15 August 2025

Johanna

Auf dem Flur ein leises Geräusch, so etwas wie trippelnde Schritte, dazwischen das Schurren eines Transportwagens. Kurze Stille, dann klopft es an der Tür. Erst ganz leise, dann etwas lauter. "Zimmerservice." Ich liege noch im Bett, schaue auf die Uhr. Es ist 7 Uhr, Samstag, Hotel. Wieder das Klopfen, dann der Schlüssel, die Tür schwingt auf. "Noch im Bett." Das ist keine Frage, sondern eine Feststellung. Mit ein paar Schritten steht sie vor meinem Bett, "Johanna, Zimmerservice", und mit ein paar weiteren Schritten ist sie am Fenster. Zieht die Vorhänge zurück "ich komme in einer halben Stunde wieder".

Johanna
Wie eine Erscheinung, sie hat das Zimmer wieder verlassen, ich höre sie auf dem Flur, sie klopft am Nachbarzimmer. Wer ist an einem Samstag in einem Hotel schon wach? Ich schlurfe zum Badezimmer, schaue in den Spiegel, putze mir die Zähne, suche im Koffer nach meinem Duschgel. Duschen, cremen, anziehen. Gerade will ich in die Hose schlüpfen klopft es wieder, diesmal direkt sehr energisch. Tür auf, Johanna herein.

Sie schaut mich an, "die Haare sind noch nicht trocken", dann beginnt sie das Kissen aufzuschütteln und das Bettzeug auszulegen. Während ich meine Schuhe aus dem Schrank fische eilt sie hin und her, macht mal hier sauber, rückt mal dort Sachen zurecht. Das Fenster zum Lüften geöffnet, ein Staubsauger kommt unvermittelt zum Vorschein, pfeifendes Geräusch seiner Düse. Ich flüchte ins Bad, föne noch mal meine Haare, es klopft "ich muss jetzt hier saubermachen".

Im unnachgiebigen Licht des Badezimmers werde ich wieder gemustert, "Sie haben schlecht geschlafen", wieder keine Frage, sondern eine Feststellung. "Ja", sage ich, "die Matratze ist so hart." - "Warum sagen Sie nichts?" Das ist eigentlich auch keine Frage, sondern eine Kritik. Schon hat sie ihr Handy aus der Hose gezogen, gibt Anweisungen, organisiert. Nur Minuten später stehen fünf weitere Personen bei mir im Zimmer, unter Aufsicht von Johanna wird das Bett bearbeitet.

Alles runter, Matratze raus, inzwischen ist eine andere Matratze herbeigeschafft worden, diese in das Bettgestell gelegt, mit Topper versehen, bezogen. "Besser?" Keine Frage, sondern ein Befehl zum Probeliegen. Johanna hat alles im Griff, vor versammelter Mannschaft muss ich die Schuhe ausziehen, mich auf das Bett legen und es für weicher befinden. Sie ist glücklich, scheucht die ganzen Helfer wieder aus dem Zimmer.

"Jetzt aber zügig zum Restaurant, das Buffet wartet nicht. Und Sie wollen doch in Ruhe frühstücken?" Keine Frage, eher die Begründung für das stramme Zeitmanagement. Mittlerweile hat sie Handschuhe an, einen Putzlappen in der Hand und rückt die Möbel hin und her. Ihrem strengen Regiment entgeht keine Fluse, keine Staubflocke würde es wagen, sich vor ihr zu verstecken. Und zack, auch der Ansatz eines Spinnennetzes hinter dem Nachttisch fällt dem Feudel zum Opfer.

"Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?" Mal abgesehen vom frühen Ende der Nacht durch das ungeplante Wecken kann ich nicht klagen. Die Luft im Zimmer ist frisch, es duftet nach einem parfumierten Putzmittel, alles steht an Ort und Stelle wie bei der Ankunft. Sie strahlt mich nicht an, aber sie ist sichtlich stolz, mein Durcheinander wieder geordnet zu haben und mehr so nebenbei auch noch das Bett nach Wunsch des Gastes angepasst zu haben.

"Ja", murmele ich, "vielen Dank für die Mühe." Welche kritischen Anmerkungen auch immer mir durch den Kopf gehen, ich spreche sie nicht aus. Sie verzieht ihr Gesicht doch zu einem freundlichen Ausdruck "war die Uhrzeit recht oder soll ich morgen etwas früher kommen, damit Sie mehr vom Tag haben?" - "Oh ja, nein, vielen Dank für das Angebot, ich habe auch so genug vom Tag."

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08 August 2025

Dreiviertel

Liebe Heike

Ich möchte mich mit dir über deinen Geburtstag unterhalten. Also nicht direkt unterhalten, das können die Gäste ja selber, sondern eher in einem erdachten Interview, in dem ich dir Fragen stelle, die ich mir selbst beantworte. Bist du bereit? - Natürlich bist du das, vermutlich neugierig, welche albernen, interessanten, langweiligen oder peinlichen Fragen ich dir stelle.

Soviel vorweg, dass wir natürlich nicht über dein Alter sprechen, das ist halt irgendwie, sowieso nicht zu beeinflussen und wie alle wissen ist man ja zu einem gewissen Grad so alt, wie man sich fühlt. In deinem Fall also wohl kurz hinter der Pubertät, die du mit deinem Jahrgangskameraden Thomas Gottschalk hättest verbringen können.

Dreiviertel

Möchtest du - Frage 1 - gerne eine Geschichte hören, die ich für dich geschrieben habe?

Na gut, dann hört mal zu, was es mit der "Geschichte vom Springbrunnen" auf sich hat.
Es war einmal ein schöner großer Garten, in dem sich allerlei exotische Gewächse, Bäume und Rasenflächen befanden. Sie waren nicht nur schön anzusehen, bei Sonnenschein fielen die prächtigen Farben in die Augen, besonders aber kitzelten die kräftigen Düfte der verstreut angepflanzten Kräuter in der Nase. Verlies die Sonne den Zenit, gab es in der Dämmerung ein zunehmendes Vogelkonzert, manchmal ergänzt vom Zirpen der Grillen.

Im Mittelpunkt dieses Gartens hatte der Architekt ein besonderes Werk installieren lassen. Ein Springbrunnen mit mehreren Etagen spritzte eine Fontaine in die Höhe, die plätschernd in die oberste Schale zurückfiel und von dort gurgelnd in die unteren Becken ablief. Aus weißem Stein geformt und in sorgfältiger Arbeit regelmäßig gepflegt, war dieser Springbrunnen der Blickfang in diesem grünen Paradies.

Das ist viele Jahre her, im Springbrunnen liegen nun Blätter, die von den umstehenden Bäumen in die Wasserbecken geflogen und dort klebengeblieben sind. Nur selten wird die Pumpe in Gang gesetzt, die dann Wasser aufsteigen lässt und dem Springbrunnen wieder Leben einhaucht. Sein weißer Stein hat eine Patina bekommen, in vielen Fugen und Ritzen haben sich Dreck und Moos festgesetzt. Wer zu Besuch kommt, schaut sich im Garten um, bewundert sein ehrwürdiges Alter und die hohen Bäume, vielleicht noch die Überreste der Kräuterecken. Das Wasserspiel indes wird leicht übersehen.

Liebe Heike - Frage 2 - was ist nur passiert?

Man könnte einfach sagen, dass der Garten älter geworden ist. Dass es der Lauf der Dinge ist, dass mit dem Alter auch Veränderungen verbunden sind, Leben und Beachtung abgelöst werden von Rückgang und vergehender Pflege. Lässt erst mal die Fürsorge nach, schon übernimmt die Natur mit ihrer Vielzahl an Begrünungen und Flechten die Oberfläche der in mühsamer Arbeit geschaffenen Objekte. Ja, die Veränderung über die Zeit ist immanent in uns und unserer belebten und unbelebten Umwelt enthalten.

Deshalb - Frage 3 - was können wir tun?

Es beginnt damit, dass wir erst mal einen Blick in den Garten werfen müssen. Steht da vielleicht ein Springbrunnen, den wir über die Jahre aus den Augen verloren haben? Raus mit den Blättern, den Stein reinigen, Wasser auffüllen und die Pumpe einschalten. Oh, wie schön das Wasser wieder herausspritzt, vielleicht nicht ganz so hoch wie seinerzeit, aber immer noch ein herrlicher Anblick. Und wie es dann weiterläuft, sprudelnd, gluckernd, plätschernd, um am Ende in der untersten Schale zu verschwinden.

Wir schenken ihm wieder Aufmerksamkeit, Liebe und Wertschätzung, genießen seine Qualitäten. Wir sehen ihn wieder mit den staunenden Augen der Kinder, machen ihn mit den kräftigen Händen Verliebter sauber und sitzen mit genießerischem Blick bei Sonnenuntergang vor ihm. Nicht nur zu erkennen, dass da ein Kleinod in Vergessenheit zu geraten beginnt, auch die aktive Beschäftigung, die Investition von Zeit und Mühe beleben unsere Beziehung zum Springbrunnen wieder.

Ach - möchtest du mit Frage 4 wissen - warum ich das alles erzähle.

Rund um diese wundervolle Villa im Tal gibt es Gärten mit Springbrunnen, aber sind wir nicht auch als Menschen so eine Art Garten mit über die Jahre gewachsenem Charakter und hier und da verborgenen Schätzen? Ist nicht gerade ein Geburtstag ein schöner Moment, um über seinen Springbrunnen nachzudenken? Und noch viel wichtiger - und das ist meine Botschaft für uns alle - an die Springbrunnen in unseren Mitmenschen. Sicher ist da auch der eine oder andere dabei, der blätterbedeckt ist und dessen Pumpe schon lange nicht mehr in Betrieb war. Der innerlich abgestorben ist und sich wieder nach Liebe und Wertschätzung sehnt.

Ich nehme mal Frage 5 vorweg

Meine herzlichen Glückwünsche, liebe Heike, noch viele Jahre als sprudelnder Brunnen, der voller Lebendigkeit ist und die Liebe erfährt, die einem Menschen neben der körperlichen Gesundheit auch das emotionale Wohlbefinden bringt, das aus einem simplen Dahinleben ein lebens- und liebenswertes Leben macht.

01 August 2025

Nerds Diary: Ich muss jetzt gehen (S3/F7)

Ich muss jetzt gehen (S3/F7)

Nerds Diary: Ich muss jetzt gehen (S3/F7)
„Ich muss jetzt gehen.“ – „Ja, klar.“ – „Nein, wirklich. Ich gehe jetzt. Und bin dann weg.“ Pause. Ich schaue sie an. Ihre halblangen Haare hat sie heute sorgfältig geföhnt, ihre blauen Augen leuchten mich an. Aber sie wirken ein wenig traurig, oder bilde ich mir das nur ein.

„Warum?“ – „Du kommst jetzt ohne mich aus.“ – „Aber das will ich gar nicht.“ – „Es war schön mit dir.“ Ich denke an unser Kennenlernen im Supermarkt, das gemeinsame Yoga, Backen und Kochen. „Wir haben doch noch unseren Kochkurs.“ – „Nein, ich habe meine Buchung storniert. Aber ich würde mich freuen, wenn du allein hingehst. Es ist ein Single-Kochkurs.“

„Ich bin kein Single.“ – „Doch.“ Wir haben uns nie als Paar gezeigt, waren nie gemeinsam unterwegs oder auch nur im Kino. Spielen, Musikhören, Renovieren: Alles bei mir. Weder ihre noch meine Freunde haben uns je zusammen gesehen. Wie ein Phantom, eine Beziehung, die es gab und gleichzeitig nicht gab.

„Habe ich was falsch gemacht?“ – „Nein.“ Und nach einer Pause: „Im Gegenteil. Du hast so viel richtig gemacht, so viel gelernt. Gesund leben, auf Mitmenschen achten, das eigene Leben verstehen. Du kommst jetzt ohne mich aus. Und ohne meine kalten Füße.“ Auch wenn mir nicht danach zumute ist muss ich lachen.

„Und lad mal deine Mutter ein, sie wird staunen.“ Ja, die Wohnung ist aufgeräumt, das Badezimmer ein wenig modernisiert, alles sauber. Die neuen Schlafanzüge wird sie eher kritisch sehen, aber die brauche ich ihr ja nicht zu zeigen.

Noch in Gedanken schaue ich wieder hoch, sie ist weg. War ich einen Moment abgelenkt oder war sie schon vorher davongeschlüpft, das weiß ich nicht. Auf meiner Wange meine ich noch einen Kuss zu fühlen, und mit ein bisschen Phantasie kann ich auch noch ihren Geruch wahrnehmen.

*Ende*

[Das gibt es seit 14.02.25 als kleine Serie jede Woche]

25 Juli 2025

Nerds Diary: Nachmittags habe ich wieder Besuch (S3/F6)

Nachmittags habe ich wieder Besuch

Nerds Diary: Nachmittags habe ich wieder Besuch (S3/F6)
... Nachdem ich früh ins Bett gekommen bin und entsprechend früh aufstehen konnte, war die Morgenarbeit gut zu erledigen. Sogar die fälligen Pflichtdokumentationen waren zügig gemacht, die Anfrage aus dem Fachbereich auch einigermaßen schnell bearbeitet. Die Kollegen fragen, ob irgendwas wäre und sticheln, dass ich wie frisch verliebt wirkte.

Aber das kann nicht sein, ich bin alleine in der Wohnung, sitze mit meinem Kaffeepott vor dem Computer und jage die Bits und Bytes vor mir her. Noch deutlich vor Mittag verlasse ich eine Sitzung vorzeitig und erkläre den verdutzten Kameraden, dass ich jetzt erst mal Yoga machen müsste. Anders als erwartet finden sie es total gut, dass ich Bewegung in mein Leben bringe.

„Ich werde jetzt keine Pizza aus dem Tiefkühlschrank holen“ sage ich zu mir selbst und merke, dass ich im Geist die Alternativen in meinen Vorräten durchgehe. Selbst für das Backen eines Mandarinenkuchens ist noch Zeit und wie auf Kommando klingelt es an der Tür.

„Sag jetzt nichts.“ – „Du siehst gut aus.“ – „Hast du das gerade wirklich gesagt?“ – „Ja.“ – „Du bist An-wen-dungs-manager. Die sagen sowas nicht.“ – „Ich schon.“ Es folgt eine Szene wie in einem mittelklassigen Hollywoodfilm. Sie stürzt auf mich zu, nimmt mich in den Arm und drückt mich. 

„Du hast wirklich Kuchen gebacken.“ Ich verschweige ihr, dass dabei der Handmixer kaputt gegangen ist, weil sich der Rührarm im Löffel verharkt hat, mit dem ich den Teig zusätzlich vermischen wollte. „Zufälligerweise habe ich Sahne dabei.“ - „Und ich habe nur eine Kuchengabel.“ Wir müssen beide lachen.

Sie zieht die Vorhänge zu. „Wir machen Schattenkino. Hol mal eine Lampe.“ Nach einigen missglückten Versuchen geht es ganz gut, ein bisschen Kuchen auf dem Boden, aber auf der Wand erscheint eine Fütterungsszene, die wir mit dem Handy filmen.

Wir bauen noch eine Sequenz mit Sahne ein, stehen auf einem Bein, um die Akrobatik zu erhöhen und unterbrechen nur für den Eierlikör, den sie noch in ihrem Rucksack findet. „Hast du eigentlich mal wieder Brownies gebacken?“ Aber auch ohne Cannabis wird es immer lustiger und wir beschließen, eine Kuchenspur ins Schlafzimmer zu legen, damit wir den Weg in die Küche zurückfinden.

Angekommen hat sie einen neuen Plan. „Wir machen eat-in-the-dark.“ – „Was soll das sein?“ – „Wir lassen den Rollladen runter und nehmen den Kuchen mit unter die Bettdecke.“ -  „Das könnte eine ziemliche Matscherei werden.“

Es ist wirklich stockdunkel, den Kuchen kann ich noch ertasten, aber es ist schwierig herauszufinden, wo die kleine Schüssel mit der Sahne ist. „Oh, ich glaube, ich habe die Sahne gefunden.“ Einen Moment später habe ich zwei Finger mit Sahne im Mund, nachdem sie sich an meiner Wange den Weg dorthin gesucht haben.

Ich revanchiere mich mit einem Stück Kuchen und verzichte dabei sicherheitshalber auf die Gabel. Eigentlich habe ich gar keinen Hunger mehr, trotzdem geht die Schlacht munter weiter. Da sie nicht stillhält, erwische ich beim nächsten Angriff ihre Schulter, sie zuckt zurück, kann aber nicht verhindern, dass ihr T-Shirt eine Portion Sahne abbekommt.

Es wird stickig unter der Decke, zumal sie jetzt auf meinem Bauch sitzt. „Jetzt nicht bewegen, Kuchen und Sahne sind auf deiner Brust“ und die Situation ausnutzt, um mir wieder einen Finger in den Mund zu stecken. Ich winde mich unter ihrem Gewicht. „Versuchs doch.“ Mit einer gekonnten Bewegung geht sie in einen Herabschauenden Hund über, ihr Gesicht kann ich in der Dunkelheit nicht erkennen, aber ihr Atem kommt ganz aus der Nähe.

Und ihre Füße sind heute auch gar nicht kalt.

[Das gibt es seit 14.02.25 als kleine Serie jede Woche]

18 Juli 2025

Nerds Diary: Du musst dein Leben in den Griff bekommen (S3/F5)

Du musst dein Leben in den Griff bekommen

Nerds Diary: Du musst dein Leben in den Griff bekommen (S3/F5)
„Du musst dein Leben in den Griff bekommen.“ – „Ich finde, es ist im Griff.“ – „Soll das auf Dauer so weitergehen?“ – „Was ist falsch daran?“ – „Du brauchst mehr Stabilität, innere Ausgewogenheit, Resilienz.“ – „Das ist mal was, was ich kenne.“ – „Was davon?“ – „Resilienz.“

Wir diskutieren über Bounceforward und Bounceback. „Woher kennst du das?“ – „Hab ich mal irgendwo gehört.“ – „Erzähl schon.“ – „Aus der Technik. Da gibt es das auch.“ – „Werden Computer auch psychologisch betreut und therapiert?“ – „Kommt mir manchmal so vor.“

Diskussion über Psychologie im Allgemeinen, Therapeuten, Umgang mit Rückschlägen. Ich erzähle von DORA. „Es gibt ja doch Frauen in deinem Leben.“ – „DORA ist der Digital Operational Resilience Act, das ist keine Frau.“ – „Oh, wie unromantisch.“

„Ich weiß was, was dir helfen könnte. Komm mal mit.“ Wir gehen ins Büro, ich werde mit Schreibblock und Stift ausgestattet. „Du erarbeitest jetzt dein Ikigai.“ – „Mein was?“ – „Ikigai. Japanische Selbstfindung mit vier Dimensionen.“ Pause „Ich erkläre es dir.“

Auf dem Zettel entstehen große Blasen mit den Überschriften „Was ich kann“, „Was ich gerne mache“, „Wofür ich Geld bekomme“ und „Was die Welt braucht“. "Du schreibst jetzt in jede Blase was rein und nachher schauen wir, wo es Überschneidungen gibt." - „Können wir das nicht heute Abend machen, jetzt muss ich mich erst noch anziehen und dann arbeiten.“

Immerhin darf ich wieder ins Bad, den Bademantel gegen Jeans und Pulli tauschen. Kaum bin ich drin geht die Tür auf, sie legt mir den Block mit den vorgemalten Blasen auf den Boden. Dann geht die Tür zu und ich höre den Schlüssel im Schloss. „Lass mich sofort raus.“

„Erst die Hausaufgaben. Sag Bescheid, wenn du zu allen Feldern was eingetragen hast. Und versuch nicht zu schummeln, ich schaue mir das nachher genau an.“ Seufzend ziehe ich mich an, mache mir aus Handtüchern einen halbwegs bequemen Sitz und fange an, den Zettel auszufüllen.

Eine Stunde später klopft es an der Tür „Bist du noch nicht fertig?“ – „Ich will es sorgfältig machen. Was ich gut kann und gerne mache, das war ziemlich einfach. Auch wofür ich Geld bekomme war schnell aufgeschrieben. Aber was braucht die Welt von mir?“ – „Komm wenigstens wieder aus dem Bad.“ – „Ich habe es mir gemütlich gemacht.“

Am Couchtisch gehen wir meine Notizen durch. „Du hast dich ja richtig reingekniet.“ Diskussion über viele technische Aspekte, wo das Herz bleibt und ob man als Anwendungsmanager nur ein Nerd sein kann. „Gibt es überhaupt keine Menschen in deinem Leben, die du liebst?“ – „Doch, meine Mutter.“ – „Das meinst du nicht ernst. Ich meine Beziehungen, irgend ein Mann oder eine Frau. Von mir aus ohne Sex. Aber mit Gefühlen.“

„Ich würde jetzt wirklich gerne mal an den Computer gehen und schauen, wie es im Büro läuft.“ – „Du weichst immer aus. Immer, wenn ich nach Gefühlen frage oder mit dir über Beziehungen sprechen will musst du ins Büro.“ – „Ich möchte halt nicht drüber sprechen.“ – „Aber ich.“ – „Ja.“

Einen Moment schweigen wir, dann strahlt sie mich an. „Du hast Recht. Das kann man nicht erzwingen.“ Lachend schüttelt sie mich durch, gutgelaunt „Wir spielen Wahrheit oder Pflicht.“ – „Oh nein, sicher nicht.“ – „Keine Angst, jetzt darfst du erst mal ins Büro.“

Mittagessen, Kaffeepause, Abendessen. Kein Wort mehr über Ikigai, Psychologie, Beziehungsfragen. Es bleibt dabei, dass sie gute Laune hat, von ihrer Freundin erzählt, die Spaß an Boxen hat und im Club auf Männer eindrischt. Und dabei drückt sie mich hier, knufft mich da und hat dann völlig überraschend ihre Jacke in der Hand. „Ich gehe mal eine Runde um den Block. Kommst du mit?“

Die Tür schließt sich hinter ihr, ich merke, wie ich mich entspanne und obwohl es schon ziemlich spät ist schaue ich doch noch mal im Büro nach der Arbeit von heute.

[Das gibt es seit 14.02.25 als kleine Serie jede Woche]

11 Juli 2025

Nerds Diary: Ich höre Musik (S3/F4)

Ich höre Musik

Nerds Diary: Ich höre Musik (S3/F4)
... Aus fernen Sphären dringt Hardrock in mein Ohr. Zuerst sehr leise, dann etwas lauter und immer lauter, bis es schmerzt. Ich schaue mich um, mein Radiowecker kann unmöglich diese Lautstärke entfalten. Nichts zu sehen, die Musik scheint aus dem Wohnzimmer zu kommen. Beim Heben des Kopfes kommt mir wieder die Erinnerung an gestern, ein bisschen Kater, ein steifer Nacken, Kratzen im Hals, schlechtes Gewissen. Ich schiebe die Decke zur Seite und sehe das verschmutzte T-Shirt. Stimmt, da war was.

Die Musik ist aus, vielleicht habe ich das nur geträumt, stehe jetzt aber auf und setze mich tapfer in Richtung Badezimmer in Bewegung. Als ich am Arbeitszimmer vorbeikomme sehe ich sie dort sitzen. Sie hat mein Handy in der Hand, starrt gespannt auf den Bildschirm. "Was machst du da?" - "Guten Morgen. Hast du gut geschlafen?" - "Kann ich nicht sagen." - "Also nein? Soll ich dir einen Kaffee machen? Um die Uhrzeit bist du doch sonst schon lange auf."

Oh Gott, ja, ich habe total verschlafen. Wen ich mich jetzt noch im Büro anmelde muss ich die quälenden Fragen der Kollegen über mich ergehen lassen. Erst mal ins Badezimmer, kalt duschen macht den Kopf frei. Noch nicht ganz wach höre ich wieder die Musik, irgendwas zwischen ACDC und Nickelback.

Schnell das Wasser aus, notdürftig mit dem Handtuch abgetrocknet und im Bademantel rüber ins Wohnzimmer. Die Lautsprecher vibrieren unter dem Sound. Sie ist nicht zu sehen, ich drehe mich um, stehe im Flur, dessen Beleuchtung im Takt der Musik an- und ausgeht.

Aus der Küche dringt Kaffeegeruch, aber auch hier ist sie nicht. Badezimmer: Fehlanzeige. Endlich entdecke ich sie in meinem Büro. „Smart Home ist ja viel leichter zu bedienen als ich dachte.“ – „Was soll das?“ – „Du kannst die einzelnen Programme sogar miteinander kombinieren.“ – „Mach mal die Musik aus.“ – „Und diese Option zur Synchronisation mit KI ist ja irre.“

Diskussion über die Notwendigkeit, alle Funktionen meiner Smart Home App durchzuprobieren. Es klopft von unten, mein Nachbar verlangt nach Ruhe. „Dieser Langweiler soll sich auch mal vernünftige Mucke kaufen. Vielleicht braucht er mal einen Spotify-Account.“ Und lauter: „Wünsch dir was, dann kriegste das.“

Das Klopfen hört auf. „Na also. Man muss nur richtig mit den Leuten umgehen.“ Es klopft wieder, diesmal aber an der Haustür. Jetzt merke ich, dass ich noch im Bademantel bin, will nicht an die Tür und überhaupt keine Diskussion führen. „Komm, mach jetzt leise“ bettle ich. – „Wo geht das, ‚leise‘?“ – „Mach einfach ganz aus.“ Aber das geht nicht so einfach, die gesamte Programmierung ist durcheinander, Heizung, Jalousien, Musik, Beleuchtung, alles.

„Der Sicherungskasten.“ – „Was hast du vor?“ – „Sicherung raus, Ruhe.“ Jetzt klingelt auch noch das Telefon. Sicher will der Nachbar auch auf diesem Weg noch mal seinem Ärger Luft machen. Aber laut Display ist es meine Mutter. Die kann ich jetzt gar nicht gebrauchen. Kurz bevor ich panisch den Hauptschalter herunterdrücke finde ich doch noch den Alles-aus-Knopf in der App.

Die Musik verstummt, die Beleuchtung geht aus, die Jalousien bleiben stehen. Die Ruhe nach dem Sturm. Sie schaut mich etwas enttäuscht an. „Der Kaffee ist bestimmt durchgelaufen. Du brauchst jetzt Koffein. Und ruf mal im Büro an.“

[Das gibt es seit 14.02.25 als kleine Serie jede Woche]

04 Juli 2025

Nerds Diary: Das Deployment ist durch (S3/F3)

 Das Deployment ist durch

Das Deployment ist durch (S3/F3)
... ich schaue in den Kühlschrank, Gott sei Dank hat sie mir beim letzten Einkauf auch Bananen mitgebracht. Das kühle Obst tut gut an der Stirn, ich mache die Schale ab und beiße hinein. Das Telefon klingelt, ein Kollege will noch mal über den heutigen Nachmittag sprechen und ein Lessons-learned organisieren. Das will ich auch, aber anders als er meint. "Können wir das morgen machen, ich fühle mich nicht ganz wohl."

Das Telefon klingelt wieder "Du warst heute so abwesend, ist alles ok?" - "Ja, alles ok, alles cool. Ein bisschen Kopfschmerzen gerade." Schon nett. Wieder das Telefon, ja bin ich eine Telefonzentrale? "Ich bins" - "Ja?" - "Wie geht es dir, du warst so plötzlich weg." - "Ja." - "Haben dir die Brownies nicht geschmeckt?" - "Doch." - "Was dann?" - "Ich musste noch arbeiten." - "Ich komme gleich vorbei." - "Ich bin müde, komm doch bitte morgen."

Es klingelt an der Haustür. "Zeit für Yoga!" Sie strahlt mich an. "Kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen, ich bin müde, fühle mich nicht wohl. Und lieber ins Bett als Sport machen." Es folgen die bekannten Haltungen, Cobra, Vorbeuge, Herabschauender Hund, Berg. Ich werde tatsächlich langsam wieder munter. "Jetzt noch ein bisschen frische Luft." Ich reiße die Fenster auf, stelle mich in den entstehenden Durchzug. Hinter mir höre ich Bewegung, Geklapper aus der Küche.

"Grünes Abendessen. Wir machen mal FDDH." - "Was soll das sein?" - "Friss du die Hälfte. Ich beiße in ein Salatblatt, du übernimmst den Rest. Und umgekehrt. Das spart Besteck und ist total lustig." Der Küchentisch ist etwas zu breit für das Spiel, aber wenn wir beide halbwegs stehen und uns über den Tisch beugen, kommen wir an die Sachen heran, die der andere schon halb im Mund hat. Das Ganze auch noch mit Getränken zu probieren artet in eine ziemliche Sauerei aus.

Mit vollgekleckerten T-Shirts lassen wir uns unter den beschlabberten Tisch fallen. "Findest du das nicht ziemlich kindisch?" - "Aber gar nicht. Das ist archaisch, in der Steinzeit musste man sich seine Mahlzeit auch mit den anderen aus der Höhle teilen. Und konnte noch froh sein, wenn man was abbekommen hat." Es folgt eine Diskussion über die Entwicklung der Menschheit, Kultur im Allgemeinen und Esskultur im Besonderen.

"Die Asiaten essen mit Stäbchen. Hast du mal gesehen, wie die über ihren Schüsseln hängen?" - "Oder die Afrikaner mit ihrem Porenbrot, mit dem sie irgendeine Paste aufnehmen und in den Mund stecken." - "Oder die Franzosen, die morgens ihre trockenen Baguettestücke vom Vortag so lange in den Milchkaffee tunken, bis sie essbar werden." - "Oder die Tartaren, die so lange auf dem Fleisch herumreiten, bis es weich ist."

Wir sind auf allen Vieren im Wohnzimmer angekommen, zurück auf die Yoga-Matte. Ich rolle mich auf den Rücken für die Große Entspannung. Die Übungen hatte ich ja vorhin schon. Die Augen fallen mir zu, neben mir höre ich einschläfernde Worte, eine Wanderung durch meinen Körper vom Kopf über das Herz, meinen Magen und mein Becken bis in die Füße.

Mitten in der Nacht wache ich auf, der Rücken tut mir weh vom Liegen auf der harten Matte und der Hals kratzt etwas, weil ich mich wohl verkühlt habe. Sie ist nicht da, ich schleppe mich angezogen zum Bett und schlafe weiter.

[Das gibt es seit 14.02.25 als kleine Serie jede Woche]