Stolz halte ich ein Buch in der Hand, in dem Charles Duhigg die geheime Sprache zwischenmenschlicher Beziehungen entschlüsselt, das steht auf dem Cover und ist auf 321 Seiten ausgebreitet. Es klingt sensationell und macht neugierig, und Charles ist auch noch Absolvent der Yale University (Connecticut, USA). Und das Werk wird gefeiert von Arthur C. Brooks, Professor an der Harvard Business School (Massachusetts, USA).
Soweit die Lobpreisung. Und jetzt zum Inhalt.
Auf einer Tagung komme ich mit einem anderen Gast ins Gespräch, wir unterhalten uns über dies und das, ein wenig Smalltalk, dann Familie, dann sind wir unversehens bei der persönlichen Sicht auf Work-Life-Balance und deren soziologische Auswirkungen. Die Argumente gehen hin und her, ein weiterer Gast kommt dazu, steigt mit ein und die Diskussion wird lebhafter. Angezogen vom engagierten Austausch wird die Runde um unseren Tisch immer größer. Fast müssen wir aufpassen, dass wir mit unserem Thema nicht versehentlich die Konferenz kapern.
Duhigg würde diese Szene dann einem Gesprächstyp zuordnen, zu intensiven und interessierten Fragen ermutigen und so ein inhaltliches, aber auch emotionales Angleichen herbeiführen. Je tiefer das gelingt, desto eingeschwungener agiert die Gruppe.
Wow! Das sind ja sensationelle Erkenntnisse. Nicht, dass ich sie schon mal im Zusammenhang mit Emotionaler Intelligenz gelesen hätte. Sicher ist auch der Aufbau von Rapport bei der Neurolinguistischen Programmierung etwas ganz anderes. Und ich glaube natürlich auch nicht, dass Psychotherapeuten, Coaches oder gute Verkäufer je auf diesen brillanten Gedanken gekommen sind.
Naja, möglicherweise doch. Aber sie haben nicht den Begriff „Supercommunicators“ aus einem Vokabular à la Donald Trump dafür verwendet. Sie haben nur das Angebot eines tiefergehenden und persönlichen Austausches gemacht, Interesse signalisiert und sind auf die Äußerungen eingegangen. Ein Effekt übrigens, den ich bei Musikern beobachte und der nichts mit Vertrauen, sondern nur mit professionellem Zusammenspiel zu tun hat.
Eins jedoch sollte man Mr. Duhigg zubilligen. Es ist schon eine gewisse Fertigkeit, den alten Wein in neue Schläuche abzufüllen, vermutlich über eine Million Jahre alte Binsenweisheiten als „Entschlüsselung einer geheimen Sprache“ zu bezeichnen und das Ganze in amerikanische Heldenreisen und Beispielszenen zu gießen. Und aus diesen mehr oder weniger trivialen Gedanken dann ein ziemlich dickes Buch anzufertigen, das voraussichtlich ein Bestseller wird.
Ich löse mich langsam vom Tisch, und obwohl ich eigentlich gar nicht der Wortführer bin, ebbt die Diskussion ab, schauen mich die anderen Tagungsteilnehmer erwartungsvoll an. „Eine super Diskussion“, höre ich mich sagen, „ich kann nur hoffen, dass wir die anderen Themen dieser Veranstaltung genauso intensiv bearbeiten und zum ambitionierten Ziel kommen.“ Allgemeines Gemurmel, dann plötzlich Beifall. Als ob ich eine Rede gehalten hätte oder der Messias wäre. Das ist mir schon peinlich.
Ganz kurz ringe ich mit mir, ob ich die Konferenz nicht doch übernehmen sollte, jetzt, wo die Herde um mich herum aufeinander und auf mich eingeschwungen ist. Aber das geht ja nun wirklich zu weit und außerdem bin ich ja kein Supercommunicator. Ich überlasse die nette Truppe ihrem Schicksal und später ihrem Weinchen, bei dem sie ihre geschaffene Vertrauensbasis weiter vertiefen können.
Irgendwann im Laufe des Abends ist es dann doch noch so weit. In ausgelassener Laune lasse ich mich zum Supercommunicator krönen und bringe einen Toast aus auf dieses mächtige Werkzeug, mit dem wir endlich unsere Erfahrungen, unsere Werte und unser Gefühlsleben in den Griff bekommen.
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