21 August 2026

Mein Mähroboter (ist auch nur ein Mensch)

"Guten Tag, herzlich willkommen!" erklärt mir eine blecherne Stimme. Vermutlich hat ein chinesischer Softwareentwickler eine Stimme ausgewählt, die in seinen Ohren freundlich klingt, für europäische Verhältnisse aber eher wie die Ansage einer Fitnesstrainerin daherkommt. Einen Moment herrscht Ruhe, bis die Morgenversammlung der Bits und Bytes beendet ist und sie sich vor Beginn ihrer Tagesarbeit vor dem Kunden verbeugen. Der Kunde bin ich, denn: "Vielen Dank, dass Sie sich für ein Produkt von MOVA entschieden haben."

Ganz früher, da hat man den Rasenmäher aus der Garage geholt und ihn mit der eigenen Muskelkraft über die hervorstehenden Halme geschoben. Dann kamen motorgetriebene, aber von Menschenhand gesteuerte Mäher, mal mit Benzinmotor, mal mit Elektromotor, wahlweise kabelgebunden oder mit Akku. Und jetzt das. Ein plapperndes Gerät, das sich wie ein unterwürfiger Diener aufführt. "Der Roboter muss sich initialisieren, bitte warten Sie einen Moment."

Offensichtlich war die Morgenversammlung doch noch nicht abgeschlossen. Meine Gedanken schweifen zum Krankenhaus. Wenn das Pflegepersonal weit vor der Frühstückszeit zusammensitzt, abwechselnd rauchend und schwatzend, dann darf man sie auch nicht stören, muss auch einen Moment warten. Meine Gedanken kommen zurück zum Roboter, "Die Initialisierung ist abgeschlossen", jetzt kann es losgehen. Doch nichts passiert. Keine Anzeichen, dass mein Roboter sich in Bewegung setzt. Längst hätte ich mit einem Handmäher die ersten Halme gekappt, schon mal die Rasenkante bearbeitet.

Mein Mähroboter ist auch nur ein Mensch

Laut Anleitung soll das Gerät ja auch Sprachbefehle verstehen. Vielleicht ist das ein bisschen wie bei einem Hund, den man mit "Sitz", "Platz", "Fuß" instruieren und steuern kann. Ich versuche es mit "Start!", aber entweder ist das nicht das richtige Wort, vielleicht ist er auch abgelenkt oder will gar nicht auf mich hören. Ein Blick in die Bedienungsanleitung hilft weiter, ich muss erst eine Karte anlegen, sonst geht gar nichts.

Ach so, ja. Eine Karte anlegen natürlich. Darauf hätte ich ja kommen können. Ich schaue den Roboter an, ein wenig habe ich den Eindruck, dass er erwartungsvoll zurückschaut. Vielleicht sogar ein wenig neugierig. Keine Ahnung.

Wieder muss ich an Hundebesitzer denken. Bei manchen hat man ja den Eindruck, dass der Hund mit Herrchen oder Frauchen Gassi geht, nicht umgekehrt. Und so ist es hier auch. Wie von einer höheren Macht instruiert laufe ich mit meinem iPhone in der Hand hinter dem kleinen Burschen her, sorge dafür, dass er auf dem rechten Pfad bleibt und nicht etwa an den Blümchen im Beet schnuppert oder sich mit den Büschen am Wegesrand anlegt. Wie ein Zicklein weicht er aus, lässt sich nicht immer für das Rasenmähen gewinnen und interessiert sich in wilden Sprüngen auch mal für die Mulchabdeckung neben dem Gras.

"Kartierung abgeschlossen", meldet sich nun der Roboter, "Akku schwach. Ladestation wird angefahren." Und wenig später, nachdem er sich in sein Häuschen verzogen hat: "Ladevorgang gestartet." Ich bin ein wenig hin- und hergerissen, einerseits freue ich mich, wie redselig er mich über seinen Zustand informiert. Wie es ihm geht, was er vorhat, was gerade mit ihm passiert. Andererseits ist es schon erstaunlich, dass er erst mal ein Ladepäuschen machen muss, bevor er seine Arbeit beginnt. Aber was soll's, Zeit spielt keine Rolle, irgendwann wird er anfangen und noch irgendwanner wird er dann fertig sein.

Eine halbe Stunde später gehe ich mal nach ihm schauen. "Vielen Dank, dass Sie sich für ein Produkt von MOVA entschieden haben", begrüßt er mich freundlich und tatsächlich scheint diese Freundlichkeit von innen zu kommen, denn schon nach wenigen Anläufen verbindet er sich per Funk mit der App. Dort strahlt mich ein Smiley an, in tadellosem Deutsch bekomme ich mitgeteilt, dass ich den Mähvorgang nun starten, die Optionen einstellen oder einen Zeitplan erstellen kann. Ich bin neugierig und entscheide mich für das Starten des Mähvorgangs.

Nach einer kurzen Orientierung ("Die Initialisierung ist abgeschlossen. Der Mähauftrag wird ausgeführt") setzt er sich in Bewegung, zunächst eher zaghaft, dann immer schneller, um an einem offensichtlich von höherer Intelligenz festgelegten Punkt abrupt anzuhalten, "Der Mähvorgang wird gestartet" und nach einem leisen Piepser mit raschelndem Geräusch sein Messerwerk in Betrieb zu nehmen und eine akkurate gerade Bahn bis zum Ende der Rasenfläche zu kürzen.

Ich schaue ihm zu, wie man einem jungen Tier beim Spielen zuschaut. Ein Sausen über die Fläche, Abbremsen vor Hindernissen, Wenden am Rand und im Schweinsgalopp zurück parallel zur bereits gemähten Bahn. Eine göttliche Instanz betätigt fortwährend Brems- und Gaspedal, scheint am Lenkrad zu drehen und bahngerecht zu mähen, was zu mähen ist. Goethe kommt mir in den Sinn, der Zauberlehrling bin ich, der Besen, der Wasser holt und immer emsiger mit seinen Eimern beginnt, mein Grundstück zu fluten. Erst durch Rückkehr des Meisters kommt die ausufernde Aktion des Werkzeugs zu einem kontrollierten Ende. Ob der Besen seinerzeit auch einen Akku hatte?

Es würde mich nicht wundern, wenn er gleich noch ein lustiges Liedchen anstimmte, was den Chinesen an Erfahrung mit Maschinenbau abgeht, das gleichen sie mit Einfallsreichtum bei der Software aus. Und anders als Amerikaner wissen sie vielleicht, dass unser Bundeskanzler nicht Adolf Hitler heißt und nicht alle Deutschen 'Hoch auf dem gelben Wagen' singen.

Doch nichts dergleichen. Er hoppelt hin und her, meldet brav seinen Fortschritt an meine App und macht weder Mittags- noch Sonnenpäuschen. Lediglich der Akku... aber das hatten wir ja schon. Ich ziehe mich ins Haus zurück, er soll sich unbeobachtet fühlen. Heimlich schaue ich doch auf das Display meines iPhones, sehe ihn dort seine Bahnen ziehen und verfolge im Protokoll, wie er gut vorankommt. Doch was ist das? "Roboter festgefahren."

Im Eilschritt laufe ich hinaus, ja, tatsächlich, er hängt mit zwei Rädchen im Beet, hat offensichtlich mit allerlei Manövern versucht, wieder freizukommen, doch jetzt geht gar nichts mehr. Ich nehme ihn bei seinem Bügel, was er sogleich mit "Der Roboter wurde angehoben. Bitte prüfen." quittiert. Gleich nochmal: "Der Roboter wurde angehoben. Bitte prüfen." Ja, ja, ich weiß, aber wie soll es denn sonst gehen? Raus aus dem Beet, wieder auf seinem Rasen. Er dreht sich eine Weile um seine Achse, orientiert sich mit den Worten "Die Initialisierung ist abgeschlossen. Der Mähvorgang wird fortgesetzt." und fährt mit Anlauf wieder ins Beet.

"Mein Gott", sage ich, "kannst du dir nicht merken, dass Rasen Rasen und Rindenmulch Rindenmulch ist?" Aber wie ein trotziges Kind wühlt er unverdrossen in den braunen Spänen, lässt sich (mit den gewohnten Kommentaren) wieder auf den Rasen heben und macht wieder seine Dreheinlage. Und diesmal scheint er es doch gelernt zu haben, erkennt die Rasenkante, mäht schön knapp an ihr entlang und würdigt das Beet keines Blickes.

Ich bleibe in der Nähe. "Befahren der Beete verboten, Eigentümer haften für ihre Roboter." Einmal wird es noch knapp, fast denke ich, ich müsste wieder einschreiten, aber nur ein Rädchen touchiert den Mulch und dann geht es auf dem Rasen weiter. Uff. Ein letzter Blick auf sein bisheriges Werk, hoffentlich bleibt er auf dem Grün der Tugend, auch wenn ich nicht in der Nähe bin.

Sorgfältig ist er, macht seine Arbeit hier und dort, manchmal kann ich die Logik nicht erkennen, aber nach rund fünf Stunden zeigt die App eine komplett gemähte Fläche an und der Roboter meldet sich mit "Mähauftrag abgeschlossen" zurück. Ich kontrolliere noch mal seine Arbeit, doch, das hat er gut gemacht, das mit dem Rand muss ich im Auge behalten, aber grundsätzlich würde ich ihn auch als Schwiegersohn aufnehmen.

*

Abonniere den Kanal Eckhards Blog By Dr.-G auf WhatsApp

14 August 2026

Du bist so süß

Zurückgezogen in der Lounge habe ich so eine Art Beobachterposten bezogen. Ich wundere mich über den ruhigen Ablauf trotz zahlreicher Patienten, ebenso aber auch über das Telefon, das von Zeit zu Zeit läutet, ohne abgenommen zu werden. Gelegentlich schleppen sich Patienten über den Flur, in einigen Fällen in Begleitung ihres Besuches.

Du bist so süß
Gerade kommt ein Mann vorbei, im Schlepptau ein etwa sechsjähriges Mädchen, vermutlich seine Tochter. Sie hat ein silbernes Kleidchen mit einer rosa Schleife an, Locken, strahlt. Und da höre ich schon die Stimme einer Schwester „Möchtest du ein Eis?“ Der Vater wiegelt ab, aber die Schwester bleibt hartnäckig dran, ich höre schnelle Schritte hin und her, das Mädchen quietscht vergnügt und mit einem „Du bist so süß!“ wird die Kaltspeise übergeben.

Cut. Ein paar Jahre sind ins Land gegangen. Das Mädchen ist jetzt zehn Jahre alt. Es strahlt immer noch, weiß um seine einnehmende Außenwirkung, muss zwar jetzt nach Eis fragen, aber das wird ohne lange Diskussion herbeigeholt. Einfach so, auch wenn es eigentlich nicht vorgesehen ist. Frauen sind genauso fasziniert wie Männer, auch wenn noch keine Sexualität in ihrem Verhalten steckt.

Erneuter Zeitsprung. Wir sehen das Mädchen in der Pubertät wieder. Sie ist sich ihrer Strahlkraft bewusst, kokettiert und setzt ihre Reize bei jeder Gelegenheit ein, sofern es ihr hilfreich erscheint. Männer um den Finger zu wickeln, Frauen auszustechen und sich ein Ergebnis auch mal auf unlauterem Wege zu verschaffen treibt sie zur Perfektion.

Mittlerweile ist sie eine junge Frau, hat einen festen Partner, gelegentlich gibt es in beiden Richtungen Diskussionen hinsichtlich Treue und damit verbunden Eifersuchtsanfällen. Eis isst sie nicht mehr, um ihre Figur zu halten, auch eine Schwangerschaft kann sie sich unter diesem Gesichtspunkt nicht vorstellen. Gewohnt alle Wünsche erfüllt zu bekommen hat es ihr Gefährte ziemlich schwer.

Midlife-Crisis. Die vielen Enttäuschungen mit missratenen Partnerschaften haben Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Viele der jungen Dinger um sie herum werden bevorzugt, Männer kommen nur unverbindlich für ein paar Monate vorbei, suchen die Abwechslung mit ihr, finden übertriebenen Anspruch vor und sind dann wieder weg. An eine Zeit, in der sie einfach so ein Eis bekommen hat, kann sie sich kaum noch erinnern.

Was das bloß ausgelöst hat, fragt sie sich. Wer mag schuld sein, dass ihre Mitmenschen auf Abstand gehen, das Leben spürbar schwerer wird. Ja, das mag ein Teil des Alterns sein, die Haut verliert ihre jugendliche Frische und bekommt Fältchen. Doch viel schlimmer ist das Ende der Strahlkraft, der unbekümmerten Lebensfreude, der gezielte Einsatz von Reizen, die langsam verblassen.

Plopp. Ich bin zurück auf der Krankenstation, springe auf, um die Sechsjährige noch mal zu sehen. Aber sie ist schon an der Hand ihres Vaters den Flur entlang gelaufen und verschwindet gerade aus meinem Blickfeld.

*

Abonniere den Kanal Eckhards Blog By Dr.-G auf WhatsApp

07 August 2026

Bilderreise Teil 6: Promenade (Reprise)

Bilderreise - Teil 6: Promenade (Reprise)

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Eine leere Leinwand

Sommergarten: Leere Leinwand
Wenn wir auf unsere Bilderreise zurückblicken, erkennen wir keinen geraden Weg und keine abgeschlossene Geschichte. Vielmehr begegnen wir einer Folge von Bildern, die unterschiedliche Erfahrungen sichtbar gemacht haben und dennoch auf überraschende Weise miteinander verbunden sind.

Mit den Treppenschritten begann eine Bewegung durch Zeit und Identität. Im Maskenspiel begegneten wir den Rollen, die wir übernehmen, und der Frage nach dem, was hinter ihnen verborgen bleibt. Innenwelten führte uns in die Nähe zweier Menschen und in die Verletzlichkeit jeder echten Begegnung. In der Zarten Erinnerung wurde spürbar, wie Vergangenheit in uns weiterlebt, selbst wenn ihre Konturen längst verblasst sind. Und die Blüte in Fragmenten erinnerte uns daran, dass sich das Ganze oft erst aus vielen einzelnen Teilen zusammensetzt.

Vielleicht war dies weniger eine Ausstellung von Bildern als eine Reise durch Erfahrungen, die uns alle verbinden.

Nun steht die Staffelei leer.

Dort, wo eben noch Formen, Farben und Geschichten sichtbar waren, bleibt eine offene Fläche zurück. Doch vielleicht bedeutet diese Leere nicht, dass etwas fehlt. Vielleicht ist sie vielmehr ein Raum für das, was erst jetzt entstehen kann.

Denn was wir aus Kunst mitnehmen, entsteht selten im Augenblick des Betrachtens. Oft beginnt ihre eigentliche Wirkung erst später – in einer Erinnerung, in einem Gedanken, in einem Gespräch auf dem Heimweg.

Vielleicht kann dieses Bild nicht gemalt werden.

Vielleicht entsteht es erst in der Erinnerung eines jeden Einzelnen.

In den Gedanken, die wir mitnehmen.

In den Bildern, die nachklingen.

Und in den Wegen, die wir von hier aus weitergehen.

_______________________________

Mussorgsky: Promenade (Reprise)

Promenade - rekonstruiert
Als Modest Mussorgsky seine Bilder einer Ausstellung komponierte, kehrte er immer wieder zur Promenade zurück.

Sie verbindet die einzelnen Bilder zu einem Ganzen.

Doch mit jedem Bild verändert sie sich: Mal neugierig, mal eilig, mal unschlüssig, mal voll düsterer Gedanken.

Derselbe Weg wird erneut beschritten – aber der Mensch, der ihn geht, ist nicht mehr derselbe.

So schließt sich heute der Kreis unserer Bilderreise.

Die erste Promenade war ein Aufbruch.

Die letzte Promenade ist eine Rückkehr.

Nicht zurück an den Ausgangspunkt, sondern zurück zu uns selbst – bereichert um die Bilder, die wir gesehen, die Gedanken, die wir geteilt, und die Musik, die wir gehört haben.

Die Leinwand bleibt leer.

________________________________________

Der Klang: Promenade (Reprise)


*

Abonniere den Kanal Eckhards Blog By Dr.-G auf WhatsApp

31 Juli 2026

Bilderreise - Teil 5: Ballett der unausgeschlüpften Küken

Bilderreise - Teil 5: Ballett der unausgeschlüpften Küken

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Blüte in Fragmenten

Sandra Gleitsmann: Blüte in Fragmenten

Auf den ersten Blick sehen wir eine Blume.

Ein Motiv, das in der Kunst seit Jahrhunderten für Schönheit, Wachstum und Lebenskraft steht.

Doch diese Blüte entfaltet sich nicht in weichen natürlichen Formen. Sie setzt sich aus unzähligen Facetten zusammen, aus Fragmenten, die sich zu einem Ganzen fügen und zugleich ihre Eigenständigkeit bewahren.

Gerade darin liegt für mich die besondere Spannung dieses Bildes.

Die Blume erscheint lebendig und kraftvoll, und doch wirkt sie, als wäre sie in ihre Einzelteile zerlegt worden. Das Vertraute bleibt erkennbar, aber es hat seine Selbstverständlichkeit verloren.

Vielleicht erzählt das Bild damit auch etwas über unsere Zeit.

Wir erleben die Welt selten als geschlossenes Ganzes. Informationen, Bilder, Erinnerungen und Erfahrungen erreichen uns in vielen einzelnen Fragmenten. Oft versuchen wir erst im Nachhinein, daraus einen Zusammenhang zu formen.

Und doch entsteht aus diesen Bruchstücken etwas Neues.

So wie aus den vielen polygonalen Flächen eine Blüte entsteht, entsteht auch aus den einzelnen Erfahrungen unseres Lebens etwas, das wir Identität nennen.

Das Bild bewegt sich zwischen Gegensätzen: zwischen Natürlichkeit und Konstruktion, zwischen Gefühl und Analyse, zwischen organischem Wachstum und geometrischer Ordnung.

Es entscheidet sich nicht für eine Seite.

Vielleicht liegt gerade darin seine Schönheit.

Denn das Leben selbst ist selten vollkommen und selten widerspruchsfrei.

Es besteht aus Fragmenten, die sich immer wieder neu zusammensetzen.

Und manchmal erkennen wir erst mit etwas Abstand, dass gerade diese Fragmente das Ganze ausmachen.
_______________________________

Mussorgsky: Ballett der unausgeschlüpften Küken

Viktor Hartmann: Ballett der unausgeschlüpften Küken
Nach den stillen Erinnerungen des alten Schlosses führt uns Mussorgsky nun in eine ganz andere Welt.

Sein „Ballett der unausgeschlüpften Küken“ entstand nach einem Bühnenentwurf für das Ballett „Trilby“ für Kinder in Kükenkostümen.

Die Musik ist leicht, verspielt und voller Bewegung.

Doch hinter ihrer Heiterkeit verbirgt sich ein Gedanke, der gut zu diesem Bild passt.

Die Küken sind noch nicht geschlüpft.

Sie befinden sich in einem Zustand des Werdens.

Ihre endgültige Gestalt ist noch nicht sichtbar.

Auch die Blüte vor uns erscheint nicht als vollkommene, abgeschlossene Form.

Sie setzt sich aus vielen einzelnen Teilen zusammen.

Und dennoch entsteht daraus etwas Lebendiges.

So erzählen Bild und Musik auf unterschiedliche Weise von Entwicklung und Entfaltung.

Von der Kraft des Lebens, die bereits spürbar ist, bevor sie ihre endgültige Form gefunden hat.

________________________________________

Der Klang: Ballett der unausgeschlüpften Küken


*

Abonniere den Kanal Eckhards Blog By Dr.-G auf WhatsApp

24 Juli 2026

Bilderreise - Teil 4: Das Alte Schloss

Bilderreise Teil 4: Das Alte Schloss

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht. Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Zarte Erinnerung

Sandra Gleitsmann: Zarte Erinnerung

Manche Bilder erzählen eine Geschichte. Andere wecken Erinnerungen, von denen wir vielleicht gar nicht wussten, dass wir sie noch in uns tragen.

„Zarte Erinnerung“ gehört für mich zu diesen Bildern.

Das Mädchen richtet seinen Blick nicht auf die Welt um sich herum. Es scheint vielmehr einem Gedanken nachzuhängen, der sich unserem Blick entzieht. Gerade dadurch entsteht eine besondere Nähe. Wir beobachten keine Handlung, kein Ereignis und keinen dramatischen Moment. Wir begegnen einer Stimmung.

Vielleicht kennen wir solche Augenblicke aus unserem eigenen Leben. Momente, in denen die Gegenwart für einen Augenblick stillzustehen scheint und etwas Vergangenes in uns auftaucht. Nicht als klare Erinnerung mit scharfen Konturen, sondern eher wie ein leiser Nachhall.

Erinnerungen verhalten sich selten wie Fotografien. Mit der Zeit verblassen Einzelheiten, während die Gefühle oft erstaunlich lebendig bleiben. Man erinnert sich nicht mehr an jedes Wort, nicht mehr an jeden Ort, aber an die Wärme eines Sommers, an einen Blick, an einen Augenblick des Glücks oder der Traurigkeit.

Vielleicht berührt uns dieses Bild gerade deshalb so unmittelbar. Es versucht nicht, etwas zu erklären. Es drängt sich nicht auf. Es lässt Raum für das, was jeder Betrachter selbst mitbringt.

Die Ruhe des Bildes erzählt von Unschuld, seine Sanftheit von Vergänglichkeit. Doch darin liegt nichts Bedrohliches. Im Gegenteil: Vielleicht werden manche Dinge gerade deshalb kostbar, weil sie nicht bleiben.

So wird „Zarte Erinnerung“ zu einem stillen Gedicht aus Licht und Schatten – und zu einer Einladung, den eigenen Erinnerungen für einen Moment zu begegnen.

________________________________________

Mussorgsky: Das Alte Schloss

Viktor Hartmann: Das Alte Schloss
Auch Mussorgskys nächstes Werk führt uns in eine Welt der Erinnerung.

„Das Alte Schloss“ gehört zu den ruhigsten und poetischsten Stücken der gesamten Suite.

Die Musik entstand nach einer Zeichnung eines alten Schlosses.

Vor diesem Schloss steht ein Sänger, dessen Lied wie eine Stimme aus längst vergangener Zeit klingt.

Es geht dabei weniger um ein Gebäude als um eine Stimmung.

Um das Gefühl, dass Vergangenes plötzlich wieder gegenwärtig wird.

Darin begegnen sich Bild und Musik.

Beide laden uns ein, für einen Moment still zu werden.

Beide erzählen von der Schönheit dessen, was nicht festgehalten werden kann.

________________________________________

Der Klang: DasAlte Schloss


*

Abonniere den Kanal Eckhards Blog By Dr.-G auf WhatsApp

17 Juli 2026

Bilderreise - Teil 3: Samuel Goldenberg und Schmuÿle

Ein Sommergarten voller Kunst 2026

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht.
Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen. 

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Innenwelten (Duett)

Sandra Gleitsmann: Innenwelten (Duett)

„Innenwelten“ zeigt zwei Menschen in großer körperlicher Nähe.

Und doch erzählt das Bild nicht von Harmonie allein.

Die beiden Figuren berühren sich, aber sie verschmelzen nicht. Jede bleibt erkennbar als eigenes Wesen mit einer eigenen Geschichte, einer eigenen Verletzlichkeit und einer eigenen inneren Welt.

Gerade darin liegt die besondere Spannung des Bildes.

Oft sprechen wir von Nähe, als wäre sie das Gegenteil von Distanz. Doch jede Beziehung bewegt sich zwischen diesen beiden Polen. Wir können einem Menschen sehr nahe sein und dennoch niemals vollständig wissen, was in ihm vorgeht.

Die Künstlerin macht diesen Gedanken sichtbar.

Die Körper werden zu Leinwänden innerer Landschaften. Farben, Formen und organische Strukturen scheinen Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen anzudeuten, die sich nicht in Worte übersetzen lassen.

Gleichzeitig begegnen sich die beiden Figuren auf Augenhöhe.

Sie wirken verletzlich und stark zugleich.

Vielleicht erinnert uns das Bild daran, dass wahre Nähe nicht bedeutet, den anderen vollständig zu verstehen.

Sondern anzuerkennen, dass in jedem Menschen ein Bereich bleibt, der nur ihm selbst gehört.

So erzählt „Innenwelten“ nicht von Verschmelzung, sondern von Begegnung.

Von zwei eigenständigen Welten, die sich für einen Moment berühren.

________________________________________

Mussorgsky: Samuel Goldenberg und Schmuÿle

Viktor Hartmann: Samuel Goldenberg und Schmuÿle

Auch im nächsten Werk begegnen wir zwei Stimmen.

In Mussorgskys Musik treten Samuel Goldenberg und Schmuÿle einander gegenüber.

Die beiden Figuren könnten unterschiedlicher kaum sein.

Die eine Stimme wirkt ruhig, kraftvoll und bestimmt.

Die andere erscheint lebhafter, fragender und unruhiger.

Doch die Musik lebt nicht vom Gegensatz allein.

Sie lebt vom Dialog.

Erst im Zusammenspiel entsteht das ganze Bild.

Darin liegt eine schöne Verbindung zu „Innenwelten“.

Auch hier geht es um zwei Individuen, die einander begegnen.

Um Nähe und Unterschied.

Um die Spannung zwischen Eigenständigkeit und Verbundenheit.

________________________________________

Der Klang: Samuel Goldenberg und Schmuÿle


*

Abonniere den Kanal Eckhards Blog By Dr.-G auf WhatsApp

10 Juli 2026

Bilderreise - Teil 2: Gnomus

Ein Sommergarten voller Kunst 2026

Im Rahmen der Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" haben wir eine Bilderreise entlang einiger Titel von Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" gemacht.
Als Mussorgsky diese Werke komponierte, ließ er sich von den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann inspirieren. Aus Gemälden wurden Klänge. Beim "Sommergarten voller Kunst" haben wir den umgekehrten Weg eingeschlagen. 

Wir haben ausgewählte Werke von Sandra Gleitsmann den musikalischen Bildern Mussorgskys gegenüber gestellt und dazu eingeladen, selbst Verbindungen zu entdecken – manchmal offensichtlich, manchmal überraschend, manchmal vielleicht ganz persönlich.

Das Bild: Das Maskenspiel

Sandra Gleitsmann: Das Maskenspiel

„Das Maskenspiel“ handelt auf den ersten Blick von einer Maske.

Doch je länger man das Bild betrachtet, desto deutlicher wird, dass die eigentliche Frage nicht lautet, wer sich hinter der Maske verbirgt, sondern warum wir überhaupt Masken tragen.

Die Maske wirkt zugleich schützend und verstörend. Sie verdeckt das Gesicht, lenkt unseren Blick aber paradoxerweise erst recht auf das, was verborgen bleibt.

Damit berührt das Bild eine sehr menschliche Erfahrung.

Schon früh lernen wir, unterschiedliche Rollen einzunehmen. Wir verhalten uns anders als Kind, als Freund, als Partner, als Berufstätige. Manche dieser Rollen geben uns Sicherheit. Andere engen uns ein. Wieder andere übernehmen wir so selbstverständlich, dass wir sie kaum noch bemerken.

Das Bild macht diesen Widerspruch sichtbar.

Die Figur erscheint verletzlich und zugleich selbstbewusst. Die feinen Stoffe, die Federn und die beinahe theatralische Inszenierung verleihen ihr etwas Festliches. Doch die groben Nähte auf der Maske erzählen eine andere Geschichte.

Sie wirken wie Spuren von Brüchen, Erfahrungen und Verletzungen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Spannung des Werkes:

Dass Identität nicht etwas Fertiges ist, das sich einfach enthüllen lässt.

Sondern etwas, das entsteht, sich verändert und manchmal auch mühsam zusammengesetzt werden muss.

So wird die Maske nicht nur zum Symbol des Verbergens.

Sie wird zugleich zum Symbol der Suche nach dem eigenen Ich.

________________________________________

Die Musik: Gnomus

Viktor Hartmann: Gnomus
Auch Mussorgskys „Gnomus“ begegnet uns nicht mit Klarheit.

Die Figur des Gnoms wirkt rätselhaft, sprunghaft und schwer zu greifen.

Mal erscheint sie verspielt.

Dann wieder unruhig oder sogar verstörend.

Ähnlich wie die Maske in diesem Bild zeigt auch die Musik nicht alles auf den ersten Blick.

Sie lässt uns bewusst im Ungewissen.

Beide Werke spielen mit dem Verborgenen.

Mit dem, was wir zu erkennen glauben, und dem, was sich unserem Blick entzieht.

Vielleicht liegt gerade darin ihre Verbindung:

Dass sie uns daran erinnern, wie vielschichtig Identität sein kann.

________________________________________

Der Klang: Bilder einer Ausstellung


*

Abonniere den Kanal Eckhards Blog By Dr.-G auf WhatsApp