Neulich in der Reha hatte ich ein Anfangsgespräch, bei dem es um die Erfassung meiner aktuellen Verfassung und meine Rehaziele ging. Der Arzt langte mit geübtem Griff in die Schublade, holte einen Fragebogen hervor und begann bestimmte Zeilen anzukreuzen. Dabei war er nicht geizig, auch ohne meinen ausdrücklichen Wunsch wurde mir eine Schulung in der Lehrküche verschrieben, auch Techniken zur Muskelentspannung und Rückenschulungen bekamen ungefragt ein Kreuzchen.
Heraus kam ein buntes Programm, das die Organisatoren dann die Teilnahmen an verschiedenen Kursen, Vorträgen und Übungseinheiten überführten. Ohne weiteres Zutun kamen dann auch noch Basisthemen wie Hausführung und Mittagessen im Speisesaal mit dazu. Und da kristallisierte sich im Laufe der Tage ein weiteres Reha-Ziel heraus, nämlich die Fertigkeit des Vordrängelns. Wer hier nicht lernwillig war, der musste mit schlechter Sicht, abgegessenem Salatbuffet oder einem verspäteten Trainingsbeginn Vorlieb nehmen.
Bestaunenswert insbesondere, dass die Orthopädie-Patienten mit ihren Rollatoren und Gehhilfen meist die Nase vorne hatten. Aufgeplustert und den Weg blockierend weiter vorne, Platz freihaltend für die Freundin in der Mitte und schlank vorschiebend im hinteren Teil der Warteschlange. Patienten, die aus dem Nichts auftauchend plötzlich weit vor mir im Vortragssaal saßen, die Liegen im Ruheraum belegten oder einen strategisch geschickten Essensplatz einnahmen.
Zweifellos hatte der Arzt diese Rubrik übersehen, denn neben den Profis auf diesem Gebiet konnte ich viele - meist männliche - Patienten sehen, die bei dieser Fertigkeit komplett überfordert waren. Den taktisch geschickt eingesetzten Mobilitätshilfen waren sie genauso unterlegen wie dem ungefragten Eintreten in Türen mit der Aufschrift "Sie werden aufgerufen". Lieber mal vorpreschen und dann zurückrudern als von vornherein zurückhaltend agieren.
Ich denke, man sollte auch diesen Punkt sowohl bei der Aufnahme als auch bei der Entlassung messen. Schließlich gehört zur Rehabilitation neben dem Blutdruck auch ein geübtes Verhalten in der Gesellschaft. Notfalls muss man sich dort ja auch ohne Krücken seinen Weg bahnen und den eigenen Vorteil sichern.
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