Name ist Marc Miller, was kann ich für Sie tun?“ – „Oh, gut Sie zu sprechen. Ich möchte gerne ein Zimmer für einen Tag buchen, das konnte Ihre Kollegin wohl nicht einrichten.“

„Das wundert mich. Aber natürlich schaue ich mir das gerne einmal für Sie an. Geben Sie mir doch bitte Ihren Terminwunsch und die Anzahl der Gäste.“ – „Es geht nur um einen einzigen Gast, nämlich mich und nur um einen Tag, nämlich den fünfzehnten Mai.“ – „Fünfzehnter Mai, sagen Sie? Das ist der Brückentag nach Christi Himmelfahrt. Da sind wir leider schon ausgebucht.“

„Ja“, sage ich, „das hat mir Ihre freundliche Kollegin auch gesagt. Aber es geht ja nur um den einen Tag.“ – „Gewiss, das habe ich schon verstanden, Sie möchten ein Zimmer für eine Person mit Anreise am fünfzehnten Mai, Übernachtung und optional Frühstück. Aber das kann ich Ihnen leider nicht anbieten.“

„Sehen Sie, genau das ist ja das Missverständnis. Ich möchte das Zimmer nur am fünfzehnten, keine Übernachtung, kein Frühstück. Nur das Zimmer, nur am Tag. Ich reise am Abend wieder ab. Sie können den Raum also nach dem Bettenmachen an einen anderen Gast weitergeben, der erst spät anreist. Oder der in der Zwischenzeit im Spa ist. Und so zweimal an dem Zimmer verdienen. Das habe ich Frau Heim oder Hein ja alles schon erklärt.“

Marc hat in dem Hotel etwas zu sagen und vor allen Dingen wohl auch zu entscheiden. Es liegt jetzt in seinen Händen, wie es weitergeht. „Wenn Sie Frau Heil Ihre Überlegungen geschildert haben, hat Sie Ihnen bestimmt erklärt, dass wir Zimmer nur tageweise vergeben, mit Übernachtung und optional mit Frühstück. Ob oder wann Sie wieder abreisen ist natürlich Ihnen überlassen. Aber wir sind an dem Tag ausgebucht, ich kann Sie nur auf eine Warteliste aufnehmen, falls ein anderer Gast storniert.“

„Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen, aber wissen Sie, ich brauche eine verbindliche Planung. Können wir es einfach so halten, dass Sie die Gästeliste mit Anreise ab 19 Uhr durchschauen und mir dann Bescheid geben, welches Zimmer ich nach dem Frühstück bis dahin bekommen kann. Ich weiß ja, dass das ein wenig Mehrarbeit für Sie ist, aber es lohnt sich ja auch, wenn das Zimmer gleich zweimal bezahlt wird. Oder zumindest mehr als normal, wenn Sie mir einen entsprechenden Rabatt einräumen.“

Es vergehen einige Sekunden, in denen Marc wohl versucht, seine Kundenorientierung aus der Schublade zu holen, mich als Gast zu behalten und die Situation wieder in den Griff zu bekommen. „Sie sind ein außergewöhnlicher Kunde“, lässt er mich wissen, „und wir sind bekannt dafür, auch ungewöhnliche Wünsche zu erfüllen, aber ich muss Ihnen leider mitteilen, dass ich jetzt nicht die Gästeliste durchgehen werde und für den fünfzehnten können wir Ihnen beim besten Willen nichts anbieten, so leid es mir tut.“

„Jetzt bin ich aber traurig. So eine gute Idee, ein neues Geschäftsmodell, das ich Ihnen kostenlos präsentiert habe und Ihnen bei Gelegenheit auch mit der Ausarbeitung, Up-Selling, Cross-Selling und Paketen helfen würde. Denken Sie doch nur an die…“

Einfach aufgelegt. Es gibt Menschen, die Innovationen mit Füßen treten. Kein Wunder, dass wir in Deutschland nicht vorankommen.

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20 Februar 2026

Haben Sie einen Termin?

Gestern Nachmittag bin ich mit dem rechten Fuß unter einem Bein vom Schreibtischstuhl hängengeblieben, es hat leise geknackt und nach einer kurzen Verzögerung kam dann ein stechender Schmerz. Also irgendwas kaputtgemacht, gebrochen, gerissen, was auch immer. Solange ich nicht bewegte und belastete ging es gut, auch die Nacht weitgehend schmerzfrei, aber am nächsten Morgen bin ich dann doch zum Unfallarzt gehumpelt.

"Guten Morgen, haben Sie einen Termin?"
"Nein", sage ich, "ich hatte einen Unfall. Mein rechter Fuß ist lädiert, ich habe ihn mir gestern Nachmittag umgeknickt."
"Das tut mir sehr leid. Aber ich kann Sie leider nicht drannehmen. Ohne Termin geht heute gar nichts."
Ich schaue mich um. Das Wartezimmer ist leer. Nicht ziemlich leer, einfach leer. Ich bin der einzige Patient weit und breit.
"Kann der Arzt nicht kurz nach dem Fuß gucken? Ich meine, es ist ja nicht gerade voll."
"Tut mir leid", höre ich wieder, "der Arzt ist noch nicht da. Und gleich kommen viele Patienten mit Termin. Ich kann Sie heute nicht drannehmen."
"Dieser ältere Herr im weißen Kittel, ist das nicht der Arzt? Der lief doch gerade zwischen den Sprechzimmern hin und her."
"Oh, dann ist er doch schon da. Aber er hat jetzt keine Zeit. Sie müssen leider zur Zentralen Notaufnahme."
"Ich kann auch einen Moment warten, das ist immer noch besser als zur zentralen Notaufnahme."
"Tut mir leid", wieder dieser empathische Spruch aus ihrem tiefgelangweilten Mund, "heute wirklich nicht."

Haben Sie einen Termin?
Eine Viertelstunde später schleppe ich mich vom Parkplatz vor der Klinik vorbei an der Rezeption zur Zentralen Notaufnahme. Zu meiner Überraschung ist es recht leer, ein Handwerker hat sich auch den Fuß verletzt, ein junges Mädchen hält sich die Hand, ein weiterer Mann sitzt im Wartebereich.

"Guten Morgen, was ist passiert?"
Ich erkläre ihr wieder den Grund meiner Anwesenheit, Bürostuhl, Hängenbleiben, Fußumknicken, Knacken und Schmerz.
"Ah", sagt die Assistentin an der Aufnahme, "verstehe. Haben Sie einen Termin?"
Ich stutze kurz, "Ich dachte, hier ist die Notaufnahme. Also nach Unfällen. Ich habe keinen Termin."
"Ah", sagt die Assistentin, "verstehe. Dann handelt es sich also um einen Unfall?"
Noch mal mein Textchen mit dem Bürostuhl und dem Umknicken. "Ja, ich denke, das würde man als Unfall bezeichnen. Vorher war mein Fuß noch heile, nachher nicht mehr. Im Büro."
"Also ein Berufsunfall?"
Ich denke nach. Bei Berufsunfall denke ich an Bauarbeiter, die vom Gerüst fallen, Köche, die sich in den Finger schneiden oder Tierpfleger, die von einem Hund gebissen wurden. Aber doch nicht an einen Büromenschen wie mich, der zu dusselig ist, von einem Stuhl aufzustehen, ohne sich dabei den Fuß umzuknicken.
"Ja", sage ich, "ja, ich denke, das war ein Berufsunfall."
Sie versorgt mich mit diversen Formblättern, Aufklärungsbroschüren und Fragebögen. Die unvermeidliche Datenschutzerklärung, eine Information zu Operationsrisiken, Erläuterung zu stationären Klinikaufenthalten. Und ich soll ihr bitte meine Versichertenkarte geben.

Seit einiger Zeit sitze ich im Wartebereich, der Handwerker mit dem kaputten Fuß wurde abgeholt, auch das Mädchen mit der lädierten Hand ist nicht mehr da. Ein weißbekittelter junger Mann geht mit ruhigem Schritt den Gang entlang, schaut in Richtung Rezeption, dann zu mir. "Sind Sie schon angemeldet?"
"Ja", sage ich, "aber ich habe keinen Termin." Der Weißkittel schaut mich irritiert an. "Keinen Termin" wiederholt er. "Kommen Sie mal mit in Zimmer zwei."
Er fragt nach dem Unfall, ich schildere geduldig zum vierten Mal mein Malheur. Inzwischen ist es etwas ausgeschmückt, wurde ich hektisch vom Arbeitsplatz weggerufen und musste einem Kollegen ausweichen. Nur, damit es nicht so peinlich klingt, dass eigentlich gar kein Anlass für das Umknicken bestand.
"Der Fuß also", erkennt der Arzt sehr richtig, "können Sie den Schuh ausziehen, ich möchte ihn mir mal ansehen."
"Den Fuß oder den Schuh?"
Er schaut mich wieder irritiert an, versucht eine passende Antwort zu finden. "Den Fuß bitte."
Er tastet herum, drückt mal hier, mal da, der auftretende Schmerz variiert je nach Stelle. Dann kann ich den Schuh wieder anziehen. "Der Fuß muss geröntgt werden", ist die wenig überraschende Anweisung des Arztes, "Setzen Sie sich noch mal in den Wartebereich, Sie werden aufgerufen."

Vermutlich muss entweder das Röntgengerät erst noch gekauft werden oder der Bediener ist kurzfristig erkrankt. Jedenfalls verbringe ich die nächste halbe Stunde alleine auf dem Stühlchen. Dann stehe ich auf, humpele zur Rezeption, wo die Rezeptionistin in lustigem Geplänkel mit einem Medizinisch-technischen Assistenten sitzt. "Ich wollte mal nach meinem Röntgen fragen."
"Wir haben Sie nicht vergessen", flötet die Frau vergnügt, "aber ohne Termin dauert es nun mal. Bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld."

Ich humpele zurück, mein Stühlchen ist ja noch warm. Jetzt geht es recht fix, der lustige MTA kommt vorbei, fragt, ob ich laufen kann und geleitet mich zum Röntgenraum, nur wenige Schritte entfernt. Schon ist der Schuh wieder ausgezogen, die Socke am besten auch, Röntgenbilder in verschiedenen Richtungen. Nach einer Minute bin ich abgefertigt, eine weitere Minute später der Schuh wieder angezogen, Stühlchen erreicht. Gott sei Dank brauche ich für den Sitzplatz im Wartebereich keinen Termin.

Der Arzt taucht auf, schon schöpfe ich Hoffnung, aber er kommt nur, um das Mädchen mit der verletzten Hand vorbeizubringen. Und jetzt kommt auch die Frau von der Rezeption, bringt meine Versichertenkarte, eine Kopie des Aufklärungsbogens und ein neues Formular für die Anamnese von Fußverletzungen. Ich fülle die neuen Zettel aus, packe meine Karte ein. Mein neuer Freund aus dem Röntgenbereich taucht wieder auf, entdeckt das Mädchen neben mir und lässt es sich nicht nehmen, sie nach einem kleinen Flirt sicher unvermeidlich eng in den Arm zu nehmen und zu einem Behandlungsraum zu entführen.

Gerade hadere ich noch mit meinem Schicksal, kein junges Mädchen geworden zu sein und ohne Termin sowohl Flirt als auch Gips zu bekommen, als ich neben mir einen Schatten sehe. Kurzerhand hat der Weißkittel neben mir Platz genommen, "die Behandlungsräume sind alle besetzt, ich erläutere Ihnen gerade den Röntgenbefund."

Die ersten Sätze gehen an mir vorbei, weil ich mich frage, ob die Sprechzimmer alle renoviert werden oder ob es Hintereingänge gibt, durch die für mich unsichtbare Heerscharen von Patienten in die Sprechzimmer eindringen. Möglicherweise sind aber auch mein Familienstand, Alter, Geschlecht, Schuhgröße, der fehlende Termin oder der Name meiner Krankenkasse für die eingeschränkte Verfügbarkeit verantwortlich.

"... keine Fraktur zu erkennen, also von meiner Seite aus Befund unauffällig. Ich werde es natürlich noch als Bericht verfassen und darin auch die empfohlene Therapie für die nächsten Tage aufführen. Wenn Sie warten möchten kann ich Ihnen den Entlassungsbrief direkt mitgeben." - "Oh", sage ich, "das ist sehr freundlich von Ihnen. Aber glauben Sie mir, dass ich Sie mit meinem Fuß schon genug in Atem gehalten habe. Ein merklicher Teil der Klinik musste sich mit meinem Unfall beschäftigen und hat sich jetzt nach diesem ungeplanten Intermezzo erst mal eine Pause verdient."

Der Arzt strahlt mich an. "Ja", sagt er, "wenn Sie wüssten, wie viele Patienten gar kein Verständnis für die Unplanbarkeit in der Zentralen Notaufnahme haben. Die glauben, wir hätten nur auf ihre Behandlung gewartet, einen freien Röntgenbereich mit verfügbarem Bedienpersonal, Sprechzimmer in Hülle und Fülle und Zeit für ein persönliches Gespräch. Und anders als in der normalen Praxis ohne Zeitplanung und Voranmeldung."

Unauffällig lasse ich meinen Blick schweifen, über das leere Wartezimmer, den unbesetzten Flur, die kichernde Assistentin am Empfangsschalter, auch der verwaiste Röntgenbereich mit seinen unbelegten Stuhlreihen und dem entspannten jungen Mann fällt mir ein. "Man liest es ja immer in der Zeitung", stimme ich dem Arzt zu, "aber es ist wichtig, Ihren Beruf und den Stress in der Zentralen Notaufnahme mal am eigenen Leib zu erfahren."

"Aber sagen Sie mal", will der Arzt im Aufstehen von mir wissen, "wie ist das mit Ihrem Fuß denn nun wirklich passiert? Ich meine, für eine gründliche Diagnose ist das schon wichtig und soviel Zeit muss sein. Auch ohne Termin."

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13 Februar 2026

Zu Besuch auf der Kunstmesse

Zu Besuch auf der Kunstmesse

Im ersten Moment denkt man beim Begriff "Kunstmesse" an Objekte und Exponate. Bilder, Skulpturen, Installationen, Interaktionen. Doch das ist ja nur das schmückende Beiwerk, es ist eben nicht die Kunst, sondern die Messe, die den Mittelpunkt bildet. Und das Zentrum einer Messe sind die Präsentation, Kommunikation und Menschen. Ja, warum solle man eine Kunstmesse veranstalten, wenn niemand hinginge? Nicht überraschend also ein buntes Portfolio von Personen, die an mir vorbeiziehen, die Stände bevölkern, in der Lounge sitzen.

Typ "Mein Mann hat Geld"
Wenig Ahnung von Kunst, aber hier können sie zeigen, dass sie alles kaufen könnten. Wenn sie nur wollten. Also sind alle Mitmenschen - vom Galeristen bis zum Servicepersonal - mehr oder weniger explizit gefordert, alles zu geben und so zuvorkommend wie möglich zu agieren. In Furcht vor entgangenem Geschäft ist eine gewisse Huldigung angemessen.

Typ "Kultur ist schick"
Eigentlich auch keine Ahnung von Kunst, aber als routinierte Besucher von Kunstveranstaltungen lassen sie an möglichst vielen Stellen ihre Erfahrung mit anderen Messen, Museen, Ausstellungen und Vorträgen durchblicken. Die Messe ist so wichtig wie das Glas Prosecco, das wie ein Accessoire durch die Hallen getragen wird.

Typ "Kunsthistoriker"
Um keine Antwort verlegen können sie zu jedem Werk irgendetwas erläutern. Mal bleiben sie bei der Beschreibung der verwendeten Farben, mal bei der historischen oder geografischen Einordnung der Werkerstellung oder nennen Referenzen zu bekannten oder unbekannten anderen Werken. Bis auf die inhaltliche Ebene dringen sie selten vor.

Typ "Erklärer"
Selbsternannte Pädagogen, die das Bild oder die Skulptur verstanden haben oder das zumindest von sich behaupten. Mal wird den (eigenen) Kindern etwas beigebracht, mal sind es andere Gäste, die mehr oder weniger ungefragt in Diskussionen zur Interpretation involviert werden.

Typ "Künstler"
Schon von weitem am unsteten Blick, der extravaganten Kleidung oder exaltierter Körpersprache zu erkennen. Sie sind sensibel, fühlen die Kunst und sind von einem dunklen Zwang beseelt, diese Gefühle, Schwingungen und transzendenten Elemente für Normalsterbliche zu transformieren. Stimmungsschwankungen zwischen depressiven Schüben und überdrehtem Aktionismus eingeschlossen.

Typ "Galerist"
Wie bei einem Scanner werden alle Passanten auf Zahlungsfähigkeit und Kaufwillen eingestuft. Im Grunde sind die Gegenstände völlig austauschbar, man muss sie nur den potentiellen Käufern schmackhaft machen und in wenigen Sätzen herausfinden, ob die Person am Stand Zeitverschwendung oder zukünftiger Kunde ist. In letzterem Fall unverzüglicher Wechsel in den Verkaufsmodus mit eloquentem Anpreisen der Ware.

Typ "Sammler"
Sie wirken absolut unauffällig, aber der exklusive Gürtel oder die unübersehbar handgefertigten Schuhe lassen aufmerken. Resistent gegen das Geschwätz der Verkäufer, meist gut über die Messe und die Aussteller informiert, bewegen sie sich zielstrebig durch die Hallen. Für sie ist die Messe ein großer Markt, bei dem Angebot und Nachfrage zusammentreffen.

Typ "Unterhaltungssuchend"
Wo bekommt man einen chilligen Nachmittag für so wenig Geld? Und kann mit ein paar Fotos in der Instagram-Story auch noch seine Freunde beeindrucken. In den Gängen herumzuschlendern, aber auch nach dem Begleitangebot zu fragen und das Catering im Auge zu behalten steht im Mittelpunkt.

Typ "Bildungssuchend"
Sie sind Lehrer, waren mal Lehrer, wollten mal Lehrer werden. Und Kultur ist für sie Bildung, die sie in sich aufsaugen. Kataloge unter dem Arm, bewaffnet mit allen verfügbaren Unterlagen, Teilnehmer an allen angebotenen Führungen und eine Herausforderung für alle Guides, die mit gut recherchierten Fragen konfrontiert werden.

Typ "Ich bin das Ausstellungsstück"
Eine Kunstmesse ist eigentlich eine Bühne. Auf der sie sich ins Rampenlicht manövrieren, mit allen verfügbaren und akzeptablen Mitteln auf sich aufmerksam machen. Unter dem Deckmantel der Kunst darf die Kleidung auffällig sein, Schleppe oder absurd große Hüte sind genauso akzeptabel wie fortlaufendes Posieren für den mitgebrachten Fotografen.

Typ "Masse"
Sie sind da, weil sie nichts anderes vorhatten. Weil ein Freund ihnen den Tipp gegeben hat. Mit überraschtem Blick fragen sie sich, was an dem "horizontalen Meter" Kunst ist, wer denn so etwas kauft und welcher Tatort heute Abend im Fernsehen gezeigt wird. Die Aussteller ignorieren sie höflich, Messeveranstalter und Caterer lieben sie für ihren Beitrag zur Finanzierung.

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06 Februar 2026

Anruf beim Finanzamt

Anruf beim Finanzamt
Im Internet habe ich keine geeignete Telefonnummer gefunden, aber auf dem Briefkopf des letzten Schreibens werde ich fündig. Ich wähle die Nummer, nach einiger Zeit und langem Klingeln wird abgenommen. „Finanzamt, Buchstabengruppe F bis K, um was geht es?“

„Ich möchte gerne Geld abheben.“

Kurzes Schweigen, dann: „Sie möchten Geld abheben?“

„Ja, mein Geld. Ich möchte mein Geld abheben.“

„Sie sind beim Finanzamt, nicht bei der Sparkasse, Sie können hier kein Geld abheben.“

„Aber das Finanzamt hat doch Geld. Sie haben es doch von meinem Gehalt abgezogen, da müssen Sie doch Geld haben. Und jetzt möchte ich es gerne zurückbekommen. Abheben sozusagen.“

„So funktioniert das aber nicht. Sie zahlen Einkommenssteuer, das ist eine Steuer und die bekommen Sie nicht einfach zurück.“

„Was haben Sie denn damit gemacht, dass Sie es mir jetzt nicht einfach zurückgeben können? Haben Sie es hinter meinem Rücken ausgegeben?“

„Hören Sie, wenn Sie sich über Steuern informieren möchten, dann kaufen Sie sich bitte Lehrbücher oder schauen sich Youtube-Videos an. Ich bin nur zuständig für die Bearbeitung der Steuererklärungen.“

„Da haben wir es ja: Steuererklärungen. Dann sind Sie doch genau der richtige Ansprechpartner, Sie sollen mir die Steuer ja erklären.“

„Nein, andersherum. Sie müssen eine Steuererklärung abgeben. Und die kann ich dann prüfen und bearbeiten. Und wenn die Zahlen stimmen, dann erhalten Sie vielleicht auch Geld zurück.“

„Entschuldigen Sie, ich verstehe das nicht. Mir wird Geld abgenommen, bevor es in meinem Portemonnaie landet, das ist doch dubios wie bei Bankräubern. Und dazu soll ich dann irgendwas erklären und dann…“

„Hören Sie, ich habe keine Zeit für Ihre komischen Fragen. Entweder wollen Sie mich hochnehmen oder sind Sie wirklich so unwissend?“

„Ich war noch nicht ganz fertig. Ich soll irgendwas erklären, was ich nicht verstehe, und dann schauen Sie sich das an und ich bekomme VIELLEICHT Geld zurück, mein Geld, was ich bis dahin nicht gesehen habe. Vielleicht.“

„Also gut, ich will mal sehen, ob ich etwas für Sie tun kann. Geben Sie mir mal Ihre Steuernummer, ich werden prüfen, ob ich die Vorauszahlung reduzieren kann.“

„Das ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Ist das die Vorbereitung, damit ich dann nachher Geld abheben kann?“

„So einfach geht das nicht. Ich nehme Ihren Prüfauftrag entgegen und berücksichtige das Anliegen bei der nächsten Bearbeitung.“

„Bei der nächsten Bearbeitung? Wann bearbeiten Sie denn?“

„Den ganzen Tag, aber es gibt im Moment sehr viele Vorgänge. Und Vorleistungsprüfungsanträge werden nachrangig berücksichtigt.“

„Was heißt das? Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Sie bearbeiten irgendwelche Sachen, vermutlich bekommen Sie Geld dafür und machen mal das eine, mal das andere. Und meine Abhebung jedenfalls nicht.“

„Ähm, stimmt grundsätzlich. Ihren Vorleistungsprüfungsantrag kann ich im Moment nur vormerken. Und kann Ihnen schon mitteilen, dass die Bearbeitung einige Wochen dauern wird.“

„Oh.“ Ich denke einen Moment nach. „Sie arbeiten also, und früher oder später leiten Sie dann meine Abhebung ein. Vermute ich richtig, dass Sie auch Geld für Ihre Arbeit bekommen?“

„Selbstverständlich. Ich bin Angestellter des Finanzamtes und werde für die Bearbeitung der Steuererklärungen bezahlt. Und nachrangig auch für die Vorleistungsprüfungsanträge so wie bei Ihnen jetzt.“

„Großartig. Das ist mal was, was ich verstehe. Oder nein, halt, eigentlich verstehe ich das auch nicht. Sie arbeiten, bekommen Geld dafür, dass Sie prüfen, ob das Geld, das Sie anderen abgenommen haben zurückgezahlt wird. Und von dem Geld, das Sie dafür bekommen, dass Sie das nicht zurückgezahlte Geld anderer Bürger prüfen wird Ihnen auch wieder Geld abgenommen, dass Sie erst mal nicht zurückbekommen und das geprüft wird von jemand, der Geld dafür bekommt, dass er prüft, ob Sie Ihr Geld zurückbekommen Und so weiter. Da bekomme ich Kreise im Kopf. Ist das so eine Art Kurzschluss im Geldstrom?“

„Sagen Sie mal, was wollen Sie denn eigentlich?“

„Geld abheben, das habe ich Ihnen doch ganz am Anfang gesagt. Ich will einfach nur mein Geld abheben, das ich unfreiwillig eingezahlt habe. Und eigentlich interessieren mich auch gar nicht Ihre bis in die Unendlichkeit verschachtelten Prüfungen und die daraus irgendwie konsequenterweise bis in die Unendlichkeit verschachtelten Bearbeitungszeiten. Kein Wunder, dass Sie…“

Das Geräusch in der Telefonleitung lässt vermuten, dass wir keine Verbindung mehr haben. Es ist auch keine Warteschleife, in der ich mich befinde. Er hat einfach aufgelegt. Sicher habe ich ihn mit meinen Fragen wachgerüttelt und er hat nun Zweifel am Sinn seiner Beschäftigung. Vielleicht sollte ich ihn noch einmal anrufen, trösten und ihm klarmachen, dass in jeder Sinnkrise auch eine Chance auf Veränderung steckt. Sogar beim Finanzamt.

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