23 Juni 2024

Herzlichen Glückwunsch nachträglich

Verspäteter Glückwunsch
Wie schön, dass ich geboren bin, ich hätte euch sonst sehr vermisst.

Der Typ mir gegenüber kommt mir irgendwie bekannt vor. Er hat einen dunklen Hoodie an, die Kapuze bis weit ins Gesicht gezogen. Seine Augen kann ich darunter nicht richtig erkennen, fast bilde ich mir ein, dass ich nur Augenhöhlen sehe, aber das kann ja nicht sein.

Er wirkt ein wenig zusammengesunken, neben ihm lehnt ein Stiel am Stuhl, aber von meiner Position aus ist nicht zu erkennen, zu welchem Werkzeug der Stiel gehört. Jetzt beugt er sich vor, aus dem Ärmel ragt eine Hand hervor, die knochigen Finger bewegen sich langsam auf mich zu und scheinen mir zu bedeuten, dass ich mich auch vorbeugen soll.

Ich bin neugierig, schiebe meinen Kopf nach vorne, halte mein Ohr in Richtung seines Mundes. Und richtig, er flüstert etwas, was ich aber erst mal nicht verstehe. Dann wird es lauter und deutlicher: „Ich will dich abholen.“

Etwas irritiert schaue ich ihn an, versuche mich zu erinnern, ob ich ihn schon mal getroffen habe, ob er zu vergessener Verwandtschaft oder Bekanntschaft gehört. Aber in meinem Kopf will der Groschen einfach nicht fallen, er ist mir fremd.

„Ich will dich abholen“, wiederholt mein Gegenüber. „Grundsätzlich gerne“, antworte ich freundlich, „aber ich glaube, wir kennen uns nicht. Jedenfalls kann ich mich beim besten Willen nicht an Sie erinnern. Und ich weiß auch nicht, wohin Sie mich abholen wollen.“

„Du bist zu spät dran, wie immer!“ raunt mir der Fremde zu und dabei rutscht die Kapuze ein wenig nach hinten. Der Schädel ist haarfrei, und ja, er muss blind sein, da er keine Augäpfel hat. Kein besonders attraktiver Anblick und zudem dringt jetzt auch ein unangenehmer Geruch nach überlagertem Fleisch in meine Nase.

Ich denke an die Szene, als ich aus dem Urlaub zurückkam und mein Kühlschrank ausgefallen war. Diese widerliche Erinnerung beschäftigt mich aber nur kurz, denn der Mann kommt jetzt noch näher, „zu spät dran“ wiederholt er, „wieder zu spät dran“.

Sicher, gelegentliche Verspätungen kommen in meinem Leben vor, aber welchen Termin oder welche Verabredung habe ich diesmal verpasst? Mit einem Strahlen im Gesicht lehne ich mich wieder zurück. „Nichts ist so wichtig, dass es nicht einen kleinen Aufschub duldet.“ Und nach einer kleinen Pause: „Was ist schon Zeit? Ein menschliches Konstrukt, in den Industrieländern zum heiligen Gral erklärt, ein Mantra, eine Illusion.“ 

Ein Blick aus dem Fenster, es ist sonnig draußen, der Sommer scheint langsam Einzug zu halten. „Eine Illusion“ höre ich das Echo von gegenüber, „nein, keine Illusion, pure Realität. Kennst du mich wirklich nicht, weißt du nicht, wer ich bin?“ Steckt da ein wenig Ungläubigkeit in seiner Stimme, ist er gar der Meinung, dass ich ihn nicht ernst nehme?

„Doch, ja“, heuchle ich, „Sie sind bestimmt der göttliche Geist meines Kalenders und eine KI-Instanz als Ergänzung zu den Terminerinnerungen.“ Das Geschöpf sackt in sich zusammen, so als ob es enttäuscht, geradezu entsetzt wäre. Verdammt, wenn es irgendein Influencer, Prominenter, bekannter Performancekünstler wäre müsste ich ihn doch kennen. Aber Fehlanzeige.

„Gut“, höre ich ihn sagen. „Oder schlecht. Ich bin Tod-und-Teufel. Und wollte dir zum Geburtstag gratulieren. Den du wohl mal wieder verdrängt hast.“ – „Och“, sage ich leicht dahin, „das ist ja nett, aber leider habe ich im Moment noch keine Zeit für Typen wie Sie. Deshalb bin ich auch gar nicht darauf gekommen, wer Sie sein könnten. Können Sie das nicht für in ein paar Jahrzehnten in die Wiedervorlage nehmen und wir würden gemeinsam noch mal schauen, ob es besser passt.“

„Ich muss doch um ein wenig mehr Respekt bitten“, grummelt die Figur, zieht die Kapuze wieder fester über den Kopf und stößt versehentlich gegen den Holzstiel, der nun sichtbar in einer Sense endet. „Also gut, ich habe meinen Geburtstag dieses Jahr erst mit zwei Tagen Verzögerung gemeldet, aber das ist doch kein Grund, gleich mit der Sense zu rasseln oder wie man es ausdrückt.“

So gut es mit dem knöchernen Fratzengesicht geht schaut mich der Typ wütend an, nimmt dann seine Sense, springt auf und mit den Worten „habe heute noch viel zu tun, aber wir sehen uns“ sucht er das Weite. Klar, denke ich, natürlich sehen wir uns, aber das hat noch Zeit, viel Zeit, dieses wunderbare menschliche Konstrukt.

14 Juni 2024

Rehe ihr!

Rehe ihr
Am Morgen. Die Luft ist noch frisch, so richtig hell ist es noch nicht und ich muss auch noch richtig wach werden. Die Landstraße auf dem Weg zum Bahnhof schlängelt sich durch das Tal, flankiert von Bäumen und Sträuchern, linkerhand auch ein Wasserlauf.

Ein paar Gedanken verirren sich zum Fernsehfilm gestern Abend, es war eine mehr oder wirre Story mit politischer Botschaft und am Ende hat der Held irgendeinen Staat - ich glaube, es war die USA - gerettet. Man merkt ja oft gar nicht, in welcher Gefahr man ist, und wie nötig man die Tom Cruise dieser Welt braucht, damit man nicht untergeht.

Ich schaue wieder konzentrierter auf die Straße, in einigen hundert Metern kommt die Stelle, an der ich schon mehrmals einen kapitalen Hirschen gesehen habe. Und tatsächlich: irgendetwas Tierisches scheint sich dort wieder zu bewegen. Lieber mal langsam, denke ich mir, Tiere sind für Menschen wie mich im Wesentlichen unberechenbar, vielleicht springen gleich mehrere dieser Lebewesen auf die Straße.

Es ist dann doch kein Hirsch, sondern ein Reh. Es geht ganz langsam, geradezu behutsam, zwischen den niedrigen Bäumen auf und ab. Mein Auto scheint es nicht zu stören, es blickt zwar in meine Richtung, aber von Furcht ist nichts zu erkennen. War es nicht so, dass Tiere ohne Impuls zum Weglaufen die Tollwut haben? Im Auto bin ich zwar sicher vor einem wie auch immer gearteten Kontakt, aber es kann doch nicht normal sein, dass das Reh nicht panikartig wegläuft.

Inzwischen ist es auf die Straße stolziert, und tatsächlich kommt jetzt noch ein weiteres Reh hinterher und da noch eins. Ich bleibe stehen und schaue staunend dem größer werdenden Rudel zu. Im Rückspiegel sehe ich ein Auto, das sich recht schnell nähert, dann aber Gott sei Dank die Situation erfasst und hinter mir zum Stehen kommt. Ob die Frau, die ich jetzt im Spiegel erkennen kann auch so fasziniert ist wie ich bleibt noch einen Moment unklar.

Dann öffnet sie die Tür, ich erwarte, dass die Rehe durch das Geräusch Reißaus nehmen, aber sie lassen sich nicht stören. Die Frau ist Mitte Vierzig, hat einen Pferdeschwanz, trägt Business-Kleidung und wirkt mit ihren sportlichen Bewegungen recht trainiert. Sie greift noch mal ins Auto, schaltet den Warnblinker an und kommt dann von hinten auf mich zu. Ich frage mich, was sie will, ob sie mich kritisiert, weil sie natürlich zu irgendeinem wichtigen Termin muss, da ist keine Zeit für ungeplante Aufenthalte oder gar Beobachtungen der Natur.

Tatsächlich tritt sie neben mein Auto, betrachtet immer noch die inzwischen sechs Rehe, die sich jetzt am Straßenrand verteilt haben und sich über das Kraut hermachen. Dann klopft sie an mein Fenster, lächelt freundlich während ich es öffne und zeigt auf das Rudel. Ich lächle zurück, weiß nicht, was ich davon halten soll, warte ab, wie sie das Gespräch eröffnet. Endlich ein "Guten Morgen. Ist das nicht unglaublich, dass sie gar keine Angst haben?"

"Hmja", murmle ich. Einerseits bin ich noch zu schläfrig für eine Unterhaltung, andererseits weiß ich nicht, was ich sagen soll. Das scheint meiner neuen Bekanntschaft durchaus anders zu gehen. "Schauen Sie nur, da kommt ja noch ein Reh dazu, sehen die uns nicht, oder sind sie wirklich so furchtlos?" plappert sie fröhlich vor sich hin. Ich bekomme immerhin ein müdes "Gute Frage" heraus, während ich aus dem Augenwinkel wahrnehme, dass sich ein weiteres Auto nähert. Es ist eine dunkle Limousine, sie fährt um das Auto der Frau herum, hält jetzt neben uns. Der Fahrer schaut uns an, schaut auf die Rehe, schaut wieder auf uns und schüttelt den Kopf. "Mein Gott, seid ihr blöd" scheint sein Gesichtsausdruck zu sagen. Und dann tut er das, was die Frau oder ich hätten machen können. Er betätigt die Hupe.

Wie von einem gefährlichen Tier angegriffen zucken die Rehe zusammen, einen kurzen Moment brauchen sie, um sich zu orientieren und den gemeinsamen Fluchtweg festzulegen. Dann springen sie nach rechts in Richtung Gebüsch und Wald davon und sind nach wenigen Augenblicken im Holz verschwunden. Zufrieden tritt der Fahrer aufs Gas, sein Auto macht einen Satz nach vorne und schon ist er mit fast quietschenden Reifen verschwunden.

Die Frau und ich schauen uns an. "Wie kann man nur?" steht in ihrem Gesicht, ihre Mimik irgendwo zwischen Bedauern und Verärgerung. Das Getute hat mich geweckt, und ich bin ein wenig unglücklich über das plötzliche Ende dieses friedlichen Anblicks und die Erkenntnis, das dieses ungeplante aber irgendwie auch schöne Rendezvous ein Ende hat. "Sollen wir uns morgen wieder hier treffen und den Rehen auflauern?" will ich sie lieber nicht fragen, stattdessen sage ich "Was für ein toller Start in den Tag mit einem jähen Ende" und muss dabei grinsen.

"Ja", gibt die Business-Frau zurück, "willkommen zurück in der Welt ohne Zeit und ohne Genießen der romantischen Einlagen der Natur." Und weiter: "Ich wünsche dir, ähm, Ihnen noch einen schönen Morgen und noch viele Rehe." Etwas seltsamer Satz, denke ich, bestimmt ist sie in Gedanken entweder noch bei dem Rudel, das sich jetzt vermutlich im Wald beruhigt hat oder im Büro, wo irgendwelche Schreibtischarbeit auf sie wartet. Oder es ist der etwas verunglückte Versuch, mit mir in Kontakt zu kommen.

Noch bevor ich etwas erwidern kann hat sie sich schon umgedreht, eilt mit sportlichem Schritt zu ihrem Auto. Ich schaue ihr durch den Rückspiegel zu und muss bei ihrem hin und her schwingenden Pferdeschwanz an die Rehe denken, die mit ihren schönen Bewegungen in den Wald gesprungen sind. So plötzlich, wie sich die Szene entwickelt hat ist sie jetzt wieder leer. Aus der Ferne kommt wieder ein Fahrzeug und ich fahre das Fenster hoch, während ich den Motor starte und meinen Weg zum Bahnhof fortsetze.

07 Juni 2024

Gespräche in G-Dur

Gerade gestern gab es Gerüchte: Große Genossen führen Grundregeln guter Kommunikation ein. Geistig gegenwärtige Eckpunkte generieren Grenzsetzungen bei gegensätzlichen Gesprächssichten.

Gedanken G-Dur

Grundsätzliche Gedanken der Generalversammlung gemäß geschriebenem Protokoll:

  • Geschäftliche Korrespondenz gestalte sich grundsätzlich gemäß gedanklicher Grundregeln.
  • Geschriebenes gerate nicht geschwollen
  • Mit geistreichen Geschichten angereicherte Geschäftsbriefe klingen glaubwürdig.
  • Geschwätz gehört gestoppt, das geneigte Gegenüber berücksichtigt.
  • Gespräche gelingen gut, wenn Geduld und Gefühl gekonnt gepaart werden.
  • Gleichförmiges Gelaber ist nicht gewünscht und birgt gelegentlich Gefahren.
  • Empfang garstiger Mails gehorche dem Grundsatz gelesen - gelacht - gelöscht.
  • Gleiche Gedankenbilder generieren geistigen Gleichklang.
  • Geübt mit gestressten Genossen gelingt auch Gedankenaustausch mit gutmütigeren Gesprächspartnern.
  • Gesten gegen gehässige Kommentare und grantelnde Gegenüber geben der Gegenseite Gelegenheit, zum gewünschten Gesprächston zurückzukommen.
  • Gut gesagt doch gereizt gekontert: Auf gleicher Gesinnung gegründete Gespräche kann auch Gekicher gehässiger Gören nicht stören.
  • Gutgemeinte Gegenargumente zu Geschäftsprozessen geben Gesprächsstoff für globale Grundsatzoptimierung.
  • Guten Geschäftspartnern und gutgelaunten Gästen geben wir gerne germanistische Hinweise.
  • Gesundheit geht grundsätzlich vor gewinnoptimierender Geschäftstüchtigkeit!
  • Gruppenleiter ziehen Grenzen gegen Gehacke in Gruppensitzungen, geleiten gehänselte Gruppenmitglieder in geschützte Gemächer.
  • Gesondert geschriebene Gleichnisse genossenschaftlicher Grundsätze gewähren einen gewissen Gestaltungsspielraum.
  • Geläutert vom Gemecker gekränkter Großmäuler gelingt eine gute Gesprächsgrundlage.

Gesagt, getan: Gelegenheit genutzt, Genossen mitgerissen. Gutes Gelingen bei gelungener Gommunikation!

31 Mai 2024

Wunder der Technik

Wunder der Technik
Business Case: Ich möchte eine Backform mit Silikonrand kaufen.
Die gibt es günstig bei Lidl.de, zum Verkaufspreis kommt natürlich noch die Versandgebühr… alternativ Lieferung an eine Packstation, das ist dann (wenn ich es richtig verstehe) kostenfrei.

Die Auswahl „Packstation“ erfordert die Angabe einer „DHL-Postnummer“, die ich allerdings nicht habe. Wie ich dem Info-Button entnehme, haben registrierte DHL-Kunden solch eine Nummer, also weiter zum Internetauftritt von DHL.
Dort muss ich mich erst mal registrieren, ein Formular ausfüllen und hier auch die optionale Lieferung an eine Packstation auswählen. Um das zu machen muss ich zusätzlich eine App auf mein Smartphone installieren (DHL&Post). Diese App muss zunächst eingerichtet und identifiziert werden. Das ist mit dem Aufruf des Postident-Verfahrens möglich.

Dieses Verfahren läuft über die Online-Ausweis-Funktion. Also den Brief mit den Daten zum Online-Ausweis heraussuchen, man benötigt nämlich die „Transport-PIN“.
In meiner DHL&Post-App kann ich jetzt die Transport-PIN in meine persönliche PIN umwandeln. Dafür brauche ich noch meinen Ausweis und muss ihn behutsam auf der Rückseite des Smartphones hin- und herschieben, bis der Scan mit NFC funktioniert.
Nach der PIN-Umwandlung nun noch die eigentliche Registrierung in der App, erneut mit dem Aufsuchen des NFC-Chips.
Als nächstes gibt es eine E-Mail an die hinterlegte Adresse mit einem Freischalt-Link. Den muss ich noch betätigen und bin nun bei DHL registriert.

Bei neuem Aufruf der App sehe ich sie: die für die Packstation erforderliche „DHL-Postnummer“
Die gebe ich jetzt in meiner Online-Bestellung bei Lidl ein und kann eine Packstation auswählen. Wie die Entfernung berechnet wird ist zwar nicht ganz klar, aber nach ein wenig Herumprobieren finde ich dann doch die gewünschte Station. 

Leider ist die Versandgebühr unverändert, ich hätte mir also den Aufwand sparen können. Nach der Mühe bleibe ich jetzt aber bei meinem Warenkorb, ändere wieder auf meine Wohnadresse und schreite zur virtuellen Kasse. Da erwartet mich dann Paypal als Zahlungsmöglichkeit, Gott sei Dank habe ich da schon einen Account, so dass ich mich nur noch anmelden muss und die Zahlung bequem von meinem Girokonto abgebucht wird.

In wenigen Tagen ist Bestellung bei mir, das war doch ein schönes Einkaufserlebnis. Alternativ hätte ich die Backform im Laden kaufen, mit Bargeld bezahlen und direkt mit nach Hause nehmen können. Aber wer ist schon so altmodisch?

24 Mai 2024

So viele Engel

So viele Engel
„Was passiert mit einem Engel, der seine Flügel verliert?“ will der kleine Markus von seiner Mutter wissen. – „Ein Engel kann seine Flügel nicht einfach verlieren, sie werden nur mit der Zeit brüchig. Und dann bröckeln sie ab und zerfallen zu Staub.“

„Aber was ist, wenn er keine Flügel mehr hat?“ – „Das ist sehr schlimm für einen Engel, denn dann kann man ja nicht mehr erkennen, dass er überhaupt ein Engel ist. Ohne Flügel kann er natürlich auch nicht mehr in den Himmel fliegen, um sich dort mit den anderen Engeln zu treffen.“

„Und was macht er dann?“
„Weißt du, im Grunde ist es so, dass ein Engel ein sehr geliebtes Wesen ist. Die Flügel kommen durch diese Liebe zu Stande. Wenn diese Liebe altert, dann altern auch seine Flügel, und dann ist er kein Engel mehr, sondern nur noch ein ganz normaler Mensch. Findet er aber jemanden, der ihm wieder Flügel anträumt, der ihn so sehr mag, dass er ihm im Geiste Flügel verleiht, dann ist er gerettet.“

Und die Mutter setzt fort: „Eigentlich gibt es auf dieser Welt sehr viele Engel, nur den meisten sieht man es nicht an, weil sie einfach zu wenig Liebe bekommen.
Leben beginnt bei diesen Geschöpfen dann, wenn sie wieder geliebt werden, dabei spielt es keine Rolle, wie der Liebhaber ist, ob alt oder jung oder wie auch immer er aussieht, es zählt nur die wirkliche innere Zärtlichkeit.
Manchmal kommt es vor, dass ein Mensch zu einem Engel wird, aber das ist ganz selten der Fall, leider passiert gerade in unserer hektischen, neumodischen Zeit viel öfter das Gegenteil, nämlich, dass ein Engel zu einem Menschen wird.
Das allerschlimmste daran ist, dass Engel eigentlich unsterblich sind, sobald sie aber zu Menschen geworden sind, altern und niemand finden, der ihnen wieder ihre Flügel verleiht, dann können sie sterben wie jeder andere Mensch, und niemand wird sich an sie erinnern.“

Eine Pause tritt ein, in der Markus seine Mutter anschaut. Er versteht nicht alles, was sie ihm gerade erzählt hat, aber es scheint sie traurig zu machen, obwohl Engel doch etwas Schönes sind.

„Es ist gar nicht so schwer, dem Engel die Flügel zu verleihen“, schließt die Mutter jetzt ab, „man braucht sich nur ruhig hinzusetzen, ihm ganz lange in seine Augen zu sehen und dann die Gedanken laufen zu lassen, Augen schließen und daran denken, ob man ihn sich mit Flügeln vorstellen kann. Klappt das nicht, dann hat man sich noch nicht genügend in ihn verliebt.“

Eigentlich würde Markus jetzt gerne von der Mutter wissen, ob Papa auch Flügel hat, die er vielleicht unter der Kleidung nicht sieht. Aber Mama ist jetzt aufgestanden, hat ihn noch mal fest gedrückt und ist aus dem Zimmer geeilt.

17 Mai 2024

Der auf den Wolf trifft

Gestern Nacht war ich unterwegs. Es war zwischen Abend und Mitternacht, ich hatte Lust, noch mal an die frische Luft zu kommen. Schon wenige Schritte nach dem Verlassen des Hauses empfing mich die Dunkelheit, nur wenig später erreichte ich den Waldrand. Die frühlingsdürren Bäume verschatteten das spärliche Licht, das der Mond über die Landschaft streute. Hier und da schaute er aber hindurch, nur wenige Tage noch bis zum ersten Frühlingsvollmond, und kurz danach dann Ostern.

Der erste Teil meiner Wanderung führte mich über einen Trampelpfad durch das Unterholz. Ich war den Weg schon oft gegangen und konnte die Spur trotz der schlechten Lichtverhältnisse erraten. Dort vorne begann der deutlich besser befestigte Hauptweg, recht ausgefahren von allerlei Forstfahrzeugen und an einigen Stellen sogar mit Schotter versehen. Jetzt hatte ich den Weg erreicht, der Boden unter meinen Füßen wurde härter, ich musste mich nicht mehr auf Stolperfallen konzentrieren.

Tief durchatmend sog ich die kalte Luft ein. Ein Hauch von Frühling, trotz der Kälte, trotz der noch weitgehend schlafenden Natur. Der Modergeruch des Herbstes war dem neutralen Aroma des Winters gewichen und wurde nun langsam von den Ausdünstungen der knospenden Pflanzen überdeckt. Die hohen Tannen um mich herum streckten in ihren Wipfeln schon die einen oder anderen frischen Triebe in den Himmel, die vereinzelt stehenden Eichen und Buchen allerdings noch weitgehend winternackt.

Unter meinen Füßen knackte es, ein Ast wahrscheinlich, auf den ich getreten war, da wieder. Ich schaute herunter, hier auf dem ausgeschlagenen Weg gab es etwas mehr Mondlicht, eine Anzahl kleiner Ästchen verlief wie eine Spur über meinen Weg. Eher ungewöhnlich, dachte ich, blieb stehen und versuchte diese Spur rechts und links vom Weg zu verfolgen. Die ersten Meter konnte man noch erkennen, hier gab es nur schütteres Gras und ein paar kleine Pflänzchen, dahinter begann das Unterholz. Von meinem Standort aus war dort nichts mehr zu erkennen als immer dichter werdendes Kleinholz und naturbelassener Baumschlag.

Das machte mich neugierig. Ich dachte kurz nach und entschied mich dann, den Weg zur rechten Seite zu verlassen. Hinter dem Grün wusste ich eine Siedlung, allzu weit konnte ich also nicht kommen oder mich gar verlaufen. Es war kein richtiger Weg, eher ein tiergemachter Trampelpfad, Rehe vielleicht oder Wildschweine. Meine dunkelheitsgewöhnten Augen konnten immerhin eine gewisse Richtung erkennen, kaum auszumachen zwischen verschiedenen Büschchen und heruntergefallenen Ästen.

Vorsichtig tastete ich mich vor, neugierig einerseits, ein wenig ängstlich andererseits. Warum war ich überhaupt losgegangen, hatte das warme Haus verlassen, mitten in der Nacht einen Waldspaziergang eingelegt? Und damit nicht genug war ich von der mir bekannten Strecke abgebogen und schlich jetzt durch das Unterholz. Hier gab es auch andere Geräusche, war es auf dem Schotterweg weitgehend still gewesen, herrschte hier ein unüberhörbares Leben. Kaum wahrnehmbar knackte und raschelte es ununterbrochen, mal ausgelöst durch meine Schritte, mal vermutlich von irgendwelchen Bodentieren.

Weiter weg hörte ich jetzt auch das deutliche Kruspeln von größeren Tieren. Nein, es schien mir nicht das Schnaufen und Graben von Wildschweinen zu sein, auch das Knabbern von Rotwild schied aus meiner Sicht aus. Eher von wilden Katzen oder Hunden, oder vielleicht Wölfen. Und tatsächlich war da ein Laut zu hören, der wie das Heulen eines Wolfs klang. Und dieser Laut kam sogar aus recht geringer Entfernung.

Ich blieb stehen, hielt den Atem an. Da wieder diese Art Husten, die in ein Heulen überging. Es kam etwa von vorne, wo ich eine Lichtung zu erkennen glaubte. Ganz vorsichtig und jeden Schritt sorgfältig platzierend setzte ich mich wieder in Bewegung. Die Neugierde überwog die Angst, Schritt für Schritt näherte ich mich der Lichtung und damit dem Geräusch.

Der auf den Wolf trifft
Und dann stand er plötzlich vor mir. Ein zotteliger Wolf, vielleicht noch zwanzig Meter von mir entfernt. Es schien so, als wären wir beide über unser Treffen überrascht. Nicht erschrocken, aber ungeplant. Das Tier starrte mich an, keine Bewegung im Körper oder seinem Gesicht verriet irgendetwas darüber, was es als nächstes machen würde. Auch ich bewegte mich nicht, starrte zurück und suchte in meiner Erinnerung, was ich über Wölfe gehört und gelesen hatte.

Fast schienen Minuten zu vergehen, während der wir uns wie Skulpturen gegenüberstanden. Ich dachte an das Kinderspiel „Wer sich zuerst bewegt hat verloren“, rechnete jeden Moment mit einem Angriff und überlegte, ob ich weglaufen oder versuchen sollte, auf einen Baum zu klettern. Oder vielleicht doch besser einen Ast schnappen und mich wehren.

Endlich – fast wie eine Erleichterung – kam Bewegung in die Szene. Der Wolf schob sich ganz langsam rückwärts. Auf mich wirkte es nicht wie ein Weglaufen, eher wie das souveräne Verlassen einer Bühne. Keine Ängstlichkeit, ganz sicher aber auch keine Aggression. Fast wollte ich meinen flachen Atem wieder entspannen, da sah ich, dass der Wolf wieder stehen blieb, und jetzt seitlich ging.

Lieber blieb ich stehen, meine Gedanken überschlugen sich. Was war das für ein Verhalten, gibt es bei Wölfen Hormone, wie gut kann er mich sehen, hat er Angst vor Menschen, bin ich aus seiner Sicht Beute oder Eindringling, fühlt er sich als Herr der Lage oder als unterlegenes Opfer? 

Währenddessen hatte sich das Tier weiter um mich herum bewegt, war jetzt seitlich und viel näher als vorher, lies mich dabei aber nicht aus den Augen. Da er jetzt nicht mehr im Schatten irgendwelcher Bäume war, konnte ich im Mondlicht deutlich sein Gesicht sehen. Die lange Nase schaute weit aus seinem pelzigen Gesicht, das auf mich böse wirkte. Die Ohren gespitzt, die Augen mit einem Funkeln im fahlen Licht. Die ganze Erscheinung hatte etwas Bedrohliches, wie die Mischung aus einer kampfbereiten Katze und einem wütenden Hund.

Jetzt hörte ich auch seinen Atem, so nah hatte er sich inzwischen an mich herangearbeitet. Aber wenn er mich anspringen wollte, dann hätte er das doch schon längst machen können, dachte ich. Da er um mich herumgelaufen war versperrte er mir nun den Pfad zurück zum Hauptweg. Eben hielt er an, senkte den Kopf und schaute mich von unten her an. Das sah jetzt nicht mehr so gruselig aus, aber ich wusste nicht, was in seinem Gehirn vorging.

Bevor ich eine Antwort gefunden hatte kam er jetzt recht zügig auf mich zu, plötzlich seine Nase an meiner Hand, sehr deutlich höre ich das Schnuppern und dann – als ob er eine Neugierde befriedigt hätte – drehte er sich um und lief zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.

Im nächsten Moment war er verschwunden, ich stand immer noch leicht zitternd und wie erstarrt, wagte noch nicht, mich wieder zu bewegen. Aber der Wolf kam nicht zurück und auch sonst bewegte sich nichts mehr um mich herum im Unterholz. Sehr langsam und immer wieder mit Blick nach hinten ging ich zum geschotterten Hauptweg zurück. Auch hier keinerlei Leben, selbst das leise Rascheln von vorhin war jetzt nicht mehr zu hören.

Einen Augenblick lang blieb ich stehen, dann setzte ich mich in Richtung Haus in Bewegung. Dabei dachte ich über die unerwartete Begegnung nach, fragte mich, ob ich in Gefahr gewesen war und besonders, was jetzt wohl im Wolfshirn vor sich ging. Ob er bei seinem Rudel irgendwie von dem Treffen mit mir berichten konnte und was er dann wohl darüber mitteilen würde? Welche Emotion ich wohl in ihm ausgelöst hatte und wie diese Erfahrung in sein weiteres Wolfsleben aufgenommen würde?

Ich fühlte mich jedenfalls erleichtert, als ich die Haustür erreichte, den Schlüssel herumdrehen konnte und kein behaarter Vierbeiner an mir vorbei in die Wohnung schlüpfte. Einen kleinen Drink später und in Gedanken versunken ließ ich mich auf mein Bett fallen und war auch schon in meiner Traumwelt angekommen, in der das Treffen mit dem Wolf wieder und wieder in verschiedenen Variationen durchgespielt wurde.