28 November 2025

Wir verändern uns

"Ist dir das auch aufgefallen", will meine Frau wissen, "wie Lars sich über seine Nachbarn aufgeregt hat? Er war doch früher viel ruhiger, nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Oder habe ich das nie bemerkt?" Ich denke einen Moment nach, wir haben Lars und seine Partnerin in den letzten Jahren nur noch sporadisch gesehen, alte Bekannte aus einer andere Ära. Sie waren immer lustige Zeitgenossen, wir haben uns gerne getroffen, berufliche Umzüge haben uns getrennt.

"Ein bisschen davon hatte er damals auch schon. Weißt du noch, wie er sich mit Petra über Teesorten gestritten hat oder seine Unzufriedenheit mit der ersten Stelle. Aber es war kein abendfüllendes Programm, danach haben wir dann irgendwelche mehr oder weniger interessanten Geschichten ausgetauscht. Es gab mehr Themen oder vielleicht auch nicht, aber es war nicht alles so schwierig."

Wir verändern uns

Kurze Pause, wir schauen aus dem Fenster, wo es inzwischen dunkler wird, ein paar erste Schneeflocken hellen den Himmel und die Straße vor dem Haus ein wenig auf. "Ja", sagt meine Frau, "ja, es ist schwieriger geworden. Als ob das Leben mehr Mühe macht, alles anstrengend ist, überall Widerstände und Feinde lauern. Petra ist total lieb und ich mag ihre Art, wie sie alles so schön dekoriert. Da stecken viele Überlegungen drin, mag sein, dass es mehr sind als früher und deshalb schon das Tischdecken mehr Arbeit für sie ist als früher."

"Die Sorgfalt ist schon klasse, andererseits kann sie doch einfach ein paar Teller und das Besteck auf den Tisch legen, ohne an Feng Shui zu denken, die Mondphase zu berücksichtigen und den Tisch in eine bestimmte Himmelsrichtung zu drehen. Da geht natürlich jede Spontanität verloren, ist selbst der Kleinkram des Alltags ein riesiger Klotz und gar kein Raum für wichtigere Dinge."

"Petra war schon immer so. Ich erinnere mich an die Räucherkerzen, die sie bei ihrer Geburtstagsparty ausgeteilt hat und jeder musste begründen, warum er welchen Duft ausgesucht hatte. Und ich glaube, dass sie nur uns gegenüber ihre esoterischen Aktionen heruntergespielt hat, weil sie unsere kritische Meinung dazu kennt." Es stimmt schon, dass sie sich gar nicht so sehr verändert hat, das Verhalten ist nur sichtbarer, keine Hemmung mehr. Ganz im Gegenteil ein gewisser Stolz auf den eigenen Charakter, das Besondere und vielleicht sogar ein wenig Sendungsbewusstsein, weil sie den richtigen Weg gefunden hat.

"Und Lars" will ich wissen, "diese langgezogenen Vorträge über die Ungerechtigkeit der Welt, die Missstände im Gesundheitswesen, die Teuerung... kurz: Jammern und Rückblick in eine Zeit, in der nach seiner Darstellung vieles besser war. Haben wir ihn so kennengelernt?" Das war auf der Party einer gemeinsamen Bekannten gewesen, der Alkohol floss in Strömen, ein Freund hatte seine Plattensammlung mitgebracht und spielte alles Tanzbare rauf und runter. Wir waren auf der Tanzfläche, bis wir die Musik leiser machen mussten, sprangen mal zu zweit, mal zu dritt oder viert zu den Rhythmen und teilten unsere Freude an der Bewegung. Da war nichts schwierig, weder das Tanzen, noch was die anderen davon hielten, noch ob es körperlich anstrengte.

"Wir verändern uns" sagt meine Frau. "Wir werden älter, wir werden starrer, wir hören nicht mehr zu, kennen nur unsere eigene Meinung. Von der sind wir überzeugt, weil wir lange darüber nachgedacht haben, sie muss ja richtig sein. Nicht nur für uns, auch für die anderen. Der Spielraum wird immer enger, mit jedem Lebensjahr kommen Erfahrungen dazu, die uns immer sturer machen."

In Gedanken sehe ich Lars und Petra, wie sie immer mehr versteinern, sie haben immer noch einen attraktiven Körper und junge Gesichtszüge. Aber wie eingefroren werden die Bewegungen immer langsamer, von innen heraus scheint der Stoffwechsel zum Erliegen zu kommen. Ja, Stoffwechsel, das ist ein schönes Wort in diesem Zusammenhang. Gelingt es mir eigentlich noch auch in einem gewissen Alter den Stoff zu wechseln, den Kreislauf anzukurbeln, für Austausch zu sorgen? Oder gehe ich in einen Zustand wie eine Mumie über?

Meine Frau setzt nach: "Glaubst du, die beiden merken, dass sie älter werden und dabei ihre jugendliche Frische verlieren?" - "Keine Ahnung" sage ich, "der Prozess ist jedenfalls nicht verhindern, allein durch unsere täglichen Erfahrungen häufen wir immer mehr Sachen an. Und natürlich neigt man auch dazu, die Beobachtungen besonders hoch zu bewerten, die die eigene Meinung bestätigen. Es wird also immer krasser. Und dann kommt noch das Sendungsbewusstsein dazu, die Belehrung der Mitmenschen, die es alle falsch machen. So wie Lars nicht einfach mit einem coolen Spruch über die Szene mit der Nachbarin lachen kann, sondern uns erzählen muss, dass sie was falsch gemacht hat."

"Machst du auch", sagt meine Frau, "wir sollten einfach wieder mehr Energie hineinstecken über Dinge zu lachen als uns darüber aufzuregen." - "Wenn das so einfach wäre. Aber irgendwie hast du Recht, oder zumindest ist es ein entscheidender Punkt, der die Alterung im Kopf begleitet. Nicht nur, dass man eine zunehmend klare Meinung zu irgendeinem Thema hat - das lässt sich nicht aufhalten und ist eigentlich noch nicht mal schlecht. Aber daran zu hängen, diese Meinung durchzudrücken statt auch mal souverän andere Sicht zuzulassen, das ist stur oder dogmatisch."

Draußen ist jetzt endgültig dunkel, der Schneefall hat wieder aufgehört, nur auf ein paar Büschen sind weiße Spitzen zu sehen, hier und da auch auf der Straße. "Was machen wir jetzt daraus?" will ich wissen. - "Na, zweierlei. Einerseits lachen, beim nächsten Mal mit Lars und Petra ein paar lustige Impulse setzen. Sie ein wenig abholen, so wie man mit depressiven Menschen umgeht. Und andererseits immer wieder kritisch auf sich selber achten, ob man nur charakterstärker wird oder schlicht altersstarrsinnig."

"So machen wir das" stimme ich zu, und: "Was haben wir eigentlich heute Abend vor?"

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