15 April 2022

Die kleine Kreuzigung (Karfreitag)


Die biblische Geschichte erzählt uns vom Aufstieg und Fall eines Mannes, geboren unter einfachsten Bedingungen. In seiner Einzigartigkeit gelang es ihm, Volksmengen hinter sich zu versammeln, ich stelle ihn mir als ausgesprochen charismatisch und redegewandt vor. Zusätzlich hatte er eine kleine Gruppe enger Mitstreiter – seine Jünger – und zog mit diesen durch die Lande. Auch aus heutiger Sicht also eine tolle Erfolgsgeschichte mit vielen überlieferten Geschichten, die im philosophischen Sinne zum Nachdenken anregen.
Doch irgendwann war sein Erfolg jäh zu Ende, kippte die Stimmung und Menschen, die ihm gestern noch gefolgt waren und an seinen Lippen gehangen hatten, verlangten plötzlich seine Hinrichtung. Selbst seine Vertrauten standen nicht mehr geschlossen hinter ihm, es kam zu Verleugnung und Verrat. Und trotz seiner außergewöhnlichen Art blieb ihm die Kreuzigung nicht erspart.

Nun, das wissen wir alles, haben es oft genug zu Ostern gehört. Doch leider können wir das auch um uns herum fortlaufend beobachten. Irgendeine Entwicklung verläuft ausgesprochen positiv, vielleicht der Aufbau einer Firma, die geschickte Nutzung aktueller Trends oder ganz allgemein die Vermarktung eigener Qualitäten. Vielbeachteter Spitzensportler, gefeierter Schauspieler, Bestseller-Autor. Oder viel gebuchter Software-Programmierer.
Es geht aufwärts, immer mehr Beachtung, „Follower“, Bewunderer. Doch wie bei jedem Trend ist auch hier irgendwann ein Limit erreicht. Im günstigen Fall geht der Anstieg in ein Plateau über, aber meist geht es nach Erreichen des Zenits deutlich bergab. Der bis dato so beliebte Fernsehmoderator wird langsam langweilig, der Fußballspieler ein wenig lendenlahm und der früher hochgelobte Mitarbeiter muss seinen Spitzenplatz an einen Young Professional abgeben. Nicht nur abgehalfterte Leinwand-Diven enden sehr oft nach einer unrühmlichen Alkoholsucht im Massengrab der Geschichte.

Und noch alltäglicher erlebe ich es im beruflichen und privaten Umfeld. Wer positiv auffällt, der muss automatisch auch Missgunst und Neid ertragen. Die allerdings wesentlich verdeckter daherkommen als die Feierstunden und Lobeshymnen. Doch sobald ein Fehltritt erfolgt oder auch nur das Schutzschild der Sponsoren und Mentoren wegfällt, gewinnt die Kritik die Oberhand und ein Sturz ist unvermeidlich. In vielen Fällen reicht sogar ein ganz normaler Trend, der einem da in die Quere kommt. Wer seinen Aufstieg im Wesentlichen dem attraktiven Äußeren verdankt, der wird typischerweise früher oder später vom Alterungsprozess attackiert. Die Mode wechselt, der Geschmack ändert sich.

Wer hat nicht schon mal erlebt, dass er bei irgendeiner Auseinandersetzung plötzlich alleine da stand. Die sonst wohlgesonnen Nachbarn schauen unbeteiligt in eine andere Richtung, die vertrauten Teamkollegen können sich nicht mehr so genau erinnern. Ein Fall von Verleugnung und im Sinne der in Kauf genommenen negativen Folgen für den Betroffenen eine kleine Kreuzigung.

Aber ein Blick in die Bibel macht Hoffnung. Auf den Karfreitag folgt das Osterfest mit der Feier der Auferstehung. Wenn wir das sinnbildlich verstehen, dann ist zwar diese Schlacht verloren, diese Karriere tot, aber der Körper lebt weiter und wir können uns von dem Schlag erholen und einen neuen Aufstieg beginnen.

08 April 2022

Jetzt Du, Joe!

Mein Freund Joe heißt eigentlich Josef, aber das ist total uncool und passt nicht zu seinem Auftreten und seiner Lässigkeit. Amerikanisch ist gut, deutsch ist spießig und langweilig. Die Frauen finden ihn toll, seine bestimmende Art, er weiß, was er will.

Ich mag ihn, bei ihm ist immer was los, und von seinen allzu wilden Exzessen verschont er mich. Ich bekomme nie mit, dass er Drogen nimmt, auch wenn mir andere Jungs regelmäßig davon erzählen. Heute habe ich allerdings Stress mit ihm, er ist davon überzeugt, dass ich seine Tussi angegraben habe. „Nein“, versuche ich ihm zu erklären, „ich habe nicht angefangen, sie ist zu mir gekommen und dann haben wir uns eben unterhalten.“ – Überzeugt wirkt Joe nicht gerade, er stößt mich gegen die Brust, erklärt mir, dass man so was unter Freunden eben nicht bringen kann. Und dass ich ihm nicht in die Quere kommen soll. Was ich ja auch nicht tue, obwohl mir seine Freundin durchaus auch ganz gut gefällt.

Eben holt er wieder aus, boxt mich gegen den Arm, „Au, was soll das?“, langsam werde ich sauer. Joe ist größer, stärker und hat so seine brutale Seite. Körperlich will ich mich nicht mit ihm messen, aber warum sollte ich auch.

Pete (eigentlich Peter) kommt dazu, das ist Joes Bandkumpel am Schlagzeug. Ziemlich robuster Kerl, Arme wie Popeye, aber total friedlich. „Was’n los hier?“ will er wissen und erkennt im ersten Moment, dass Joe mal wieder einen Eifersuchtsanfall hat. „Um welche Trulla geht’s denn diesmal?“ und mit lässiger Bewegung greift er Joes Faust, die sich schon wieder in meine Richtung in Bewegung setzt. Sofort herrscht Ruhe, mein übercooler Freund brummelt noch „Nika“ vor sich hin und dann nestelt er eine Selbstgedrehte aus der Jackentasche und zündet sie an.

Auftritt Veronika. Kein schlechter Fang mit den langen blonden Haaren, den großen Bällen im Pullover und der knackigen Rückenansicht. Nur dass sie ein bisschen doof ist und meist irgendwelche Witze nicht versteht. Und dann der Name. Es scheint unmöglich, ihn ein wenig cooler zu machen, uns fällt nichts Besseres ein, als sie Nika zu nennen.

Also Nika steht jetzt bei uns, strahlt in die Runde und ihr Blick bleibt bei mir hängen. Ich schaue ein wenig unbeteiligt, sonst wird Joe direkt wieder stinkig. „Schlecht drauf heute?“ will sie von mir wissen, „war gestern aber mehr drin.“ Oh Gott, das ist nicht das, was sie hier so herumposaunen sollte. Ich stöhne leise, naja, solange Pete in der Nähe ist, muss ich keine Angst vor einer Prügelei mit Joe haben. Trotzdem blöd. Die Stirn von Joe kräuselt sich, bei nächster Gelegenheit kann ich mir wieder irgendwelche Texte von ihm ins Ohr drücken lassen. Dabei war fast nichts, ich bin mir inzwischen selbst nicht mehr so sicher, ob wir uns nur unterhalten haben.

Ich muss aussehen wie der totale Loser, der Qualm von Joes Kippe zieht mir gerade ins Gesicht, er macht sich einen Spaß daraus, mich damit zu ärgern. Pete hat seine Zeige- und Mittelfinger ausgestreckt und gebraucht sie als Trommelstöcke auf Joes Tasche. Es wird entspannter, Nika schaut ihm zu, fängt an, irgendeinen Titel aus den Charts zu singen. Erst leise, dann immer lauter (leider auch immer schlechter). Joe verdreht die Augen, Pete strahlt, ich würde mir am liebsten die Ohren zuhalten.

Ein Mädchen, drei Jungs, das kann nicht gut gehen. Nika drückt sich an Pete, das ist sogar ein ankuscheln und Joe kann nichts sagen, denn sie ist ja gar nicht fest mit ihm zusammen. Eigentlich ist sie mit niemand fest zusammen, und wenn sie hier jeden von uns mal an sich ranlässt, dann hat das nichts zu bedeuten. Trotzdem bin ich neidisch auf Pete, wütend auf Joe und die blöde Schnalle, die uns drei hier gegeneinander aufbringt.

Joe hat fertig geraucht, „ich hol mir noch was“ trollt er sich und schon springt Pete auf und schließt sich ihm an. Unversehens sind Nika und ich allein, beide ein wenig überrascht. „Warum spielst du eigentlich nicht mit“, will sie wissen, „die beiden rocken voll los, ich bin die Röhre und irgendwas kannst du doch auch heizen“. Sie singt nicht gut, auch meine beiden Freunde sind eher laut als harmonisch unterwegs. Aber am Mikro ist sie ein Eyecatcher, der Rest ist egal. Was soll ich da mit meinem Akkordeon, das würde eher zu einer Vroni im Dirndl als zu einer Nika mit Strapsen passen. Verlegen schaue ich zur Seite, sie schnappt mich an den Schultern, schüttelt mich durch und lacht schallend.

Wir sind jetzt wieder zu viert, tatsächlich hat Joe seine Gitarre unter dem Arm, schrammelt ein paar Akkorde, Pete schnappt sich ein paar Stöcke und drischt auf den Tisch ein. Bierflaschen werden geöffnet, es gehört dazu, sie zu rotieren. Glücklich, wer die Flasche nach Nika bekommt. Nach der dritten Runde wird es lauter, wilder, die Jungs beschließen in den Musikkeller zu ziehen, vielleicht ist er unbesetzt. Ich will nicht, Nika ist inzwischen angeschossen und bockt auch herum. Wenn ich nicht mitgehe bleibt sie auch.

Kurz unschlüssig, dann schnappt sich Pete meine Arme und wirft mich wie einen Sack über seine Schulter, trabt los in Richtung Musikkeller. Ich lasse mich hintragen, zwinkere Nika zu, und gerade fällt mir ein Titel ein, den ich lautstark singen kann. Klar, gleich ist Schluss mit Singen, den kleinen Nerd werden sie nicht ans Mikro lassen. Aber sie brauchen mich, weil ihnen sonst wieder der Marshall um die Ohren fliegt.


Wir haben Glück, der Raum ist leer, der Hausmeister nicht zu sehen und schon thront Pete hinter den Becken und Joe stöpselt seine Fender in den Verstärker, während ich die Anlage starte und die Regler vorsichtig hochschiebe. Nika sucht ein Mikrofon, leider auch kein Kabel aufzutreiben, das ist ja total ätzend heute. Schließlich doch angekoppelt ist ihr der Hall zu stark, das Echo zu schnell und ihr ist warm. Das Oberteil fliegt in die Ecke, Pete hämmert irgendeinen Groove, der nicht zu Joes Riff passt. Nika windet sich vorne um eine unsichtbare Stange, wenn es sowas wie Luftgitarre gibt, dann ist das hier Luft-Poledance.

Mit dem Kopf zuckend schreit sie irgendwelche Texte in das Mikro, nicht schön aber laut. Kurze Bierpause, ich schiebe heimlich den Master etwas runter, das hält ja kein Mensch im Kopf aus. „Jetzt du, Joe“ kreischt unsere selbsternannte Rockröhre und der Gitarrenjunkie mit der halbgerauchten Kippe im Mund lässt es sich nicht zweimal sagen. Verbiegend rutscht er auf den Knien zwischen Nikas Beine, bearbeitet die Saiten als gäbe es kein Morgen. Die Basedrum dröhnt, die Snare klirrt und Ride- und Crashbecken scheinen durch die Luft zu torkeln. Joe ist hinter Nika wieder auf die Füße gekommen, stößt ihr rockend die Gitarre gegen den Rücken, umdrehend „Jeah, jeah, jeah, Joe, jetzt du!“.

Mitten in diese wilde Rockschlacht fliegt die Tür auf. „Was macht ihr denn hier? Das ist nicht euer Raum, raus hier.“ Ziemlich ernüchternd. Wir schauen uns an, wägen ab, ob wir was sagen können, aber auch wenn selbst ich den kleinen Hausmeister niederstrecken könnte, wäre das voll blöd. Ein letzter verklingender Akkord, abschließender Wirbel auf allen Tomtoms und dann macht Nika den Sack zu, schließt die Augen und stöhnt noch mal „Jetzt du, Joe“.

01 April 2022

Neues Verfahren für Mobilfunk- und DSL-Ausbau

Es gibt gute Nachrichten, was den Ausbau unserer Mobilfunk- und DSL-Anbindung in Engenhahn angeht. Schon im vergangenen Jahr hatte sich das BMVI (Bundesministerium für Digitales und Verkehr) mit dem bundesweiten Ausbau der Netze beschäftigt und dies in einem Strategiepapier zusammengestellt. Begleitend beschäftigte sich das Breitbandbüro Hessen mit der Weiterentwicklung der DSL-Anbindungen.

Neben der Kommunikation mit den Mobilfunknetzbetreibern und der Abstimmung mit der Bundesnetzagentur wurde Anfang des Jahres 2022 ein weiterer Baustein zur konkreten Umsetzung der definierten Ziele realisiert. Danach lehnt sich das überarbeitete Priorisierungsverfahren an das etablierte Verfahren zur Vergabe von Studienplätzen an. Das BMVI profitiert von der langjährigen Erfahrung des Portal für Studienbewerber (ehemals ZVS), das große Expertise mit Mängelverwaltung aufweist.

Konkret wird die Auftragsvergabe zum Netzausbau nun nur noch zu 81,5 % durch Gremienentscheidungen und Notwendigkeitsanalysen (Heatmaps) bestimmt. Der restliche Anteil auszubauender Infrastruktur landet in einem Lostopf, so dass auch Orte mit bereits vorhandener Anbindung auf Ausbau mit Ziel flächendeckendem Glasfasernetz und Mobilfunk in 5G hoffen dürfen.
Mögliche Ansicht der Mobilfunkanlage Sauwasen nach Ausbau [Bild: Planungsbüro]

Und tatsächlich war es heute so weit: Der Ortsteil Engenhahn der Gemeinde Niedernhausen wurde für die kurzfristige Einleitung von geschwindigkeitssteigernden Maßnahmen ausgewählt. Sehr zur Freude der politisch Verantwortlichen, die nach zähen Gesprächen mit Mobilfunk- und Breitbandbetreibern nun überraschend in die konkrete Planung gehen können. „Wir sind begeistert, aber auch überrumpelt“ war aus dem Rathaus zu hören, „spontan können wir uns einen Ausbau des Mobilfunkturms am Sauwasen zu einer regionalen Anlage vorstellen. Das würde mit einer erheblichen Erhöhung des Kirchturms als Backup-System einhergehen, das notwendige Rechenzentrum für die Breitbandverbindungen würde im alten Rathaus untergebracht. Die größte Hürde sehen wir in der Errichtung einer Windkraftanlage im Bereich der Siedlung Wildpark zur Deckung des gestiegenen Strombedarfes.“

Gute Nachrichten jedenfalls zum 01. April für unser Bergdorf und ein riesiger Schritt in die technische Zukunft mit erheblicher Aufwertung für Berufstätige im Homeoffice.

25 März 2022

Kindergedanken zum Krieg

In meinen kindlichen Gedanken sah ich ein haariges Tier vor mir, so eine Mischung aus Affe und Bison, es schaute mich mit wütendem Blick an, während es wild mit seinen Hinterbeinen auf den Boden stampfte. 
Ich stand im Flur im Haus meiner Oma, mein Onkel erklärte mir gerade, dass die Kuhle im Boden hinter der Eingangstür „vom Russen“ gemacht worden sei. Ich wusste nicht, was ein Russe ist, und in meiner Phantasie stellte ich mir ein ziemlich wildes Tier darunter vor.

Einige Jahre später hatten wir dann Besuch von einem Russen, er kam in mein Elternhaus, war ein ganz normaler Mensch und brachte mir Schokolade mit. Auch mit meinen Eltern unterhielt er sich sehr freundlich und hatte so gar keine Ähnlichkeiten mit dem Wesen, das ich bis zu diesem Zeitpunkt mit diesem Begriff in Verbindung gebracht hatte.

Es vergingen Wochen, in denen mich diese Diskrepanz immer wieder beschäftigte. Schließlich nahm ich mir ein Herz und sprach meine Mutter darauf an. „Das war im Krieg“, war ihre Antwort und das klang in meinen Ohren so, wie sie mir den elektrischen Herd erklärt hatte. Erstmal ungefährlich, aber wenn man ihn einschaltet und er heiß wird, verbrennt man sich.

Ich war irritiert, was sollte denn diesen netten Mann mit seiner Schokolade und den lustigen Geschichten zu dem zotteligen Tier machen? Und was meinte sie mit dem Krieg? „Ach, mein Junge“, nahm mich meine Mutter in den Arm, „das verstehst du noch nicht.“ – „Nein“, flüsterte ich ganz leise zurück, „nein, das verstehe ich bis heute nicht.“

18 März 2022

In der Schreibwerkstatt


Direkt neben dem Eingang
Ungehobelte Wörter
Geöffnete Worthülsen
Geschliffene Bonmots
Bevorratete Sätze
Ungenutzte Alliterationen
Verworfene Teilsätze
Stimmzettel zur Wortwahl

Am Werktisch
Pinsel für Sprachbilder
OP-Besteck für Wortsezierung
Destillen für Gedichte
Schleifwerkzeug für Formulierungen
Sprachleim für Wortverbindungen
Schraubzwingen für Sinnverpressungen
Politur für Renovierung

Bei der Arbeit
Phantasiereiche Fahrt
Überholende Gedanken
Kratzende Stifte
Kopfinterne Diskussionen
Konkurrierende Ideen
Wilde Kombinationen
Wolkige Gebilde

Fertig.

11 März 2022

Zu Gast in meinem Zelt

Es war eine recht windige Nacht nach einem eher trüben Nachmittag und Abend, wir waren heute Mittag mit dem Rad an diesem Zeltplatz angekommen, hatten die Zelte aufgebaut, festgezurrt und uns dann im Küchenzelt zusammengehockt. Die übliche Schnipselei von Gemüse und anderen Zutaten war spaßig, aber so richtig gute Stimmung wollte nicht aufkommen. Selbst einige Stunden später und mit einigen Gläsern Rotwein im Körper war die Gruppe eher reif für das Nachtlager als für eine Party. Ich lief rüber zum Badhaus, duschte noch und trollte mich dann zu meinem Kuppelzelt, wo ich meine Isomatte ausrollte und mich in meinen Schlafsack kuschelte.

Im Halbschlaf hörte ich zunächst ein leichtes tropfen, dann setzte Regen ein und der Wind frischte auf. Mein Zelt schaukelte im Wind, der Regen steigerte sich ziemlich schnell zu einem heftigen Gewitter. Zufrieden mit der Trockenheit unter dem Zeltdach und der Aussicht auf baldige Beruhigung des Wetters wurden meine Augenlieder schwer und der Schlaf überkam mich.
Allerdings währte er nicht lange, denn auf einmal rüttelte es stark an meinem Zelt, genauer am Reißverschluss, er wurde aufgezogen und eine junge Frau steckte den Kopf hinein. Im trüben Licht des Campingplatzes konnte ich sie nicht richtig erkennen, sie gehörte wohl zu unserer Fahrradgruppe, ihr Name war irgendwas mit „S“, Sibille oder Sabine oder so.

„Was… was machst Du hier?“ fragte ich schlaftrunken. „Mein Zelt steht unter Wasser, ich muss irgendwo ins Trockene.“ Ich überlegte einen Augenblick und zog sie dann ins Zelt, um möglichst schnell wieder den Eingang zuzubekommen, bevor mein Zelt auch noch unter Wasser geriet. Tatsächlich, sie war klitschnass, und obendrein zitterte sie vor Kälte. „Was ist mit Deinem Rucksack?“ wollte ich wissen und erfuhr, dass sie das Zelt teilweise in einer Kuhle aufgestellt hatte, der Rucksack allerdings im hohen Teil oberhalb des Wassers lag. „Was soll ich denn jetzt bloß machen?“ wollte meine Zeltnachbarin wissen. Worauf ich keine Antwort wusste. „Jedenfalls musst du erst mal was Trockenes anziehen, ich geb Dir irgendwas von mir.“ Mittlerweile war ich wieder wach, sah zu, wie sie sich aus ihrem T-Shirt und ihrer Hose pellte, während ich in meinem Gepäck nach geeigneter Kleidung für sie suchte.

Sie war nicht mein Typ, ich fand sie eher mäßig nett und hatte so gar keine Lust auf ein Abenteuer mit ihr. Was sie möglicherweise auch gar nicht wollte, wie ich mir einredete. Aber da saß sie jetzt, gerade so eben hatte sie noch Platz, sich neben mir auf die Isomatte zu setzen. So konnte ich sie ja nicht die ganze Nacht sitzen lassen und mich gemütlich in meinen Schlafsack rollen. „Ok,“ hörte ich mich widerwillig sagen, „irgendwie wird es passen, wir sind ja beide ziemlich schlank.“ Als hätte sie darauf gewartet schlüpfte sie in meinen Schlafsack und ich hatte Not, mich noch daneben zu quetschen.

Anfangs lagen wir Rücken an Rücken, langsam erwärmte sich der Eisklotz hinter mir und zumindest die Temperatur wurde langsam angenehm. Aber die Enge war nervig, natürlich war der Schlafsack nicht für zwei Personen konstruiert und wenn es nicht so kalt gewesen wäre hätte man vielleicht den Verschluss für mehr Bewegungsfreiheit offen lassen können, woran aber kein Denken war. Meiner Genossin schien es ähnlich zu gehen, denn mit Gezerre und paddelnden Beinen drehte sie sich um und drückte jetzt ihre Brust gegen meinen Rücken.

Es war immer noch eng und nein, Sex wollte ich immer noch nicht mit ihr, aber so ganz unangenehm war es letztlich ja doch nicht. Ihr Atem in meinem Nacken war irgendwie beruhigend und mit den Worten „Meinst du, wir könnten jetzt schlafen?“ gelang es mir, meine Erregung langsam in Müdigkeit übergehen zu lassen. Im Wegdämmern hatte ich auch keine Energie mehr, um den Arm loszuwerden, der sich von hinten um mich schlang und auf meinen Bauch legte.

Als ich aufwachte, war der Regen vorbei, die Sonne wohl schon eine Weile aufgegangen und um das Zelt herum bereits Leben. Die Frühaufsteher liefen umher, putzten lachend die Zähne, zeigten sich gegenseitig die Auswirkungen des nächtlichen Gewitters und setzten im Küchenzelt Kaffee auf. Verschlafen versuchte ich mich ganz vorsichtig zu drehen und stellte fest, dass das problemlos ging. Außer mir war niemand im Zelt, kein Anzeichen eines nächtlichen Besuchs.

Langsam kam in mir der Verdacht auf, dass ich das alles nur geträumt hatte. Aber warum war da ausgerechnet diese Frau aufgetaucht, fragte ich mich noch, während ich mich aus der warmen Hülle schälte und den Reißverschluss meines Zeltes öffnete. Und dann sah ich sie, mit ihrer Sigg in der Hand stand sie vor dem Gemeinschaftszelt und trug eines meiner T-Shirts und meine Badeshorts, die ich ihr wohl in der Nacht gegeben hatte. Freundlich winkte sie mir zu, als sie meinen Kopf aus dem Zelt kommen sah, kam angerannt und wollte wissen, ob ich gut geschlafen hätte. „Ja, nein, weiß nicht“ – ich fühlte mich überrumpelt und jedenfalls war sie viel wacher als ich, fröhlich schmatzte sie mich auf die Wange und berichtete von ihrem langsam wieder trocknenden Zelt.

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04 März 2022

Meine Ziegelwand


Sie spricht mit mir, erzählt mir ihre Geschichte. Von der Entstehung vor vielen Jahren. Es waren warme Frühlingstage, der Winter nahm langsam reis aus und selbst der Nachtfrost war seit einigen Wochen ausgeblieben. Gelegenheit damit, dass der kleine Italiener mit seinem Bagger den Untergrund planieren, die Armierung einlegen und den Beton für die Bodenplatte aufbringen konnte.

Auf dieser Platte nun entstand sie, die Mauer aus Ziegelstein, Härte in ihrem Herzen und Stabilität für die große Verantwortung, die ein ganzes Haus auf ihren Schultern erfordert. Viel später dann kam der Putz, kalt und feucht hatte er sich angefühlt, gerade innen hatte sie sich an die wohlige Wärme und Trockenheit gewöhnt, und selbst nach dem Innenputz war die Leidensgeschichte noch nicht zu Ende, kam doch noch mal die Estrichfeuchte durchs Haus gezogen. Erst als der Tapezierer erschien und mit seiner Raufaser und dem Anstrich die endgültige Oberfläche schuf, war endlich Ruhe eingekehrt.

So vergingen die Jahre. Mal wurde ein Bild aufgehängt, mal der Anstrich erneuert. Die Beleuchtung wechselte, aber stoisch ertrug die Wand selbst die Lochbohrungen zur Befestigung eines Schrankes. Ich schaue sie an, bewundere ihre positive Einstellung, unschuldig weiß und doch nicht unberührt, so genügsam und doch treu ergeben, standfest bis heute. Auch die Fügung in die Erfüllung ihrer wichtigen Aufgabe, eine Selbstlosigkeit, die nicht erwartet, jeden Tag aufs Neue angesprochen und motiviert zu werden.

Welch wortlose Dienerin, schweigsam, wo sie doch so manches gesehen und gehört hat, so viele Geschichten und Gespräche, die sie stets für sich behält. Nur manchmal, so erscheint es mir, erzählt sie doch ein wenig über sich oder erinnert mich an Erlebnisse, die ich vor ihren unsichtbaren Augen und Ohren hatte.

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