29 Mai 2026

Als Aushilfe im Kino

Aus dem Leben moderner Menschen kann man das Kino langsam wegdenken. In einer Zeit von netflix, amazon und Co auf einem anständigen Flachbildschirm besteht kein Interesse mehr, sich aus den eigenen vier Wänden wegzubewegen, Popcorn zu kaufen, mit der Freundin zu knutschen und irgendeinen bescheuerten Hollywood-Film zu schauen.

Entsprechend krebsen die Lichtspielhäuser mehr schlecht als recht vor sich hin. Für einen Freund habe ich heute ehrenamtlich die Kasse übernommen, das ist ja inzwischen ein Job ähnlich der Verteilung von Lebensmittel durch die Tafel. Wir haben in dem kleinen Haus drei Säle, die Filme starten leicht zeitversetzt, damit der Vorführer die Werbung starten, Eis anbieten und den Hauptfilm laden kann.

Als Aushilfe im Kino
Wir sind nur zu zweit zur Bedienung der paar Dutzend Zuschauer, die sich trotz gutem Wetter und buntem Fernsehprogramm hierhin verlaufen haben. Ein junges Pärchen nähert sich: „Schön, dass Sie da sind. Haben Sie einen bestimmten Film vor Augen oder lieber unser Happy-Film-Roulette?“ – „Wir möchten gerne um 20 Uhr in ‚Der Astronaut‘“ – „Den kann ich nicht empfehlen. Typischer Männerfilm, da wird Ihre Freundin nicht viel Freude haben. Ich gebe Ihnen zwei Karten für ‚Reminders of him – Für immer ein Teil von dir‘. Typischer Frauenfilm, aber in der Knutschreihe ganz hinten auch für Sie ein Genuss.“

Überraschung, dann: „Wir wollten eigentlich in den ‚Astronaut‘, bitte.“ – „Was sind Sie denn so beratungsresistent? Also gut, einmal ‚Astronaut‘ für den Herren und einmal ‚Reminders of him‘ für die Dame.“ – „Ähm, nein, wir möchten schon gemeinsam in die Vorstellung gehen.“

„Ja, soll ich Ihnen die beiden Filme mischen? Die Actionszenen vom ‚Astronaut‘ mit dem Herzschmerz aus den ‚Reminders‘? Das wird die anderen Zuschauer aber irritieren. Nein, das geht leider nicht. Und wie ich schon sagte: Wenn Sie beide einen schönen Abend und Zwinker-Zwinker eine schöne Nacht haben wollen, dann führt an den ‚Reminders of him‘ kein Weg vorbei.“

Etwas unzufrieden wirken die beiden schon, als sie mit ihren Eintrittskarten in Richtung Snack-Stand weiterlaufen. Ich schiebe die Kasse zu, schließe die Tür und schlüpfe hinter die Theke. „Was darf’s denn sein?“ – „Zwei Cola, bitte.“ Und zu seiner Freundin: „Nachos?“

„Die Cola in klein, mittel, groß, extragroß, superextragroß? Normal, light oder zero? Mit oder ohne Koffein?“ – „Öööh, also wir nehmen… Schatz, was sollen wir nehmen?“ – „Zwei Cola zero mit Koffein in mittel.“

„Und die Nachos? Mit Salsa, mit Käse oder Mut zur Trockenheit?“ – „Vielleicht doch lieber das Popcorn.“ – „Wie Sie meinen. Also zwei Popcorn, klein, groß oder ‚ich bereue es später‘? Wenn wir noch so viel haben. Wissen Sie, vorgestern ist nicht viel übriggeblieben.“

„Oh. Sehe ich da hinten Brezeln?“ – „Natürlich. Unser berühmtes Salzgebäck. Wir lassen es in jahrelanger Arbeit von Hand trocknen. Ich würde Ihnen allerdings raten, die Cola dann in groß zu bestellen, damit Sie es herunterbekommen… Sonst noch einen Wunsch?“

Sie verschwinden in Saal zwei, so wie es aussieht ist es mir gelungen, alle ‚Astronaut‘-Gäste auf die beiden anderen Filme umzuleiten, so dass ich nur zwei Filme starten muss. Die Türen stehen noch offen, ich schnappe mir den Träger mit den Eiswaffeln und stampfe zum ‚Reminders of him‘. Erst mal Licht an im Saal, damit ich besser sehen kann.

„Irgendjemand Eis, Nüsschen, Brezeln? Oder Taschentücher? Die werden Sie nachher brauchen. Liebe Männer, ihr dürft auch mal Gefühle zeigen.“ Keine Bewegung, keine winkenden Hände zum Ordern von Langnese oder Lorenz. Ich gehe mit strengem Blick an den Reihen entlang in Richtung Leinwand.

„Herrje“, sage ich, „ein Missverständnis. Die erworbenen Karten berechtigen zum gemütlichen Sitzen in unserem einzigartigen Lichtspielhaus. Vermutlich möchten Sie aber jetzt den Genuss noch weiter steigern, ich könnte Ihnen dazu einen Blockbuster mit Maika Monroe zeigen. Also, wenn Sie pro Paar einen kleinen Snack erwerben. Alternativ setze ich mich gemütlich hier vorne hin und erzähle Ihnen den Inhalt des Films mit meinen Worten. Ich habe ihn in den letzten Tagen schon so oft gesehen.“

Unverzüglich gehen die Hände hoch, verkaufe ich Eiskonfekt, werden mir die überteuerten Tütchen mit gesalzenen Erdnüssen aus dem Kasten abgenommen. „Wie reizend von Ihnen“, sage ich im Rausgehen mit gefülltem Geldbeutel, „Kino hat einfach eine wunderbare Tradition, die sollte man nicht auf die Projektion von Bewegtbildern reduzieren.“

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