Planmäßig hat sich die Gruppe getroffen, um gemeinsam zum Aussichtsturm zu gehen. Wir sind weitgehend vollständig, nur Thomas ist noch mal los, weil er sich einen Kaffee holen möchte. Das dauert überraschend lange, aber wir gehen mit ein paar Scherzen darüber hinweg. Allerdings muss jetzt Nadine mal auf Toilette, sie fragt herum, aber keiner weiß, wo sie hier in der Gegend ein WC findet.
Kaum hat sie sich auf den Weg gemacht, taucht Thomas wieder auf. Gutgelaunt schwenkt er den Pappbecher mit seinem Kaffee, erläutert uns ausführlich die Preisgestaltung des Anbieters und warum er sich wofür entschieden hat. Grundsätzlich eine kurzweilige Geschichte, wenn auch für Teetrinker wie mich nicht eben relevant. Mangels anderer Themen hören die anderen zu, lächeln freundlich und warten kollektiv auf Nadine, die jetzt wieder am Ende der Straße auftaucht. Sie ist schlecht gelaunt, hat keine Toilette gefunden, wollte uns aber auch nicht länger warten lassen.
Wir brechen auf, wie sich nach ein paar Schritten herausstellt, hat Dirk Knieprobleme, seit gestern schmerzt es auf der rechten Seite, vielleicht waren die Laufschuhe noch nicht richtig eingelaufen. Jedenfalls humpelt er mächtig und hat Schwierigkeiten, mit der ohnehin eher moderaten Geschwindigkeit der Gruppe mitzuhalten. Natürlich nehmen wir Rücksicht, Claudia fragt, ob sie ihm irgendwie helfen kann, soll sie vielleicht ein Uber organisieren?
Thomas hat sich mit seinem Kaffee an die Spitze der Gruppe manövriert, wie selbstverständlich laufen alle hinter ihm her. Gerade erzählt er eine Anekdote aus dem letzten Urlaub, eine unfassbar lange Treppe zu einem Tempel und eine Frau, die versuchte, diese Treppe mit einem Kinderwagen zu bewältigen. Abwechselnd hätten die Männer immer ein paar Dutzend Stufen den Kinderwagen getragen, am Ende waren dann alle oben angekommen um festzustellen, dass man von der Rückseite eine Art Lift hätte nehmen können.
Wir sind so vertieft in die Geschichte, dass keiner auf die Idee kommt, Thomas danach zu fragen, ob er den Weg kennt. Erst als der Fußgängerweg unvermittelt endet und die Fahrbahn in eine Bundesstraße übergeht, kommen mir Zweifel. Nein, bekennt Thomas, den Weg kenne er nicht, hätte er ja auch gar nicht behauptet. Hektisch ziehen alle ihre Handys aus der Tasche, jetzt ist der Rat von Google Maps gefragt. Während Tina sicher ist, dass wir uns rechts halten müssen, erklärt der jetzt auch eintreffende Dirk, dass er mit seinem lädierten Knie nicht durchs Feld laufen und deshalb links abbiegen würde.
Die Gruppe ist hin- und hergerissen. Wir können Dirk jetzt nicht hängenlassen. Aber der Weg links ist zwar asphaltiert, aber ein merklicher Umweg, nachdem wir bis hierher ohnehin schon in eine deutlich ungünstige Richtung gestartet sind. Aufteilen kommt aber auch nicht in Frage, also biegen wir entgegen der Google-Empfehlung nach links ab.
Nadine nutzt die allgemeine Diskussion, um mal schnell hinter einem Baum zu verschwinden, kommt mit einem erleichterten Gesichtsausdruck wieder hervor und hat nach wenigen Schritten die Gruppe wieder eingeholt, die sich auf Dirks Tempo eingestellt hat.
Jetzt läuft der kleine Zug in eine planmäßige Richtung. Wir können zuschauen, wie sich die Restzeit verringert, wenn auch langsamer als berechnet. Thomas ist wieder vorne, zwar ohne Handy, aber dafür mit einem neuen Schwank aus seinem Leben. Ohne die Andeutung eines schlechten Gewissens plappert er diesmal von seiner letzten Arbeitsstelle, erzählt von einem Ölfass, das gerade in dem Moment geplatzt war, als die Inspektion daran vorbeikam und was das für eine Welle ausgelöst hatte. Wochenlange Nachuntersuchungen wie es zum Platzen kommen konnte, wer oder was dafür verantwortlich gewesen sein könnte und wie man das in Zukunft zu verhindern gedachte.
Unser Fußgängerweg seitlich der Fahrbahn führt jetzt mit einer kleinen Brücke über einen Wasserlauf, Dirk wackelt besorgniserregend, so dass Claudia ihn beherzt am Arm fasst und über die Holzbohlen führt. Kurz entsteht eine Diskussion, ob das übergriffig war und ob sie Dirk nicht vorher hätte fragen müssen, aber die Gruppe ist sich einig, dass Dirk sich nicht anstellen soll und jetzt mal gefälligst auch helfen lassen soll.
Das lässt Claudia nicht zweimal sagen, schon hat sie Dirk untergehakt und auf einmal geht es alles viel besser, wirkt sich sein Knieproblem nicht mehr ganz so hinderlich auf die Gruppengeschwindigkeit aus. Wie einen Talisman hat Nadine ihr Handy umklammert, schaut gebannt auf das Display, redet ganz leise auf das Smartphone ein. Zuerst denke ich, dass sie die Spracheingabe nutzt, aber sie spricht nur ganz allgemein mit dem Gerät. Wenn man genauer hinhört geht es um den Akku, der offensichtlich langsam zur Neige geht und den sie anbettelt, jetzt nicht den Geist aufzugeben.
Die Stimme von Thomas habe ich inzwischen ausgeblendet, er läuft vorne, der Mund ist nach wie vor in Bewegung. Doch, jetzt höre ich wieder Fetzen seiner aktuellen Geschichte, autonomes Fahren und KI stehen im Mittelpunkt und warum er ein Auto ohne diesen modernen Schnickschnack sucht. Er hat schon mit einem Freund gesprochen, ein Jaguar E-Type wäre total cool, stilvoll und fernab dieser technischen Dinge, die schon seit Jahrzehnten unausrottbar immer mehr Einzug halten.
Dort hinten, da ist sich Nadine sicher, da liegt unser Ziel, der Aussichtsturm, von dem aus man einen phantastischen Blick über die Gegend haben soll. Unten ein kleines Bistro, da wollen wir nach der Turmbesteigung ein paar Schoppen zu uns nehmen. Die Gruppe hat nun das Ziel vor Augen, es geht noch mal ein Stück schneller. Nadine hat recht, auch wenn inzwischen der Akku alle ist und sie nur noch auf Sicht navigieren kann. Es ist der angepeilte Turm.
Allerdings ist das Bistro dunkel. Aufstieg auf die Aussichtsplattform nicht möglich, denn der Eingang für die Treppe ist nur durch das Bistro zugänglich. Wir schauen uns etwas irritiert an. Hatte nicht irgendwer im Vorfeld geschaut, ob wir den Turm besteigen können? Die Augen richten sich auf mich. Du hattest doch die Idee mit dem Turm, hast du denn nicht nachgefragt?
Ehrlicherweise: Nein. Ich hatte mich nicht in der Rolle des Organisators gesehen oder von wem auch immer die Frage oder gar den Auftrag gestellt bekommen. Und wie sich bei genauerem Hinschauen auf die Eingangstür herausstellt, sind wir auch einfach nur zu spät dran. Ohne die Verzögerungen und Umwege könnten wir jetzt nach einem schönen Ausblick bei einem Ebbelwoi sitzen.
Und als ob ich für diese unerwartete Wendung verantwortlich wäre, richtet sich die schlechte Stimmung gegen mich. Und stellt den Vorschlag der Wanderung – erst recht zum Aussichtsturm - jetzt grundsätzlich in Frage. Strahlender Gewinner wieder Thomas, nichts kann ihn erschüttern, die Reisegeschichte zu einer wegen Renovierung geschlossenen Höhle in Spanien kommt wie aus der Pistole geschossen. Und jetzt suchen wir uns mal eine gemütliche Kneipe und holen das Trinkgelage nach, verkündet er, Scheiß auf den Ausblick, ist ja eh schon zu dunkel.
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