Verlängerte Wochenenden laden dazu ein, eine neue Gegend oder Stadt zu erkunden. Mal ist es eine Metropole, mal ein urbaner Bereich, den ich ein wenig kennenlernen möchte. Fotopirsch ist dann angesagt, Flanieren über die Fußgängerzone, durch Gässchen, verstohlener Blick in Hinterhöfe.
Und dann die Nagelprobe. Ein Restaurantbesuch, neugierig auf andere Küchenangebote, anderes Ambiente oder auch andere Zubereitung. Wir sitzen am Tisch, die Bedienung hat die Speisekarte gebracht, noch mal über den Tisch gewischt und das Besteck zurechtgerückt. Ohne das Essensangebot genauer zu betrachten winke ich die Angestellte heran.
„Einmal das Übliche bitte. Auch für meine Frau.“ Die Bedienung sieht mich an, grübelt und sucht offensichtlich in ihrem Gedächtnis, was sie für mich in der Küche ordern soll. „Es tut mir leid, ich kann mich nicht erinnern, was Sie sonst bestellen. Vielleicht hat eine Kollegin Sie bedient?“
„Ach herrje“, seufze ich. „Das ist ja wirklich ein wenig enttäuschend. Als regelmäßiger Gast weiß ich Ihre Küche zu schätzen, aber mit dem Service hapert es ein wenig. Dann nehmen Sie erst mal die Getränke auf und dann schicken Sie Ihre Kollegin, die hilft uns hoffentlich in gewohnter Qualität weiter.“
Die junge Frau bringt Wasser und Wein, dann: „Meine Kollegin ist heute leider nicht da, aber vielleicht können Sie mir einfach das gewünschte Menü von der Karte nennen, gerne gebe ich es dann bevorzugt an die Küche weiter.“
„Liebling“, sagt meine Frau, „Liebling, das junge Ding tut was sie kann. Ist halt heute nicht ganz wie sonst. Aber sie kann doch einen ‚Gruß aus der Küche‘ bringen, während wir auf das Menü warten.“ – „Ja“, wende ich mich einlenkend zu ihr, „so können wir es machen.“ Und weiter zur Bedienung: „Bitte wie üblich eine Kleinigkeit aufs Haus vorneweg und dann bringen Sie noch mal die Karte. Oder besser noch: Haben Sie eine Empfehlung für uns?“
„Von unserer Tageskarte kann ich Ihnen heute…“ – „Nein, stopp!“ unterbreche ich sie. Nicht die Tageskarte, da haben wir schlechte Erfahrungen gemacht. Irgendwelche Mahlzeiten, die sonst nicht mehr rausgegeben werden können zu überhöhten Preisen. Aber die Masche machen wir nicht mit.“
Unsere Bedienung ringt nach Fassung. „Dann sollten Sie unser Rinderfilet auf Brokkoli in einer leichten Rotweinsauce mit getrüffelten Kartoffeln nehmen.“ – „Um Gottes Willen“, meine Frau schaltet sich ein, „nichts mit Trüffeln. Und überhaupt, dunkles Fleisch ist für den Cholesterinwert absolut schlecht. Denken Sie doch auch mal an die Gesundheit Ihrer Gäste.“
„Fisch“, haucht das Mädchen, „dann sollten Sie unseren Heilbutt probieren. Er wird mit einer Mousse von Rote Beete serviert, Zitronenreis umlegt mit Anisdip.“ – „Heilbutt?“ stöhnt meine Frau, „Heilbutt ist wegen Überfischung stark gefährdet. Sagen Sie, das ist ja alles ein wenig kopflos hier. Ist Nachhaltigkeit denn überhaupt kein Thema?“
„Das kriegen wir gerettet“, sage ich beschwichtigend, und an die Bedienung gewendet: „Wenn Sie die Rote Beete gegen Prinzessbohnen tauschen, anstelle des Heilbutts können wir Dorsch nehmen. Wobei ich dann Polenta vorziehen würde.“ Zu meiner Frau: „Schatz, was meinst du?“
„Wir können es probieren.“ Meine Frau ist jetzt kurz angebunden, demonstriert ihre Unzufriedenheit mit Service, Komposition und Beratung. „Bringen Sie erst mal die amuse gueule. Und den Wein. Gerne auch schnell. Sagen Sie, ist der Chef heute eigentlich auch nicht da?“
Die Bedienung zuckt zusammen, versichert, alles zügig und zu unserer Zufriedenheit in Auftrag zu geben. Tatsächlich kommt nach wenigen Augenblicken ein geradezu üppiger Vorspeisenteller aus verschiedenen Tapas und Brotsorten. Der Wein ist prima, wir lassen es uns gutgehen.
Dann der Hauptgang. Liebevoll ist der Dorsch auf den Prinzessbohnen angerichtet, flankieren Röschen aus Polenta den See aus Anisdip. Wir schlagen zu, lassen den Fisch auf der Zunge zergehen, befeuchten den Gaumen mit dem Wein und unterbrechen das Geschmackserlebnis nur mit kurzen Ausflügen in den Brotkorb.
Die Mahlzeit ist fortgeschritten, da winke ich unsere Bedienung heran. „Die Küche hat sich Mühe gegeben, wenn Sie wissen, was ich damit sagen will. Mühe geben ist gut, aber gelungen ist etwas anderes. Wir verzichten auf diesen Gang, Sie können abräumen. Wir gehen direkt zum Kaffee mit diesen Törtchen aufs Haus über, die der Chef uns sonst kredenzt.“
Diesmal hat sie mich sofort verstanden, mit wenigen Handgriffen ist der Tisch leer, der Kaffee steht da, vor jedem von uns ein Törtchen und ohne weitere Anforderung auch die Rechnung. Gott sei Dank muss ich nicht diskutieren, dass sie sich schon glücklich schätzen können, dass ich immerhin den halbausgetrunkenen Wein bezahle. Und in einer Geste der Großzügigkeit auch den Kaffee übernehme.
„Siehst du“, sage ich zu meiner Frau im Hinausgehen, „das ist mal wieder ein Beispiel für gehobene Gastronomie mit Potential. Wenn sie nur nicht an der falschen Stelle sparen würden.“
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