20 Februar 2026

Haben Sie einen Termin?

Gestern Nachmittag bin ich mit dem rechten Fuß unter einem Bein vom Schreibtischstuhl hängengeblieben, es hat leise geknackt und nach einer kurzen Verzögerung kam dann ein stechender Schmerz. Also irgendwas kaputtgemacht, gebrochen, gerissen, was auch immer. Solange ich nicht bewegte und belastete ging es gut, auch die Nacht weitgehend schmerzfrei, aber am nächsten Morgen bin ich dann doch zum Unfallarzt gehumpelt.

"Guten Morgen, haben Sie einen Termin?"
"Nein", sage ich, "ich hatte einen Unfall. Mein rechter Fuß ist lädiert, ich habe ihn mir gestern Nachmittag umgeknickt."
"Das tut mir sehr leid. Aber ich kann Sie leider nicht drannehmen. Ohne Termin geht heute gar nichts."
Ich schaue mich um. Das Wartezimmer ist leer. Nicht ziemlich leer, einfach leer. Ich bin der einzige Patient weit und breit.
"Kann der Arzt nicht kurz nach dem Fuß gucken? Ich meine, es ist ja nicht gerade voll."
"Tut mir leid", höre ich wieder, "der Arzt ist noch nicht da. Und gleich kommen viele Patienten mit Termin. Ich kann Sie heute nicht drannehmen."
"Dieser ältere Herr im weißen Kittel, ist das nicht der Arzt? Der lief doch gerade zwischen den Sprechzimmern hin und her."
"Oh, dann ist er doch schon da. Aber er hat jetzt keine Zeit. Sie müssen leider zur Zentralen Notaufnahme."
"Ich kann auch einen Moment warten, das ist immer noch besser als zur zentralen Notaufnahme."
"Tut mir leid", wieder dieser empathische Spruch aus ihrem tiefgelangweilten Mund, "heute wirklich nicht."

Haben Sie einen Termin?
Eine Viertelstunde später schleppe ich mich vom Parkplatz vor der Klinik vorbei an der Rezeption zur Zentralen Notaufnahme. Zu meiner Überraschung ist es recht leer, ein Handwerker hat sich auch den Fuß verletzt, ein junges Mädchen hält sich die Hand, ein weiterer Mann sitzt im Wartebereich.

"Guten Morgen, was ist passiert?"
Ich erkläre ihr wieder den Grund meiner Anwesenheit, Bürostuhl, Hängenbleiben, Fußumknicken, Knacken und Schmerz.
"Ah", sagt die Assistentin an der Aufnahme, "verstehe. Haben Sie einen Termin?"
Ich stutze kurz, "Ich dachte, hier ist die Notaufnahme. Also nach Unfällen. Ich habe keinen Termin."
"Ah", sagt die Assistentin, "verstehe. Dann handelt es sich also um einen Unfall?"
Noch mal mein Textchen mit dem Bürostuhl und dem Umknicken. "Ja, ich denke, das würde man als Unfall bezeichnen. Vorher war mein Fuß noch heile, nachher nicht mehr. Im Büro."
"Also ein Berufsunfall?"
Ich denke nach. Bei Berufsunfall denke ich an Bauarbeiter, die vom Gerüst fallen, Köche, die sich in den Finger schneiden oder Tierpfleger, die von einem Hund gebissen wurden. Aber doch nicht an einen Büromenschen wie mich, der zu dusselig ist, von einem Stuhl aufzustehen, ohne sich dabei den Fuß umzuknicken.
"Ja", sage ich, "ja, ich denke, das war ein Berufsunfall."
Sie versorgt mich mit diversen Formblättern, Aufklärungsbroschüren und Fragebögen. Die unvermeidliche Datenschutzerklärung, eine Information zu Operationsrisiken, Erläuterung zu stationären Klinikaufenthalten. Und ich soll ihr bitte meine Versichertenkarte geben.

Seit einiger Zeit sitze ich im Wartebereich, der Handwerker mit dem kaputten Fuß wurde abgeholt, auch das Mädchen mit der lädierten Hand ist nicht mehr da. Ein weißbekittelter junger Mann geht mit ruhigem Schritt den Gang entlang, schaut in Richtung Rezeption, dann zu mir. "Sind Sie schon angemeldet?"
"Ja", sage ich, "aber ich habe keinen Termin." Der Weißkittel schaut mich irritiert an. "Keinen Termin" wiederholt er. "Kommen Sie mal mit in Zimmer zwei."
Er fragt nach dem Unfall, ich schildere geduldig zum vierten Mal mein Malheur. Inzwischen ist es etwas ausgeschmückt, wurde ich hektisch vom Arbeitsplatz weggerufen und musste einem Kollegen ausweichen. Nur, damit es nicht so peinlich klingt, dass eigentlich gar kein Anlass für das Umknicken bestand.
"Der Fuß also", erkennt der Arzt sehr richtig, "können Sie den Schuh ausziehen, ich möchte ihn mir mal ansehen."
"Den Fuß oder den Schuh?"
Er schaut mich wieder irritiert an, versucht eine passende Antwort zu finden. "Den Fuß bitte."
Er tastet herum, drückt mal hier, mal da, der auftretende Schmerz variiert je nach Stelle. Dann kann ich den Schuh wieder anziehen. "Der Fuß muss geröntgt werden", ist die wenig überraschende Anweisung des Arztes, "Setzen Sie sich noch mal in den Wartebereich, Sie werden aufgerufen."

Vermutlich muss entweder das Röntgengerät erst noch gekauft werden oder der Bediener ist kurzfristig erkrankt. Jedenfalls verbringe ich die nächste halbe Stunde alleine auf dem Stühlchen. Dann stehe ich auf, humpele zur Rezeption, wo die Rezeptionistin in lustigem Geplänkel mit einem Medizinisch-technischen Assistenten sitzt. "Ich wollte mal nach meinem Röntgen fragen."
"Wir haben Sie nicht vergessen", flötet die Frau vergnügt, "aber ohne Termin dauert es nun mal. Bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld."

Ich humpele zurück, mein Stühlchen ist ja noch warm. Jetzt geht es recht fix, der lustige MTA kommt vorbei, fragt, ob ich laufen kann und geleitet mich zum Röntgenraum, nur wenige Schritte entfernt. Schon ist der Schuh wieder ausgezogen, die Socke am besten auch, Röntgenbilder in verschiedenen Richtungen. Nach einer Minute bin ich abgefertigt, eine weitere Minute später der Schuh wieder angezogen, Stühlchen erreicht. Gott sei Dank brauche ich für den Sitzplatz im Wartebereich keinen Termin.

Der Arzt taucht auf, schon schöpfe ich Hoffnung, aber er kommt nur, um das Mädchen mit der verletzten Hand vorbeizubringen. Und jetzt kommt auch die Frau von der Rezeption, bringt meine Versichertenkarte, eine Kopie des Aufklärungsbogens und ein neues Formular für die Anamnese von Fußverletzungen. Ich fülle die neuen Zettel aus, packe meine Karte ein. Mein neuer Freund aus dem Röntgenbereich taucht wieder auf, entdeckt das Mädchen neben mir und lässt es sich nicht nehmen, sie nach einem kleinen Flirt sicher unvermeidlich eng in den Arm zu nehmen und zu einem Behandlungsraum zu entführen.

Gerade hadere ich noch mit meinem Schicksal, kein junges Mädchen geworden zu sein und ohne Termin sowohl Flirt als auch Gips zu bekommen, als ich neben mir einen Schatten sehe. Kurzerhand hat der Weißkittel neben mir Platz genommen, "die Behandlungsräume sind alle besetzt, ich erläutere Ihnen gerade den Röntgenbefund."

Die ersten Sätze gehen an mir vorbei, weil ich mich frage, ob die Sprechzimmer alle renoviert werden oder ob es Hintereingänge gibt, durch die für mich unsichtbare Heerscharen von Patienten in die Sprechzimmer eindringen. Möglicherweise sind aber auch mein Familienstand, Alter, Geschlecht, Schuhgröße, der fehlende Termin oder der Name meiner Krankenkasse für die eingeschränkte Verfügbarkeit verantwortlich.

"... keine Fraktur zu erkennen, also von meiner Seite aus Befund unauffällig. Ich werde es natürlich noch als Bericht verfassen und darin auch die empfohlene Therapie für die nächsten Tage aufführen. Wenn Sie warten möchten kann ich Ihnen den Entlassungsbrief direkt mitgeben." - "Oh", sage ich, "das ist sehr freundlich von Ihnen. Aber glauben Sie mir, dass ich Sie mit meinem Fuß schon genug in Atem gehalten habe. Ein merklicher Teil der Klinik musste sich mit meinem Unfall beschäftigen und hat sich jetzt nach diesem ungeplanten Intermezzo erst mal eine Pause verdient."

Der Arzt strahlt mich an. "Ja", sagt er, "wenn Sie wüssten, wie viele Patienten gar kein Verständnis für die Unplanbarkeit in der Zentralen Notaufnahme haben. Die glauben, wir hätten nur auf ihre Behandlung gewartet, einen freien Röntgenbereich mit verfügbarem Bedienpersonal, Sprechzimmer in Hülle und Fülle und Zeit für ein persönliches Gespräch. Und anders als in der normalen Praxis ohne Zeitplanung und Voranmeldung."

Unauffällig lasse ich meinen Blick schweifen, über das leere Wartezimmer, den unbesetzten Flur, die kichernde Assistentin am Empfangsschalter, auch der verwaiste Röntgenbereich mit seinen unbelegten Stuhlreihen und dem entspannten jungen Mann fällt mir ein. "Man liest es ja immer in der Zeitung", stimme ich dem Arzt zu, "aber es ist wichtig, Ihren Beruf und den Stress in der Zentralen Notaufnahme mal am eigenen Leib zu erfahren."

"Aber sagen Sie mal", will der Arzt im Aufstehen von mir wissen, "wie ist das mit Ihrem Fuß denn nun wirklich passiert? Ich meine, für eine gründliche Diagnose ist das schon wichtig und soviel Zeit muss sein. Auch ohne Termin."

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