21 Mai 2021

private number

Es war gerade wie eine kleine Liebe am Rande. Aus dem Bilderbuch. Sie saß an der Bar und er hatte sich an einen Nachbartisch gesetzt. Zunächst war nichts passiert, aber dann hatte sie ihre Puderdose hausgeholt und ihn im Spiegel angeschaut. Sie hatte gelächelt. Er hatte ihr zugezwinkert, und als der Kellner weg war, setzte er sich zu ihr.

Sie unterhielten sich gut miteinander und er lud sie zum Essen ein. Sie sagte, sie könne leider nicht und gab ihm ihre Telefonnummer. Danach ging sie.


Er sitzt jetzt also da, alleine, und denkt über das Mädchen nach. Sie sieht gut aus, und er wird sie morgen anrufen, um sich mit ihr in einem kleinen Café zu treffen, in einem Séparée zu sitzen und dann mit ihr nach Hause zu gehen.

Sie hat ihm die falsche Telefonnummer gegeben. Seine kleine Königin wird sich nicht mit ihm treffen, sie wird nicht mit ihm nach Hause gehen. Sie wird ihm ein paar Tage den Kopf verdrehen und wird ihn in ein paar Wochen noch nicht einmal mehr interessieren. [02/1985]

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14 Mai 2021

Ich habe von dir geträumt

Das Aufwachen am Morgen
Entlassung aus der Traumwelt
Die Fliegen tanzen
Recken, strecken und räkeln

Dann stehe ich auf
Flugs unter die Dusche
Das Frühstück wartet
Brötchen, Eier und Kaffee

Ein ruhiger Vormittag
Keine Termine heute
Der Computer ist aus
Zeitung, Post und Bibliothek

Das Mittagessen für mich
Kulinarische Unterbrechung
Der Ofen glüht
Essen, Trinken und Espresso

Die Pause danach
Ein kleines Nickerchen
Der Wecker schweigt
Träumen, Dösen und Müßiggang

Ein Weg in den Wald
Der Natur zu huldigen
Die Vögel zwitschern
Körper, Seele und Geist

Der Tag geht zu Ende
Untergehende Sonne
Die Wolken ziehen
Tischgebet, Wein und Tagesrückblick

Ein paar Zeilen noch
Ich denke an dich
Das Papier ist willig
Gedanken, Erinnerungen und Träume

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07 Mai 2021

Liebe in den Zeiten der Pandemie

Mitten im Gewühl der Tanzfläche, auf einer Party war unser erster Kontakt. Mit deinem taillierten Kostüm und dem tiefen Ausschnitt konntest Du mächtig Aufsehen erregen. Und nicht nur das. Einige Cocktails später und beim Aufeinanderprallen balzender Körper waren Kondome der schützende Begleitfaktor für Stunden bis in den Morgen, an dem wir uns wieder trennten.


Wirklich nicht so ganz einfach mit Alltagsmaske und Sicherheitsabstand. Da kommen andere Werte ins Spiel. Miteinander, emotionale Beziehung erstreitet sich einen Platz neben der körperlichen Vereinigung. Wer begleitet mich mit Gedanken und Aufmerksamkeit durch die Zeit der Quarantäne, ist auch auf Distanz in meinem Leben präsent.

Wie wir von allen Evolutionsvorgängen wissen, geht keine Entwicklung unbegrenzt weiter. Vielmehr tauchen stets Randbedingungen auf, die eine Gegenbewegung einleiten. Das Abnabeln der 1968er, die revolutionäre Veränderung mit Entkopplung von Liebe und Geschlechtlichkeit hat eine nicht umkehrbare Entwicklung eingeleitet. Aber wir erleben gerade heute wieder Ansätze, die unter Beibehaltung der Errungenschaften auch konservative Werte einbringen.

Wie schön, wie grandios sich der Mensch wieder mal den wechselnden Einflüssen anpasst oder angepasst wird. Kleines Virus, große Wirkung.

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30 April 2021

Familienaufstellung in Elfchen


Vater
Der Denker
Du unser Vorbild
Über den Tod hinaus
Oben

Kalt
Die Mutter
Liegt im Grab
Nur von Würmern umgeben
Allein

Drei
Brüderlich verbunden
Vom Winde verweht
In ihrem Charakter verschieden
Auseinander

Dazugekommen
Alle anderen
In elliptischer Satellitenbahn
Mal weiter mal näher
Peripher

WhatsApp
Die Verbindung
Schreiben statt reden
Der Rest bleibt verborgen
Skurril

23 April 2021

Frühstück mit Meise

Meine Frau ist aufgestanden und läuft in die Küche rüber, um sich noch einen Kaffee zu machen. Ich sitze noch vor meinem Joghurt, nehme einen Schluck Wasser und nutze die freie Zeit, indem ich WhatsApp-Nachrichten lese. Greife in die Tasche, um mein Handy herauszuholen, aber es ist nicht da. Es hängt noch im Arbeitszimmer am Ladegerät. Ich bin ohne Smartphone.

Ich bleibe sitzen, die nächsten zwei Minuten werde ich ohne auskommen. Aber es ist auch keine Zeitung in Reichweite, kein Radio läuft, kein Fernseher oder sonstiges Equipment weit und breit. Ich bin auf mich allein gestellt.

Es ist keine Panik, die mich ergreift. Obwohl. Ein bisschen schon. Was mache ich denn jetzt mit mir? Geht es mir wie seinerzeit dem Manager, der im Cluburlaub wie ein werdender Vater am Pool auf und ab lief, weil es hier für ihn nichts zu managen gab und er mit der Beschäftigung mit Frau und Tochter total überfordert war? Kann ich keinen Moment ohne Impulse und Jagd und Termine und „sinnvoller“ Nutzung der Zeit leben?


Nur einen Moment lang. Dann fällt mein Blick durchs Fenster auf die Magnolie, eine Meise sitzt in den Ästen, ohne sie hören zu können kann ich erkennen, dass sie zwitschert. Ich frage mich, was sie gerade denkt, ob sie auch frühstückt, was für sie den Start in den Tag schön macht und ganz besonders, ob sie denn gut geschlafen hat oder mit Rückenschmerzen aufgewacht ist.

Meine Frau kommt zurück, ihren Cappuccino in der Hand, lächelt mich an und ich zeige auf die Meise und erzähle von den Rückenschmerzen des Vogels, der nach dem gestrigen Ausflug eine Verspannung hat und heute ein wenig kürzer fliegen muss. Wir lachen beide über diese kleine Ausschmückung der Geschichte und starten in den Arbeitstag.

17 April 2021

Traum eines Schriftstellers

Oh Du, meine Muse,
küß‘ mich.
Nicht auf den Mund.
Küß‘ meinen Geist.

Oh Du, meine Muse,
befruchte mich.
Erst die Ideen,
dann deren Formulierung.

Oh Du, meine Muse,
inspiriere mich.
Mein Gedankenstrom
braucht Dich als Schleuserin

Oh Du, meine Muse,
zerstreue mich.
In Deinem Wesen
finde ich Entspannung.



02 April 2021

Corona im Paradies

Stehe ich also an der Himmelspforte und sehe mich unvermittelt der Erzengelin Michaela gegenüber, die mir mit ihrem Flammenschwert den Eintritt ins Paradies verwehrt.

Ich bin ein wenig ungehalten, habe ich mich doch angemeldet und nach eigener Einschätzung auch die Zutrittsbedingungen erfüllt. Aber wie so oft im Tod kommt es anders als man vorher nicht gedacht hat. Denn Michaela schaut mich eine Weile an, setzt eine bedauernde Miene auf und erklärt dann die aktuelle Situation.

Tatsächlich werden derzeit überhaupt keine Bewohner des Planeten Erde ins Paradies gelassen. Sie gehören zu einer Risikogruppe, und laut göttlicher Verfügung müssen die Antragsteller*innen – auch wenn sie maskiert sind – abgewiesen werden. Zu groß ist die Sorge, dass an diesem besonderen Ort auch Corona ausbricht und damit die paradiesischen Zustände empfindlich gestört werden, bis diese unter Ächzen höllische Züge annehmen.

Leider kann diese Abschottung auch leicht noch 100 Erdenjahre dauern, Zeit spielt ja hier keine Rolle und – Michaela senkt die Stimme – die Paradieslinge sind ohnehin nicht gerade erpicht auf Neuzugänge.

Enttäuscht höre ich mir die Erläuterungen an, auch das Bedauern in der Stimme bei den Worten „mir sind da die Hände gebunden“ und Fetzen wie „Aufsichtsbehörde“, „Anweisung von oben“ und „ich bitte um ihr Verständnis“ klingen in meinen Ohren wenig überzeugend.

Leider lässt sich die Erzengelin auf keine Diskussion ein und verweist mich auf die Chance nach dem nächsten Leben. Ich solle es bitte nicht persönlich nehmen und dann: „Der Nächste, bitte!“.