Feingeistiges am Freitag: Prosa, Lyrik, Kürzestgeschichten, Gedanken, aktuelle Themen, zeitlose Texte.
26 Februar 2021
Stadtgeschichten
19 Februar 2021
Verehrter Anrufer
12 Februar 2021
Hex-hex
Vertraue meinem Zauberstab. Ich berühre irgendeinen
Gegenstand, und schon wird er lebendig, bekommt eine Seele. Ich unterhalte mich
gerne mit den Sachen, denn oft können sie mir Dinge erzählen, die ich als
Mensch gar nicht so mitbekomme. Und die sie natürlich auch nur mir anvertrauen.
Neulich habe ich einem Gespräch im Kleiderschrank gelauscht,
es war nur ein leises Wispern, erst beim Öffnen der Tür konnte ich verstehen,
um was es geht. Es war das Klagen meiner Schlipse, seit dem Ausbruch der
Pandemie hängen sie im Schrank und werden nicht benutzt. Kommen auch überhaupt
nicht mehr raus, unter Leute, können an keiner Gesellschaft und keiner
Veranstaltung mehr teilnehmen.
Was für ein tragisches Schicksal, dachte ich, nahm liebevoll
eine gestreifte Krawatte von der Stange und streichelte sie. Das Wispern
verstummte, ich konnte fühlen, wie sie sich unter meinen Fingern entspannte und
glättete. Nun nahm ich auch die restlichen Krawatten, breitete sie auf dem Bett
aus, sie lagen im hellen Sonnenschein und konnten glänzen. Um den Tag noch
schöner zu gestalten entnahm ich aus dem Nachbarschrank einen seit Monaten
nicht getragenen Anzug, legte ihn daneben und freute mich an dem schicken
Anblick.
Kaum drehte ich mich um, konnte ich auch schon wieder die
piepsigen Stimmen hören, aber diesmal war es kein Jammern, sondern die Freude
über das Wiedersehen. Ich beschloss, sie eine Weile alleine zu lassen und
anlässlich der guten Stimmung schnell mit meinem Zauberstab das Badezimmer zu
beseelen.
Und tatsächlich: Der Zahnpastatube ging es heute gar nicht
gut. Sie war wohl in der Mitte ausgedrückt worden und hing jetzt mit üblen
Bauchschmerzen über dem Rand des Zahnputzglases. Das war allerdings ein
gefundenes Fressen für die Zicken von Zahnbürsten, die hinter vorgehaltenen
Borsten kicherten und sich über die Unpässlichkeit der Tube lustig machten. Ohne
großen Aufwand konnte ich die Tube zurechtdrücken, jetzt steht die Tube wieder
stolz im Glas und die Garstigkeiten der Bürsten verstummt.
Nun, manchmal will ich gar nicht so genau wissen, was da zwischen
den Gegenständen abgeht. Aber das immer fröhliche Gurgeln des Waschbeckens sorgt
bei mir für gute Stimmung. Wie ich hörte, ist es unsterblich verliebt in das
Parfumflakon, das feingeschliffen und wohlriechend auf ihm steht. Was für ein
schönes Paar, selbstlos duftend, fröhlich tönend.
Ach, laufe ich gut gelaunt in mein Büro, lasse mich auf den Schreibtischstuhl sinken (er seufzt ein wenig unter der Belastung) und berühre mit meinem Zauberstab den Bildschirm meines Dienst-Laptops. Schweigsam schaltet es um vom Ruhezustand, es erscheint meine Mailbox und trotz mehrfacher Versuche gelingt es mir nicht, den Nachrichten eine Seele einzuhauchen. Oder habe ich meine Wünsche bei der guten Fee für heute verbraucht?
05 Februar 2021
Billyboy
29 Januar 2021
Alle Macht den Büchern
22 Januar 2021
Wintergespräch
15 Januar 2021
An der Schleuse
Er saß an der Schleuse, die Augen geschlossen, hörte das Fließen des Wassers, dann das Anschwellen zu flutartigen Wassermasse, das Schäumen der dreckbeladenen Wogen, auf denen eine Erinnerung einen wilden Wellenritt veranstaltete. Ein Gefühl stieg in ihm auf, unklar und bedeutungsschwanger, ein paar Wassertropfen zuerst, die aus den Schleusentoren emporgeschleudert wurden, Feuchtigkeit auf sonnengebräunter Haut, um zu verdunsten und nur einen salzigen Nachgeschmack zu hinterlassen, wenn man an den Stellen leckt.
Wie groß, mutig und erhaben waren doch die Gedanken, als die
Schleuse voll war, wie majestätisch die Fluten und die buntbeflaggten Schiffe,
bevor die Tore geöffnet wurden. Doch jetzt dümpelten sie dort unten, so tief
unter ihm, Segel lagen schlaff und tot, ach wäre schon die Schleuse offen, das
sie ausführen, die armen Spielzeugboote, mit denen er jetzt Mitleid hatte, ja
fast schon so etwas wie Wut darüber, wie sie geschrumpft schienen, ihn gefoppt
hatten mit ihrer Größe und Ansehnlichkeit.
Er leckte sich die Hand an der Stelle, wo ihn ein Tropfen
getroffen hatte, saurer Geschmack, wo die Schleuse ihm Urin hingespritzt hatte,
um ihn zu verjagen, ja, gehen sollte er, war es nicht schon den ganzen Tag so
gewesen, dass die Schiffe vor seinen Augen in Nussschalen verwandelt wurden,
und gar zu selten kam aus der Tiefe ein unscheinbares Boot zu ihm hinauf, um
ihn erst kurz mit seiner Schönheit zu blenden, dann bei gelösten Leinen langsam
von ihm wegzutreiben.
Einmal hatte er seinen Hut aufgerafft, war
hinterhergelaufen, hatte gewinkt, wollte es dabehalten und immer nur anschauen,
wie es weiß in der Sonne glänzte, bis zum Ende der Pier, wo es, ohne sich auch
nur um seine Anwesenheit zu kümmern, hinausgelaufen war, ganz weit, bis es
wieder klein und kleiner wurde am Horizont und er sich schämte, dass er ihm
hinterhergelaufen war.