Das Älterwerden merkt man deutlichsten daran, dass man mehr Zeit bei Ärzten verbringt. Genauer gesagt nicht bei den Ärzten, sondern in deren Wartezimmern. Auf dem ungepolsterten Stuhl und aus hygienegründen heruntergekühltem Raum warte ich auf meinen Gesprächstermin.
Es leert sich, einige Patienten sind nur wenige Minuten mit mir im Wartezimmer. Die Zeitschriften auf dem Tisch habe ich schon durchgeschaut, auch zwischendurch einen Becher mit Wasser getrunken. Endlich geht die Tür auf, die Assistentin zeigt auf mich „Der Nächste, bitte!“
In Sprechzimmer zwei harre ich der Dinge, die da kommen. Sprechstundenhilfe rein, ein paar Handgriffe am Computer, dann wieder raus. Tür auf, der Arzt betritt das Zimmer. Seine Bühne, er strahlt mich an: „Wie geht es Ihnen? Was kann ich für Sie tun?“
Ein paar Minuten habe ich meine Krankengeschichte dargelegt, Blutdruck ist gemessen („Na, den sollten wir im Auge behalten. Trinken Sie regelmäßig Kaffee, Rauchen Sie oder wie steht es mit dem Alkohol?“), und der Rücken abgehorcht.
Nein, expliziten beruflichen Stress habe ich nicht. Zumindest nicht mehr als andere Leute und auch nicht mehr als sonst. „Eine Beruhigungsspritze?“ frage ich nach, weil sich der Weißkittel an seinem Hängeschrank zu schaffen macht. „Sie müssen zur Ruhe kommen, eine komplette Kur sehe ich noch nicht, aber erste Symptome für Burn-out.“
„Leider kann ich selbst keine Spritzen sehen, das ist mir immer unangenehm, verstehen Sie?“ Er dreht sich zu mir um „Vielleicht können Sie einen Moment aus dem Fenster gucken, dann ist es für mich leichter. Und vorher trinke ich noch einen Schluck Wasser.“
Ich signalisiere mein Verständnis, frage ihn nach seinem Blutdruck und ob er vielleicht lieber seine hübsche Assistentin schicken möchte. Er besteht darauf, die Spritze selbst zu setzen, aber natürlich nur, wenn es mir nichts ausmacht. „Legen Sie sich doch bitte gerade hier auf die Liege, dann erledigen wir das ganz schnell.“
Die Blondine von der Rezeption kommt herein, sieht den Arzt mit der Spritze und bietet ihre Hilfe an. „Ja“, sage ich, „das wäre vielleicht eine gute Idee.“ – „Ach was“, der Arzt, „aber holen Sie doch bitte das Erste-Hilfe-Buch von meinem Schreibtisch und machen Sie mir einen kleinen Hugo, ist ja gleich Mittagspause. Oder gleich zwei, auch für den Herrn hier. Ach was, drei, nehmen Sie auch einen.“
Wir sprechen noch mal über die Ohrenschmerzen, wegen denen ich gekommen war. „Waren Sie eigentlich dieses Jahr schon beim Zahnarzt?“ will der Behandelnde wissen, aber bevor ich nachdenken, ihm antworten oder ihn nach dem Ziel dieser Frage interviewen kann ist die Blondine wieder im Zimmer, drei Hugo dabei.
In gelöster Stimmung werden wir uns einig, dass Ohrenschmerzen oft überbewertet werden und das Leben an und für sich schön ist. Dass Burn-out eine ganz fiese Sache ist, weit verbreitet in der Gesellschaft und oft gar nichts mit dem Beruf zu tun hat, sondern mit einem unausgewogenen Liebesleben.
Die zweite Runde Hugo ist am Start, offensichtlich war die Idee mit der Beruhigungsspritze nicht gut, ein Rezept über Hopfentabletten und die Empfehlung, mal wieder mit meiner Frau intim zu werden sehen sowohl der Arzt als auch seine Assistentin als viel bessere Alternativen. Sie zwinkern sich fröhlich zu, eher zufällig kommt die schöne Arzthand auf dem ebenso schönen MTA-Po zu liegen.
Ich stehe auf, merke jetzt den Alkohol und schwanke auf die Tür zu. Überlege es mir dann anders, schüttele dem Arzt noch mal dankbar die Hand, versichere ihm, dass von den Ohrenschmerzen nichts mehr zu spüren ist und nehme noch mal ganz gezielt die Tür ins Visier. Die Assistentin macht sich vom Arzt los, hakt mich unter und begleitet mich nach draußen.
Gemeinsam stehen wir vor dem Sprechzimmer, nicken uns an und rufen dann im Chor: „Der Nächste, bitte!“
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