16 Januar 2026

Günter (Das Reiseklavier)

Beim Namen Günter muss ich an eine Geschichte denken, die mir als Student passiert ist. Mit schmalem Budget hatte ich mich in den Semesterferien auf den Weg nach Sardinien gemacht und mit dem Reisebus den Fährhafen erreicht. Es war eine lange Fahrt gewesen, wir waren quer durch Deutschland und Italien gefahren, jetzt in Livorno angekommen und standen recht verkatert am Anleger.

Unser Teamer kam mit den Fährtickets, wir stiegen die Gangway hoch und schleppten Koffer und Rucksack auf Deck. In den Ecken verteilten wir unsere Isomatten und holten notdürftig ein wenig Schlaf nach, den wir im Bus nicht gefunden hatten. Insgesamt herrschte Ruhe, kaum einer hatte Lust auf eine Unterhaltung und das Tuckern des Schiffsdiesels wirkte zusätzlich einschläfernd.

Im Halbschlaf nahm ich das Ablegemanöver wahr, fühlte das leichte Schaukeln des Bootes und die Hafenausfahrt, mit der der Seegang deutlich zunahm. Mehr wie eine Wiege spürte ich die Mischung aus Vibrieren, Stampfen und Rollen, schloss die Augen und wäre vermutlich eingeschlafen, wenn ich nicht plötzlich eine Stimme gehört hätte. "Hallo", weit weg, dann wieder "Hallo, wie geht es dir?"

Ich war ein wenig genervt, wollte ich doch schlafen und hatte kein Interesse an einer Unterhaltung. Trotzdem blinzelte ich durch ein Auge und schaute, wer mich da ansprach. Ein junger Student stand vor mir, strahlte mich an, "Günter" stellte er sich vor und wartete einen Moment, damit ich ihm auch meinen Namen verraten konnte.

"Hallo Günter" murmelte ich, schloss wieder mein Auge und wollte dösen oder schlafen. Aber mein neuer Kamerad ließ nicht locker. Er redete auf mich ein, wollte von mir wissen, woher ich käme, wohin ich wolle und wie lange ich bliebe. Er war schon mehrfach auf Sardinien gewesen und hatte diverse Tipps auf Lager. Aber auch auf der Fähre kannte er sich gut aus. "Die Bar hier oben ist für die Touristen, ein Stock tiefer ist hinten durch die Bar für die Crew. Besser und billiger." 

Ich ließ mich zu einem Cappuccino überreden und wenige Minuten später standen wir an klapprigen Tischen mit dem perfekt zubereiteten Getränk, umringt von laut plappernden Landsleuten. Allmählich wurde ich munter, die Nachwehen der unruhigen Nacht wurde vom Koffein vertrieben. Jetzt nahm ich auch die hübsche Kakaofigur wahr, unfassbar, dass im Bauch einer ölverschmierten Fähre ein Barista für die Gäste sorgte.

Inzwischen war unser Gespräch lebhafter geworden, ich erzählte von meinem Studium, dass ich kurz vor dem Diplom stünde und mich jetzt auf eine Pause von der Lernerei freute. Und erfuhr im Gegenzug, dass Günters Freundin schon auf der Insel war. Sie war eine zierliche Kommilitonen - er zeigte mir stolz ein Foto - die er in der Mensa gesehen und dann in einer Musikband kennengelernt hatte. Überhaupt schien Musik neben seinem Studium ein wichtiges Element in seinem Leben zu sein.

Erst ging ich nicht weiter darauf ein, aber dann wollte ich doch wissen, warum er nicht zusammen mit seiner Freundin gefahren war. Wenn ich vermutet hatte, dass er noch Prüfungen oder ein Praktikum zu bewältigen hätte, so lag ich komplett falsch. "Mein Klavier", war die Antwort. Ich schaute ihn etwas verwundert an, weil ich eine getrennte Anreise nicht mit einem Klavier in Verbindung bringen konnte.

"Ich bin mit meinem Klavier unterwegs." Sicher eine seiner merkwürdigen Geschichten, dachte ich. Aber er machte ein so ernstes Gesicht, dass ich mich fragen musste, ob da nicht irgendwas dran war. "Du hast dein Klavier dabei?" fragte ich ungläubig, "irgendwo hier auf der Fähre steht dein Klavier?" - "Genau. Ich fahre nie ohne mein Klavier in Urlaub. Es ist sozusagen ein Reiseklavier." Ich war immer noch nicht überzeugt und ging eher davon aus, dass er mir gerade einen Bären aufbinden wollte.

Günter (Das Reiseklavier)

Er nahm mich am Arm und zog mich aus der Bar weg, eine Stiege tiefer und noch eine, da wo der Bereich für das Sperrgut begann. Aber in der Sammlung von Containern, Boardcases und Kartons konnte ich kein Klavier entdecken. Nur eine recht sperrige Holzkiste etwa so breit wie ein Klavier und mit diversen Gelenken und Scharnieren ausgestattet. Einige Hebel und Riegel verhinderten, dass sich dieses Paket von alleine entfalten konnte.

"Da drüben" wies mir Günter den Weg und zeigte tatsächlich auf die Holzkiste mit den Scharnieren und der Verriegelung. "Dafür habe ich Maschinenbau studiert", erklärte er mir weiter, "es war immer mein Traum, dass ich mein Klavier dabeihabe. Es begleitet mich sozusagen überall hin." 

"Das ist wirklich dein Klavier?" Ich war fassungslos, "Das muss ja asig schwer sein." - "Nein, das ist eines der Geheimnisse seiner Konstruktion. Ich habe es mit einem Freund so gebaut, dass wir auf die meisten schweren Teile verzichten konnten. Weder hat es einen klassischen Resonanzboden, noch braucht es eine stählerne Platte für seine Saiten. Und durch eine ausgeklügelte Diagonalverleimung ist es auch weitgehend unempfindlich gegen Feuchtigkeit."

Aus seiner Tasche holte einen Schlüssel, steckte ihn in das Schloss des Holzkastens und mit wenigen Handgriffen klappte und schob er die einzelnen Bestandteile so in Form, dass schließlich ein Klavier vor mir stand. Vorsichtig berührte ich den Korpus, klappte die Abdeckung der Klaviatur hoch und spielte behutsam ein paar Töne. Wirklich, man konnte Musik damit machen, und wie ich beim Hochheben feststellte, war es nicht einmal besonders schwer. Ein Reiseklavier eben.

Günter strahlte, ließ mich herumklimpern, spielte dann selbst den Anfang einer Toccata von Bach und klappte das mechanische Wunderwerk zum Schluss wieder zusammen. "Siehst du", ließ er mich wissen, "das ist der Grund, warum ich mit dieser Fähre nachreise. Der normale Reisebus wollte es nicht transportieren, eine Spedition kam für mich nicht in Frage. Aber wie beim Problem mit dem Zusammenklappen habe ich auch hierfür eine Lösung gefunden.

Wir unterhielten uns noch bis zum Anlegen in Olbia, danach habe ich ihn nicht wieder gesehen. Aber es ist mir im Gedächtnis geblieben, wie ein Mensch seine ganze Energie in ein Projekt stecken kann, das für Außenstehende kaum sinnvoll erscheint. Und dabei Lösungen findet, die andere für unmöglich halten. Die ihre Mitmenschen mit ihrer Einzigartigkeit mitnehmen, inspirieren und motivieren.

Das ist es, was ich mit dem Namen Günter verbinde.

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09 Januar 2026

Das Märchen vom armen Parkplatzsünder

Es war einmal ein armer Geselle, der tagein, tagaus seiner beschwerlichen Arbeit nachgehen musste. Von frühem Morgen bis zum späten Abend diente er seinem Herrn mit Fleiß und Ausdauer, und selbst der Samstag brachte ihm keine Ruhe. Nur an wenigen, genau bemessenen Tagen war es ihm erlaubt, daheim zu bleiben und sein Werk von dort zu verrichten, denn das Arbeiten aus dem Hause war bei seinem Dienstherrn nicht wohlgelitten. So blieb ihm nichts anderes, als sich beinahe jeden Morgen in sein Gefährt zu setzen und zum Bahnhof zu fahren, wo er sein Auto zurückließ, um mit dem Zuge weiterzureisen.

Mitunter aber geschah es, dass die Züge nicht fuhren, und dann musste er unverrichteter Dinge zu seinem Wagen zurückkehren, um entweder heimzufahren oder den Weg bis zur Arbeitsstätte selbst zurückzulegen. Doch wenn ihn die Bahn gnädig aufnahm, blieb das Auto auf dem Parkplatz zurück und verlangte nach einem Parkschein, den der Geselle pflichtbewusst am Automaten erwarb.

Das Märchen vom armen Parkplatzsünder
Groß war seine Freude, als eines Tages die neue Zeit Einzug hielt. In der Zeitung las er, man könne den Parkschein nun auch mit einem kleinen Wunderkästchen buchen, das man ein Handy nannte. Am Abend saß er bei Kerzenlicht in seinem bescheidenen Heim und machte sich daran, dieses Kästchen zu bedienen. Viel Mühe kostete es ihn: Er musste einen Store aufsuchen, eine App finden und sie auf sein Gerät laden. Und es dünkte ihn ein Wunder, als ein neues, buntes Icon auf dem Bildschirm erschien.

Am nächsten Morgen machte er sich frohen Mutes auf den Weg zum Bahnhof, fand einen guten Platz fern der Bäume, auf denen die Vögel saßen, und eilte dem Bahnsteig zu. „Vergiss den Parkschein nicht“, sprach er zu sich selbst und zog das Handy hervor. Das neue Zeichen leuchtete ihm entgegen, und als er es berührte, tat sich ein weiterer Bildschirm auf.
Doch weh! Nirgends fand sich ein Parkschein. Bestürzt steckte er das Gerät wieder fort, eilte zum Automaten und kaufte, wie eh und je, einen Papierschein, den er hinter die Scheibe legte. Nun war sein Herz wieder leicht, und auch dass der Zug ohne ihn davongefahren war und er in der Kälte warten musste, nahm er ohne Klage hin.

Am Abend setzte er sich erneut an den Küchentisch und versuchte sich wieder an der App. Zwar war ihm all dies fremd, doch mit Geduld brachte er es so weit, ein Konto anzulegen. Zweifel kamen ihm, ob dies wohl rechtens sei, doch es geschah ihm kein Leid.
Auch am folgenden Morgen schien alles wohlbestellt. Er war früh aufgebrochen und fühlte sich gerüstet. Als er die App öffnete, flüsterte es ihm gleichsam entgegen: „Hier bin ich.“ Sie kannte nun seinen Namen, und er staunte über dieses neue Helferlein.

Doch abermals: kein Parkschein. „Nicht schlimm“, sprach er tapfer, kaufte wieder einen Papierschein und legte ihn sichtbar aus. Er war vorbereitet, hatte Kleingeld bei sich und Zeit gewonnen.
Zufrieden erreichte er den Zug und freute sich über seinen schönen Parkplatz. Am Abend setzte er sich wieder bei Kerzenlicht an den Tisch und kämpfte weiter mit der App. Er irrte durch Menüs, las Datenschutzerklärungen und lange Geschäftsbedingungen, bis er sie mit einem Häkchen besiegeln musste. Da fürchtete er einen Augenblick, er habe mit unsichtbarer Tinte unterschrieben und dem Teufel die Hand gereicht.
Doch nichts geschah. Kein Geist sprach, kein Schmerz befiel ihn. Und da entdeckte er einen Knopf, unter dem er ein Auto einrichten sollte. Er lächelte, denn in Gedanken erschuf er sich ein prächtiges Gefährt, größer und mächtiger als alle, die er je gesehen hatte.

Es waren böse Geister, die ihn auch in den nächsten Tagen noch mit allerlei Aufträgen piesackten. Mal verlangten sie eine Autonummer, dann musste er ein Parkareal suchen und dieses in der App hinterlegen. Er schwankte zwischen Verzweiflung und wilder Entschlossenheit, die Sache nach all den Widrigkeiten nun doch zu Ende zu bringen. Als gefeierter Held sah er sich schon, ein Foto in der Zeitung mit seinem Namen darunter und einem feierlichen Text, wie er sich in großer Tapferkeit und Ausdauer über die App erhoben hatte, sie in die Knie gezwungen und den Versuchungen der App-in-Käufe wiedersagt hatte.

Wahrlich war es ein Kampf, und wenn auch ein paar Abende verloren waren, ein paar Züge ohne ihn gefahren und der fröhliche Zeitungsartikel mit der App-Ankündigung mittlerweile zerfetzt in der Ecke lag: Mit erhobener Brust erhielt er seinen ersten elektronischen Parkschein. Wie konnte er sich freuen, warf voller Freude sein Kleingeld auf den Beifahrersitz und stolzierte zum Bahnsteig. Jeder, so dachte er, müsse ihm dieses Meisterstück ansehen, ihn auf seine Leistung ansprechen. Aber tatsächlich gähnten die Mitreisenden wie jeden Morgen und beachteten ihn nicht weiter.
Am Abend saß er ratlos am Tisch, da ihm plötzlich Zeit geblieben war. Erst da merkte er, wie sehr ihn das kleine Kästchen in Beschlag genommen hatte.

Hätte die Geschichte nicht an dieser Stelle ihr Ende finden können? War nicht seine Heldenfahrt vollbracht, sein Kampf bestanden, und war er nicht als Sieger daraus hervorgegangen? Wohl hätte man nun eine Moral daraus ziehen mögen, wie der einfache Mann mit Geduld und Beharrlichkeit die Tücken der neuen Zeit bezwungen hatte, und wie Klugheit und Ausdauer selbst die listigsten Wunderwerke gefügig machen können.

Doch ach, das Schicksal liebt es, den Menschen in falscher Sicherheit zu wiegen. Kaum hatte sich sein Herz beruhigt und der Alltag wieder in ruhigen Bahnen gefunden, da erreichte ihn ein Schreiben mit amtlichem Siegel. Darin ward ihm kundgetan, er habe am Bahnhof ohne gültigen Parkschein gestanden und sich damit eines Vergehens schuldig gemacht. Da sank ihm der Mut. Ein wenig weinte er, dann überkam ihn Zorn, dann wieder tiefe Traurigkeit, und lange saß er grübelnd da und wusste keinen Rat.

In seiner Not griff er zum Hörer und rief im Ordnungsamt an. Mit leiser Stimme frug er nach dem zuständigen Beamten und beteuerte, so wahr ihm Gott helfe, seine Unschuld. Wie zuvor die Technik ihm kalt und ohne Erbarmen begegnet war, so fand er nun auch beim Menschen kein offenes Ohr. Worte prallten ab wie Regen an Stein, und jede Erklärung verhallte ungehört.
Dennoch gab er die Hoffnung nicht sogleich auf. Er sammelte Unterlagen, legte Belege vor, schrieb demütige Briefe und bat um Milde und Einsicht, auf dass man erkenne, das Vergehen sei nicht aus Bosheit oder Sparsamkeit geboren, sondern aus den Tücken der Technik. Doch wer klein ist, widerspricht nicht leicht, wenn die Obrigkeit spricht und ihre Beweise für unerschütterlich hält.

So kam es denn, dass unser kleiner Freund sich am Ende beugen musste. Der Beamte trug ihm die Entscheidung noch einmal vor, in wohlgesetzten Worten, mit dem gewichtigen Hinweis, es lägen „keine plausiblen Rechtfertigungs- und Schuldausschließungsgründe“ vor. Da wurde dem Gesellen schwer ums Herz, zumal er im Schreiben als Täter benannt ward, gegen den ein Verfahren anhängig sei, das aus Gründen der Gleichbehandlung nicht eingestellt werden könne.

Und also schließt sich das Märchen mit der bitteren Erkenntnis, dass man wohl über Maschinen und ihre Zauberkunst triumphieren kann, gegen die starre Hand eines uneinsichtigen Beamten jedoch zumeist machtlos bleibt.

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26 Dezember 2025

Weihnachten 2025: Die Frohe Botschaft in the Ghetto

Das ist also Weihnachten. Ich sitze in der Kirche, höre die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium.

„Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Später geht ein Engel auf die Hirten im Feld zu und:
 „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren“ heißt es da.

Ich stutze, ist doch die Kernbotschaft die Verbindung der Geburt mit der Freude. Und ich denke an Elvis Presley:

Weihnachten 2025
„On a cold and gray Chicago mornin'
A poor little baby child is born
In the ghetto
And his mama cries
'Cause if there's one thing that she don't need
It is another hungry mouth to feed“

Arme Verhältnisse, vielleicht in beiden Fällen nicht unbedingt zu ermitteln, wer der Vater ist. Und doch ist das Kind im einen Fall ein Heiland, im anderen Fall ein bedauernswerter Mensch, der in die schiefe Bahn geboren wird.

Die Geburt also als gemeinsame Startposition, doch schon gibt es die erste Weggabelung. Stolze Maria mit ihrem Josef oder aus Verzweiflung weinende Mutter. Himmlische Engel, lobpreisende Hirten oder Ghetto.

Und das ist ja nur die erste Momentaufnahme. Wie geht es dann weiter, das Umfeld und die Erziehung. Behütetes Heranwachsen oder aus purer Not heraus der Zwang zu Diebstahl und Kampf. Ein Weg zu Gottesnähe („Gottes Sohn“) oder Gottesferne.

An dieser Stelle wird es dann spannend, kommt die biblische Botschaft zum Tragen. Wie können wir die Entwicklung eines Menschenkindes begleiten, sind wir in Bethlehem oder in Chicago. Aber auch wir selbst, längst keine Kinder mehr: Wie eifern wir dem nach, der am Anfang schuf, ein aktives Leben.

Meine Gedanken kommen zurück in die Kirche, die Predigt beschäftigt sich nach den Worten eines Propheten aus einem anderen Blickwinkel mit der Weihnachtsgeschichte. Aber mir will die weinende Mutter mit ihrem verzweifelten jungen Sohn nicht aus dem Kopf, wie er auf der Straße liegt und stirbt.

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19 Dezember 2025

Eckhard ruft an: Hotline-Bestellung

"Herzzzlich willkommen" begrüßt mich eine sonore Männerstimme. Es klingt so herzlich, dass ich mich frage, wieviele Herzen dieser sympathische Mann haben muss, um sie an immer neu anrufende Menschen zu verteilen. Wir, die Gemeinschaft der Hilfesuchenden, Ratschlagbedürftigen, Dahinkümmernden, brauchen erst mal diesen einfühlsamen Empfang.

"Bitte beachten Sie, dass einzelne Gespräche zu Trainings- und Schulungszwecken aufgezeichnet werden..." und so weiter. Ich kann den Text schon von zahllosen Anrufen in den letzten Jahren bei diversen Callcentern mitsprechen, mir ist unklar, wer hier trainiert und geschult wird, die Mitarbeiter der Hotline können es jedenfalls nicht sein.

Dann kommt der Belehrungstext zum Datenschutz, ein Hinweis auf die Internetseite und endlich: "Derzeit befinden sich alle unsere Mitarbeiter im Gespräch, bitte haben Sie noch einen Moment Geduld."
Hotline-Bestellung

Knapp eine halbe Stunde meiner Geduld später, rund sechzig eindringliche Hinweise auf die hilfreichen Texte im Internet und die Empfehlung, zu einer späteren Zeit noch einmal anzurufen ist es so weit. Die Wartemusik endet. Ich schöpfe Hoffnung, die Ruhe von der Jazzmusik ist fast unheimlich, ganz sicher erklingt gleich eine Fanfare, die den herannahenden Held ankündigt, der mich aus meiner Lage befreit.

Statt der Fanfare setzt wieder eine neue Wartemusik ein, eine freundliche Frauenstimme verrät mir, dass der nächste freie Mitarbeiter sich gleich persönlich um mich kümmern wird. Ich befinde mich in der Warteschlange auf Position neun. Hurra, ich habe bereits die erste Stufe genommen, bin in den Kreis der Auserwählten aufgenommen worden und bereite mich nun auf die Himmelspforte des modernsten Gerichts vor.

Niemand erzählt mir mehr, dass ich viele meiner Fragen auch in der informativ gestalteten Internetseite beantwortet finde, dafür wird die Musik immer wieder von der Statusmeldung meiner Warteposition unterbrochen. Am Postschalter meiner Kindheit hat man einfach nach vorne geschaut, konnte dabei zusehen, wie der Beamte sich abwechselnd aus dem Stempelrondell und dem Vorrat an Formblättern bediente.

Platz eins erreicht, in meinem Kopf ein Trommelwirbel, Tusch. Es dauert noch einen Moment, dann ist die Musik weg, es rumpelt in meinem Hörer und eine Frauenstimme meldet sich. Sie begrüßt mich und sagt ihren Namen, der so klingt, als ob jemand beim Scrabble eine Handvoll Buchstaben auf den Tisch geworfen, vorher aber alle Vokale aussortiert hat. In gebrochenem Deutsch fragt sie nach meinem Anliegen.

"Zuerst einmal möchte ich mich bedanken." - Die Frau ist kurz irritiert, freut sich über den Einstieg und wartet auf weitere Informationen von mir. Nach einer Weile des gegenseitigen Anschweigens will sie von mir wissen, was sie für mich tun kann. "Können Sie bitte erst mal meinen Dank zu Protokoll nehmen, ich weiß ja nicht, ob dieser Anruf zu Trainings- und Schulungszwecken aufgenommen wird, da möchte ich sicherstellen, dass nichts verloren geht."

"Möchten Sie etwas bestellen oder haben Sie Fragen zu einem Artikel? Oder ist irgendetwas nicht bei Ihnen angekommen und Sie wünschen eine Nachforschung?" Sie spult ihr Repertoir ab, bietet mir das an, was sie beim Einstiegskurs Kundencenter für Hotline-Mitarbeiter gelernt hat.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich einen schäbigen Klassenraum irgendwo in einem fernen Ausland, da sitzt ein Dutzend junger Frauen und Männer, qualifiziert durch ihre Sprachkenntnisse Deutsch Level A. Vor ihnen läuft ein smarter junger Mann herum, übt mit ihnen die richtige Anrede, die wichtigsten Fragen mit Antworten und das Verhalten im Brandfall.

"Nun, bestellt habe ich noch nichts, mein Kundenerlebnis war aber auch so schon mal sehr erhebend. Ich wurde liebevoll begrüßt, habe mir ohne Kosten eine dreiviertel Stunde wundervolle Musik angehört und nun bin ich dem Himmel so nah, wo ich mit Ihnen reden darf. Nirgendwo sonst, schon gar nicht in irgendeinem normalen Laden, käme ich in diesen Genuss.

Darf ich Sie zu Ihren Vorlieben befragen? Welchen Artikel würden Sie sofort kaufen, wenn Ihnen jemand das Geld dafür gibt? Vielleicht eine persönliche Empfehlung, ein Bestseller, ein kleines Geheimnis. Sie können es mir ruhig verraten, wir sind ja hier unter uns."

"Ich verstehe Sie nicht", meine ich aus den Lauten zu interpretieren, die von der anderen Seite der Telefonleitung mit starkem Akzent (ist er nun bulgarisch oder serbisch?) zu mir herüberdringt. "So gerne würde ich Ihre Empathie bemühen, wenn die Chemie stimmt auch eine Bestellung tätigen. Wissen Sie, meine Frau ist drei Jahre jünger als ich, vielleicht ist das eine Information, die Sie zu meiner Beratung brauchen."

Es knirscht und rumpelt in meinem Hörer, aber die Verbindung hält, einen Moment hatte ich schon Bedenken, dass sich unsere kurze Liaison in Luft auflöst, bevor sie richtig begonnen hat. Eine leichte Ungeduld meine ich herauszuhören als sie sagt: "Möchten Sie nun etwas bestellen?", aber ich habe gelernt, dass man bei Hotlines niemals das Wort Ja aussprechen darf. Das wird dann von irgendwelchen Robotern aus der Telefonaufzeichnung herausgeschnitten und als meine Antwort hinter irgendeine prekäre Frage montiert.

"Sehr wahrscheinlich", weiche ich aus, "wir waren ja bei der Frage, ob Sie Vorlieben haben und sich in meine Lage versetzen können. Was darf ich Ihnen denn noch erzählen, damit Sie mit der Sprache herausrücken? Vielleicht, dass mein Hund Lasso heißt, den habe ich so getauft, weil er mich an Lassie erinnert, kennen Sie die Serie von damals?"

Wieder kurzes Schweigen, das mag an der Sprachbarriere liegen, an ihrer Hilflosigkeit bezüglich der Situation oder daran, dass sie über eine geschickte Antwort nachdenkt. "Ich kann Ihnen einen Artikel auf der Basis anderer Kundenbewertungen heraussuchen, aber Sie müssen mir schon sagen, welches Produkt es überhaupt sein soll."

"Sehen Sie, genau da sind wir beim Kern des Problems. Ich weiß nämlich noch gar nicht, was ich kaufen soll. Irgendwas für Nikolaus, vielleicht auch für Weihnachten, ach und zwischendurch ist noch Hochzeitstag. Hatte ich das schon erwähnt? Wir sind jetzt 28 Jahre verheiratet, meine Frau und ich. Eine schöne Beziehung, immer noch sehr liebevoll, das ist doch auch ein guter Anlass für ein Geschenk."

Schnaufen, knacken in der Leitung. Ich schaue auf die Uhr, wir haben jetzt eine Weile miteinander gesprochen, sicher ist der Stau der Warteschlange mittlerweile ins Unermessliche gewachsen. Aber ich habe kein schlechtes Gewissen, rund 45 Minuten meines Lebens habe ich selbst in erzwungener Vorfreude verharren müssen.

"Eine vergoldete Halskette, 45 cm Länge, Herzanhänger, gegen Aufpreis mit Initialen und einem Datum, Lieferzeit etwa 8 Werktage, hochwertige Qualität, Kundenbewertung 4,2. Der Basispreis ist 199,95 Euro." - "Mutig", lobe ich meine Gesprächspartnerin, "aber meine Frau mag keinen Goldschmuck und sie ist auch nicht so der kitschige Typ mit Herzchen und so. Dann doch besser etwas, was sie mit unserem Hund machen kann. Sie erinnern sich an Lasso?"

"Ich habe für Sie in der Rubrik Hundespielzeug geschaut. Und dort..." - "Nein", falle ich ihr ins Wort, "das Geschenk soll ja nicht für den Hund sein, sondern für meine Freundin." Wieder eine kurze Pause. Überlegt sie, wie sie vom Hundespielzeug zu einem Frauenartikel kommt oder fragt sie sich, ob Frau oder Freundin.

"Ein schicker Lederrucksack, naturbraun, Außenfach für Futterbox, Tränke und Leckerli. Innen mit Dreckfach für matschige Schuhe, Laufleine und Hundedecke. Optional mit weiteren Außenfächern für Trinkflasche und Gymnastikmatte. Der Basispreis liegt bei 115,29 Euro, Kundenbewertung 4,6. Besonders gelobt wird die gute Verarbeitungsqualität."

"Nun gut", sage ich, um wieder das Wort "ja" zu vermeiden, "das hört sich schon recht gut an, vielleicht können Sie mir noch Maße, Gewicht, alternative Farben und Rückgabemöglichkeit nennen." Jetzt ist sie offensichtlich wieder in ihrem gewohnten Modus, in ihrer Komfortzone sozusagen. Sie spult die gewünschten Informationen herunter, kann auch etwas zur Lieferzeit sagen und erläutert bereitwillig Aufpreise und Abschläge.

"Oh", sage ich unvermittelt zu ihr, "da habe ich doch glatt einen Termin übersehen. Haben Sie Dank für das nette Gespräch, der Rucksack ist zwar nicht das, was ich mir vorgestellt habe, aber der Vorschlag geht in die richtige Richtung. Wenn wir das nächste Mal telefonieren, können wir an der Stelle aufsetzen und bei Fahrradzubehör für meine Tochter suchen. Die fährt ja manchmal mit dem Hund durch die Gegend oder macht einen Ausflug mit meiner Frau. Oder wie wäre es mit einer kabellosen Ladestation für mein Handy, wenn ich im Auto sitze? Wie gesagt, das bekommen wir jetzt nicht mehr besprochen, ich rufe einfach noch einmal an."

Ist es Erleichterung oder Enttäuschung, die ich jetzt höre? Tiefes Einatmen, knacken in der Leitung. "Sie bestellen jetzt nichts?" Kurze Pause, ein unverständlicher Laut, so etwas wie ein Gurgeln, aber vielleicht ist es auch eine Formulierung in ihrer Muttersprache. Und dann "Das macht nichts." Tröstet sie gerade sich selbst oder mich? "Rufen Sie gerne wieder an. Einen schönen Tag noch."

"Einen schönen Tag", sage ich, "und noch viele geduldige Kunden wie mich, die nach der musikalischen Ouvertüre zum ersten Sonatensatz der Exposition vordringen, den ich 'Empfang bei den himmlischen Heerscharen' nennen möchte. Kennen Sie die Formen des Sonatenhauptsatzes?"

Knacken und anschließendes Piepen überzeugen mich davon, dass diese wichtigen Informationen zumindest heute nicht mehr auf offene Ohren treffen werden. Oder sollte ich vielleicht doch die Wahlwiederholungstaste drücken?

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05 Dezember 2025

Das war gar nicht Sabine

Mir gegenüber die junge Frau, Schal bis über die Ohren hochgezogen, die Haare recht eigenwillig, ein wenig zerzaust. Darunter ein zartes Gesicht, kaum Makeup; kein Nagellack, naturschön eben. Sie erinnert mich an meine Bekanntschaft Sabine aus der Studentenzeit und mir wird warm ums Herz. Nicht, dass sie so schön wäre, auch nicht, dass ich damals etwas für Sabine empfunden hätte. Es ist viel mehr die Verbindung zu einer Zeit, einer Lebensphase, dem Gefühl von damals.

Das war gar nicht Sabine
In den letzten Tagen erlebe ich das immer mal wieder, freue mich mal über eine Szene, einen Geruch manchmal, eine bestimmte Musik. Was ich dann unbewusst in den Kontext irgendeiner Erfahrung oder Erinnerung gestellt bekomme.

Wie Pizza: Manchmal ist es weniger der besondere Gaumenschmaus, vielmehr irgendetwas zwischen Lebensgefühl, dolce vita, Urlaub, schönen Stunden, Rotwein und Entspannung im Trubel eines italienischen Restaurants.

Der Frühling, das aufknospende Grün. Das ist nicht einfach nur schön, es ist die Aussicht auf den Sommer, auf das beginnende Vegetationsjahr, auf Saft und Wachstum. So wie wir staunend vor Kindern stehen, ihnen beim Wachsen zuschauen und uns fragen, ob wir jemals auch so klein waren. Und sie trotz ihrer Unbeholfenheit um diese Lebensphase beneiden.

Da bleibt gar nicht so viel Platz für Faktenwissen übrig, ist das Leben doch deutlich stärker geprägt von Gefühlen. Vielleicht Lust, vielleicht Schmerz, aber selbst sehr nüchterne Menschen verbinden Szenen mit Eindrücken wie Wärme, Kälte und Gerüchen, Enge oder Lichtverhältnissen. Und die kommen wieder, rufen Erinnerungen hervor.

Die junge Frau steht auf, bereitet wohl vor, an der nächsten Haltestelle auszusteigen. Nein, mache ich mir klar, sie sieht nicht aus wie Sabine, hat auch nicht ganz ihre etwas mürrische Art, aber die Haare waren einen Moment lang die Brücke in meine Studentenzeit.

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28 November 2025

Wir verändern uns

"Ist dir das auch aufgefallen", will meine Frau wissen, "wie Lars sich über seine Nachbarn aufgeregt hat? Er war doch früher viel ruhiger, nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Oder habe ich das nie bemerkt?" Ich denke einen Moment nach, wir haben Lars und seine Partnerin in den letzten Jahren nur noch sporadisch gesehen, alte Bekannte aus einer andere Ära. Sie waren immer lustige Zeitgenossen, wir haben uns gerne getroffen, berufliche Umzüge haben uns getrennt.

"Ein bisschen davon hatte er damals auch schon. Weißt du noch, wie er sich mit Petra über Teesorten gestritten hat oder seine Unzufriedenheit mit der ersten Stelle. Aber es war kein abendfüllendes Programm, danach haben wir dann irgendwelche mehr oder weniger interessanten Geschichten ausgetauscht. Es gab mehr Themen oder vielleicht auch nicht, aber es war nicht alles so schwierig."

Wir verändern uns

Kurze Pause, wir schauen aus dem Fenster, wo es inzwischen dunkler wird, ein paar erste Schneeflocken hellen den Himmel und die Straße vor dem Haus ein wenig auf. "Ja", sagt meine Frau, "ja, es ist schwieriger geworden. Als ob das Leben mehr Mühe macht, alles anstrengend ist, überall Widerstände und Feinde lauern. Petra ist total lieb und ich mag ihre Art, wie sie alles so schön dekoriert. Da stecken viele Überlegungen drin, mag sein, dass es mehr sind als früher und deshalb schon das Tischdecken mehr Arbeit für sie ist als früher."

"Die Sorgfalt ist schon klasse, andererseits kann sie doch einfach ein paar Teller und das Besteck auf den Tisch legen, ohne an Feng Shui zu denken, die Mondphase zu berücksichtigen und den Tisch in eine bestimmte Himmelsrichtung zu drehen. Da geht natürlich jede Spontanität verloren, ist selbst der Kleinkram des Alltags ein riesiger Klotz und gar kein Raum für wichtigere Dinge."

"Petra war schon immer so. Ich erinnere mich an die Räucherkerzen, die sie bei ihrer Geburtstagsparty ausgeteilt hat und jeder musste begründen, warum er welchen Duft ausgesucht hatte. Und ich glaube, dass sie nur uns gegenüber ihre esoterischen Aktionen heruntergespielt hat, weil sie unsere kritische Meinung dazu kennt." Es stimmt schon, dass sie sich gar nicht so sehr verändert hat, das Verhalten ist nur sichtbarer, keine Hemmung mehr. Ganz im Gegenteil ein gewisser Stolz auf den eigenen Charakter, das Besondere und vielleicht sogar ein wenig Sendungsbewusstsein, weil sie den richtigen Weg gefunden hat.

"Und Lars" will ich wissen, "diese langgezogenen Vorträge über die Ungerechtigkeit der Welt, die Missstände im Gesundheitswesen, die Teuerung... kurz: Jammern und Rückblick in eine Zeit, in der nach seiner Darstellung vieles besser war. Haben wir ihn so kennengelernt?" Das war auf der Party einer gemeinsamen Bekannten gewesen, der Alkohol floss in Strömen, ein Freund hatte seine Plattensammlung mitgebracht und spielte alles Tanzbare rauf und runter. Wir waren auf der Tanzfläche, bis wir die Musik leiser machen mussten, sprangen mal zu zweit, mal zu dritt oder viert zu den Rhythmen und teilten unsere Freude an der Bewegung. Da war nichts schwierig, weder das Tanzen, noch was die anderen davon hielten, noch ob es körperlich anstrengte.

"Wir verändern uns" sagt meine Frau. "Wir werden älter, wir werden starrer, wir hören nicht mehr zu, kennen nur unsere eigene Meinung. Von der sind wir überzeugt, weil wir lange darüber nachgedacht haben, sie muss ja richtig sein. Nicht nur für uns, auch für die anderen. Der Spielraum wird immer enger, mit jedem Lebensjahr kommen Erfahrungen dazu, die uns immer sturer machen."

In Gedanken sehe ich Lars und Petra, wie sie immer mehr versteinern, sie haben immer noch einen attraktiven Körper und junge Gesichtszüge. Aber wie eingefroren werden die Bewegungen immer langsamer, von innen heraus scheint der Stoffwechsel zum Erliegen zu kommen. Ja, Stoffwechsel, das ist ein schönes Wort in diesem Zusammenhang. Gelingt es mir eigentlich noch auch in einem gewissen Alter den Stoff zu wechseln, den Kreislauf anzukurbeln, für Austausch zu sorgen? Oder gehe ich in einen Zustand wie eine Mumie über?

Meine Frau setzt nach: "Glaubst du, die beiden merken, dass sie älter werden und dabei ihre jugendliche Frische verlieren?" - "Keine Ahnung" sage ich, "der Prozess ist jedenfalls nicht verhindern, allein durch unsere täglichen Erfahrungen häufen wir immer mehr Sachen an. Und natürlich neigt man auch dazu, die Beobachtungen besonders hoch zu bewerten, die die eigene Meinung bestätigen. Es wird also immer krasser. Und dann kommt noch das Sendungsbewusstsein dazu, die Belehrung der Mitmenschen, die es alle falsch machen. So wie Lars nicht einfach mit einem coolen Spruch über die Szene mit der Nachbarin lachen kann, sondern uns erzählen muss, dass sie was falsch gemacht hat."

"Machst du auch", sagt meine Frau, "wir sollten einfach wieder mehr Energie hineinstecken über Dinge zu lachen als uns darüber aufzuregen." - "Wenn das so einfach wäre. Aber irgendwie hast du Recht, oder zumindest ist es ein entscheidender Punkt, der die Alterung im Kopf begleitet. Nicht nur, dass man eine zunehmend klare Meinung zu irgendeinem Thema hat - das lässt sich nicht aufhalten und ist eigentlich noch nicht mal schlecht. Aber daran zu hängen, diese Meinung durchzudrücken statt auch mal souverän andere Sicht zuzulassen, das ist stur oder dogmatisch."

Draußen ist jetzt endgültig dunkel, der Schneefall hat wieder aufgehört, nur auf ein paar Büschen sind weiße Spitzen zu sehen, hier und da auch auf der Straße. "Was machen wir jetzt daraus?" will ich wissen. - "Na, zweierlei. Einerseits lachen, beim nächsten Mal mit Lars und Petra ein paar lustige Impulse setzen. Sie ein wenig abholen, so wie man mit depressiven Menschen umgeht. Und andererseits immer wieder kritisch auf sich selber achten, ob man nur charakterstärker wird oder schlicht altersstarrsinnig."

"So machen wir das" stimme ich zu, und: "Was haben wir eigentlich heute Abend vor?"

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21 November 2025

Eure Gespräche sind wie ein schlechter Geruch

Im Nachbarabteil in der Bahn sitzen vier Lehrerinnen. Sie unterhalten sich die ganze Fahrt über ihren Beruf, die Schüler, die Kollegen. An nichts und niemand können sie ein gutes Haar lassen. Giftig wird das Schulamt kommentiert, jede Fachkompetenz in Frage gestellt und deren Entscheidungen als praxisfern gesehen. Die Eltern sind natürlich auch nur lästiges Beiwerk, Störfaktoren auf dem Weg, aus den Kindern einigermaßen erfolgreiche Menschen zu machen.

Alle nicht anwesenden Kollegen muss man ohnehin kritisch sehen, wer nur mit Sport und Geschichte herummacht, ist definitiv nicht Ernst zu nehmen. Und warum die Gehälter gleich sind, sollte auch noch mal bei der Leitung angesprochen werden, da ist eine Umverteilung der Arbeitskreise und Angebote am Nachmittag überfällig.

Ohne Zweifel muss man auch noch mal beleuchten, warum die Larissa so gut in Englisch ist, ob sie in diesem Fach wirklich eine Stärke hat, wo sie in den anderen Fächern doch eher schlecht dasteht, oder ob sie ihrem Klassenlehrer schöne Augen macht. Er soll ja auch früher schon mal was am Laufen gehabt haben, das ist ja nie rausgekommen, aber man könnte es sich schon vorstellen.

Eure Gespräche sind wie ein schlechter Geruch
Weiter geht es mit dem Zerfleischen von Familie Weber, der Unzufriedenheit über die technische Ausstattung, die Sauberkeit des Lehrerzimmers, die mangelhafte Größe der Schließfächer und die Verteilung von Vertretungsstunden. Wo ja auch die Kollegin Saurer immer wieder die Morgenstunden bei den Kleinen bekommt, während man selbst die unbeliebten Nachmittage bei den Pubertierenden abkriegt.

Es wird gemault, gemäkelt, kritisiert, gelästert was das Zeug hält. Für auch nur Andeutungen positiver Aspekte scheint kein Platz zu sein, wenn doch mal ein Statement nicht garstig genug ist, legt schnell eine der anderen noch mal nach. Wie ein Hexenkessel, unter den ständig noch mal Brennholz geschoben wird und in dem die armen Seelen gegart werden, die diesen unsäglichen Gestalten aus irgendeinem Grund zu nahe gekommen sind.

Ich fühle, wie ich immer weiter in meinem Sitz versinke, will es nicht mehr hören, zwar werde ich nicht angesteckt, aber meine Stimmung sinkt langsam ab. Wie ein schlechter Geruch hängt die Mäkelei im Abteil, verbreitet sich und bleibt auch noch in der Luft, nachdem das Quartett ausgestiegen ist.

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