01 Mai 2026

Haben Sie den auch koffeinfrei?

Dieser Ausblick auf die Fußgängerzone. Vorübereilende Passanten, Junge, Alte, Mütter mit Kinderwagen. Paare ins Gespräch vertieft, mit oder ohne Einkaufstaschen. Am liebsten junge Frauen, die die Straße als Laufsteg nutzen und sich präsentieren.

Das wackelige Bistrotischchen gehört dazu. Ich weiß nicht, warum die Dinger wackeln müssen, eigentlich immer. Oder wenn sie stabil stehen, weil sie nur drei Beine haben, dann stehen sie so schief, dass man Angst um die Getränke haben muss. Im obligatorischen Halter ist eine zerfledderte Speisekarte festgeklemmt und entgeht so der Gefahr vom Tisch herunterzurutschen.

Ich blättere darin herum. Frühstück geht um diese Uhrzeit nicht mehr, aber ich habe keinen großen Hunger für eine normale Mahlzeit. Also eine Kleinigkeit oder besser im Moment erst mal gar nichts. Andererseits ist der Ausblick schön, irgendwas muss ich bestellen.

Haben Sie den auch koffeinfrei
„Einen ‚Latte macchiato‘ bitte. Haben Sie den auch in koffeinfrei?“ Der Kellner schaut mich bedächtig an. „Also, normalerweise nicht. Aber ich frage mal nach.“ Er verschwindet, ich betrachte weiter den Strom der Einkaufswilligen, genieße die Sonne und lehne mich auf dem unbequemen Bistrostuhl zurück.

„Ja“, strahlt mich der Kellner an, „wir können Ihnen den Latte macchiato auch in koffeinfrei zubereiten. Haben Sie daneben noch einen Wunsch?“ – „Wo sie so fragen: Ja, ich hätte gerne dazu noch ein Glas Wasser und einen doppelten Espresso. Zum Wachbleiben, verstehen Sie? Und ein Kissen für meinen Stuhl wäre prima.“

Der Angestellte nickt. Ich glaube, eigentlich würde er lieber den Kopf schütteln, aber er zückt nur sein Notizbüchlein und notiert meine Bestellung, Tisch 11. Er dreht sich schon weg, dann fragt er doch noch mal nach: „Also einen koffeinfreien Latte macchiato und einen koffeinhaltigen Espresso zum Wachbleiben, habe ich das richtig verstanden?“

„Nein“, sage ich, „nein, ein doppelter Espresso, sonst wird das doch nichts mit dem Wachbleiben.“ – „Sollen wir den Latte macchiato nicht direkt mit Koffein bereiten, dann bleiben Sie wach und brauchen keinen separaten doppelten Espresso?“

„O-m-g“ stoße ich hervor, „oh mein Gott. Das ist was völlig anderes. Der Magen verstoffwechselt den Latte macchiato mit seiner Milch völlig anders. Der übliche Grenzwert für Koffein von zweihundert Milligramm gilt da nicht und führt langfristig zu Herz- und Hirnproblemen. Haben Sie mal beobachtet, was aus Menschen wird, die jahrelang Latte macchiato trinken?“

Irritierte Antwort: „Nein, habe ich nicht. Ich wusste auch gar nicht, dass es Grenzwerte und Schäden gibt. Wollen Sie denn überhaupt den doppelten Espresso, oder wollen Sie nicht lieber einen Mittagsschlaf halten, ich bringe Ihnen eine Decke.“

Ich schaue ihn lange und durchdringend an. „Sie sind wirklich ein aufmerksamer Mensch, dem seine Kunden nicht egal sind. Ja, bringen Sie mir den Latte macchiato, ein Kissen, die angebotene Decke und vielleicht können Sie mir auch den Tisch dort drüben geben, sobald er frei wird. Ich glaube, da kann ich besser einschlafen.“

Ein perfekter Tisch, eingemummelt in eine weiche Decke und zwischen dem Schlummern immer mal ein Blick auf das bunte Treiben auf der Straße. Und kein Kellner, der mich ständig wegen einer Nachbestellung anspricht.

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