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Feingeistiges am Freitag: Prosa, Lyrik, Kürzestgeschichten, Gedanken, aktuelle Themen, zeitlose Texte.
14 Mai 2021
Ich habe von dir geträumt
07 Mai 2021
Liebe in den Zeiten der Pandemie
Mitten im Gewühl der Tanzfläche, auf einer Party war unser
erster Kontakt. Mit deinem taillierten Kostüm und dem tiefen Ausschnitt
konntest Du mächtig Aufsehen erregen. Und nicht nur das. Einige Cocktails
später und beim Aufeinanderprallen balzender Körper waren Kondome der
schützende Begleitfaktor für Stunden bis in den Morgen, an dem wir uns wieder
trennten.
Wirklich nicht so ganz einfach mit Alltagsmaske und Sicherheitsabstand. Da kommen andere Werte ins Spiel. Miteinander, emotionale Beziehung erstreitet sich einen Platz neben der körperlichen Vereinigung. Wer begleitet mich mit Gedanken und Aufmerksamkeit durch die Zeit der Quarantäne, ist auch auf Distanz in meinem Leben präsent.
Wie wir von allen Evolutionsvorgängen wissen, geht keine Entwicklung unbegrenzt weiter. Vielmehr tauchen stets Randbedingungen auf, die eine Gegenbewegung einleiten. Das Abnabeln der 1968er, die revolutionäre Veränderung mit Entkopplung von Liebe und Geschlechtlichkeit hat eine nicht umkehrbare Entwicklung eingeleitet. Aber wir erleben gerade heute wieder Ansätze, die unter Beibehaltung der Errungenschaften auch konservative Werte einbringen.
Wie schön, wie grandios sich der Mensch wieder mal den wechselnden Einflüssen anpasst oder angepasst wird. Kleines Virus, große Wirkung.
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30 April 2021
Familienaufstellung in Elfchen
Du unser Vorbild
Über den Tod hinaus
Oben
Die Mutter
Liegt im Grab
Nur von Würmern umgeben
Allein
Brüderlich verbunden
Vom Winde verweht
In ihrem Charakter verschieden
Auseinander
Alle anderen
In elliptischer Satellitenbahn
Mal weiter mal näher
Peripher
Die Verbindung
Schreiben statt reden
Der Rest bleibt verborgen
Skurril
23 April 2021
Frühstück mit Meise
Meine Frau ist aufgestanden und läuft in die Küche rüber, um
sich noch einen Kaffee zu machen. Ich sitze noch vor meinem Joghurt, nehme
einen Schluck Wasser und nutze die freie Zeit, indem ich WhatsApp-Nachrichten
lese. Greife in die Tasche, um mein Handy herauszuholen, aber es ist nicht da.
Es hängt noch im Arbeitszimmer am Ladegerät. Ich bin ohne Smartphone.
Ich bleibe sitzen, die nächsten zwei Minuten werde ich ohne auskommen. Aber es ist auch keine Zeitung in Reichweite, kein Radio läuft, kein Fernseher oder sonstiges Equipment weit und breit. Ich bin auf mich allein gestellt.
Es ist keine Panik, die mich ergreift. Obwohl. Ein bisschen schon. Was mache ich denn jetzt mit mir? Geht es mir wie seinerzeit dem Manager, der im Cluburlaub wie ein werdender Vater am Pool auf und ab lief, weil es hier für ihn nichts zu managen gab und er mit der Beschäftigung mit Frau und Tochter total überfordert war? Kann ich keinen Moment ohne Impulse und Jagd und Termine und „sinnvoller“ Nutzung der Zeit leben?
Nur einen Moment lang. Dann fällt mein Blick durchs Fenster auf die Magnolie, eine Meise sitzt in den Ästen, ohne sie hören zu können kann ich erkennen, dass sie zwitschert. Ich frage mich, was sie gerade denkt, ob sie auch frühstückt, was für sie den Start in den Tag schön macht und ganz besonders, ob sie denn gut geschlafen hat oder mit Rückenschmerzen aufgewacht ist.
Meine Frau kommt zurück, ihren Cappuccino in der Hand, lächelt mich an und ich zeige auf die Meise und erzähle von den Rückenschmerzen des Vogels, der nach dem gestrigen Ausflug eine Verspannung hat und heute ein wenig kürzer fliegen muss. Wir lachen beide über diese kleine Ausschmückung der Geschichte und starten in den Arbeitstag.
17 April 2021
Traum eines Schriftstellers
02 April 2021
Corona im Paradies
Stehe ich also an der Himmelspforte und sehe mich
unvermittelt der Erzengelin Michaela gegenüber, die mir mit ihrem
Flammenschwert den Eintritt ins Paradies verwehrt.
Leider kann diese Abschottung auch leicht noch 100 Erdenjahre dauern, Zeit spielt ja hier keine Rolle und – Michaela senkt die Stimme – die Paradieslinge sind ohnehin nicht gerade erpicht auf Neuzugänge.
Enttäuscht höre ich mir die Erläuterungen an, auch das Bedauern in der Stimme bei den Worten „mir sind da die Hände gebunden“ und Fetzen wie „Aufsichtsbehörde“, „Anweisung von oben“ und „ich bitte um ihr Verständnis“ klingen in meinen Ohren wenig überzeugend.
Leider lässt sich die Erzengelin auf keine Diskussion ein und verweist mich auf die Chance nach dem nächsten Leben. Ich solle es bitte nicht persönlich nehmen und dann: „Der Nächste, bitte!“.
26 März 2021
Hinter dem Hydranten
Gerade war sie noch nicht da. Ich bin auf einem Fotospaziergang, habe meine gute Kamera dabei und versuche, die Atmosphäre und besonders sehenswerte Bilder einzufangen. Da kommt mir natürlich dieser rote Hydrant inmitten der grünen Landschaft gerade gelegen. Ich schaue ihn mir genauer an, visiere durch den Fotoapparat, verändere die Position und die Einstellung für die Belichtung und auf einmal: Streckt eine Frau ihren Kopf hinter dem Wasserspender hervor.
Ich bin ziemlich irritiert, aber für die Frau scheint es völlig normal zu sein. Sie sieht sportlich aus, ihr T-Shirt ist leicht verschwitzt, vermutlich hat sie gerade gejoggt. Sicher habe ich sie versehentlich aufgescheucht, in ihrem Versteck gar überrascht? Aber so wirkt sie nicht, würdigt die Kamera keines Blickes, und kommt lächelnd auf mich zu. Bevor ich noch ein Wort der Entschuldigung stammeln kann, hat sie mich schon an der Hand genommen und setzt ihr Lauftraining mit mir fort. Es ist mir etwas peinlich, wie leichtfüßig sie dahingleitet, während ich ziemlich untrainiert neben ihr her schnaufe. Zuerst wird sie schneller und schneller und bleibt dann unvermittelt stehen, so dass ich gegen sie pralle und wir beide auf dem Feldweg landen.
Lacht sie mich an oder aus? Jedenfalls scheint es sie köstlich zu amüsieren, sie steht schon wieder und zieht auch mich mit kräftigem Ruck vom Boden hoch. Wie zum Tanz hat sie jetzt beide Hände von mir ergriffen, dreht sich mit mir im Kreis. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht, aber sie lacht nur, strahlt mich an und ich kann gar nicht anders, als mitzumachen und selbst zu lachen. Schneller und schneller und irgendwann verlieren wir die Kontrolle und liegen wieder auf dem Boden. Was für ein Wirbel, während wir uns beide aufrappeln, diesmal braucht sie auch ein bisschen länger, aber wehgetan haben wir uns nicht. Schon läuft sie wie ein munteres Reh wieder den Weg zurück, ich so gut ich kann hinterher.
Ich habe sie eingeholt, bevor sie den Hydranten erreicht, sie passierend strecke ich meinen Arm aus, und zwinge sie, hinter mir zu bleiben. Das lässt sie nicht auf sich sitzen, stoppt wieder unvermittelt und weicht zur Seite aus, wo die rote Zapfstelle aus dem Grün heraussteht. Wir sind von dem überraschenden Sportprogramm beide ein wenig außer Atem, ich lasse mich fallen, wo ich vorhin hinter der Kamera gehockt habe, die immer noch einsam auf ihrem Stativ steht.

