Beim Namen Günter muss ich an eine Geschichte denken, die mir als Student passiert ist. Mit schmalem Budget hatte ich mich in den Semesterferien auf den Weg nach Sardinien gemacht und mit dem Reisebus den Fährhafen erreicht. Es war eine lange Fahrt gewesen, wir waren quer durch Deutschland und Italien gefahren, jetzt in Livorno angekommen und standen recht verkatert am Anleger.
Unser Teamer kam mit den Fährtickets, wir stiegen die Gangway hoch und schleppten Koffer und Rucksack auf Deck. In den Ecken verteilten wir unsere Isomatten und holten notdürftig ein wenig Schlaf nach, den wir im Bus nicht gefunden hatten. Insgesamt herrschte Ruhe, kaum einer hatte Lust auf eine Unterhaltung und das Tuckern des Schiffsdiesels wirkte zusätzlich einschläfernd.
Im Halbschlaf nahm ich das Ablegemanöver wahr, fühlte das leichte Schaukeln des Bootes und die Hafenausfahrt, mit der der Seegang deutlich zunahm. Mehr wie eine Wiege spürte ich die Mischung aus Vibrieren, Stampfen und Rollen, schloss die Augen und wäre vermutlich eingeschlafen, wenn ich nicht plötzlich eine Stimme gehört hätte. "Hallo", weit weg, dann wieder "Hallo, wie geht es dir?"
Ich war ein wenig genervt, wollte ich doch schlafen und hatte kein Interesse an einer Unterhaltung. Trotzdem blinzelte ich durch ein Auge und schaute, wer mich da ansprach. Ein junger Student stand vor mir, strahlte mich an, "Günter" stellte er sich vor und wartete einen Moment, damit ich ihm auch meinen Namen verraten konnte.
"Hallo Günter" murmelte ich, schloss wieder mein Auge und wollte dösen oder schlafen. Aber mein neuer Kamerad ließ nicht locker. Er redete auf mich ein, wollte von mir wissen, woher ich käme, wohin ich wolle und wie lange ich bliebe. Er war schon mehrfach auf Sardinien gewesen und hatte diverse Tipps auf Lager. Aber auch auf der Fähre kannte er sich gut aus. "Die Bar hier oben ist für die Touristen, ein Stock tiefer ist hinten durch die Bar für die Crew. Besser und billiger."
Ich ließ mich zu einem Cappuccino überreden und wenige Minuten später standen wir an klapprigen Tischen mit dem perfekt zubereiteten Getränk, umringt von laut plappernden Landsleuten. Allmählich wurde ich munter, die Nachwehen der unruhigen Nacht wurde vom Koffein vertrieben. Jetzt nahm ich auch die hübsche Kakaofigur wahr, unfassbar, dass im Bauch einer ölverschmierten Fähre ein Barista für die Gäste sorgte.
Inzwischen war unser Gespräch lebhafter geworden, ich erzählte von meinem Studium, dass ich kurz vor dem Diplom stünde und mich jetzt auf eine Pause von der Lernerei freute. Und erfuhr im Gegenzug, dass Günters Freundin schon auf der Insel war. Sie war eine zierliche Kommilitonen - er zeigte mir stolz ein Foto - die er in der Mensa gesehen und dann in einer Musikband kennengelernt hatte. Überhaupt schien Musik neben seinem Studium ein wichtiges Element in seinem Leben zu sein.
Erst ging ich nicht weiter darauf ein, aber dann wollte ich doch wissen, warum er nicht zusammen mit seiner Freundin gefahren war. Wenn ich vermutet hatte, dass er noch Prüfungen oder ein Praktikum zu bewältigen hätte, so lag ich komplett falsch. "Mein Klavier", war die Antwort. Ich schaute ihn etwas verwundert an, weil ich eine getrennte Anreise nicht mit einem Klavier in Verbindung bringen konnte.
"Ich bin mit meinem Klavier unterwegs." Sicher eine seiner merkwürdigen Geschichten, dachte ich. Aber er machte ein so ernstes Gesicht, dass ich mich fragen musste, ob da nicht irgendwas dran war. "Du hast dein Klavier dabei?" fragte ich ungläubig, "irgendwo hier auf der Fähre steht dein Klavier?" - "Genau. Ich fahre nie ohne mein Klavier in Urlaub. Es ist sozusagen ein Reiseklavier." Ich war immer noch nicht überzeugt und ging eher davon aus, dass er mir gerade einen Bären aufbinden wollte.
Er nahm mich am Arm und zog mich aus der Bar weg, eine Stiege tiefer und noch eine, da wo der Bereich für das Sperrgut begann. Aber in der Sammlung von Containern, Boardcases und Kartons konnte ich kein Klavier entdecken. Nur eine recht sperrige Holzkiste etwa so breit wie ein Klavier und mit diversen Gelenken und Scharnieren ausgestattet. Einige Hebel und Riegel verhinderten, dass sich dieses Paket von alleine entfalten konnte.
"Da drüben" wies mir Günter den Weg und zeigte tatsächlich auf die Holzkiste mit den Scharnieren und der Verriegelung. "Dafür habe ich Maschinenbau studiert", erklärte er mir weiter, "es war immer mein Traum, dass ich mein Klavier dabeihabe. Es begleitet mich sozusagen überall hin."
"Das ist wirklich dein Klavier?" Ich war fassungslos, "Das muss ja asig schwer sein." - "Nein, das ist eines der Geheimnisse seiner Konstruktion. Ich habe es mit einem Freund so gebaut, dass wir auf die meisten schweren Teile verzichten konnten. Weder hat es einen klassischen Resonanzboden, noch braucht es eine stählerne Platte für seine Saiten. Und durch eine ausgeklügelte Diagonalverleimung ist es auch weitgehend unempfindlich gegen Feuchtigkeit."
Aus seiner Tasche holte einen Schlüssel, steckte ihn in das Schloss des Holzkastens und mit wenigen Handgriffen klappte und schob er die einzelnen Bestandteile so in Form, dass schließlich ein Klavier vor mir stand. Vorsichtig berührte ich den Korpus, klappte die Abdeckung der Klaviatur hoch und spielte behutsam ein paar Töne. Wirklich, man konnte Musik damit machen, und wie ich beim Hochheben feststellte, war es nicht einmal besonders schwer. Ein Reiseklavier eben.
Günter strahlte, ließ mich herumklimpern, spielte dann selbst den Anfang einer Toccata von Bach und klappte das mechanische Wunderwerk zum Schluss wieder zusammen. "Siehst du", ließ er mich wissen, "das ist der Grund, warum ich mit dieser Fähre nachreise. Der normale Reisebus wollte es nicht transportieren, eine Spedition kam für mich nicht in Frage. Aber wie beim Problem mit dem Zusammenklappen habe ich auch hierfür eine Lösung gefunden.
Wir unterhielten uns noch bis zum Anlegen in Olbia, danach habe ich ihn nicht wieder gesehen. Aber es ist mir im Gedächtnis geblieben, wie ein Mensch seine ganze Energie in ein Projekt stecken kann, das für Außenstehende kaum sinnvoll erscheint. Und dabei Lösungen findet, die andere für unmöglich halten. Die ihre Mitmenschen mit ihrer Einzigartigkeit mitnehmen, inspirieren und motivieren.
Das ist es, was ich mit dem Namen Günter verbinde.
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