05 Juni 2026

Willkommen im Fitnessstudio

Martin empfängt mich. Im Gegensatz zu Menschen in anderen Betrieben scheinen die Mitarbeiter in Fitnessstudios keinen Nachnamen zu haben. Vielleicht wurde er bei Ihrer Geburt weggelassen, die Eltern konnten sich nicht entscheiden oder es steckt schlichte Sparsamkeit dahinter.

Willkommen im Fitnessstudio
Martin also. Er strahlt mich an, quetscht mir mit seinem festen Händedruck die rechte Hand und weiß sofort, „Du kommst wegen Fitness.“ – „Mensch,“ sage ich, „Martin, da merkt man die jahrelange Erfahrung. Ja, du hast recht. Das ist genau mein Ziel. Sag mal, das ist doch ein Fitnessstudio, oder?“

Er strahlt von einer bis zur anderen Wange. „Komm mit, da drüben sind die Umkleiden, heute erst mal ein Schnuppertraining und ich kann mir ein Bild machen, wie wir deinen Trainingsplan machen.“ Das hört sich vernünftig an. In Sportkleidung und Trainingsschuhen stehe ich nach wenigen Minuten wieder an der Rezeption. Martin heißt jetzt Stefan, ist wesentlich weniger muskulös und erläutert mir im Gehen die möglichen Verträge.

„Kannst du erst mal die Hanteln wegräumen, die sind mir zu schwer“, raunt Stefan mir zu. Ich schaue auf den Boden. In einem Kinderzimmer hätte ich gesagt, dass das gesamt Spielzeug nach dem Besuch der Freunde auf dem Boden verstreut ist. – „Ja“, sage ich, „soll ich sie nur zur Seite rollen?“ – „Nein, dort drüben sind die Ständer, fängst du mit den leichten an, die schweren ganz nach rechts. Das trainiert dann auch entsprechend. Wenn du möchtest, kannst du sie danach noch mal auf den Boden legen und noch mal einräumen.“

Nachdem ich die Hantelecke unter Aufsicht fünfmal aufgeräumt habe schleust er mich weiter in den Cardio-Raum. „Hier kannst du etwas für den Kreislauf tun. Kann ich aber nicht empfehlen, das ist nur was für Mädchen.“ – „Und was kannst du empfehlen?“ – „Unsere Kurse. Besonders beliebt ist das Workout bei Constanze. Im Programm trägt er den Titel ‚No pain no gain‘“

„Ja, cool“, höre ich mich sagen, „ist das denn auch was für Anfänger wie mich?“ – „Natürlich! Constanze ist sehr feinfühlig. Sie wählt die Langhanteln immer nur Faktor zwei höher als deine Durchschnittsbelastung. Die meisten Teilnehmer lieben Sie dafür.“ – „Das hört sich aber doch etwas zu schwer an. Ich würde gerne langsam einsteigen.“

„Langsam einsteigen?! Hm. Das ist nicht unser Schwerpunkt. Wie gesagt, der Name ‚No pain no gain‘ ist Programm, man muss sich schon reinsteigern, das geht nicht nur durch Zuschauen. Apropos: Dort drüben an der Wand ist der Spiegelbereich. Da triffst du auch immer Lothar, das ist der mit dem Muscelshirt, der kann dich zu allen Fragen beraten.“

„Aber ihr habt auch Trainer, die weiterhelfen können?“ will ich wissen. „Natürlich, wir stehen dir jederzeit zur Verfügung. Aber wir sind eher für die administrativen Tätigkeiten und die emotionale Unterstützung zuständig. Vor einigen Wochen gab es in einem Kurs eine Rangelei, weil sich die Teilnehmer nicht auf ein Leistungsniveau einigen konnten. Wir haben das aber schnell in den Griff bekommen, nur ein paar blaue Augen und Rippenbrüche.“

„Das hört sich ja recht wüst an. Gibt es denn keine Angebote für Gäste wie mich?“ – „Gäste? Wir haben Kunden, die es ernst nehmen, da muss man raus aus der Komfortzone, da zählt ‚No pain…“ – „No gain. Ich weiß. Wie wäre es mit Gerätetraining? Habe ich vorhin nicht einen EGym-Zirkel gesehen?“

„Wenn Sie unbedingt wollen. Wir können es uns mal anschauen. Aber ich kenne mich da gar nicht aus. Außerdem stellen sich die Geräte selbst ein, dafür brauchen Sie ja kein Fitnessstudio. Da können Sie ja gleich im Wald herumlaufen. Und nach einer Runde ist man fertig – was macht man danach noch hier?“

Wir verlassen den Freihantelbereich, ich kann fühlen, wie sich die Blicke von Lothar in meinen Rücken bohren. Sein Urteil ist bestimmt so vernichtend wie die Botschaft seiner Tattoos. Beim Zirkel ist es recht ruhig, einige Personen meiner Statur und etwa meines Alters bewegen die Hebel und Walzen.

„Das sieht doch recht passend aus“, bemerke ich, „wer stellt die Geräte denn ein?“ – Stefan stöhnt „Sie müssen einen Account anlegen, danach werden Sie von der Maschine dort drüben vermessen und die Geräte bekommen eine Grundeinstellung, die beim ersten Training automatisch mit KI auf Ihren Level angepasst wird. Sie machen mich arbeitslos, wollen Sie das?“

Ich schrecke zurück. Natürlich will ich das nicht. Vor meinem geistigen Auge sehe ich das verwaiste Studio, nur noch die älteren Damen und Herren am automatisierten Zirkel und an der Theke ein weinender Angestellter, der zum Zeitvertreib mit 10-kg-Hanteln jongliert.

„Nein, nein!“ stammle ich. „Sie brauchen selbstverständlich Ihre Tätigkeit. Und ich wollte auch gar nicht auf Ihre Fachkundigkeit verzichten. Was kann ich machen, damit Sie Ihre Stelle behalten?“ – „Wir könnten so tun, als wäre ich Ihr persönlicher Trainer. Ich sitze dann hier und nicke gelegentlich.“

Langsam wird ein guter Plan daraus. Ich schaue Stefan an, stelle mir vor, dass ich mit einer Kombination aus Entspannungs-Yoga und gemütlichem Fahren auf einem Ergometer beginne. „Eine sehr gute Idee“, findet mein neuer Personal-Trainer, „Das bekommst du schon hin. Mich würde es jedenfalls wesentlich entlasten und ich kann mich auf meine Aufgaben konzentrieren.“

Bevor er mir einen langlaufenden Vertrag zuschiebt erläutert er mir noch die schon erwähnte Grundhaltung No-pain-no-gain, versichert mir, dass er sehr geübt darin ist, vor Überanstrengung zu schützen und spezialisiert darauf ist, Probleme zu erkennen und mir den Raum zu lassen, sie zu lösen. 

*

Abonniere den Kanal Eckhards Blog By Dr.-G auf WhatsApp

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen