26 Dezember 2025

Weihnachten 2025: Die Frohe Botschaft in the Ghetto

Das ist also Weihnachten. Ich sitze in der Kirche, höre die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium.

„Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Später geht ein Engel auf die Hirten im Feld zu und:
 „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren“ heißt es da.

Ich stutze, ist doch die Kernbotschaft die Verbindung der Geburt mit der Freude. Und ich denke an Elvis Presley:

Weihnachten 2025
„On a cold and gray Chicago mornin'
A poor little baby child is born
In the ghetto
And his mama cries
'Cause if there's one thing that she don't need
It is another hungry mouth to feed“

Arme Verhältnisse, vielleicht in beiden Fällen nicht unbedingt zu ermitteln, wer der Vater ist. Und doch ist das Kind im einen Fall ein Heiland, im anderen Fall ein bedauernswerter Mensch, der in die schiefe Bahn geboren wird.

Die Geburt also als gemeinsame Startposition, doch schon gibt es die erste Weggabelung. Stolze Maria mit ihrem Josef oder aus Verzweiflung weinende Mutter. Himmlische Engel, lobpreisende Hirten oder Ghetto.

Und das ist ja nur die erste Momentaufnahme. Wie geht es dann weiter, das Umfeld und die Erziehung. Behütetes Heranwachsen oder aus purer Not heraus der Zwang zu Diebstahl und Kampf. Ein Weg zu Gottesnähe („Gottes Sohn“) oder Gottesferne.

An dieser Stelle wird es dann spannend, kommt die biblische Botschaft zum Tragen. Wie können wir die Entwicklung eines Menschenkindes begleiten, sind wir in Bethlehem oder in Chicago. Aber auch wir selbst, längst keine Kinder mehr: Wie eifern wir dem nach, der am Anfang schuf, ein aktives Leben.

Meine Gedanken kommen zurück in die Kirche, die Predigt beschäftigt sich nach den Worten eines Propheten aus einem anderen Blickwinkel mit der Weihnachtsgeschichte. Aber mir will die weinende Mutter mit ihrem verzweifelten jungen Sohn nicht aus dem Kopf, wie er auf der Straße liegt und stirbt.


*

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19 Dezember 2025

Hotline-Bestellung

"Herzzzlich willkommen" begrüßt mich eine sonore Männerstimme. Es klingt so herzlich, dass ich mich frage, wieviele Herzen dieser sympathische Mann haben muss, um sie an immer neu anrufende Menschen zu verteilen. Wir, die Gemeinschaft der Hilfesuchenden, Ratschlagbedürftigen, Dahinkümmernden, brauchen erst mal diesen einfühlsamen Empfang.

"Bitte beachten Sie, dass einzelne Gespräche zu Trainings- und Schulungszwecken aufgezeichnet werden..." und so weiter. Ich kann den Text schon von zahllosen Anrufen in den letzten Jahren bei diversen Callcentern mitsprechen, mir ist unklar, wer hier trainiert und geschult wird, die Mitarbeiter der Hotline können es jedenfalls nicht sein.

Dann kommt der Belehrungstext zum Datenschutz, ein Hinweis auf die Internetseite und endlich: "Derzeit befinden sich alle unsere Mitarbeiter im Gespräch, bitte haben Sie noch einen Moment Geduld."
Hotline-Bestellung

Knapp eine halbe Stunde meiner Geduld später, rund sechzig eindringliche Hinweise auf die hilfreichen Texte im Internet und die Empfehlung, zu einer späteren Zeit noch einmal anzurufen ist es so weit. Die Wartemusik endet. Ich schöpfe Hoffnung, die Ruhe von der Jazzmusik ist fast unheimlich, ganz sicher erklingt gleich eine Fanfare, die den herannahenden Held ankündigt, der mich aus meiner Lage befreit.

Statt der Fanfare setzt wieder eine neue Wartemusik ein, eine freundliche Frauenstimme verrät mir, dass der nächste freie Mitarbeiter sich gleich persönlich um mich kümmern wird. Ich befinde mich in der Warteschlange auf Position neun. Hurra, ich habe bereits die erste Stufe genommen, bin in den Kreis der Auserwählten aufgenommen worden und bereite mich nun auf die Himmelspforte des modernsten Gerichts vor.

Niemand erzählt mir mehr, dass ich viele meiner Fragen auch in der informativ gestalteten Internetseite beantwortet finde, dafür wird die Musik immer wieder von der Statusmeldung meiner Warteposition unterbrochen. Am Postschalter meiner Kindheit hat man einfach nach vorne geschaut, konnte dabei zusehen, wie der Beamte sich abwechselnd aus dem Stempelrondell und dem Vorrat an Formblättern bediente.

Platz eins erreicht, in meinem Kopf ein Trommelwirbel, Tusch. Es dauert noch einen Moment, dann ist die Musik weg, es rumpelt in meinem Hörer und eine Frauenstimme meldet sich. Sie begrüßt mich und sagt ihren Namen, der so klingt, als ob jemand beim Scrabble eine Handvoll Buchstaben auf den Tisch geworfen, vorher aber alle Vokale aussortiert hat. In gebrochenem Deutsch fragt sie nach meinem Anliegen.

"Zuerst einmal möchte ich mich bedanken." - Die Frau ist kurz irritiert, freut sich über den Einstieg und wartet auf weitere Informationen von mir. Nach einer Weile des gegenseitigen Anschweigens will sie von mir wissen, was sie für mich tun kann. "Können Sie bitte erst mal meinen Dank zu Protokoll nehmen, ich weiß ja nicht, ob dieser Anruf zu Trainings- und Schulungszwecken aufgenommen wird, da möchte ich sicherstellen, dass nichts verloren geht."

"Möchten Sie etwas bestellen oder haben Sie Fragen zu einem Artikel? Oder ist irgendetwas nicht bei Ihnen angekommen und Sie wünschen eine Nachforschung?" Sie spult ihr Repertoir ab, bietet mir das an, was sie beim Einstiegskurs Kundencenter für Hotline-Mitarbeiter gelernt hat.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich einen schäbigen Klassenraum irgendwo in einem fernen Ausland, da sitzt ein Dutzend junger Frauen und Männer, qualifiziert durch ihre Sprachkenntnisse Deutsch Level A. Vor ihnen läuft ein smarter junger Mann herum, übt mit ihnen die richtige Anrede, die wichtigsten Fragen mit Antworten und das Verhalten im Brandfall.

"Nun, bestellt habe ich noch nichts, mein Kundenerlebnis war aber auch so schon mal sehr erhebend. Ich wurde liebevoll begrüßt, habe mir ohne Kosten eine dreiviertel Stunde wundervolle Musik angehört und nun bin ich dem Himmel so nah, wo ich mit Ihnen reden darf. Nirgendwo sonst, schon gar nicht in irgendeinem normalen Laden, käme ich in diesen Genuss.

Darf ich Sie zu Ihren Vorlieben befragen? Welchen Artikel würden Sie sofort kaufen, wenn Ihnen jemand das Geld dafür gibt? Vielleicht eine persönliche Empfehlung, ein Bestseller, ein kleines Geheimnis. Sie können es mir ruhig verraten, wir sind ja hier unter uns."

"Ich verstehe Sie nicht", meine ich aus den Lauten zu interpretieren, die von der anderen Seite der Telefonleitung mit starkem Akzent (ist er nun bulgarisch oder serbisch?) zu mir herüberdringt. "So gerne würde ich Ihre Empathie bemühen, wenn die Chemie stimmt auch eine Bestellung tätigen. Wissen Sie, meine Frau ist drei Jahre jünger als ich, vielleicht ist das eine Information, die Sie zu meiner Beratung brauchen."

Es knirscht und rumpelt in meinem Hörer, aber die Verbindung hält, einen Moment hatte ich schon Bedenken, dass sich unsere kurze Liaison in Luft auflöst, bevor sie richtig begonnen hat. Eine leichte Ungeduld meine ich herauszuhören als sie sagt: "Möchten Sie nun etwas bestellen?", aber ich habe gelernt, dass man bei Hotlines niemals das Wort Ja aussprechen darf. Das wird dann von irgendwelchen Robotern aus der Telefonaufzeichnung herausgeschnitten und als meine Antwort hinter irgendeine prekäre Frage montiert.

"Sehr wahrscheinlich", weiche ich aus, "wir waren ja bei der Frage, ob Sie Vorlieben haben und sich in meine Lage versetzen können. Was darf ich Ihnen denn noch erzählen, damit Sie mit der Sprache herausrücken? Vielleicht, dass mein Hund Lasso heißt, den habe ich so getauft, weil er mich an Lassie erinnert, kennen Sie die Serie von damals?"

Wieder kurzes Schweigen, das mag an der Sprachbarriere liegen, an ihrer Hilflosigkeit bezüglich der Situation oder daran, dass sie über eine geschickte Antwort nachdenkt. "Ich kann Ihnen einen Artikel auf der Basis anderer Kundenbewertungen heraussuchen, aber Sie müssen mir schon sagen, welches Produkt es überhaupt sein soll."

"Sehen Sie, genau da sind wir beim Kern des Problems. Ich weiß nämlich noch gar nicht, was ich kaufen soll. Irgendwas für Nikolaus, vielleicht auch für Weihnachten, ach und zwischendurch ist noch Hochzeitstag. Hatte ich das schon erwähnt? Wir sind jetzt 28 Jahre verheiratet, meine Frau und ich. Eine schöne Beziehung, immer noch sehr liebevoll, das ist doch auch ein guter Anlass für ein Geschenk."

Schnaufen, knacken in der Leitung. Ich schaue auf die Uhr, wir haben jetzt eine Weile miteinander gesprochen, sicher ist der Stau der Warteschlange mittlerweile ins Unermessliche gewachsen. Aber ich habe kein schlechtes Gewissen, rund 45 Minuten meines Lebens habe ich selbst in erzwungener Vorfreude verharren müssen.

"Eine vergoldete Halskette, 45 cm Länge, Herzanhänger, gegen Aufpreis mit Initialen und einem Datum, Lieferzeit etwa 8 Werktage, hochwertige Qualität, Kundenbewertung 4,2. Der Basispreis ist 199,95 Euro." - "Mutig", lobe ich meine Gesprächspartnerin, "aber meine Frau mag keinen Goldschmuck und sie ist auch nicht so der kitschige Typ mit Herzchen und so. Dann doch besser etwas, was sie mit unserem Hund machen kann. Sie erinnern sich an Lasso?"

"Ich habe für Sie in der Rubrik Hundespielzeug geschaut. Und dort..." - "Nein", falle ich ihr ins Wort, "das Geschenk soll ja nicht für den Hund sein, sondern für meine Freundin." Wieder eine kurze Pause. Überlegt sie, wie sie vom Hundespielzeug zu einem Frauenartikel kommt oder fragt sie sich, ob Frau oder Freundin.

"Ein schicker Lederrucksack, naturbraun, Außenfach für Futterbox, Tränke und Leckerli. Innen mit Dreckfach für matschige Schuhe, Laufleine und Hundedecke. Optional mit weiteren Außenfächern für Trinkflasche und Gymnastikmatte. Der Basispreis liegt bei 115,29 Euro, Kundenbewertung 4,6. Besonders gelobt wird die gute Verarbeitungsqualität."

"Nun gut", sage ich, um wieder das Wort "ja" zu vermeiden, "das hört sich schon recht gut an, vielleicht können Sie mir noch Maße, Gewicht, alternative Farben und Rückgabemöglichkeit nennen." Jetzt ist sie offensichtlich wieder in ihrem gewohnten Modus, in ihrer Komfortzone sozusagen. Sie spult die gewünschten Informationen herunter, kann auch etwas zur Lieferzeit sagen und erläutert bereitwillig Aufpreise und Abschläge.

"Oh", sage ich unvermittelt zu ihr, "da habe ich doch glatt einen Termin übersehen. Haben Sie Dank für das nette Gespräch, der Rucksack ist zwar nicht das, was ich mir vorgestellt habe, aber der Vorschlag geht in die richtige Richtung. Wenn wir das nächste Mal telefonieren, können wir an der Stelle aufsetzen und bei Fahrradzubehör für meine Tochter suchen. Die fährt ja manchmal mit dem Hund durch die Gegend oder macht einen Ausflug mit meiner Frau. Oder wie wäre es mit einer kabellosen Ladestation für mein Handy, wenn ich im Auto sitze? Wie gesagt, das bekommen wir jetzt nicht mehr besprochen, ich rufe einfach noch einmal an."

Ist es Erleichterung oder Enttäuschung, die ich jetzt höre? Tiefes Einatmen, knacken in der Leitung. "Sie bestellen jetzt nichts?" Kurze Pause, ein unverständlicher Laut, so etwas wie ein Gurgeln, aber vielleicht ist es auch eine Formulierung in ihrer Muttersprache. Und dann "Das macht nichts." Tröstet sie gerade sich selbst oder mich? "Rufen Sie gerne wieder an. Einen schönen Tag noch."

"Einen schönen Tag", sage ich, "und noch viele geduldige Kunden wie mich, die nach der musikalischen Ouvertüre zum ersten Sonatensatz der Exposition vordringen, den ich 'Empfang bei den himmlischen Heerscharen' nennen möchte. Kennen Sie die Formen des Sonatenhauptsatzes?"

Knacken und anschließendes Piepen überzeugen mich davon, dass diese wichtigen Informationen zumindest heute nicht mehr auf offene Ohren treffen werden. Oder sollte ich vielleicht doch die Wahlwiederholungstaste drücken?

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05 Dezember 2025

Das war gar nicht Sabine

Mir gegenüber die junge Frau, Schal bis über die Ohren hochgezogen, die Haare recht eigenwillig, ein wenig zerzaust. Darunter ein zartes Gesicht, kaum Makeup; kein Nagellack, naturschön eben. Sie erinnert mich an meine Bekanntschaft Sabine aus der Studentenzeit und mir wird warm ums Herz. Nicht, dass sie so schön wäre, auch nicht, dass ich damals etwas für Sabine empfunden hätte. Es ist viel mehr die Verbindung zu einer Zeit, einer Lebensphase, dem Gefühl von damals.

Das war gar nicht Sabine
In den letzten Tagen erlebe ich das immer mal wieder, freue mich mal über eine Szene, einen Geruch manchmal, eine bestimmte Musik. Was ich dann unbewusst in den Kontext irgendeiner Erfahrung oder Erinnerung gestellt bekomme.

Wie Pizza: Manchmal ist es weniger der besondere Gaumenschmaus, vielmehr irgendetwas zwischen Lebensgefühl, dolce vita, Urlaub, schönen Stunden, Rotwein und Entspannung im Trubel eines italienischen Restaurants.

Der Frühling, das aufknospende Grün. Das ist nicht einfach nur schön, es ist die Aussicht auf den Sommer, auf das beginnende Vegetationsjahr, auf Saft und Wachstum. So wie wir staunend vor Kindern stehen, ihnen beim Wachsen zuschauen und uns fragen, ob wir jemals auch so klein waren. Und sie trotz ihrer Unbeholfenheit um diese Lebensphase beneiden.

Da bleibt gar nicht so viel Platz für Faktenwissen übrig, ist das Leben doch deutlich stärker geprägt von Gefühlen. Vielleicht Lust, vielleicht Schmerz, aber selbst sehr nüchterne Menschen verbinden Szenen mit Eindrücken wie Wärme, Kälte und Gerüchen, Enge oder Lichtverhältnissen. Und die kommen wieder, rufen Erinnerungen hervor.

Die junge Frau steht auf, bereitet wohl vor, an der nächsten Haltestelle auszusteigen. Nein, mache ich mir klar, sie sieht nicht aus wie Sabine, hat auch nicht ganz ihre etwas mürrische Art, aber die Haare waren einen Moment lang die Brücke in meine Studentenzeit.

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28 November 2025

Wir verändern uns

"Ist dir das auch aufgefallen", will meine Frau wissen, "wie Lars sich über seine Nachbarn aufgeregt hat? Er war doch früher viel ruhiger, nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Oder habe ich das nie bemerkt?" Ich denke einen Moment nach, wir haben Lars und seine Partnerin in den letzten Jahren nur noch sporadisch gesehen, alte Bekannte aus einer andere Ära. Sie waren immer lustige Zeitgenossen, wir haben uns gerne getroffen, berufliche Umzüge haben uns getrennt.

"Ein bisschen davon hatte er damals auch schon. Weißt du noch, wie er sich mit Petra über Teesorten gestritten hat oder seine Unzufriedenheit mit der ersten Stelle. Aber es war kein abendfüllendes Programm, danach haben wir dann irgendwelche mehr oder weniger interessanten Geschichten ausgetauscht. Es gab mehr Themen oder vielleicht auch nicht, aber es war nicht alles so schwierig."

Wir verändern uns

Kurze Pause, wir schauen aus dem Fenster, wo es inzwischen dunkler wird, ein paar erste Schneeflocken hellen den Himmel und die Straße vor dem Haus ein wenig auf. "Ja", sagt meine Frau, "ja, es ist schwieriger geworden. Als ob das Leben mehr Mühe macht, alles anstrengend ist, überall Widerstände und Feinde lauern. Petra ist total lieb und ich mag ihre Art, wie sie alles so schön dekoriert. Da stecken viele Überlegungen drin, mag sein, dass es mehr sind als früher und deshalb schon das Tischdecken mehr Arbeit für sie ist als früher."

"Die Sorgfalt ist schon klasse, andererseits kann sie doch einfach ein paar Teller und das Besteck auf den Tisch legen, ohne an Feng Shui zu denken, die Mondphase zu berücksichtigen und den Tisch in eine bestimmte Himmelsrichtung zu drehen. Da geht natürlich jede Spontanität verloren, ist selbst der Kleinkram des Alltags ein riesiger Klotz und gar kein Raum für wichtigere Dinge."

"Petra war schon immer so. Ich erinnere mich an die Räucherkerzen, die sie bei ihrer Geburtstagsparty ausgeteilt hat und jeder musste begründen, warum er welchen Duft ausgesucht hatte. Und ich glaube, dass sie nur uns gegenüber ihre esoterischen Aktionen heruntergespielt hat, weil sie unsere kritische Meinung dazu kennt." Es stimmt schon, dass sie sich gar nicht so sehr verändert hat, das Verhalten ist nur sichtbarer, keine Hemmung mehr. Ganz im Gegenteil ein gewisser Stolz auf den eigenen Charakter, das Besondere und vielleicht sogar ein wenig Sendungsbewusstsein, weil sie den richtigen Weg gefunden hat.

"Und Lars" will ich wissen, "diese langgezogenen Vorträge über die Ungerechtigkeit der Welt, die Missstände im Gesundheitswesen, die Teuerung... kurz: Jammern und Rückblick in eine Zeit, in der nach seiner Darstellung vieles besser war. Haben wir ihn so kennengelernt?" Das war auf der Party einer gemeinsamen Bekannten gewesen, der Alkohol floss in Strömen, ein Freund hatte seine Plattensammlung mitgebracht und spielte alles Tanzbare rauf und runter. Wir waren auf der Tanzfläche, bis wir die Musik leiser machen mussten, sprangen mal zu zweit, mal zu dritt oder viert zu den Rhythmen und teilten unsere Freude an der Bewegung. Da war nichts schwierig, weder das Tanzen, noch was die anderen davon hielten, noch ob es körperlich anstrengte.

"Wir verändern uns" sagt meine Frau. "Wir werden älter, wir werden starrer, wir hören nicht mehr zu, kennen nur unsere eigene Meinung. Von der sind wir überzeugt, weil wir lange darüber nachgedacht haben, sie muss ja richtig sein. Nicht nur für uns, auch für die anderen. Der Spielraum wird immer enger, mit jedem Lebensjahr kommen Erfahrungen dazu, die uns immer sturer machen."

In Gedanken sehe ich Lars und Petra, wie sie immer mehr versteinern, sie haben immer noch einen attraktiven Körper und junge Gesichtszüge. Aber wie eingefroren werden die Bewegungen immer langsamer, von innen heraus scheint der Stoffwechsel zum Erliegen zu kommen. Ja, Stoffwechsel, das ist ein schönes Wort in diesem Zusammenhang. Gelingt es mir eigentlich noch auch in einem gewissen Alter den Stoff zu wechseln, den Kreislauf anzukurbeln, für Austausch zu sorgen? Oder gehe ich in einen Zustand wie eine Mumie über?

Meine Frau setzt nach: "Glaubst du, die beiden merken, dass sie älter werden und dabei ihre jugendliche Frische verlieren?" - "Keine Ahnung" sage ich, "der Prozess ist jedenfalls nicht verhindern, allein durch unsere täglichen Erfahrungen häufen wir immer mehr Sachen an. Und natürlich neigt man auch dazu, die Beobachtungen besonders hoch zu bewerten, die die eigene Meinung bestätigen. Es wird also immer krasser. Und dann kommt noch das Sendungsbewusstsein dazu, die Belehrung der Mitmenschen, die es alle falsch machen. So wie Lars nicht einfach mit einem coolen Spruch über die Szene mit der Nachbarin lachen kann, sondern uns erzählen muss, dass sie was falsch gemacht hat."

"Machst du auch", sagt meine Frau, "wir sollten einfach wieder mehr Energie hineinstecken über Dinge zu lachen als uns darüber aufzuregen." - "Wenn das so einfach wäre. Aber irgendwie hast du Recht, oder zumindest ist es ein entscheidender Punkt, der die Alterung im Kopf begleitet. Nicht nur, dass man eine zunehmend klare Meinung zu irgendeinem Thema hat - das lässt sich nicht aufhalten und ist eigentlich noch nicht mal schlecht. Aber daran zu hängen, diese Meinung durchzudrücken statt auch mal souverän andere Sicht zuzulassen, das ist stur oder dogmatisch."

Draußen ist jetzt endgültig dunkel, der Schneefall hat wieder aufgehört, nur auf ein paar Büschen sind weiße Spitzen zu sehen, hier und da auch auf der Straße. "Was machen wir jetzt daraus?" will ich wissen. - "Na, zweierlei. Einerseits lachen, beim nächsten Mal mit Lars und Petra ein paar lustige Impulse setzen. Sie ein wenig abholen, so wie man mit depressiven Menschen umgeht. Und andererseits immer wieder kritisch auf sich selber achten, ob man nur charakterstärker wird oder schlicht altersstarrsinnig."

"So machen wir das" stimme ich zu, und: "Was haben wir eigentlich heute Abend vor?"

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21 November 2025

Eure Gespräche sind wie ein schlechter Geruch

Im Nachbarabteil in der Bahn sitzen vier Lehrerinnen. Sie unterhalten sich die ganze Fahrt über ihren Beruf, die Schüler, die Kollegen. An nichts und niemand können sie ein gutes Haar lassen. Giftig wird das Schulamt kommentiert, jede Fachkompetenz in Frage gestellt und deren Entscheidungen als praxisfern gesehen. Die Eltern sind natürlich auch nur lästiges Beiwerk, Störfaktoren auf dem Weg, aus den Kindern einigermaßen erfolgreiche Menschen zu machen.

Alle nicht anwesenden Kollegen muss man ohnehin kritisch sehen, wer nur mit Sport und Geschichte herummacht, ist definitiv nicht Ernst zu nehmen. Und warum die Gehälter gleich sind, sollte auch noch mal bei der Leitung angesprochen werden, da ist eine Umverteilung der Arbeitskreise und Angebote am Nachmittag überfällig.

Ohne Zweifel muss man auch noch mal beleuchten, warum die Larissa so gut in Englisch ist, ob sie in diesem Fach wirklich eine Stärke hat, wo sie in den anderen Fächern doch eher schlecht dasteht, oder ob sie ihrem Klassenlehrer schöne Augen macht. Er soll ja auch früher schon mal was am Laufen gehabt haben, das ist ja nie rausgekommen, aber man könnte es sich schon vorstellen.

Eure Gespräche sind wie ein schlechter Geruch
Weiter geht es mit dem Zerfleischen von Familie Weber, der Unzufriedenheit über die technische Ausstattung, die Sauberkeit des Lehrerzimmers, die mangelhafte Größe der Schließfächer und die Verteilung von Vertretungsstunden. Wo ja auch die Kollegin Saurer immer wieder die Morgenstunden bei den Kleinen bekommt, während man selbst die unbeliebten Nachmittage bei den Pubertierenden abkriegt.

Es wird gemault, gemäkelt, kritisiert, gelästert was das Zeug hält. Für auch nur Andeutungen positiver Aspekte scheint kein Platz zu sein, wenn doch mal ein Statement nicht garstig genug ist, legt schnell eine der anderen noch mal nach. Wie ein Hexenkessel, unter den ständig noch mal Brennholz geschoben wird und in dem die armen Seelen gegart werden, die diesen unsäglichen Gestalten aus irgendeinem Grund zu nahe gekommen sind.

Ich fühle, wie ich immer weiter in meinem Sitz versinke, will es nicht mehr hören, zwar werde ich nicht angesteckt, aber meine Stimmung sinkt langsam ab. Wie ein schlechter Geruch hängt die Mäkelei im Abteil, verbreitet sich und bleibt auch noch in der Luft, nachdem das Quartett ausgestiegen ist.

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14 November 2025

Ich schreibe, damit du was zu lesen hast

Ich sitze in der S-Bahn, um mich herum haben alle Fahrgäste ein Smartphone in der Hand. Nahezu alle starren darauf, lesen offensichtlich irgendwelche Texte, schauen sich Bilder an oder hüpfen von Seite zu Seite, von Thema zu Thema. Ich sitze dabei, habe mein Laptop auf dem Schoss und frage mich, ob ich auch zur digitalen Gesellschaft gehöre, weil ich ja schließlich auch elektronisches Equipment vor mir habe, statt aus dem Fenster zu schauen und die Landschaft zu genießen.

Ich schreibe damit du was zu lesen hast

Doch so ist es nicht. Irgendwer konsumiert, irgendwer muss aber auch die Inhalte bereitstellen. Und einer davon bin ich. In Abwandlung von Descartes könnte man  sagen "Ich schreibe, also bin ich." (Scribo ergo sum), meine Mission. Doch das interessiert nicht, denn ich befinde mich in Gesellschaft, Millionen Personen weltweit erstellen pausenlos Texte, ergänzen Bilder, posten Inhalte in tausenden von Plattformen und hunderttausenden von Foren.

Früher hätte man vielleicht mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sagen können, dass ein Redakteur der Frankfurter Allgemeinen mit einigen seiner Leser in der Frankfurter S-Bahn sitzt. Ein vergleichbares Szenario ist heute nahezu ausgeschlossen, ist die Zahl der Redakteure wie auch der Plattformen doch viel größer. Irgendwer schreibt, irgendwer liest. Irgendwo.

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07 November 2025

Bewerbungstext in Stromlinienform

Bewerbungstext in Stromlinienform

Ich bin ein
moderner
fachkompetenter und erfahrener Mitarbeiter, der mit 
agiler Denkweise und 
hoher Motivation überzeugt. 
Teamfähigkeit und 
Kommunikation zählen ebenso zu meinen Stärken wie 
Innovationsfreude und 
Weltoffenheit. Auch in herausfordernden Situationen bleibe ich 
belastbar und 
lösungsorientiert – immer mit dem Ziel, gemeinsam erfolgreich zu sein.

Fehlt noch was? Vielleicht folgende altmodische Eigenschaften, die keiner mehr braucht:

Ich bin kein 
freundlicher oder 
hilfsbereiter Mensch. 
Geduld liegt mir ebenso fern wie 
Großherzigkeit oder 
Sorgfalt
Wertschätzung und 
Bescheidenheit zählen nicht zu meinen Stärken, und 
Mitdenken überlasse ich lieber anderen. 
Rücksicht und 
soziales Verhalten sind für mich Fremdwörter – ich arbeite nach meinem eigenen Rhythmus.

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31 Oktober 2025

Alte Runde

Euch wiederzusehen war eine Freude. Wahrscheinlich waren es die Stehtische, an denen wir uns versammelt hatten, die alten Geschichten, die wir aus unseren Rucksäcken herausholten. Lag eine leichte Patina über allem, waren die Schuhe eine Erinnerung an frühere Zeiten, die Kleidung eine Anspielung auf vergangene Lebensphasen und die Gesten der Versuch, die ganze Szene zu umarmen.

Alte Runde
Dieser Spagat zwischen Hier-und-jetzt und unserer fast vergessenen Vergangenheit. Der Versuch, sich zurückzuversetzen, die Gefühle aus der Erinnerung abzurufen und vielleicht sogar wieder aufleben zu lassen. Die Frage zu beantworten, was von alledem geblieben ist und was für immer in die Tiefen des Archivs gehört. Szenen, die wir uns ins Gedächtnis rufen, Ereignisse, die schon einen Hauch von Vergoldung bekommen haben.

Die Jahre zu überbrücken, in Gedanken und durch Nachfragen die Lücke zu füllen. So viel, was sich getan hat und so wenig, was unsere Charaktere verändert hat. Im Zug des Alterns zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen. Die Partner und Kinder hinzuzunehmen, die Sorgen von damals verschwunden, die Sorgen von heute als Ablösung.

Das Anderssein zu ertragen, die unterschiedlichen Entwicklungen zu akzeptieren. So wenig Gemeinsamkeit und doch so viel was uns verbindet. Die Vergangenheit als Echo unserer Geschichte, die Gegenwart als Beweis für Bindungen. Was aus uns geworden ist, wie sich das Leben verändert hat und wie die alten Werte noch aufblitzen.

Diese Sammlung neuer Eindrücke, die mit Erfahrungen, Erlebnissen, Erinnerungen in Einklang gebracht werden müssen. Die Fragen, die dadurch entstehen und beantwortet werden wollen. Und der Versuch, sich selbst hierzu ins Verhältnis zu setzen. Was geblieben ist, sich verändert hat, dazu gekommen ist. Hier wie da.

Am Stehtisch diese lebhafte Diskussion und Gelächter über ein Weißt-du-noch. Eine mir fremde Geschichte in einem Spielfilm, in dem ich mal eine Rolle gehabt habe. In einer früheren Staffel, längst ersetzt durch einen anderen Darsteller. Revival-Feeling in der Originalbesetzung, wir stoßen an und prosten uns zu.

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24 Oktober 2025

Einer flog über das Kuckucksnest

Ich mache eine kleine Pause vom Einkaufsbummel und sitze in einem Bistro, um mich für den Mittag mit einem Salat zu stärken und nach einem Espresso in die nächste Runde zu gehen. Das Restaurant ist ziemlich voll, einzig der große runde Tisch neben mir ist aktuell unbesetzt.

Gerade geht die Tür auf, kalte Luft weht herein, ich drehe mich um. Zuerst sehe ich nur einen breiten Kinderwagen, dann die schiebende Mutter. Dahinter ein weiterer Kinderwagen, Ausmaße wie ein SUV mit Anhänger, eine weitere Mutter, dann ein Kind und zwei Männer.

Zielstrebig arbeiten sie sich auf den runden Tisch vor. Die Kinderwagen stoßen mal hier gegen einen Tisch, dort gegen einen Stuhl, die Gäste rücken zur Seite so gut es geht, aber der Platz reicht nun einmal nicht. Giftig fährt die erste Mutter eine junge Frau an und fordert sie auf, den Weg irgendwie freizuräumen.

Nach und nach erreicht die Karawane den Tisch. Was gerade noch an Dekoration und Decke darauf stand, muss der Kindervorbereitung weichen, zwei Wickeltaschen thronen jetzt an den noch nicht besetzten Plätzen, die Kinder in ihren Wagen sind offensichtlich unzufrieden und stimmen ein ohrenbetäubendes Geschrei an.

Ungerührt schälen sich die Erwachsenen aus ihren Jacken, winken die Bedienung heran, weil sie Kinderstühle brauchen. Damit kann das kleine Bistro nicht dienen, was zu lautstarken Diskussionen und der Betonung der Kinderfeindlichkeit in Deutschland, in diesem Ort, in diesem Restaurant führt.

Ziemlich fluchtartig sucht ein älteres Ehepaar das Weite, der freiwerdende Tisch wird zur Seite geschoben und die sich auftuende Lücke für das Parken eines der Kinderwagen verwendet. Zwei Gäste weniger, die man bewirten kann und immer noch ein Kinderwagen, der den Durchgang versperrt.

Einer flog über das Kuckucksnest
Jetzt ist das erste Kind aus dem Kinderwagen herausgehoben worden, weint und tobt noch immer, in den Babytaschen wird nach beruhigendem Spielzeug gesucht. Das größere Kind spielt inzwischen unter dem Tisch verstecken, stößt dabei mit dem Kopf an ein Tischbein und kommt heulend hervor. Die Geräuschkulisse hat sich zu einer Art dreistimmiger Fanfare entwickelt, einer der Väter versucht sich mit kräftiger Stimme durchzusetzen und eine Bestellung zu organisieren.

Die Bedienung bahnt sich einen Weg zum Tisch, wird scharf kritisiert, weil sie dafür den querstehenden Kinderwagen zur Seite rollen muss, während sie versucht, die im Lärm untergehenden Wünsche, Sonderwünsche und Abwandlungen der Menükarte zu einer Bestellung zu sortieren.

In ballettreifer Bewegung geht es auf der anderen Seite des Kinderwagens zurück zum Kuchenbuffet, wo eine Reihe Gäste bereitsteht, die unverzüglich zahlen möchte. Die Bedienung ist sichtlich überfordert, bringt aber erst mal Getränke zu dem Familientisch, um sich ein wenig Zeit zu verschaffen.

Keine gute Idee, denn der Junge hat jetzt einen Wutanfall und wirft das Glas mit irgendeiner Limonade auf den Boden, das Glas zerspringt, die Limo spritzt, ich merke, wie mein rechtes Hosenbein nass wird. Die Eltern sind betroffen und sichtlich bemüht, das aufstampfende Kind zu beruhigen und natürlich muss jetzt schnellstmöglich eine neue Limonade her.

Etwa zehn Minuten später sind diverse Tortenstücke, Eisbecher, Kaffee und Limonaden auf dem Tisch, das Lokal leert sich, nur an der Theke sind noch ein paar Kunden, die To-go einkaufen. Hatte ich gedacht, dass es ruhiger wird, dann war das eine Fehleinschätzung. Die beiden Kleinkinder jeweils auf dem Schoß ihrer Mütter sind mit Löffeln ausgestattet, mit denen sie um die Wette auf die Tortenstücke einschlagen. Die Sahne spritzt durch die Gegend, am Besteckschrank laufen weiße Sahne-Rinnsale herunter.

Endlich kommt ein junger Mann als weitere Bedienung dazu, er beginnt mit einem Schrubber die Limonadenlache unter dem Tisch zu entfernen und die Glassplitter wegzufegen. Der Junge schaut ihm einen Moment zu, dann springt er mitten in den zusammengefegten Haufen, das Glas knirscht unter seinen Schuhen, Splitter verteilen sich im gesamten Umkreis, die Limonadenpfütze spritzt.

Der Kellner wird wütend, sein Gesicht läuft rot an, er öffnet den Mund, wird aber energisch von seiner Kollegin weggezerrt, bevor er etwas sagen kann. „Halt bloß die Klappe“, höre ich sie zischen, „sonst sind wir auch noch ausländerfeindlich.“ Und tatsächlich scheint die Gesellschaft eher auf Angriff als auf Entschuldigung aus zu sein, die entstandene Sauerei scheint sie nicht sonderlich zu beeindrucken.

Irgendwann wird dann bezahlt, in aufwändiger Arbeit werden die Kleinkinder in die Kinderwagen verfrachtet, der Junge umrundet in Bestzeit den Tisch, wobei er mal hier, mal dort gegen einen Nachbartisch stößt und die noch verbliebenen Gäste ihre Not haben, Teller und Gläser soweit zu sichern, dass sie nicht auch noch auf dem Fußboden landen.

Es wird ruhig, nach einem kalten Luftstrom schließt sich die Tür hinter den Familien. Die beiden Bedienungen kommen und fangen an, das Durcheinander zu ordnen, die Möbel abzuwischen und den Boden so gut es geht zu reinigen.

„Es sind halt Kinder.“, sagt eine ältere Frau zu ihrem Mann, „Da kann man nichts machen.“

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17 Oktober 2025

Willi, der Pilot

Inspiriert von meinem Flug mit der Condor nach Teneriffa.
Willi der Pilot

Ich war verdonnert worden, mit Willi zu fliegen. Ihm eilte ein ganz eigener Ruf voraus, er war unbeschreiblich eigenwillig, dabei aber auch unentbehrlich. Aus den Resten der zerstörten Flugzeuge hatte er einen Flieger zusammengeschraubt, den definitiv niemand außer ihm bedienen konnte.

Nun stand er vor mir, musterte mich, kaute auf seiner Unterlippe herum und drehte den Kopf abwechselnd zur Sonne und zu den Hügeln, die unseren Flughafen schützend umgaben. Flugplatz – was für ein Wort für eine Piste, die einige Rekruten mit bloßen Füßen festgetrampelt hatten. Die Reifen seiner Maschine würden ganz schön zu kämpfen haben, die normalen Mechaniker schüttelten den Kopf bei dem Gedanken, hier starten zu wollen.

Unser Auftrag bestand darin, Lebensmittel und Benzin hinter die feindliche Linie zu bringen. Ein Himmelfahrtskommando, wie Willi mit geschlossen Zähnen vor sich hin zischte. Eigentlich sollten wir Waffen transportieren, aber da hatte er sich geweigert. Mit dem ganzen Blutvergießen, dem Morden und überhaupt dem ganzen Krieg wollte er nichts zu tun haben. Dass er überhaupt hier stand, war Druck und Erpressung zu verdanken.

Sie hatten ihn schon an die Wand gestellt, die Burschen hatten auf Befehl angelegt, als selbst dem kopflosen Feldwebel klar wurde, dass das Standgericht dazu führen würde, dass er überhaupt kein Flugzeug mehr in die Luft bekäme. So wurde Willi im wirklich allerletzten Moment begnadigt, der Munitionstransport gesichtswahrend in einen Flug für Treibstoff umgewandelt.

Seinen Willen durchzusetzen, auch wenn er dafür dem Tod ins Auge schauen musste, schien in Willi verankert zu sein. Er schien überhaupt keine Angst vor irgendetwas zu haben, und insofern konnte man seine Entscheidung noch nicht mal unter Androhung der Todesstrafe beeinflussen.

Der geänderte Auftrag war allerdings immer noch verrückt genug und gleich die nächste Gelegenheit, das Schicksal herauszufordern. Die Frontlinie zu überfliegen, mit einer klapprigen Militärmaschine ins unbekannte Land einzudringen und dort auf der Basis unzuverlässiger Karten ein Ziel zu erreichen, war eine kühne Herausforderung.

An den Tragflächen waren an allen möglichen und unmöglichen Stellen Benzinkanister mit Seilen angebunden, im Bug waren Säcke mit Lebensmitteln untergebracht. Wo noch ein bisschen Platz war, waren noch weitere Gegenstände und ein paar Decken hineingestopft. Es herrschte drangvolle Enge rund um den Pilotensitz und den dahinter angeschraubten Sitz für den Copiloten.

„Die Lady“ wie Willi diese Konstruktion aus Blech, Holz und Spannbahnen liebevoll nannte, war damit an der absoluten Lastgrenze. Im Grunde war sie sogar darüber. Mein Angebot, auf das Mitfliegen zu verzichten und so noch mal ein paar Kilogramm Ladung zu ermöglichen lehnte er ab, ohne seine Miene zu verziehen.

Mein Job sollte darin bestehen, die Navigation zu übernehmen. Ich war darin einigermaßen geübt und deshalb für diesen Höllentrip ausgewählt worden. Aber außer meiner Erfahrung und ein paar nahezu unbrauchbaren Karten hatte ich so gut wie keine Hilfsmittel zur Verfügung. Natürlich war Willi auch an dieser Stelle ein zentraler Lieferant, hatte einen zerdrückten Kompass repariert und einen Sextanten gebaut.

Jetzt schlurfte er auf die Lady zu, tätschelte den Motor und zog seine Ledermütze fest. Mit einer Armbewegung bedeutete er mir, dass ich hineinklettern sollte, ich stemmte mich an der Tragfläche hoch, schwang das eine Bein über die Luke und quetschte mich in den Sitz. Karte in die Ledertasche neben mir, den Kompass dazu und den Sextanten wie ein Heiligtum auf den Schoß.

Es wackelte, als Willi sich auch in die Maschine zwängte, jetzt hörte ich auch Schnaufen im Kopfhörer und wie er mir kurz seine Litanei aus Checkup herunterbetete. Von Zeit zu Zeit bewegte sich irgendwas am Flugzeug, mal das Seitenleitwerk, mal die Klappen in den Tragflächen. Die normalen Bremsklappen von anderen Kleinflugzeugen hatte Willi gegen einen Mechanismus aus Start- und Landeklappen von einem abgestürzten Bomber ausgetauscht und behauptete, dass er dadurch besser manövrieren könnte.

Schließlich schien er seine Überprüfung abgeschlossen zu haben, er winkte einen Soldaten herbei und ließ den Motor starten. Der Rolls Royce sprang sofort an, immerhin dies ein Zeichen, dass die Technik möglicherweise funktionieren würde. Einige Minuten standen wir tuckernd auf der Startbahn, Windrichtung Nord-Ost, der Verlauf der Startbahn Nord-West. Nicht gerade ideal, aber es könnte schlimmer sein.

Kaum Zeit für einen Gedanken an das eigene Leben oder die Familie, ging das Rattern und Tuckern in ein Heulen und Pfeifen über. Ich fühlte, wie der Propeller schneller wurde und das Flugzeug langsam voranzog. Die Reifen mussten über den holprigen Untergrund, hoffentlich hielt das Fahrwerk der Belastung aus überladener Maschine und provisorisch geflickten Schlaglöchern stand.

Wir wurden immer schneller, es rappelte und rumpelte, einen Moment wünschte ich, dass ein Bein brach, so dass wir den Flug abbrechen mussten. Aber es wäre nur eine Verschiebung gewesen und wer weiß, vielleicht wären wir mit den ganzen Benzinkanistern auch in Flammen aufgegangen. Jedenfalls passierte nichts dergleichen, plötzlich war das Rumpeln weg, wir hatten abgehoben.

Schwerfällig hob sich die Lady vom Boden, Höhenleitwerk und Startklappen taten was sie konnten, Willi saß vor mir und zog an verschiedenen Seilen und Steuerknüppeln. Eine leichte Kurve direkt über dem Boden, denn wir mussten so bald wie möglich in Gegenwind kommen, damit wir den notwendigen Auftrieb erreichten.

Zwischen den schützenden Hügeln konnte sich die Windrichtung aber mit zunehmender Höhe noch mal ändern, das wäre ganz schön kitzlig, weil es dann knapp werden dürfte, auf die Höhe zu kommen, die wir brauchten, um über die Baumwipfel zu fliegen. Und tatsächlich ging Willi in eine leichte Rechtskurve, korrigierte den Kurs noch mal und ich fühlte, wie wir fast schlagartig an Höhe gewannen.

Einen Moment vergaß ich die verrückte Situation, in der ich mich befand, schaute aus dem Fenster, ließ die Landschaft an mir vorbeiziehen und schaute den im Wind wackelnden Benzinkanistern zu. Die Hügel lagen jetzt immer weiter unter uns, über mir konnte ich die Wolkendecke erkennen, jetzt würde es gleich unruhig werden, die Lady musste sich hindurchkämpfen und würde ganz schön rappeln. Ich zog den Sicherheitsgurt noch mal fest.

Vor mir Willi, seinen Blick konnte ich von hinten nicht erkennen, aber sicher schaute er mit zusammengekniffenen Augen voller Konzentration auf die paar Instrumente und in die weiße Masse vor uns. „Kurs?“ kam durch den Bordfunk. „Zwei Grad steuerbord. Sonst ok.“

Wir blieben dann doch unter der Wolkendecke und flogen eine halbe Stunde weitgehend geradlinig West-Süd-West. Plötzlich ein Knall. Dann noch einer. Zuerst dachte ich an eine Fehlzündung, doch dann wurde mir klar, dass es zwei Einschüsse waren. Wir waren entdeckt worden und mussten mit weiterem Beschuss rechnen.

Das Knallen wurde jetzt häufiger, ich konnte den Geruch von Benzin wahrnehmen, vermutlich hatten sie einen der Benzinkanister getroffen. Willi zog jetzt hoch, die Wolken kamen näher, er flog Schlangenlinien und gleichzeitig Wellen. Mir wurde schlecht. Die immer dünner werdende Luft machte das Atmen schwerer, meine Brust fühlte sich wie eingedrückt an.

Da, wieder ein Knall und diesmal war danach ein Loch im Boden zwischen meinen Füßen, ein paar Zentimeter und es hätte meinen linken Fuß erwischt. Willi arbeitete wie ein Wilder, die Lady wackelte und drehte sich, hoffentlich ein schwieriges Ziel, aber gleichzeitig wurde mir übel. „Reiß dich zusammen!“ ging mir durch den Kopf und der Befehl an meinen Magen, seinen Inhalt zu behalten.

Endlich wurde es ruhiger, aber nur für einen Moment, dann noch mal ein durchdringender Schlag. Ich wusste sofort, das war jetzt nicht gut und trotz festsitzendem Sicherheitsgurt konnte ich mich so weit nach hinten drehen, dass mir der fehlende Teil des Höhenruders ins Auge fiel. Willi zog mit der Startklappe nach, ein Glück, dass er sich diese Konstruktion ausgedacht hatte. Trotzdem bekamen wir Schlagseite und das Erreichen der rettenden Wolkendecke wurde weiter erschwert. An weitere Haken und Kurven war nicht mehr zu denken, in der Luft zu bleiben war schon Herausforderung genug.

Ich atmete tief durch, auch Willi war ganz ruhig und durchstieß jetzt ohne weitere Vorbereitung die Wolkendecke. „Gut“ kommentierte ich über Bordfunk, aber keine Antwort. Es war ruhig, merkwürdig ruhig, zu ruhig. Wir waren auf rund zehntausend Fuß Höhe und stiegen weiter, das konnten wir auf Dauer nicht halten, sonst würde die Luft ohne Sauerstoff irgendwann zu dünn.

Ich schlug gegen den Sitz vor mir. Nichts. Nochmal rüttelte ich an dem Sitz vor mir, brüllte in das Mikrofon, aber vor mir herrschte Stille. Vielleicht hatte er eine der Kugeln abbekommen und hing jetzt schwer verletzt oder sogar tot im Sitz vor mir. Dabei stieg die Lady weiter und weiter, nach meiner Schätzung mussten wir weit über elftausend Fuß erreicht haben, jetzt rutschte die rechte Startklappe langsam in die Tragfläche, die daraufhin absackte und uns in eine Spiralbewegung führte.

Ganz langsam aber unaufhörlich drehte sich der Rumpf um die eigene Achse, wie eine Schraube, die sich in einer Wand vorarbeitet. Ich schlug wieder gegen den Sitz, merkte, wie meine Handgelenke schmerzten und sich trotzdem nichts tat. Mit den Füßen suchte ich in den Streben nach irgendwelchem Halt, immer wieder machte ich unfreiwillig Kopfstand und musste gegen die zurückgedrängte Übelkeit und die Sauerstoffknappheit ankämpfen.

Wir würden sterben, wenn ich nicht irgendwas machte. Beim nächsten aufrechten Sitzen löste ich mutig den Sicherheitsgurt, rutschte nach vorne und zog an Willis rechtem Arm. Wie vermutet hatte er die Schlinge der rechten Startklappe um sein Handgelenk gelegt und ich sah, wie der kleine Blechstreifen sich wieder aus der Tragfläche schob. Sofort hörte die Schraubenbewegung auf, aber wir stiegen weiter.

Ich presste mich fest an den Sitz vor mir, brüllte immer wieder irgendwelche Laute ins Mikrofon in der Hoffnung, Willi aufwecken zu können. Ich ließ seinen rechten Arm los und schnappte mir den linken, drückte in nach vorne, dann ganz schnell wieder zum rechten Arm, auch nach vorne. Mal kippte sie nach links, dann sofort wieder nach rechts. Präzisionsarbeit in einer wackelnden, stampfenden, durch Luftlöcher springenden Maschine.

Aber im Angesicht des Todes lernt man schnell, und wenn es auch nicht wie ein Kunstflug aussah, ging es doch langsam abwärts, durch die Wolken, rappelnd und stotternd, aber abwärts. Die Luft war nicht mehr so dünn, ich fühlte mich etwas besser, auch der Magen gab ein wenig Ruhe. Erst jetzt sah ich, dass ich mich mehrfach übergeben hatte, meine Stiefel waren voll und der scharfe Geruch des Erbrochenen füllte die Kabine.

Diese Situation hatten wir überstanden, aber jetzt wurde mir das nächste Problem klar. Weder konnte ich in dieser Position navigieren, noch das Flugzeug steuern und erst recht nicht landen. Wie sollte ich die handtuchkleine Landebahn finden, wie sollte ich gezielt die Höhe reduzieren, den richtigen Kurs für den Anflug einleiten und am Ende so sanft aufsetzen, dass die Lady nicht komplett auseinanderbrach.

Im Moment wusste ich gar nichts. Weder wo ich war, noch wie ich ans Ziel kommen sollte, noch wie ich steuern sollte, noch wie ich den Boden erreichen sollte, ohne dabei sterben. „Oh Gott, verdammt, verdammt, verdammt.“ Völlig sinnlos und einfach nur verzweifelt ruderte ich weiter mit den Startklappen, schaute auf die Landschaft und brüllte weiter ins Mikrofon.

„Ja?“ kam von vorne. Als wäre nichts gewesen, verschwand die Lederjacke mit den Armen aus meinem Griff, stabilisierte sich das Geschwanke. „Kurs?“ Ich war einen Moment sprachlos, drückte mich zurück auf meinen Sitz, schloss wieder den Sicherheitsgurt, fischte in den Taschen nach Kompass, Sextant und Karte. „Zweiundzwanzig Grad backbord. Vorsicht Hügelkette steuerbord.“ Die Maschine schwenkte deutlich nach links, die beängstigend aufragenden Hügel verschwanden rechts aus meinem Sichtfeld.

Erst mal orientieren, verbleibende Flugzeit nur noch neun Minuten. Ich atmete wieder tief durch, meine Hände schmerzten vom Traktieren des Sitzes, meine Stimme war rau vom dauernden Brüllen, mein linkes Bein musste ich mir bei einem der Überschläge eingeklemmt haben, das Knie dabei wohl verdreht, was ich jetzt erst merkte.

Willi zog noch mal etwas hoch, wir waren bei etwa tausend Fuß und sausten unserem Ziel entgegen. War das da vorne nicht sogar schon die Basis, Willi sank wieder ab, flog einen leichten Bogen, vermutlich um die optimale Anflugrichtung herauszubekommen. Augen zu, war es eine Halluzination, oder eine gestampfte Piste, auf der die Lady aufsetzen sollte.

Sekunden später das Rumpeln der Luft gegen die Landeklappen, das behutsame Aufsetzen der Reifen, erst rechts, dann links, das Bugrad noch eine Weile in der Luft. Die Lady hüpfte und fast dachte ich, jetzt zerbricht sie doch noch, aber sie hielt durch und kam endlich zum Stehen. Einen Moment noch, dann schob ich das Verdeck zurück, wand mich aus dem Sitz und ließ mich aus dem Rumpf gleiten.

Mein linkes Bein war taub, die Lunge schmerzte, meine Arme machten nicht das, was ich von ihnen verlangte. Ungeschickt rutschte ich am Flugzeugkörper herunter und landete recht wüst auf dem Boden. Mein Gesicht lag im Dreck, aber wie schön fühlte es sich an, dass nichts mehr wackelte, dass die Luft sich wieder atmen ließ und ich weitgehend unverletzt war.

Willi war aus der Lady geklettert, klopfte ihren Motor, kam dann zu mir und „Du bist ein Held.“ Aus seinem Mund mehr als ein Orden.

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10 Oktober 2025

Grandhotel

Grandhotel
In der Lobby haben sich versammelt. Paul und Paul. Das ist ein schwules Pärchen, vermutlich heißen sie gar nicht so, aber reden sich so an. Obwohl Paul auch manchmal Paula zu seinem Partner sagt. Sie turteln wie Teenager herum, halten Händchen, küssen sich und gickeln über irgendwelche Witzchen, die sie sich ins Ohr flüstern.

Nachmittags kann man sie im Bad treffen, das ist der Innenpool im Keller des Hotels. Ein vornehmer Raum mit schwarzen Glanzfliesen und goldenen Verzierungen . Wandleuchter mit Schirmchen unterstreichen den noblen Charater des Hauses. Obwohl man hier Badekleidung tragen muss, plantschen Paul und Paul immer nackt herum. Das Personal ignoriert diese Eigenwilligkeit diskret und auch andere Gäste lassen sich davon nicht irritieren.

In einem völlig überdimensionierten Clubsessel sitzt eine Farbige. Sie ist nicht nur leicht übergewichtig, sie ist merklich fett. Ihr Freund oder Liebhaber ist ein dunkelhäutiger Athlet, der in einer amerikanischen Football-Mannschaft als Quarterback durchginge. Er ist breitschultrig, durchtrainiert und sehr, sehr dunkelhäutig. Dazu das Gesicht eines Sportlers, vielleicht liebt er die Kontraste mit seiner zweifellos absolut unsportlichen Frau, steht auf üppige Formen und die enorme Oberweite, die sie ohne Scheu zur Schau stellt.

Ganz im Gegensatz zu Madame de La Bain. Ganz französische Dame sieht sie sich als Teil des Hotels. Wie sie betont, kennt sie dieses Erste Haus seit seiner Eröffnung, hat schon mit dem ursprünglichen Besitzer – Gott habe ihn selig - Champagner getrunken und Partys gefeiert. Nun sitzt sie an einem der Bistrotische und lässt sich eine Kollektion von Schokoladespezialitäten auf zarten Porzellanschälchen reichen. Auf dem Kopf trägt sie einen Hut mit Feder, eine Andeutung von Netz drapiert die Krempe und darunter ein weitgeschnittenes Kleid, das charmant die nicht mehr ganz perfekte Körperform kaschiert.

Ihr gegenüber eine weitere einsame Lady, nämlich Natalie. Sie ist Russin oder Türkin oder Bulgarin, das wechselt ein wenig nach der Tageszeit. Jedenfalls ist sie recht trinkfest und hat sich nach einigen Versuchen für Grey Goose entschieden und lässt sich von allen Gästen gerne auf ein Glas einladen. Als Preis bekommt man einen Blick auf ihre tadellosen langen Beine und hat die Möglichkeit, ihr in den weiten Ausschnitt zu schauen, wenn sie sich vorbeugt, um irgendetwas zu flüstern. Eigentlich gilt ihr Wunsch aber dem Quarterback, den sie im Stillen anhimmelt und überlegt, wie sie ein paar Intimitäten mit ihm austauschen könnte. Er wäre mit Sicherheit gut bestückt, wie sie hinter vorgehaltener Hand zu verstehen gibt. Und sie schmiedet mit anderen Gästen Pläne, wie sie die Quacke, wie sie seine Freundin nennt, kurz mal ausschalten kann.

Einfach wäre es, wenn sie sich an Jakob heranmacht. Der wird nicht müde, jedem Zuhörer von seiner jüdischen Vergangenheit zu erzählen. Ein Vorfahre hatte ebenfalls ein Grandhotel, ähnlich wie dieses, vielleicht noch prachtvoller, aber die Nazis haben alles enteignet und kaputt gemacht. Die Familie ist im KZ gelandet, dort verlieren sich die Lebensspuren. Aber er sei nicht verbittert und wolle das Leben genießen, gerne auch mit Frauen, denen er auch ungefragt seine Zimmernummer mitteilt oder auf den Arm schreibt. Daneben kann er gut Klavier spielen und unterhält die Gesellschaft abends voller Begeisterung mit Titeln von Udo Jürgens, die er auch leidlich gut singen kann. 

Deutlich zurückgezogen von dieser exaltierten Show entdeckt man in der Ecke zum Kofferkabinett zwei Rentnerinnen. Frau Schneider und Frau Nordhäuser mussten wohl ihre ganzen Ersparnisse für diesen Aufenthalt zusammenkratzen. Aber einmal wollten sie den Flair der alten Pracht erleben. Sie waren vermutlich Kolleginnen und haben den Schuldienst bis zum Renteneintritt versehen, jetzt erklären sie sich und anderen Gästen Einrichtungsstile, Sehenswürdigkeiten der Stadt und überhaupt alle Bestandteile ihres Lebens. Sie kennen sich aus, haben zu allen Themen eine Meinung und sind die einzigen Gäste, die ziemlich verschnupft auf Paul und Paul reagieren. Schlimm, finden sie, dass es auch in diesen Palästen der Unterbringung diese Unnatürlichkeit gibt.

An ihnen scheitert auch der Versuch von Jakob, ein Klavier ins Bad zu bringen und dort eine Poolparty zu veranstalten. Obwohl etwa im selben Alter mokieren sie sich über seine Verrohung der Sitten und die Geschmacklosigkeit seines Vorstoßes. Diese langsam und hinter den Kulissen schmorende Feindseligkeit erreicht auch die Rezeption und sorgt dafür, dass sich der Hotelchef einschalten muss. Das Wohl der Gäste, aber auch absolute Diskretion in jeder Hinsicht sind für ihn das Fundament seines einzigartigen Hauses. So entschließt er sich, die Poolparty durch einen Ball der einsamen Herzen zu ersetzen und organisiert aus den Beständen im Keller noch ein paar altmodische Tischtelefone.

Eingangshalle, Lobby und vorderer Teil des Restaurants sind in schummriges Licht getaucht, die Wandleuchter mit roten Samtschärpen umschlagen. Auf dem erhöhten Bereich haben die beiden Lehrerinnen wie auf einer Aussichtsplattform Platz genommen und beobachten das Geschehen. Natalie hat sich in Schale geworfen, um nicht zu sagen, sie hat die Schale fast weggelassen, was ihre Figur wie ein Kunstwerk feiert. Der Quarterback lehnt lässig an der Bar, umringt von mehreren Paaren, die heute den Weg zum Tanz gefunden haben. Paul und Paula legen eine flotte Sohle aufs Parkett und küssen was das Zeug hält. Sie sind nicht mehr ganz nüchtern und erklären alle Gäste für Spießer, die auf ihre homosexuelle Beziehung nicht neidisch sind.

Doch der unbestrittene Star des Abends ist Madame de La Bain. Sie hat ihren Hut weiter ausstaffiert, so dass er jetzt aussieht wie das Gefieder eines Paradiesvogels. Das Abendkleid ist perfekt an ihre Figur angepasst, plustert sich über dem alternden Busen, lässt aber einen Blick auf schlanke Fesseln in hochhakigen Schuhen zu. Sie schwebt über das Parket und verbreitet mit ihrem Charme eine Feierlaune, die ihr Alter vergessen lässt. In dieser unnachahmlichen Art bittet sie im Laufe der Stunden jeden Mann auf die Fläche, strahlt dabei und nicht einmal die eifersüchtigen Ehefrauen können ihr böse sein.

Langsam wird es leerer, die Gäste von Außerhalb verlassen langsam das Parkett. Auch die Hotelgäste verziehen sich nach und nach auf ihre Zimmer, Paul und Paul natürlich nicht, ohne den Gästen recht unmissverständlich zu signalisieren, dass für sie die Nacht jetzt erst anfängt. Natalie hat nach unzähligen Vodka einen Schwips und greift dem Quarterback im Vorbeigehen an den Po, was dieser geflissentlich ignoriert. Jakob ist in der Nähe des Flügels eingeschlafen und hadert im Schlaf mit der ausgefallenen Poolparty.

Behutsam räumt das Personal die umgefallenen Gläser beiseite, lässt die Musik in leise Jazztöne übergehen und sorgt wieder für Ordnung. Der Barkeeper poliert die gespülten Gläser, der Liftboy mit seiner Hoteluniform geleitet die Gäste zu ihren Zimmern. Ruhe kehrt ein. Zumindest im großen Raum wird das Licht ausgeschaltet, übernimmt der Nachtportier die Rezeption und bereitet den Plan für die Putzfrauen vor, die in wenigen Stunden die letzten Überreste des Balles beseitigen werden.

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03 Oktober 2025

Individualisierung

Diese neumodischen Urlaube sollen ja mindestens so erholsam sein wie früher. Und dazu genau auf mich zugeschnitten, „Individualisierung“ heißt das Zauberwort. Die Urlaubsvorbereitung verläuft von vornherein anders als gewohnt, ich habe mich von bunten Bildern, positiven Berichten anderer Urlauber und dem Welcome-to-our-world-Kennenlern-Paket locken lassen.

Individualisierung

Einigermaßen urlaubsreif werde ich zu einer Internetseite geleitet, die aussieht wie die Landingpage zum Paradies. Gleich, da bin ich mir sicher, schwebt ein alter weißer Mann mit Rauschebart auf einer Wolke über den Bildschirm, tröten liebliche Gestalten einen musikalischen Gruß und werde ich von einer Horde Engel flankiert, die sich im Laufe der weiteren Buchung nach und nach entblößen.

Ganz so kommt es nicht, aber ein Fragebogen poppt auf, rechts in der Ecke bietet ein Chatbot seine Dienste an, darüber blinkt ein Button „Extras“, darunter „geht nicht, gibt’s nicht“. Also auf zu den Fragen, fast komme ich mir vor wie bei einer Dating-Plattform, wird nach Alter, Geschlecht, Vorlieben, Urlaubswünschen und Ernährungsgewohnheiten gefragt.

Dann die erste Bilanz. Ich bin ein einfacher Kunde, simpel zu durchschauen und schnell in eine Standard-Rubrik einsortiert. Doch halt, was ist das: Die KI war der Meinung, eine vegane Ernährung würde mir guttun. Sie begründet die Entscheidung mit der Auswertung meiner Blutwerte, die sie mit meiner freundlichen Genehmigung von der Elektronischen Patientenakte bekommen hat.

Nein, vielen Dank, ich bleibe bei gemischter Ernährung, gerne mit Schwerpunkt Fisch. Das lässt sich ohne weiteres anpassen, dafür wird jetzt allerdings die Betthärte um eine Stufe erhöht. Begründung: Dadurch wird die Bewegung im Schlaf gefördert, was die durch die gemischte Ernährung torpedierte Verdauung wieder ins Gleichgewicht bringt.

Überhaupt wird mir ein Sportprogramm zusammengestellt, das zwischen den Ausflugstagen abwechselnd Cardio- und Krafttraining vorsieht. Entspannungsphasen sind nicht vorgesehen, nach Auswertung meiner Tätigkeit – mit meiner freundlichen Genehmigung von den Seiten meiner Personalabteilung ausgelesen – sind diese nur in ganz geringem Umfang notwendig.

Ein gewisses Defizit hat der Beratungsassistent in meinen Sozialstrukturen entdeckt. Ein zünftiger Männerabend im Stil vom Bierkönig ist für den zweiten Tag geplant, hierfür wurde mir automatisch All-inclusive zugebucht. Biertrinken bis zum Umfallen sollte ich mir mal gönnen, auch mal „loslassen und unter echten Männern die Natur herauslassen“ wie ich in der Begründungsspalte lese.

Ich bin froh, dass mein Sexualleben nicht auch noch analysiert und mir ein Aufenthalt im örtlichen Bordell in den Reiseplan eingetragen wird. Möglicherweise verbirgt sich das aber hinter dem Karaokeabend in einem Nachtclub. (Datenbasis sind meine frühere Mitgliedschaft in der örtlichen Musikschule und der häufige Besuch von Rock- und Pop-Konzerten.)

Ein weiterer Fragebogen folgt, erhebt noch Daten zu meinen Wünschen bezüglich Temperatur, Anreisedauer und Experimentierfreude. Es folgt eine Internetrecherche, der freundliche Bot auf der Bildschirmseite winkt mir aufmunternd zu. „Nur noch einen Augenblick, gleich geht es weiter. Wir ermitteln den optimalen Urlaub für Sie.“

Und da ist er: Der Bildschirm wird dunkel, dann erscheint ein Feuerwerk, Sterne leuchten auf, eine Erdkugel, die sich immer langsamer dreht, dann heranzoomt und zunächst auf der Deutschlandkarte hängenbleibt. Dann näher heran, offensichtlich die Mitte, doch, das ist Castrop-Rauxel, oder irgendwo dort in der Nähe ein Campingplatz, dann mit aufblinkenden Sternen markiert ein McFIT, eine Pilsstube und eine Tanzbar neben dem veganen Supermarkt zur Selbstversorgung.

Plopp, ist das Bild wieder weg. In Kurzform sind die Leistungen noch mal zusammengestellt, darunter die Knöpfe „(1) Zur Buchung“, „ (2) Weitere Individualisierung“ und „(3) Abbruch“.

Ich entscheide mich für Option drei.

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26 September 2025

Synergien nutzen

Ein paar Tage Entspannung werden mir guttun. Da sind sich mein Chef und die Kollegen einig. Jetzt stehe ich also im kurzfristig gebuchten Hotel, habe gar nicht so ganz in Erinnerung, was ich auf irgendeiner Plattform gebucht habe. Frühstück war bestimmt dabei, da bin ich mir sicher, aber alle anderen Leistungen werde ich mir gleich mal vom Empfangschef erklären lassen.

Synergien nutzen
„Castro“ lese ich auf seinem Namensschild, „Fidel“ denke ich und lächle ihn an. Er ist ein grauhaariger Mann mittleren Alters, der sicher schon lange in seinem Beruf tätig ist. „Gäste willkommen“ scheint auf seiner Stirn zu stehen.

„Guten Tag“ tönt seine sonore Stimme, „ich freue mich, Sie zu einer Auszeit in unserem Wellness-Hotel begrüßen zu dürfen. Wie ich sehe, haben Sie bislang nur das Basispaket gebucht. Das ist eine gute Wahl. Gerne stelle ich Ihnen ein paar weitere Annehmlichkeiten vor, die sie gerne hinzubuchen können oder sich optional für das Premium- oder Luxuspaket entscheiden können.“

„Eigentlich bin ich ein wenig müde von der Reise und würde gerne erst mal nur auf das Zimmer gehen, um mich auszuruhen.“ – „Selbstverständlich. Die Wünsche unserer Gäste sind uns heilig und unser Haus steht für einfühlsamen Umgang mit den Kunden. Darf ich Ihnen kurz für die Steigerung Ihres Kundenerlebnisses ein paar Besonderheiten erläutern. Beginnen wir mit der Wahl der Matratzen. Auf einer Skala von 1 bis 5: Wie weich soll die Unterlage sein?“

„Ich weiß Ihre Beratung zu schätzen, aber wirklich, ich bin erschöpft und möchte erst mal ein kurzes Nickerchen machen. Von mir aus auf Matratze Stufe 3. Nein, etwas weicher, sagen wir 2, wenn Sie schon fragen. Aber alle weiteren Fragen würde ich dann heute Abend oder morgen klären wollen.“

„Gute Wahl, lieber Herr. Ich selbst bevorzuge auch Stufe 2. Und die Dame dort drüben hat sich auch für diese Härte entschieden. Gerne frage ich sie, ob wir die Zimmer zusammenlegen sollen.“ – „Nein, was denken Sie? Ich möchte mein Einzelzimmer, keine weitere Belegung, verstehen Sie, ich möchte mich einfach nur erholen. Härtestufe 2, ein Zimmer bitte.“

„Wieso, gefällt Ihnen die Dame nicht? Sie hat vor einer Viertelstunde eingecheckt und war sehr freundlich. Übrigens auch alleinreisend. Haben Sie etwas gegen andere Gäste? Soll ich Sie lieber in unserem Gästehaus am Ende der Straße unterbringen? Dort sind derzeit sehr wenige Gäste, aber es liegt ein wenig abgelegen und zum Essen müssen Sie ins Haupthaus kommen.“

„Besten Dank, wie gesagt, ich möchte gerne ein Zimmer im Haupthaus. Ein Einzelzimmer, Matratze Härtestufe 2.“ – „Und die Dame?“ – „Wie meinen Sie das? Was ist mit ihr?“ – „Soll ich sie nun fragen oder nicht? Wobei ich darauf hinweisen darf, dass der Preis für zwei Einzelzimmer über dem für ein Doppelzimmer mit Matratzen Stufe 2 liegt und sie sich den Vorteil ja teilen können. Und wenn Sie möchten, kann ich die Betten auch auseinander schieben lassen.“

„Sehr freundlicher Hinweis. Aber ich bevorzuge das Einzelzimmer für mich alleine. Den Schlüssel bitte.“ – „Oh, ich vergaß völlig zu erwähnen, dass bei den Doppelzimmern auch ein Besuch im Spa mit Wellnessbehandlung inkludiert ist. Ein weiterer Vorteil für sie beide. Unsere Gäste lieben besonders die Hydrojet-Massage. Gerade wenn Sie besondere Erholung möchten, ist das eine interessante Option für Sie.“

„Bestimmt. Ich denke gerne noch einmal darüber nach. Allerdings brauche ich jetzt eine Pause und wäre mit einem Zimmer hier im Haupthaus sehr zufrieden.“ – „Also, wenn Sie sich für die Hydrojet-Massage interessieren, dann habe ich etwas ganz Besonderes für Sie. Gegen einen kleinen Aufpreis kann ich Ihnen ein Upgrade zu einem Zimmer mit Wasserbett anbieten. Die Härte kann ich Ihnen auf Stufe 2 einstellen lassen, aber die Entspannung ist schlicht einmalig. Nehmen Sie mich beim Wort und greifen Sie zu.“

„Wenn das die Möglichkeit ist, jetzt endlich die Stunden bis zum Abendessen Ruhe zu bekommen, dann nehme ich das Wasserbett.“ – „Großartig! Wir kombinieren übrigens diese Zimmer der Luxus-Kategorie mit einem diskreten Zimmerservice, der wird auch der Dame sehr gut gefallen.“ – „Was hat das denn jetzt schon wieder mit der Dame zu tun? Ich möchte nicht mit dieser Dame in ein Zimmer, weder in ein Einzelzimmer, noch in ein Wasserbettzimmer, noch in ein Sonstwie-Zimmer.“

„Sie sind aber wenig gesellig, vielleicht Einzelkind? Entschuldigung, das geht mich natürlich nichts an. Und auch Ihr Liebesleben interessiert mich nicht. Aber aus langjähriger Erfahrung wird die Entspannung in unserem Haus von unseren Gäste sehr positiv bewertet, vor allem, wenn sie gemeinsame Erlebnisse teilen. Aber das ist selbstverständlich Ihre Entscheidung. Was darf ich denn jetzt für Sie buchen?“

„Ein Ein-zel-zimmer. Mit oder ohne Wasserbett. Matratzenhärte egal. Irgendwas, Hauptsache ruhig und jetzt.“ Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie die Dame sich aus dem Sessel in der Lounge erhebt, ihren Rollkoffer nimmt und in unsere Richtung marschiert. Sie hat ihren Empfangssekt noch nicht ganz ausgetrunken, hält dem Rezeptionist aber das Glas noch einmal hin und lässt auffüllen. „Prost“ sagt sie zu mir, „haben Sie auch so Schwierigkeiten, sich in dem wunderbaren Angebot dieses Hotels für das richtige Zimmer zu entscheiden?“

Sie ist mindestens zwanzig Jahre älter als ich, wirkt fröhlich und noch recht spritzig. Eine nette Person, mit der man bestimmt gut wandern und dann mal ein Glas Wein trinken kann. „Ja“, sage ich, „Castro hat mir gefühlt alle denkbaren Optionen dargestellt, aber ich bin total fertig und brauche jetzt erst mal nur eine Mütze Schlaf.“ – „Das ist doch ganz einfach, machen Sie es wie ich: Ich habe mich für ein Zimmer mit Wasserbett entschieden. Kommt kein Gast mehr, habe ich das Zimmer für mich und zahle nur wie ein Einzelzimmer. Falls sich noch jemand für dieses Zimmer entscheidet, muss ich den zweiten Gast akzeptieren und zahle es als Premium-Doppelzimmer.“

Es dauert einen Moment, bis bei mir der Groschen fällt. Ich schaue sie an, schaue Castro an. Er blickt angestrengt auf seinen Computer, murmelt etwas von Synergien, von möglichen Optionen und der Erfüllung von Gästewünschen. „Ach“, sage ich, „ich glaube, ich fange mit der Hydrojet-Massage an. Vielleicht bin ich danach so ausgeruht, dass ich mich dann für ein Zimmer entscheiden kann. In der Zeit können Sie der Lady hier ja schon mal den Weg zum Premiumzimmer zeigen. Und mir eine Matratze Härtestufe 2 bereitlegen, die ich dann in eines der Basiszimmer gelegt bekomme.“

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19 September 2025

Nachtportier

Wie schön es ist, dass mein Kissen die „Badinerie“ von Bach spielt. Ganz sanft höre ich die Töne aufsteigen, kuschele mich fester in die weiche Unterlage. Wie lustig die Melodie herunterhüpft, denke ich, dann wird mir klar, dass es gar nicht mein Kissen ist, das mich mit der Musik versorgt. Es ist das Telefon neben dem Bett.

Schlaftrunken lange ich hinüber, greife den Hörer „Ja, bitte?“ – „Guten Morgen“, flötet die Stimme am anderen Ende der Leitung. „Hier ist der Nachtportier. Sie hatten um einen Weckruf gebeten.“ Ich überlege kurz, nein, ich hatte keinen Weckruf angefragt, es ist mitten in der Nacht, ich möchte jetzt noch schlafen.

„Vielen Dank“ krächze ich ins Telefon, „ich habe keinen Weckruf bestellt. Gute Nacht.“ und lege auf. Ob ich wohl wieder einschlafe, frage ich mich noch, doch dann fallen mir die Augen schon wieder zu und ich sinke ins Kissen zurück. Es empfängt mich mit weicher Füllung, die Wange liegt wie in einer Schale, wie angenehm, nur dieses Geräusch, was mag das sein?

Johann Sebastian Bach hat wieder angestimmt und seine Badinerie erklingt fröhlich vom Nachttisch. Ist es Einbildung oder klingelt wieder das Telefon? Ein wenig missmutig wälze ich mich herum, greife wieder nach dem Hörer „Ja, bitte?“ – „Guten Morgen“, wieder die gutgelaunte Stimme von vorhin, „Nochmal Ihr Nachtportier. Ich habe es kontrolliert, Sie haben um einen Weckruf gebeten.“

Ich werde unsicher, gibt es ein anderes Ich in mir, das bei der Rezeption diese Nachtunterbrechung gebucht hat? „Nein“, sage ich, „nein, vielen Dank noch mal, aber ich habe wirklich keinen Weckruf bei Ihnen angefordert. Vielleicht verwechseln Sie etwas, ich reise erst in drei Tagen ab, vorher möchte einfach ausschlafen.“ Und lege auf.

Wie wohlig sich das weiche Kissen um meinen Kopf legt, wie federleicht die Decke mein Pyjama bedeckt. Ein paar tiefe Atemzüge und ich merke, wie der Schlaf langsam wieder überhandnimmt. Nicht alleine, dass ich jetzt wieder in eine Leichtigkeit abtauche, auch die Traumwelt öffnet wieder ihre Türen und nimmt mich mit in eine verrückte Reise voller uralter Nokia-Handys.

Aufschreckend stelle ich fest, dass die Badinerie nicht aus den alten Nokia-Handys meines Traumes kommt, sondern vom Hoteltelefon neben mir. Langsam scheint ein Ritual daraus zu werden, ich greife den Hörer, murmele meine Begrüßung ins Telefon, erwarte schon die unerschütterlich freundliche Stimme. „Ihr Nachtportier, guten Morgen. Als Service unseres Hauses möchte ich Ihnen mitteilen, dass Sie bereits in zwei Tagen abreisen. Uns ist bekannt, dass manche Gäste durch die besonders komfortable Unterbringung das Gefühl für Wochentage verlieren und deshalb möglicherweise sogar ihren Abreisetag verpassen.“

„Ihre besondere Fürsorge weiß ich sehr zu schätzen“, höre ich mich sagen, „aber ich werde meine Abreise nicht versäumen und kann mir grundsätzlich auch mit Wecken und Aufstehen weiterhelfen. Haben Sie vielen Dank. Und jetzt möchte ich schlafen, es wäre zu freundlich, wenn Sie mich in den nächsten Stunden nicht mehr anrufen würden.“ Und lege auf.

Tatsächlich Stille. Ich falle in unruhigen Schlaf, höre immer wieder die ersten Töne der Badinerie, was sich als Trugschluss und Albtraum herausstellt. Auch die eingebildeten Anrufe mit weiteren Informationen und Korrekturen bleiben aus. Da klopft es an der Tür.

Nachtportier
Zuerst halte ich auch dieses Geräusch für einen Teil von Träumen und Einbildungen. Aber es klopft wieder. Eher wie ein höfliches Scharren an der Tür, aber unüberhörbar und hartnäckig. Ein geflüstertes „Nachtportier“ macht mir klar, dass wieder ein Angestellter des Hauses dahinter steckt.

Jetzt nicht reagieren, gleich herrscht bestimmt wieder Ruhe. Einige Sekunden gehen ins Land, dann wieder das Scharren, das geflüsterte Wort und schließlich ein Schlüssel, der ganz leise ins Schloss geschoben wird und mit kaum wahrnehmbarem Geräusch die Tür öffnet. Da wieder: „Nachtportier… im Namen des Hauses möchten wir uns für die Unannehmlichkeiten entschuldigen. Versehentlich wurde der Weckruf mit einem anderen Gast verwechselt. Es tut uns sehr leid, Ruhe und Entspannung unserer Gäste ist uns sehr wichtig.“

„Umpff“, sage ich.

„Als besonderes Angebot möchten wir Ihnen gerne in drei Tagen ein Luxusdinner anbieten. Unser Koch stellt ein ganz individuelles Geschmackserlebnis für Ihre kulinarischen Wünsche zusammen.“

„Ich reise in zwei Tagen ab“ geht mir durch den Kopf. Aber warum diskutieren, das kann ich ja später noch ändern und werde den Quälgeist erst mal los. Ich sage also „eine phantastische Idee, meine allergrößte Dankbarkeit wird sich auch in einem unübertrefflichen Feedback über Ihr Haus niederschlagen.“

Einem Geist gleich schließt sich die Flurtür wieder, Stille. Keine Badinerie, kein Nachtportier, noch nicht mal Träume. Ich komme nach dem Hin-und-her nicht zur Ruhe, wälze mich von rechts nach links, das Kissen ist eigentlich zu dünn, die Bettdecke zu warm, die Klimaanlage falsch eingestellt.

Ein Blick auf die Uhr, es lohnt sich kaum noch, einzuschlafen. Aber vielleicht gerade deshalb fallen mir endlich doch die Augen zu. Und die Ohren werden immer unempfindlicher, nehmen nur am Rande das Schurren der anderen Gäste an meiner Tür wahr. Aber warum kratzen die an meiner Tür und warum flüstern sie dabei? Warum immer wieder dieses eine Wort?

Ich schrecke wieder auf. Ja, der Wahnsinn scheint von mir Besitz zu ergreifen, meine Nerven spielen mir einen Streich, es kann nicht sein, dass schon wieder… „Nachtportier“, dann der Schlüssel, dann das Aufschwingen der Tür. „Wir sind untröstlich, aber das Angebot mit dem Dinner ist leider mit Ihren Reisedaten nicht zu vereinbaren. Sie reisen ja schon in zwei Tagen ab, daran hatten wir beide nicht gedacht.“

Ich verkneife mir den Hinweis, dass ich durchaus daran gedacht hatte, richte mich im Bett auf. Der Oberkörper ist schwer, ich habe Kopfschmerzen, das Licht durch die geöffnete Tür trifft meine verschlafenen Augen. „Raus hier, raus, raus, raus! Stecken Sie sich das Dinner sonstwohin. Und kommen Sie nicht wieder. Heute nicht, morgen nicht. Bis zu meiner Abreise nicht!“

„Werter Gast“, flötet die Angestellte, „warum so ungehalten. Wir bieten Ihnen einen herausragenden Service, stehen für kleine Fehler ein und bieten einen großzügigen Ausgleich. Aber selbstverständlich muss dieser optimal zu Ihren Vorlieben und Wünschen passen, Individualität am Gast orientiert, das ist uns ein hohes Gut. Gerne komme ich noch einmal, um…“

„Nein!“, höre ich mich brüllen, „nein, kommen Sie nicht wieder! Kein Ausgleich, meine Vorliebe ist Ruhe! Ungestört, falls Sie das verstehen!“

Ein wenig überrascht bin ich schon, dass das Zimmer plötzlich wieder leer ist, die Tür geschlossen. Und ich bin mir nicht ganz sicher, ob die reale Szene sich langsam in diese absurde Situation gesteigert hat oder ob das nur in meinem Kopf passiert ist. Was soll ich nur in den Feedback-Bogen schreiben?

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12 September 2025

Stammgast

An der Rezeption ist heute ziemlich viel los. Ich stehe in der Schlange, neben mir der Koffer, darauf meine Laptop-Tasche. Über den Bügel habe ich meinen Kleidersack gehängt. Langsam geht es voran, ein Gast nach dem anderen wird abgefertigt.

Stammgast
Nach ein paar Minuten bin ich an der Reihe, „ich möchte gerne auschecken“ – „Zimmernummer?“ – „Ich glaube, es ist die 2-1-4“, sage ich, „könnte aber auch ein Zahlendreher drin sein. Jedenfalls irgendwas mit einer fünf.“ Die Rezeptionistin schaut mich an, wartet einen Moment, ob ich mich noch erinnere, dann nimmt sie meine Zimmerkarte und liest sie aus. „Sir, Sie haben das Zimmer 3-2-9.“

„Ja“, sage ich, „genau. Wie toll, dass Sie das von der Karte herausbekommen können. So muss ich mir die Nummer nicht extra merken. Aber es erleichtert natürlich das Auffinden des richtigen Zimmers. Und jetzt möchte ich bitte auschecken.“

„Sehr gerne.“ Sie tippt auf ihrem Computer herum, schaut mich an, liest die Karte noch einmal ein, tippt nochmals auf dem Computer. „Sir, Sie sind doch gestern erst angekommen und haben noch einige Tage gebucht. Haben Sie es sich anders überlegt oder gefällt es Ihnen nicht bei uns?“

„Doch“, sage ich, „doch, ganz im Gegenteil. Es gefällt mir ausgesprochen gut. Der Service ist gut, das Personal so freundlich. Ich bin sehr zufrieden.“ – „Und warum wollen Sie dann schon abreisen?“ – „Ich möchte nicht abreisen, ich möchte auschecken.“

In ihrem Gesicht sehe ich die Fragezeichen, weil sie ganz offensichtlich den Unterschied nicht versteht. Es arbeitet eine Weile in ihr, dann sagt sie: „Also gut, dann checke ich Sie jetzt aus. Sie waren gestern Abend im Restaurant, das war Teil des Paketes. Irgendwas aus der Minibar?“

„Ja, die Minibar ist leer, nach dem Restaurant hatte ich noch ein wenig Hunger und Durst.“ – „Ich sehe gerade, die Erstbefüllung ist im Preis enthalten. Also keine weiteren Kosten. Dann danke ich für Ihren Aufenthalt und wünsche Ihnen eine gute Weiterreise.“

„Halt“, sage ich. „Ich möchte gerne einchecken. Im Idealfall bekomme ich wieder mein Zimmer, wie war noch die Nummer?“ Einen Moment herrscht Schweigen, dann nimmt die Frau die Karte wieder aus dem Stapel abgelegter Karten und will sie mir in die Hand drücken. „Warum checken Sie denn erst aus und dann wieder ein, wenn Sie gar nicht weiterreisen wollen?“

„Ehrlich gesagt hat mir der Willkommens-Cocktail so gut geschmeckt. Da dachte ich mir, wenn ich noch mal einchecke, bekomme ich noch mal ein Glas.“ – „Ach so!“ strahlt sie mich an, wenn Sie das direkt gesagt hätten, dann hätte ich Ihnen doch ein Glas gegeben. Eine kleine Aufmerksamkeit für unsere Gäste ist doch selbstverständlich.“

„Wie freundlich von Ihnen“ erwidere ich, „und wenn es keine Umstände macht, dann können Sie mir vielleicht gleich zwei Gläser einschenken, die sind ja leider ein wenig klein.“ Sie behält ihr Lächeln, tippt auf ihrem Computer herum und verspricht, dass ich gleich in den Genuss von zwei Gläsern ihres Hauscocktails käme.

„Ich bin begeistert und kann den guten Service bestätigen, den ich in den Internet-Bewertungen gelesen habe.“ Pause. „Ach, und denken Sie doch bitte daran, dass ich nach dem Einchecken die Erstbefüllung meiner Minibar bekomme.“ – „Das geht leider nicht“, lässt sie mich wissen, „im Grunde haben Sie ja gar nicht richtig ausgecheckt und sind immer noch im selben Zimmer eingebucht.“

„Schauen Sie, werte Dame, ich habe meinen Schlüssel abgegeben, eine Rechnung bekommen, alles mit Ihnen geklärt und wäre abreisefertig gewesen. Nur, dass ich nicht abgereist bin, sondern ihr wunderschönes Haus nun einen weiteren Tag genießen werde. Das kann man doch mit Fug und Recht als Auschecken bezeichnen. Und meinen erneuten Aufenthalt als Einchecken.“

Man kann ihr ansehen, dass sie nachdenkt, abzuwägen versucht, ob sie der Einfachheit halber einfach nachgeben soll oder auf ihrem Standpunkt beharren soll. Sie entscheidet sich dann dafür, sich in Ironie zu flüchten und sagt: „Vermutlich erwarten Sie auch ein Abendessen im Restaurant als Teil des neuen Aufenthalts?“

„Ich gebe zu, dass die Gäste nicht übertrieben haben, als sie im Internet geschrieben haben, dass einem jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird. Ja, ein Abendessen heute wäre großartig und natürlich irgendwie logisch mit dem Einchecken verknüpft. Und Sie haben ja völlig Recht, der Inhalt der Minibar reicht nicht, um sich über den Abend zu retten.“

„Hören Sie, Sir, ich weiß Sie als Gast zu schätzen. Gerne können Sie Ihren Aufenthalt fortsetzen. Und ja, als Geste der Gastfreundschaft fülle ich die Minibar auf. Aber ein Abendessen kann ich unmöglich auch noch spendieren.“

Ich werfe einen Blick über die Schulter. Die Schlange ist inzwischen relativ lang geworden. Den Gesichtern der Gäste ist anzusehen, dass sie langsam ungeduldig werden. „Ich glaube, dass die anderen Gäste kein Verständnis für die kleinlichen Diskussionen haben, die Sie mit einem Stammgast wie mir hier führen“ sage ich so laut, dass es jeder in der Lobby deutlich hören muss.

„Stammkunde?“ fragt die Rezeptionistin giftig, „Sie waren bislang noch nicht in unserem Haus und sind gestern angereist.“ – „Ja“, sage ich, „das stimmt, aber wenn ich morgen aus- und wieder einchecke habe ich schon drei Aufenthalte in diesem Hotel und das kann man doch als Basis für eine Stammkundschaft sehen.“

Sie seufzt. Ein wenig aus Verzweiflung, wie mir scheint. Dabei sind wir doch in unserem Gespräch schon so weit gekommen. „Ich rufe jetzt unseren Manager dazu“, lässt sie mich wissen und greift zum Hörer. – „Gerne“, sage ich, „ich bevorzuge sowieso mit echten Entscheidungsträgern zu sprechen. Auch wenn ich Sie bislang sehr zuvorkommend wahrgenommen habe.“

Eine Minute später steht ein hochgewachsener junger Mann vor mir, stellt sich als Hotelmanager vor und möchte wissen, bei welcher Frage er behilflich sein könne. „Der Herr möchte Aus- und wieder einchecken, um wieder Minibar und Abendessen zu bekommen.“ Kurze Pause. „Nun, ein wenig ungewöhnlich. Ich kümmere mich um diesen Gast, können Sie in der Zeit schon mal für die anderen Gäste sorgen.“

Er nimmt mich beiseite, mit Koffer, Laptop und Kleidersack werde ich ins Backoffice beordert. „Sie haben ausgecheckt?“ will der Manger wissen. „Ja, sage ich, alles geklärt, Rechnung kontrolliert, es war nichts zu begleichen. Und dann habe ich wieder eingecheckt. Die Dame hat mir sogar mein altes Zimmer wieder geben können.“

„Das ist ja sehr schön“, höre ich ihn freundlich erwidern, „dann ist ja alles zu Ihrer Zufriedenheit?“ – „Aber sicher, das habe ich der Rezeptionistin auch gesagt. Wunderbarer Service, freundliches Personal und so weiter und so fort. Positives Feedback von meiner Seite vorgesehen.“

„Und worin besteht nun das Problem?“ – „Ehrlich gesagt, das weiß ich auch nicht so recht. Die Dame hat vielleicht irgendetwas nicht richtig verstanden, denn sie hatte Schwierigkeiten damit, mir das Abendessen zu buchen, das mit meinem Einchecken verbunden ist.“ – „Ach so, verstehe“ höre ich den Manager, „Sie waren der Meinung, dass durch den neuen Check-in auch ein weiteres Abendessen inkludiert ist. Aber das ist natürlich nur einmal pro Aufenthalt vorgesehen und sie waren ja gestern Abend schon unser Essensgast.“

„Einmal pro Aufenthalt, Sie sagen es. Ich war bei Ihnen, hatte meinen Koffer schon gepackt, sehen Sie? Und bin nun wieder Ihr Gast: ein neuer Aufenthalt also.“ Mein Gegenüber ist unerschütterlich, verzieht sein Gesicht zu einer freundlichen Grimasse und fragt dann ganz unvermittelt: „Sie sind Lehrer? Vielleicht Deutschlehrer? Oder Germanist?“

„Durchaus nicht, ich bin freiberuflicher Schriftsteller.“ – „Das ist doch sowas ähnliches.“ – „Oh Gott, nein, wie kann man so etwas nur sagen? Naja, ich will es Ihnen mal nachsehen und erkläre Ihnen gerne den Unterschied, wenn Sie mir das Abendessen mit einem guten Glas Rotwein ergänzen.“

Auch Manager sind nur Menschen, denke ich, als ich zu vorgerückter Stunde nach dem Abendessen und dem Plündern der Minibar zufrieden auf meinem Bett liege und mir ausmale, wie ich morgen beim Aus- und Einchecken die Wellness-Option erhalten kann.

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