10 April 2026

Express-Kasse

Der Einkaufswagen im Rewe ist ziemlich klein, regelmäßig gerate ich an die Grenze seines Fassungsvermögens. Mit sperrigen Paketen wie Küchenrollen, Toilettenpapier und einem Träger Tetrapack ist schon ein merklicher Teil des Platzes verbraucht.

Und dann natürlich noch die restlichen Kleinigkeiten, Obst, Gemüse, Backwaren und Gewürze. Hoch beladen lasse ich mich wieder langsam in Richtung Kassenbereich treiben. Zu meinem Unmut bin ich in die Rushhour geraten, vor den normalen Kassen sind lange Schlangen. Ich laufe auf die Kasse mit der kürzesten Wartereihe zu und freue mich, dass es zügig voran geht.

Express-Kasse
Meine Artikel sind zum größten Teil schon auf dem Band, als mich die Kassiererin anspricht. „Das ist die Express-Kasse, maximal zehn Artikel.“ – „Ja“, sage ich und belade abschließend das Transportband. – „Maximal zehn Artikel“, jetzt schon lauter. – „Ja“, sage ich. „Relativ zu welcher Dimension gilt das Limit?“

Die Kassiererin versteht mich nicht, beharrt auf ihrer Standardaussage mit der Begrenzung der Anzahl. „Sind es die Artikel pro Bandbeladung? Oder pro Minute, pro Zahlvorgang?“ will ich wissen. „Natürlich pro Kunde. Und das sind doch viel mehr als zehn Teile, also bitte nehmen Sie eine der anderen Kassen.“ 

„Oh.“ Ich schaue mich um, hinter mir eine Frau mit zwei Magermilchjoghurt, dahinter ein Junge mit einer Packung Kaugummi, dann wieder ein Einkaufswagen mit zwei Packungen Taschentüchern, insgesamt 60 Packungen, das sind 600 Tempos.

„Die Tempos da hinten, zählen die als 600 Stück, als 60 Teile, 2 Artikel oder 1 Bezahlvorgang?“ bohre ich bei meiner Kassiererin nach. Sie ist sichtlich genervt, die Kunden werden unruhig, weil es nicht vorangeht. „Ach“, sage ich leicht dahin, „wenn Sie in Ihrer Kompetenz überfordert sind, dann lassen Sie doch den Geschäftsführer kommen. Der kann das bestimmt besser beurteilen.“

„Der Einkaufswagen ist einfach zu voll. Es ist eine Expresskasse, es soll zügig gehen und ist für die Kunden, die nur einen kleinen Einkauf haben. Für Standardkunden sind die anderen Kassen da.“ – „Ich bin kein Standardkunde, ich bin Stammkunde bei Rewe. Genaugenommen bin ich sogar mehrere Stammkunden.“

„Das verstehe ich nicht.“ – „Ich kaufe nicht nur für mich ein. Auch für meine Frau, meine Tochter, meine Schwiegermutter, meinen Nachbarn und hier hinten auf dem Band sehen Sie auch Leckerli für den Hund meiner Tochter. Also bin ich sechs Stammkunden. Und wenn Sie darauf bestehen, bezahle ich auch getrennt für jeden dieser Stammkunden, wenn Sie mir die Punkte alle auf mein Einkaufskonto gutschreiben. Das sind dann weniger als die albernen zehn Artikel pro Kunde, aber ich kann Ihnen versichern, dass es länger dauert.“

Die Frau stöhnt auf. „Gut, gut“, mault sie, „lassen Sie die Artikel auf dem Band, zahlen Sie alles zusammen, aber das nächste Mal gehen Sie zu einer Standardkasse.“ – „Ich will es Ihnen mal nachsehen, dass Sie so lange brauchen, um einen Stammkunden angemessen zu bedienen. Und auch Ihr impertinentes Beharren auf Standardkassen lassen wir für heute mal auf sich beruhen.“

An ihren Augen sehe ich, dass sie mit dem Wort ‚impertinent‘ nichts anfangen kann. Aber jetzt schnappt sie sich mit flinken Fingern meine eingekaufte Ware, die das gesamte Kassenband belegt und zieht sie im Eiltempo am Scanner vorbei. Express-Kasse eben.

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03 April 2026

Optimismus durch den Karfreitag

Endpunkt eines Niedergangs. Vom gefeierten Star über Verfolgung, Verrat und Verurteilung bis zum Tode. Wir gedenken am heutigen Karfreitag dem Meilenstein in der Geschichte von Jesus Christus, an dem sein menschliches Leben zu Ende ging. Grund für Trauer also, in der christlichen Tradition entsprechend als Gedenktag mit gedeckter Stimmung begangen.

Aber ist das denn überhaupt passend? Nach diesem Tiefpunkt des Verlaufes kann es ja nur noch aufwärts gehen. Was die Bibel ja auch ausführlich berichtet. Und dieses Aufwärtsgehen ist ein positiver Ausblick auf die Zukunft, also ein Grund für Optimismus.

Optimismus durch den Karfreitag

Damit ergibt sich, dass Karfreitag weniger ein Trauertag ist, als ein Feiertag des Optimismus. Wenn man vermeintlich die Talsohle erreicht hat, dann ist Vorfreude auf einen Trend angesagt, der nur nach oben zeigen kann. Und damit ist der Karfreitag dann auch das Gegenteil der Depression, die viele Prominente mit Sorgen vor dem Abstieg befallen. „Hurra!“, möchte man rufen, „es geht nun wieder bergauf. Und ich bin dabei!“

Egal, ob wir uns die angeschlagene wirtschaftliche Entwicklung anschauen, ob wir die steil ansteigenden Lebenshaltungskosten betrachten, voller Entsetzen zum Iran und nach Amerika blicken: Je schlimmer es wird, desto größer ist die Chance, dass es mit einer Aufbruchstimmung wieder besser wird. Die Trümmerfrauen als Basis für das deutsche Wirtschaftswachstum sind nur ein Beispiel dafür, dass ein Wiederaufbau aus kaum fassbar desolater Lage nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich ist.

Ob aus unserer derzeitigen Lage eine Erfolgsgeschichte wie nach dem letzten Weltkrieg wird oder ob wir die über Jahrtausende treibende religiöse Kraft des Christentums in modernem Gewand wiederholen können ist nicht absehbar. Aber dass wir genau jetzt die Chance dazu haben, das steht außer Zweifel.

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01 April 2026

Demokratie-Kreis in der Kreis-Demokratie

Die Kommunalwahl vom 15.03.26 wird jetzt in ersten Gesprächen für die Bürgerinnen und Bürger in konkrete Maßnahmen umgesetzt. Wie vor einigen Tagen bekannt wurde, haben die Parteien schon während des Wahlkampfes erste Sondierungsgespräche geführt. Dabei ist ein Ansatz entwickelt worden, der zunächst im Rheingau-Taunus-Kreis pilotiert und später auf weitere Kreise ausgedehnt werden soll.

In einem bislang geheimen Positionspapier „Demokratie-Kreis in der Kreis-Demokratie“ stellen die Parteien fest, dass eine Trennung in seitlich abgegrenzte Fraktionen heute keinen Sinn mehr macht. Da es einen Überlapp der Wahlkampfthemen vom linken Spektrum mit Ansätzen der rechten Seite gibt, wird hier das Modell eines Kreises angestrebt. In der Praxis bedeutet das, dass die AfD an die Linke anstößt und so den Kreis schließt.

Demokratie-Kreis in der Kreis-Demokratie
Der Ansatz findet parteiübergreifend viel Zustimmung. „Wir können unsere Kräfte bündeln, den Wählerauftrag erfüllen und den Rheingau-Taunus-Kreis weiterentwickeln, ohne uns in Diskussionen über links oder rechts zu verzetteln“, wird ein Politiker zitiert.

Tatsächlich werden der Initiative große Erfolgsaussichten eingeräumt. Die Gemeinde Niedernhausen war an den vertraulichen Vorbereitungen beteiligt und will sich am heutigen ersten April zu ersten konkreten Maßnahmen äußern.

Wie unser Korrespondent aus der Gemeindevertretung vorab erfuhr, soll in einem ersten Schritt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verstärkt umgesetzt werden. Die Bürgermeisterin erhält eine Stabstelle, in der die Gleichstellungsbeauftragte neben beratender auch ordnungsgebende und überwachende Funktion hat. Gemeinderat und Ordnungsamt werden ihr in AGG-Themen unterstellt.

Vorbereitungen wurden bereits getroffen, um Geschlechterquoten für Straßennamen einzuführen. Im Sinne des AGG muss jede Straße abwechselnd Frau / Mann / neutral benannt werden. Und auch im Rathaus hat das AGG konkrete Konsequenzen, so sollen die Bürostühle ausgetauscht und nach Geschlecht, Alter, Haarfarbe ausgewählt werden, damit niemand bevorzugt wird.

Für viele Bürger relevant ist die Gleichbehandlungsampel für Hunde: Hunde jeder Größe dürfen gleich lang Gassi gehen. Und wer das Rathaus besucht wird die AGG-konformen Türöffnungszeiten bemerken, nach denen Türen zeitlich wechselnd im Zieh- und Drückmodus geöffnet werden müssen. Die Gleichstellungsbeauftragte für Zugänge ist für die Überwachung zuständig und kann bei Verdacht auf Benachteiligung angesprochen werden.

Besonderes Augenmerk liegt auf der einzuführenden Verordnung für Diskriminierungsverhinderung in Konsumbereichen. „Diese Verordnung wird noch sehr kontrovers diskutiert, aber wir wollen hier eine umsetzbare Regelung, die die Entwicklung unserer Gesellschaft widerspiegelt“, so der Vertreter einer großen Fraktion.

Hinter der Verordnung verbergen sich unter anderem Regelungen für die Reihenfolge an der Kasse im Supermarkt oder beim Bäcker. „Es kann nicht sein, dass wir im Jahr 2026 so unaufmerksam mit der Gleichbehandlung von Männern und Frauen, Erwachsenen und Kindern, Rentnern und Berufstätigen oder auch intelligenten und dummen Menschen umgehen. Klare Regelungen für die Reihenfolge beim Abkassieren nach einem rotierenden Fairness-System wäre aus unserer Sicht eine Lösung, die sich in der Praxis leicht einführen und überwachen lässt.“

An welchen weiteren Punkten der neue Ansatz „Demokratie-Kreis in der Kreis-Demokratie“ sich etablieren wird ist noch unklar. Verfolgen Sie die weiteren Mitteilungen in der örtlichen Presse und in den Sozialen Medien in den Tagen nach dem ersten April.

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27 März 2026

Neben mir in der Sauna

Feiner Dampf wallt durch den Raum, ein Hauch von Eukalyptus liegt in der Luft. Herein kommt ein Mann etwa meines Alters, meiner Körpergröße, recht muskulös. Er wischt mit dem Handtuch über die Holzbank, lässt sich darauf fallen, wobei sein nackter Oberkörper gegen die Rückenlehne stößt.
Neben mir in der Sauna


Einigen Minuten Schweigen, dann sage ich: „Haben Sie Kinder?“ Zuerst fühlt er sich nicht angesprochen, dann registriert er meine Frage, denkt kurz nach. „Na, Sie werden doch wissen, ob Sie Kinder haben“ hake ich nach. Er schwankt zwischen Aufnahme des Gesprächsangebotes und Ablehnung.

„Wieso fragen Sie?“ – „Ich schreibe an einer Studie. Und da möchte ich andere Menschen kennenlernen. Wie ist es mit den Kindern?“ – „Ja, ich habe Kinder. Zwei Mädchen.“ – „Und sind die ganz normal entstanden mit Ihrer Frau oder Freundin oder Partnerin? Oder durch künstliche Befruchtung?“

Er zuckt kurz, dann: „Das geht Sie gar nichts an.“ – „Natürlich nicht, Entschuldigung. Wussten Sie, dass Kinder, die bei wildem Sex entstehen eine um bis zu zehn Prozent höhere Lebenserwartung haben, als Kinder von Kuschelsex und noch mal fünf Prozent mehr als bei künstlicher Befruchtung. Deshalb wollte ich nur hören, wie das Ganze angefangen hat.“

„Ach so, nein, das wusste ich nicht.“ Pause. Ich lege nach: „Daneben gibt es Studien, die die Beständigkeit von Partnerschaften mit dem Einkommen korrelieren. Wie lange sind Sie schon mit Ihrer Partnerin zusammen?“

„Gut zehn Jahre“, mein Gesprächspartner scheint etwas mürrisch, ohne Zweifel muss ich ein wenig nachhelfen. „Kritische Phase“, murmele ich, „viele Ehen, gerade mit Kindern, geraten nach dieser Zeit in ernsthafte Schwierigkeiten. Haben Sie schon mal an eine Paartherapie gedacht?“

Diesmal reagiert er extrem schnell, offensichtlich habe ich einen wunden Punkt erwischt: „Das geht Sie nun wirklich nichts an. Und ich möchte mich auch gar nicht mit Ihnen unterhalten.“ – „Oh“, ich gebe mich einfühlsam, aber nicht beleidigt, „ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Verstehen Sie, eine gute Partnerschaft ist wie ein Geschenk, das muss man auch vorsichtig auspacken.“

Er entspannt wieder, also Gelegenheit: „Apropos auspacken. Wann haben Sie Ihre Frau das letzte Mal ausgepackt? Ich weiß, das ist ein Tabuthema, aber es ist ja so wichtig darüber auch mal zu sprechen und nach zehn Jahren…“ Er springt auf „Mein Intimleben geht Sie nun wirklich nichts an“ brüllt er schon fast.

„Okay, okay“ beschwichtige ich ihn, „lassen Sie uns dann doch lieber über Ihre finanziellen Verhältnisse sprechen.“ Jetzt heißt es improvisieren, „Lebenshaltung, zunehmende Ansprüche der Frau und der Kinder sind schon eine Belastung. Da liegt ein wenig Mogelei schon nahe.“

„Was wollen Sie denn damit sagen?“, er ist offensichtlich verblüfft. „Nun“, sage ich, „eine kleine Abfrage beim Finanzamt bestätigt diese weit verbreitete Form der niedrigschwelligen Steuersünden. Ich glaube ja nicht, dass das Konsequenzen hat, aber mit der zunehmenden Technisierung der Steuerbehörden könnte auch Ihr Fall zunehmend in den Fokus der Bots geraten.“

„Wie, was, Abfrage beim Finanzamt? Wer sind Sie denn überhaupt?“ Er schwankt zwischen Verärgerung und Sorge. – „Habe ich Ihnen doch schon gesagt. Ich schreibe eine Studie, dafür informiere ich mich gerne. Das Buchungssystem vom Hotel konnte mir Ihre Adresse bereitstellen, damit habe ich die Datenbank vom Finanzamt besucht. Glauben Sie mir, reine Routine.“

Jetzt ist er wirklich erschüttert. „Sie… haben… meine…?“ – „Ja, ich möchte ja, dass Sie ihren Urlaub genießen, dass Sie Kinder zeugen, die möglichst lange leben und eine Partnerschaft haben, die viele Jahre hält. Verstehen Sie?“

„Ähm, ja“, jegliche Wut ist verraucht, er bekommt einen geradezu zärtlichen Blick, „das habe ich wohl missverstanden. Entschuldigen Sie, zwischendurch habe ich Sie für unverschämt gehalten, aber eigentlich haben Sie ja Recht und man spricht viel zu wenig über solche Themen.“

„Oh“, erwidere ich leicht, „ich sollte das Gespräch auch mit Ihrer Frau führen. Wussten Sie, dass die Trennungsrate nicht nur eng mit partnerschaftlichen Problemen zusammenhängt oder mit dem Aussehen, sondern auch mit der Anzahl übereinstimmender Antworten zu alltäglichen Fragestellungen zwischen den Partnern?“

Ich lasse den Satz gut einwirken, dann ergänze ich: „Wie würden Sie das Aussehen Ihrer Frau beschreiben, Figur, Augen, Haare, Attraktivität?“ – „Ich würde sagen, sie sieht normal aus, oder vielleicht eher gut, schlank, lange Haare, attraktiv.“

Noch während er weiter überlegt, wie er seine Frau mir gegenüber beschreiben soll, habe ich mich erhoben, ziehe das Handtuch hoch und halte auf die Tür zu. Fast beiläufig sage ich „Für eine fundierte weitere Beratung empfehle ich Ihnen, dass Ihre Frau mich zur weiteren Abklärung besucht. Zimmer 204. Sagen wir 21 Uhr, meinen sie, das passt?“

Er ist so perplex, dass er nur kurz nickt, mir versichert, dass das Gespräch mit mir sehr interessant war und er seiner Frau ans Herz legen wird, mich zu treffen.

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20 März 2026

Karin, die Redselige

Die Tür öffnet sich langsam, eine Frau mittleren Alters mit Pferdeschwanz steckt den Kopf in den Raum. Orientierend schaut sie sich um, dann kommt sie herein, setzt sich auf die untere Bank und lockert das Handtuch ein wenig. Stille, ein paar Minuten kein Geräusch, keine Bewegung.

Sie schaut sich um, wirft unauffällig einen Blick auf die anderen Gäste, bleibt mit den Augen hier und da kurz hängen, schaut dann wieder auf den Boden vor sich und schließt die Augen. Nach und nach leert es sich, teilbekleidete Menschen verlassen den Raum, schlüpfen in ihre Badeschuhe und verschwinden in einen anderen Teil der Anlage.

Karin, die Redselige
Wir sind allein. Ohne aufzuschauen setzt sie sich seitwärts, hebt jetzt doch den Blick und visiert mich an. Als wäre eine Schleuse aufgegangen beginnt sie zu reden, ich erfahre in Kurzform ihre Lebensgeschichte, Karin aus Bielefeld, zwei Kinder, getrennt lebend, Büroangestellte, Schwester zur Zeit im Ausland. Sport betreibt sie in Kursen, Yoga und ob ich das kenne, das ist so entspannend wie das Ausspannen nach dem Aufguss in der Sauna. Und so weiter.

Ich höre nur mit halbem Ohr zu, vermutlich bin ich auch gar nicht der Gesprächspartner, es ist eher zufällig, dass ich mit ihr in einem Raum sitze. Jedenfalls will sie auch gar nichts von mir hören, erzählt nur vor sich hin. Meine Gedanken schweifen ab und ich überlege, ob es eine Botschaft gibt, warum sie mich mit all ihren Geschichten überfällt. Ist es ein unspezifisches Mitteilungsbedürfnis, der Wunsch nach Kommunikation, eine Form der Kontaktaufnahme mit Option zur Vertiefung vielleicht. Oder ein Hilfeschrei, weil sie sonst niemand hat, mit dem sie ihr Leben und ihre Situation teilen kann.

Sie ist bei ihrem Beruf angekommen, bei Kollegen, einer Form von Burnout, Midlife-Crisis höre ich aus ihren Berichten heraus. Nicht nur im Beruf, auch im Leben und als Frau fühlt sie sich wie ein gebrauchter Gegenstand, oder solle sie sagen verbraucht, ohne Sinn. Ist da ein Funken von Frust, von Depression in den Sätzen, die Suche nach dem Prinzen, der sie in die goldene Kutsche packt und in sein Schloss entführt.

Was das Beste an den Tagen hier sei, fragt sie mich, ohne eine Antwort abzuwarten ist es der Spa, das tolle Essen und der Sekt zum Frühstück. Vor allem der Sekt zum Frühstück, ja, ein Glas zum Start des Tages, zwischen Vergessen und flüssiger Leichtigkeit, die ein paar Stunden anhält.

Ich nicke, schwinge meine Beine von der Bank eine Etage tiefer, dann murmele ich ein paar freundliche Worte, lege das Handtuch fester um und verlasse den Ort der Geschichten einer unglücklichen Frau.

Einige Stunden Entspannung, Sport und Whirlpool später bin ich bereit für das Abendessen. Noch etwas zu früh, ich steuere zuerst die Bar an. Und da sitzt sie, hat einen Aperol Spritz vor sich stehen oder zumindest das, was noch davon übrig ist. Ich zögere kurz, wenn ich mich neben sie setze wirkt es wie eine Annäherung, wenn ich mich entfernt platziere sieht es aus wie Ablehnung. Ich entscheide mich für einen Platz am Tresen, aber mit freien Barhockern zwischen uns.

Sofort sitzt sie neben mir, hat sich ihren Aperol mitgebracht und redet wie bekannt auf mich ein. Einstieg über das Essen, das jetzt gleich serviert wird, ihre Kochkünste und das Essverhalten ihrer Kinder und ihres Mannes. Von dem sie ja getrennt lebt. Nein, er fehle ihr nicht, phasenweise hätten sie sich nur gestritten, auch wegen der Kinder und überhaupt.

So hatte ich mir die Zeit bis zum Abendessen nicht vorgestellt, mein Blick fällt auf einen Mann etwa in meinem Alter, vielleicht etwas älter, der an einem Tischchen sitzt, ein Glas Wein vor sich, ein Buch daneben. Ich löse mich von meiner alleinerziehenden Freundin, die inzwischen einen weiteren Aperol bestellt hat und mit ihrer Hand recht aufdringlich meinen Unterarm bearbeitet. Ich befreie mich aus ihren Fängen, gleite vom Hocker und steuere auf den Tisch mit dem fremden Mann zu.

„Hallo“, begrüße ich ihn, „Mensch, Bernd, schön, dich wiederzusehen. Wer hätte das gedacht, ist ja schon ein paar Jahre her.“ Der Mann schaut mich verdutzt an, offensichtlich habe ich ihn aus seinen Gedanken gerissen. – „Guten Abend“, höflich, kurzes Zögern, dann: „Ich heiße nicht Bernd und ich kenne Sie nicht, verwechseln Sie mich vielleicht?“

Ein schneller Blick auf sein Buch, dann sage ich „Ich habe kein gutes Namensgedächtnis, aber ich erinnere mich noch genau, dass wir bei einem Wein in der Bar gesessen haben und uns über Theodor Fontane unterhalten haben.“ Wieder nachdenkliches Zögern, ich habe einen Treffer gelandet.

„Also, daran kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern, aber es kann schon sein.“ – „Ja klar, es ging um ‚Effi Briest‘ und wir haben uns mit der damaligen Zeit beschäftigt.“ Offensichtlich wieder ein Treffer, der Bestseller vom alten Theodor steht bestimmt auch in seinem Bücherschrank an prominenter Stelle. Ich lasse es einen Moment absacken, dann: „Siehst du Karin dort drüben? Sie ist ein Musterbeispiel für die heutige Zeit, eine Adaption, Transformation, ja, geradezu wie eine zeitgenössische Bearbeitung, verstehst du?“

Erwischt, seine Neugierde ist geweckt, seine Gedankenwelt umgeschwenkt in die Effie Briest, die jetzt wohl Karin heißt und die sich einreiht in Klassiker, die er auch bei Flaubert wiederfinden könnte. Und hier sitzt sie, lebendig, aus den Romanen hervorgestiegen, wie ich ihm ins Ohr flüstere. Und ob ich sie nicht an unseren Tisch bitten solle.

Schon bin ich wieder am Tresen, lege meine Hand zärtlich auf den Barhocker neben Karin, beuge mich ganz nah an sie heran und überbringe den Wunsch zum weiteren Kontakt mit meinem alten Freund, der zufällig dort drüben sitzt.

Nein, denke ich mir, von Verkuppeln möchte ich eigentlich nicht sprechen, aber zwei Menschen zusammenzubringen ist doch ein schönes Erlebnis, und wenn ich dann auch noch einen ungestörten Abend verbringen kann, ist es doch win-win.

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11 März 2026

Unter meiner Rollmatratze

Nach dem Lied "Unter meinem Fingernagel" von M. M. Westernhagen

Unter meiner Rollmatratze
Unter meiner Rollmatratze
Hatt’ ich ihn versteckt
Zwischen all dem Dreck
Den alten Schrank komplett

Unter meiner Rollmatratze
War er gut versteckt
Zwischen all dem Dreck
Denn jetzt soll er weg
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Und ich warte, warte
Auf die Sperrmüll-Sparte
Ich warte, warte
Niemand schafft ihn weg.
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Unter meiner Rollmatratze
Lag noch ein Regal
Mann war das ’ne Qual
Schrammen überall

Unter meiner Rollmatratze
Lag noch eine Couch
Platt vom letzten Plausch
Am Freitag flog sie raus
========
Und ich warte, warte
Auf die Sperrmüll-Sparte
Ich warte, warte
Niemand kommt ans Haus.
========

Tränen, Tränen im Kaffee
Tränen, Tränen - Ach herrje!

========
Unter meiner Rollmatratze
Hatt’ ich ihn versteckt
All den Sperrmülldreck
Keiner holt ihn weg

Unter meiner Rollmatratze
Fege ich den Dreck
Mit ’nem Besen weg
Hat ja doch kein Zweck
========
Und ich fahre, fahre
Ohne Sperrmüll-Karre
Ich fahre, fahre
Selber weg
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Verdammt
Zu voll

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06 März 2026

Ein Tageszimmer bitte

„Guten Tag, Sie sind verbunden mit dem Wellness- und Spa Royal, mein Name ist Ramona Heil, was kann ich für Sie tun?“
„Ich möchte gerne ein Zimmer buchen.“ – „Sehr gerne“, flötet die Frau am anderen Ende der Leitung, „wann möchten Sie das Zimmer denn haben?“ – „Am fünfzehnten Mai“, sage ich, „ich komme alleine, Sie können mir aber auch gerne ein Doppelzimmer geben.“

„Ich schaue mal“, kurze Pause, dann: „Das ist der Tag nach Christi Himmelfahrt, ein Brückentag, da sind wir leider schon ausgebucht. Darf ich Sie vielleicht für einen anderen Tag aufnehmen?“ – „Nein“, sage ich, „ich möchte an genau diesem Tag ein Zimmer haben. Aber ich brauche es auch nur tagsüber. Ein Tageszimmer sozusagen.“

„Es tut mir leid“, meine Gesprächspartnerin bleibt hart, „aber wir haben kein Zimmer frei. Auch kein ‚Tageszimmer‘, wie Sie es nennen.“

„Wissen Sie“, erläutere ich meiner Ramona, „ich bin Nachtarbeiter. Ich ruhe mich tagsüber aus, wenn andere Menschen aktiv sind. Ich brauche also kein Zimmer für eine Übernachtung, sondern nur für den Tagesschlaf. Das lässt sich doch mit den Gewohnheiten anderer Gäste kombinieren, die tagsüber im Wellnessbereich sind.“

„Ich verstehe Sie, aber wir vergeben Zimmer nur für ganze Tage.“ – „Ja, genau das meine ich ja: Das Zimmer für einen ganzen Tag, aber eben nicht für die Nacht. Sie können es ja gerne dann abends weitergeben und als Nachtzimmer anbieten. An einen spät anreisenden Gast zum Beispiel. Oder als Paket mit einer Spa-Behandlung vermarkten. Wissen Sie, was ich meine?“

Zögern. Nach ihrer Stimme ist Ramona eine junge Frau und vermutlich nicht besonders hoch in der Hierarchie des Hotels. Mit meinem Anliegen ist sie offensichtlich überfordert. „Das habe ich noch nie gehört“, bestätigt sie meine Vermutung bezüglich Überforderung, „gerne nehmen wir Sie als Gast auf, aber nicht nur für einen Tagesabschnitt und am fünfzehnten sind wir ausgebucht.“ Dann nach kurzem Überlegen: „Aber ich kann Sie auf eine Warteliste setzen, falls ein anderer Gast seine Reservierung storniert. Möchten Sie, dass ich das mache?“

„Sehr freundlich von Ihnen. Aber ich muss verbindlich wissen, ob ich bei Ihnen ein paar Stunden Ruhe finde, nach denen ich meine Nachtarbeit aufnehmen kann. Schauen Sie doch mal in Ihre Reservierungen. Da ist doch bestimmt ein Kandidat mit später Anreise dabei, dem ich das Zimmer übergeben kann. Und Sie verdienen ja auch doppelt daran. Erst an meiner Buchung, dann an der meines Nachfolgers. Obwohl ich mir natürlich einen kleinen Rabatt vorstellen könnte.“

Am Schnaufen kann ich deutlich erkennen, dass der Rezeptionistin langsam die Geduld ausgeht. Oder sind es nur meine guten Argumente, die sie allmählich in die Enge treiben? Jedenfalls ist sie noch in der Leitung und überlegt laut: „Ich versuche mal, Sie an unseren Reservierungsmanager durchzustellen. Vielleicht kann der Ihnen weiterhelfen.“ Wartemusik.

Ein Tageszimmer bitte
„Guten Tag, Sie sind verbunden mit dem Wellness- und Spa Royal, mein Name ist Marc Miller, was kann ich für Sie tun?“ – „Oh, gut Sie zu sprechen. Ich möchte gerne ein Zimmer für einen Tag buchen, das konnte Ihre Kollegin wohl nicht einrichten.“

„Das wundert mich. Aber natürlich schaue ich mir das gerne einmal für Sie an. Geben Sie mir doch bitte Ihren Terminwunsch und die Anzahl der Gäste.“ – „Es geht nur um einen einzigen Gast, nämlich mich und nur um einen Tag, nämlich den fünfzehnten Mai.“ – „Fünfzehnter Mai, sagen Sie? Das ist der Brückentag nach Christi Himmelfahrt. Da sind wir leider schon ausgebucht.“

„Ja“, sage ich, „das hat mir Ihre freundliche Kollegin auch gesagt. Aber es geht ja nur um den einen Tag.“ – „Gewiss, das habe ich schon verstanden, Sie möchten ein Zimmer für eine Person mit Anreise am fünfzehnten Mai, Übernachtung und optional Frühstück. Aber das kann ich Ihnen leider nicht anbieten.“

„Sehen Sie, genau das ist ja das Missverständnis. Ich möchte das Zimmer nur am fünfzehnten, keine Übernachtung, kein Frühstück. Nur das Zimmer, nur am Tag. Ich reise am Abend wieder ab. Sie können den Raum also nach dem Bettenmachen an einen anderen Gast weitergeben, der erst spät anreist. Oder der in der Zwischenzeit im Spa ist. Und so zweimal an dem Zimmer verdienen. Das habe ich Frau Heim oder Hein ja alles schon erklärt.“

Marc hat in dem Hotel etwas zu sagen und vor allen Dingen wohl auch zu entscheiden. Es liegt jetzt in seinen Händen, wie es weitergeht. „Wenn Sie Frau Heil Ihre Überlegungen geschildert haben, hat Sie Ihnen bestimmt erklärt, dass wir Zimmer nur tageweise vergeben, mit Übernachtung und optional mit Frühstück. Ob oder wann Sie wieder abreisen ist natürlich Ihnen überlassen. Aber wir sind an dem Tag ausgebucht, ich kann Sie nur auf eine Warteliste aufnehmen, falls ein anderer Gast storniert.“

„Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen, aber wissen Sie, ich brauche eine verbindliche Planung. Können wir es einfach so halten, dass Sie die Gästeliste mit Anreise ab 19 Uhr durchschauen und mir dann Bescheid geben, welches Zimmer ich nach dem Frühstück bis dahin bekommen kann. Ich weiß ja, dass das ein wenig Mehrarbeit für Sie ist, aber es lohnt sich ja auch, wenn das Zimmer gleich zweimal bezahlt wird. Oder zumindest mehr als normal, wenn Sie mir einen entsprechenden Rabatt einräumen.“

Es vergehen einige Sekunden, in denen Marc wohl versucht, seine Kundenorientierung aus der Schublade zu holen, mich als Gast zu behalten und die Situation wieder in den Griff zu bekommen. „Sie sind ein außergewöhnlicher Kunde“, lässt er mich wissen, „und wir sind bekannt dafür, auch ungewöhnliche Wünsche zu erfüllen, aber ich muss Ihnen leider mitteilen, dass ich jetzt nicht die Gästeliste durchgehen werde und für den fünfzehnten können wir Ihnen beim besten Willen nichts anbieten, so leid es mir tut.“

„Jetzt bin ich aber traurig. So eine gute Idee, ein neues Geschäftsmodell, das ich Ihnen kostenlos präsentiert habe und Ihnen bei Gelegenheit auch mit der Ausarbeitung, Up-Selling, Cross-Selling und Paketen helfen würde. Denken Sie doch nur an die…“

Einfach aufgelegt. Es gibt Menschen, die Innovationen mit Füßen treten. Kein Wunder, dass wir in Deutschland nicht vorankommen.

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20 Februar 2026

Haben Sie einen Termin?

Gestern Nachmittag bin ich mit dem rechten Fuß unter einem Bein vom Schreibtischstuhl hängengeblieben, es hat leise geknackt und nach einer kurzen Verzögerung kam dann ein stechender Schmerz. Also irgendwas kaputtgemacht, gebrochen, gerissen, was auch immer. Solange ich nicht bewegte und belastete ging es gut, auch die Nacht weitgehend schmerzfrei, aber am nächsten Morgen bin ich dann doch zum Unfallarzt gehumpelt.

"Guten Morgen, haben Sie einen Termin?"
"Nein", sage ich, "ich hatte einen Unfall. Mein rechter Fuß ist lädiert, ich habe ihn mir gestern Nachmittag umgeknickt."
"Das tut mir sehr leid. Aber ich kann Sie leider nicht drannehmen. Ohne Termin geht heute gar nichts."
Ich schaue mich um. Das Wartezimmer ist leer. Nicht ziemlich leer, einfach leer. Ich bin der einzige Patient weit und breit.
"Kann der Arzt nicht kurz nach dem Fuß gucken? Ich meine, es ist ja nicht gerade voll."
"Tut mir leid", höre ich wieder, "der Arzt ist noch nicht da. Und gleich kommen viele Patienten mit Termin. Ich kann Sie heute nicht drannehmen."
"Dieser ältere Herr im weißen Kittel, ist das nicht der Arzt? Der lief doch gerade zwischen den Sprechzimmern hin und her."
"Oh, dann ist er doch schon da. Aber er hat jetzt keine Zeit. Sie müssen leider zur Zentralen Notaufnahme."
"Ich kann auch einen Moment warten, das ist immer noch besser als zur zentralen Notaufnahme."
"Tut mir leid", wieder dieser empathische Spruch aus ihrem tiefgelangweilten Mund, "heute wirklich nicht."

Haben Sie einen Termin?
Eine Viertelstunde später schleppe ich mich vom Parkplatz vor der Klinik vorbei an der Rezeption zur Zentralen Notaufnahme. Zu meiner Überraschung ist es recht leer, ein Handwerker hat sich auch den Fuß verletzt, ein junges Mädchen hält sich die Hand, ein weiterer Mann sitzt im Wartebereich.

"Guten Morgen, was ist passiert?"
Ich erkläre ihr wieder den Grund meiner Anwesenheit, Bürostuhl, Hängenbleiben, Fußumknicken, Knacken und Schmerz.
"Ah", sagt die Assistentin an der Aufnahme, "verstehe. Haben Sie einen Termin?"
Ich stutze kurz, "Ich dachte, hier ist die Notaufnahme. Also nach Unfällen. Ich habe keinen Termin."
"Ah", sagt die Assistentin, "verstehe. Dann handelt es sich also um einen Unfall?"
Noch mal mein Textchen mit dem Bürostuhl und dem Umknicken. "Ja, ich denke, das würde man als Unfall bezeichnen. Vorher war mein Fuß noch heile, nachher nicht mehr. Im Büro."
"Also ein Berufsunfall?"
Ich denke nach. Bei Berufsunfall denke ich an Bauarbeiter, die vom Gerüst fallen, Köche, die sich in den Finger schneiden oder Tierpfleger, die von einem Hund gebissen wurden. Aber doch nicht an einen Büromenschen wie mich, der zu dusselig ist, von einem Stuhl aufzustehen, ohne sich dabei den Fuß umzuknicken.
"Ja", sage ich, "ja, ich denke, das war ein Berufsunfall."
Sie versorgt mich mit diversen Formblättern, Aufklärungsbroschüren und Fragebögen. Die unvermeidliche Datenschutzerklärung, eine Information zu Operationsrisiken, Erläuterung zu stationären Klinikaufenthalten. Und ich soll ihr bitte meine Versichertenkarte geben.

Seit einiger Zeit sitze ich im Wartebereich, der Handwerker mit dem kaputten Fuß wurde abgeholt, auch das Mädchen mit der lädierten Hand ist nicht mehr da. Ein weißbekittelter junger Mann geht mit ruhigem Schritt den Gang entlang, schaut in Richtung Rezeption, dann zu mir. "Sind Sie schon angemeldet?"
"Ja", sage ich, "aber ich habe keinen Termin." Der Weißkittel schaut mich irritiert an. "Keinen Termin" wiederholt er. "Kommen Sie mal mit in Zimmer zwei."
Er fragt nach dem Unfall, ich schildere geduldig zum vierten Mal mein Malheur. Inzwischen ist es etwas ausgeschmückt, wurde ich hektisch vom Arbeitsplatz weggerufen und musste einem Kollegen ausweichen. Nur, damit es nicht so peinlich klingt, dass eigentlich gar kein Anlass für das Umknicken bestand.
"Der Fuß also", erkennt der Arzt sehr richtig, "können Sie den Schuh ausziehen, ich möchte ihn mir mal ansehen."
"Den Fuß oder den Schuh?"
Er schaut mich wieder irritiert an, versucht eine passende Antwort zu finden. "Den Fuß bitte."
Er tastet herum, drückt mal hier, mal da, der auftretende Schmerz variiert je nach Stelle. Dann kann ich den Schuh wieder anziehen. "Der Fuß muss geröntgt werden", ist die wenig überraschende Anweisung des Arztes, "Setzen Sie sich noch mal in den Wartebereich, Sie werden aufgerufen."

Vermutlich muss entweder das Röntgengerät erst noch gekauft werden oder der Bediener ist kurzfristig erkrankt. Jedenfalls verbringe ich die nächste halbe Stunde alleine auf dem Stühlchen. Dann stehe ich auf, humpele zur Rezeption, wo die Rezeptionistin in lustigem Geplänkel mit einem Medizinisch-technischen Assistenten sitzt. "Ich wollte mal nach meinem Röntgen fragen."
"Wir haben Sie nicht vergessen", flötet die Frau vergnügt, "aber ohne Termin dauert es nun mal. Bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld."

Ich humpele zurück, mein Stühlchen ist ja noch warm. Jetzt geht es recht fix, der lustige MTA kommt vorbei, fragt, ob ich laufen kann und geleitet mich zum Röntgenraum, nur wenige Schritte entfernt. Schon ist der Schuh wieder ausgezogen, die Socke am besten auch, Röntgenbilder in verschiedenen Richtungen. Nach einer Minute bin ich abgefertigt, eine weitere Minute später der Schuh wieder angezogen, Stühlchen erreicht. Gott sei Dank brauche ich für den Sitzplatz im Wartebereich keinen Termin.

Der Arzt taucht auf, schon schöpfe ich Hoffnung, aber er kommt nur, um das Mädchen mit der verletzten Hand vorbeizubringen. Und jetzt kommt auch die Frau von der Rezeption, bringt meine Versichertenkarte, eine Kopie des Aufklärungsbogens und ein neues Formular für die Anamnese von Fußverletzungen. Ich fülle die neuen Zettel aus, packe meine Karte ein. Mein neuer Freund aus dem Röntgenbereich taucht wieder auf, entdeckt das Mädchen neben mir und lässt es sich nicht nehmen, sie nach einem kleinen Flirt sicher unvermeidlich eng in den Arm zu nehmen und zu einem Behandlungsraum zu entführen.

Gerade hadere ich noch mit meinem Schicksal, kein junges Mädchen geworden zu sein und ohne Termin sowohl Flirt als auch Gips zu bekommen, als ich neben mir einen Schatten sehe. Kurzerhand hat der Weißkittel neben mir Platz genommen, "die Behandlungsräume sind alle besetzt, ich erläutere Ihnen gerade den Röntgenbefund."

Die ersten Sätze gehen an mir vorbei, weil ich mich frage, ob die Sprechzimmer alle renoviert werden oder ob es Hintereingänge gibt, durch die für mich unsichtbare Heerscharen von Patienten in die Sprechzimmer eindringen. Möglicherweise sind aber auch mein Familienstand, Alter, Geschlecht, Schuhgröße, der fehlende Termin oder der Name meiner Krankenkasse für die eingeschränkte Verfügbarkeit verantwortlich.

"... keine Fraktur zu erkennen, also von meiner Seite aus Befund unauffällig. Ich werde es natürlich noch als Bericht verfassen und darin auch die empfohlene Therapie für die nächsten Tage aufführen. Wenn Sie warten möchten kann ich Ihnen den Entlassungsbrief direkt mitgeben." - "Oh", sage ich, "das ist sehr freundlich von Ihnen. Aber glauben Sie mir, dass ich Sie mit meinem Fuß schon genug in Atem gehalten habe. Ein merklicher Teil der Klinik musste sich mit meinem Unfall beschäftigen und hat sich jetzt nach diesem ungeplanten Intermezzo erst mal eine Pause verdient."

Der Arzt strahlt mich an. "Ja", sagt er, "wenn Sie wüssten, wie viele Patienten gar kein Verständnis für die Unplanbarkeit in der Zentralen Notaufnahme haben. Die glauben, wir hätten nur auf ihre Behandlung gewartet, einen freien Röntgenbereich mit verfügbarem Bedienpersonal, Sprechzimmer in Hülle und Fülle und Zeit für ein persönliches Gespräch. Und anders als in der normalen Praxis ohne Zeitplanung und Voranmeldung."

Unauffällig lasse ich meinen Blick schweifen, über das leere Wartezimmer, den unbesetzten Flur, die kichernde Assistentin am Empfangsschalter, auch der verwaiste Röntgenbereich mit seinen unbelegten Stuhlreihen und dem entspannten jungen Mann fällt mir ein. "Man liest es ja immer in der Zeitung", stimme ich dem Arzt zu, "aber es ist wichtig, Ihren Beruf und den Stress in der Zentralen Notaufnahme mal am eigenen Leib zu erfahren."

"Aber sagen Sie mal", will der Arzt im Aufstehen von mir wissen, "wie ist das mit Ihrem Fuß denn nun wirklich passiert? Ich meine, für eine gründliche Diagnose ist das schon wichtig und soviel Zeit muss sein. Auch ohne Termin."

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13 Februar 2026

Zu Besuch auf der Kunstmesse

Zu Besuch auf der Kunstmesse

Im ersten Moment denkt man beim Begriff "Kunstmesse" an Objekte und Exponate. Bilder, Skulpturen, Installationen, Interaktionen. Doch das ist ja nur das schmückende Beiwerk, es ist eben nicht die Kunst, sondern die Messe, die den Mittelpunkt bildet. Und das Zentrum einer Messe sind die Präsentation, Kommunikation und Menschen. Ja, warum solle man eine Kunstmesse veranstalten, wenn niemand hinginge? Nicht überraschend also ein buntes Portfolio von Personen, die an mir vorbeiziehen, die Stände bevölkern, in der Lounge sitzen.

Typ "Mein Mann hat Geld"
Wenig Ahnung von Kunst, aber hier können sie zeigen, dass sie alles kaufen könnten. Wenn sie nur wollten. Also sind alle Mitmenschen - vom Galeristen bis zum Servicepersonal - mehr oder weniger explizit gefordert, alles zu geben und so zuvorkommend wie möglich zu agieren. In Furcht vor entgangenem Geschäft ist eine gewisse Huldigung angemessen.

Typ "Kultur ist schick"
Eigentlich auch keine Ahnung von Kunst, aber als routinierte Besucher von Kunstveranstaltungen lassen sie an möglichst vielen Stellen ihre Erfahrung mit anderen Messen, Museen, Ausstellungen und Vorträgen durchblicken. Die Messe ist so wichtig wie das Glas Prosecco, das wie ein Accessoire durch die Hallen getragen wird.

Typ "Kunsthistoriker"
Um keine Antwort verlegen können sie zu jedem Werk irgendetwas erläutern. Mal bleiben sie bei der Beschreibung der verwendeten Farben, mal bei der historischen oder geografischen Einordnung der Werkerstellung oder nennen Referenzen zu bekannten oder unbekannten anderen Werken. Bis auf die inhaltliche Ebene dringen sie selten vor.

Typ "Erklärer"
Selbsternannte Pädagogen, die das Bild oder die Skulptur verstanden haben oder das zumindest von sich behaupten. Mal wird den (eigenen) Kindern etwas beigebracht, mal sind es andere Gäste, die mehr oder weniger ungefragt in Diskussionen zur Interpretation involviert werden.

Typ "Künstler"
Schon von weitem am unsteten Blick, der extravaganten Kleidung oder exaltierter Körpersprache zu erkennen. Sie sind sensibel, fühlen die Kunst und sind von einem dunklen Zwang beseelt, diese Gefühle, Schwingungen und transzendenten Elemente für Normalsterbliche zu transformieren. Stimmungsschwankungen zwischen depressiven Schüben und überdrehtem Aktionismus eingeschlossen.

Typ "Galerist"
Wie bei einem Scanner werden alle Passanten auf Zahlungsfähigkeit und Kaufwillen eingestuft. Im Grunde sind die Gegenstände völlig austauschbar, man muss sie nur den potentiellen Käufern schmackhaft machen und in wenigen Sätzen herausfinden, ob die Person am Stand Zeitverschwendung oder zukünftiger Kunde ist. In letzterem Fall unverzüglicher Wechsel in den Verkaufsmodus mit eloquentem Anpreisen der Ware.

Typ "Sammler"
Sie wirken absolut unauffällig, aber der exklusive Gürtel oder die unübersehbar handgefertigten Schuhe lassen aufmerken. Resistent gegen das Geschwätz der Verkäufer, meist gut über die Messe und die Aussteller informiert, bewegen sie sich zielstrebig durch die Hallen. Für sie ist die Messe ein großer Markt, bei dem Angebot und Nachfrage zusammentreffen.

Typ "Unterhaltungssuchend"
Wo bekommt man einen chilligen Nachmittag für so wenig Geld? Und kann mit ein paar Fotos in der Instagram-Story auch noch seine Freunde beeindrucken. In den Gängen herumzuschlendern, aber auch nach dem Begleitangebot zu fragen und das Catering im Auge zu behalten steht im Mittelpunkt.

Typ "Bildungssuchend"
Sie sind Lehrer, waren mal Lehrer, wollten mal Lehrer werden. Und Kultur ist für sie Bildung, die sie in sich aufsaugen. Kataloge unter dem Arm, bewaffnet mit allen verfügbaren Unterlagen, Teilnehmer an allen angebotenen Führungen und eine Herausforderung für alle Guides, die mit gut recherchierten Fragen konfrontiert werden.

Typ "Ich bin das Ausstellungsstück"
Eine Kunstmesse ist eigentlich eine Bühne. Auf der sie sich ins Rampenlicht manövrieren, mit allen verfügbaren und akzeptablen Mitteln auf sich aufmerksam machen. Unter dem Deckmantel der Kunst darf die Kleidung auffällig sein, Schleppe oder absurd große Hüte sind genauso akzeptabel wie fortlaufendes Posieren für den mitgebrachten Fotografen.

Typ "Masse"
Sie sind da, weil sie nichts anderes vorhatten. Weil ein Freund ihnen den Tipp gegeben hat. Mit überraschtem Blick fragen sie sich, was an dem "horizontalen Meter" Kunst ist, wer denn so etwas kauft und welcher Tatort heute Abend im Fernsehen gezeigt wird. Die Aussteller ignorieren sie höflich, Messeveranstalter und Caterer lieben sie für ihren Beitrag zur Finanzierung.

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06 Februar 2026

Anruf beim Finanzamt

Anruf beim Finanzamt
Im Internet habe ich keine geeignete Telefonnummer gefunden, aber auf dem Briefkopf des letzten Schreibens werde ich fündig. Ich wähle die Nummer, nach einiger Zeit und langem Klingeln wird abgenommen. „Finanzamt, Buchstabengruppe F bis K, um was geht es?“

„Ich möchte gerne Geld abheben.“

Kurzes Schweigen, dann: „Sie möchten Geld abheben?“

„Ja, mein Geld. Ich möchte mein Geld abheben.“

„Sie sind beim Finanzamt, nicht bei der Sparkasse, Sie können hier kein Geld abheben.“

„Aber das Finanzamt hat doch Geld. Sie haben es doch von meinem Gehalt abgezogen, da müssen Sie doch Geld haben. Und jetzt möchte ich es gerne zurückbekommen. Abheben sozusagen.“

„So funktioniert das aber nicht. Sie zahlen Einkommenssteuer, das ist eine Steuer und die bekommen Sie nicht einfach zurück.“

„Was haben Sie denn damit gemacht, dass Sie es mir jetzt nicht einfach zurückgeben können? Haben Sie es hinter meinem Rücken ausgegeben?“

„Hören Sie, wenn Sie sich über Steuern informieren möchten, dann kaufen Sie sich bitte Lehrbücher oder schauen sich Youtube-Videos an. Ich bin nur zuständig für die Bearbeitung der Steuererklärungen.“

„Da haben wir es ja: Steuererklärungen. Dann sind Sie doch genau der richtige Ansprechpartner, Sie sollen mir die Steuer ja erklären.“

„Nein, andersherum. Sie müssen eine Steuererklärung abgeben. Und die kann ich dann prüfen und bearbeiten. Und wenn die Zahlen stimmen, dann erhalten Sie vielleicht auch Geld zurück.“

„Entschuldigen Sie, ich verstehe das nicht. Mir wird Geld abgenommen, bevor es in meinem Portemonnaie landet, das ist doch dubios wie bei Bankräubern. Und dazu soll ich dann irgendwas erklären und dann…“

„Hören Sie, ich habe keine Zeit für Ihre komischen Fragen. Entweder wollen Sie mich hochnehmen oder sind Sie wirklich so unwissend?“

„Ich war noch nicht ganz fertig. Ich soll irgendwas erklären, was ich nicht verstehe, und dann schauen Sie sich das an und ich bekomme VIELLEICHT Geld zurück, mein Geld, was ich bis dahin nicht gesehen habe. Vielleicht.“

„Also gut, ich will mal sehen, ob ich etwas für Sie tun kann. Geben Sie mir mal Ihre Steuernummer, ich werden prüfen, ob ich die Vorauszahlung reduzieren kann.“

„Das ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Ist das die Vorbereitung, damit ich dann nachher Geld abheben kann?“

„So einfach geht das nicht. Ich nehme Ihren Prüfauftrag entgegen und berücksichtige das Anliegen bei der nächsten Bearbeitung.“

„Bei der nächsten Bearbeitung? Wann bearbeiten Sie denn?“

„Den ganzen Tag, aber es gibt im Moment sehr viele Vorgänge. Und Vorleistungsprüfungsanträge werden nachrangig berücksichtigt.“

„Was heißt das? Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Sie bearbeiten irgendwelche Sachen, vermutlich bekommen Sie Geld dafür und machen mal das eine, mal das andere. Und meine Abhebung jedenfalls nicht.“

„Ähm, stimmt grundsätzlich. Ihren Vorleistungsprüfungsantrag kann ich im Moment nur vormerken. Und kann Ihnen schon mitteilen, dass die Bearbeitung einige Wochen dauern wird.“

„Oh.“ Ich denke einen Moment nach. „Sie arbeiten also, und früher oder später leiten Sie dann meine Abhebung ein. Vermute ich richtig, dass Sie auch Geld für Ihre Arbeit bekommen?“

„Selbstverständlich. Ich bin Angestellter des Finanzamtes und werde für die Bearbeitung der Steuererklärungen bezahlt. Und nachrangig auch für die Vorleistungsprüfungsanträge so wie bei Ihnen jetzt.“

„Großartig. Das ist mal was, was ich verstehe. Oder nein, halt, eigentlich verstehe ich das auch nicht. Sie arbeiten, bekommen Geld dafür, dass Sie prüfen, ob das Geld, das Sie anderen abgenommen haben zurückgezahlt wird. Und von dem Geld, das Sie dafür bekommen, dass Sie das nicht zurückgezahlte Geld anderer Bürger prüfen wird Ihnen auch wieder Geld abgenommen, dass Sie erst mal nicht zurückbekommen und das geprüft wird von jemand, der Geld dafür bekommt, dass er prüft, ob Sie Ihr Geld zurückbekommen Und so weiter. Da bekomme ich Kreise im Kopf. Ist das so eine Art Kurzschluss im Geldstrom?“

„Sagen Sie mal, was wollen Sie denn eigentlich?“

„Geld abheben, das habe ich Ihnen doch ganz am Anfang gesagt. Ich will einfach nur mein Geld abheben, das ich unfreiwillig eingezahlt habe. Und eigentlich interessieren mich auch gar nicht Ihre bis in die Unendlichkeit verschachtelten Prüfungen und die daraus irgendwie konsequenterweise bis in die Unendlichkeit verschachtelten Bearbeitungszeiten. Kein Wunder, dass Sie…“

Das Geräusch in der Telefonleitung lässt vermuten, dass wir keine Verbindung mehr haben. Es ist auch keine Warteschleife, in der ich mich befinde. Er hat einfach aufgelegt. Sicher habe ich ihn mit meinen Fragen wachgerüttelt und er hat nun Zweifel am Sinn seiner Beschäftigung. Vielleicht sollte ich ihn noch einmal anrufen, trösten und ihm klarmachen, dass in jeder Sinnkrise auch eine Chance auf Veränderung steckt. Sogar beim Finanzamt.

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30 Januar 2026

Tierische Beziehungstypen

Tja, Menschen sind auch nur Tiere. Tief in ihnen schlummern Eigenschaften, die aus der Tierwelt bekannt sind und die sich natürlich auch in der Art und Weise niederschlagen, wie sie miteinander umgehen. Werfen wir einen Blick darauf, wie Beziehungen bestimmter Tiere typischerweise gestaltet sind und was wir davon in der menschlichen Partnerschaft oder allgemeiner in menschlichen Teams wiederfinden.

Tierische Beziehungstypen

Hund

Treu ergeben, wenn sie ihr Herrchen oder Frauchen als Leitfigur ansehen. Man kann ihnen Dinge beibringen und sie trainieren, auf bestimmte Kommandos oder Reize gezielt zu reagieren. Je nach Rasse neigen sie dazu, ihr Revier oder ihr Rudel zu verteidigen.

Hat man einen solchen Partner, dann lässt er sich steuern, zu gewünschten Handlungen führen und je nach Erziehung auch dominieren.

Katze

Liebevoll, aber auch eigenwillig gestaltet sie die Beziehung nach eigenen Vorstellungen, lässt sich dabei nur eingeschränkt beeinflussen. Übungen macht sie nur mit, wenn sie möchte, ansonsten erschließt sie sich die Welt selbst. Allerdings ist sie auch empathisch zur Stelle, wenn es emotionale Schwierigkeiten gibt und wirkt moderierend auf die Partnerschaft.

Wer eine Katze als Partner hat, der muss sich daran gewöhnen, dass Freiraum innerhalb eines treuen Rahmens nicht nur erwartet, sondern aktiv eingefordert wird. Konditionierung ist nahezu aussichtslos, es wird viel (emotional) geschenkt, aber man kann es nicht einklagen.

Esel

Ein hochgradig belastbares und zuverlässiges Tier, das allerdings in machen Situationen überraschend störrisch sein kann. Die Gründe für dieses Verhalten sind oft nicht auf den ersten Blick erkennbar, man kommt aber nur mit enormem Kraftaufwand weiter oder (völlig problemlos) wenn man das Hindernis beseitigt hat. Esel sind entgegen der landläufigen Meinung intelligent, ihre Verweigerung resultiert aus einer (für sie) logischen Entscheidung.

In der Partnerschaft ist Mitdenken und eine erhebliche Portion Empathie gefragt. Wer sich in einen Esel hineinversetzt und bei Widerspenstigkeit nach der Ursache forscht statt mit Gewalt zu reagieren, hat eine wertvolle Arbeitskraft und kann gut vorankommen.

Ziege

Sie machen aus Prinzip was sie wollen, allein um zu demonstrieren, dass sie machen können, was sie wollen. Dieser Wille ist weitgehend ziellos, mehr im Sinne einer grundsätzlichen Opposition. Es ist kraftraubend und mühsam, sie auf einen definierten Weg zu bringen.

Führung im klassischen Sinne ist ausgeschlossen, konstruktive und planbare Zusammenarbeit praktisch nicht möglich. Neben den offensichtlichen Kurswechseln zur Demonstration der eigenen Macht und Gestaltungsfreiheit laufen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch verdeckte Aktivitäten, die den offiziellen Kurs torpedieren.

Schlange

Durch ihren besonderen Körper ist sie sehr beweglich, kann aber abgesehen von schnellen Bewegungen auch unvermittelt von der Seite oder gar von hinten angreifen.

Im Falle solch einer Partnerschaft ist erhöhte Wachsamkeit geboten. Was nicht in der direkten Kommunikation läuft, wird über Kollegen, Freunde und Bekannte platziert. In vielen Fällen wird es schwierig, die Quelle einer Aussage zu finden, da durch Verschleierung kaum noch erkennbar ist, von wem und mit welcher ursprünglichen Botschaft die Kette angefangen hat.

Eule

Insbesondere wird die Eule dann aktiv, wenn andere zur Ruhe kommen. Während sie die Zeit tagsüber schläfrig verbringen, wachen sie mit der Dämmerung auf und entpuppen sich dann als sorgfältige Beobachter und scharfe Denker.

Sie können sehr wertvolle Teampartner sein, nur darf man sie nicht in die übliche Zeitplanung zwingen. Ein Tag Bedenkzeit muss immer einkalkuliert werden, dafür ist das Ergebnis dann möglicherweise besonders gut durchdacht. Für Tätigkeiten mit Interaktion oder Dialog eignen sich Eulen nur bedingt.

Faultier

Es heißt nicht nur so, es hat auch einen sehr gemütlichen Tagesablauf, manchmal nicht mehr als vier Aktivitätsstunden. Dabei kann es mehr oder weniger hübsch aussehen, ist allerdings ansonsten weitgehend unnütz.

Viel bewegen kann man mit Faultieren nicht. Weder unterbrechen sie freiwillig ihre Ruhephasen, noch zeichnen sie sich durch Impulse oder selbstgewählte Leistungen aus. Motivation wird zur Herausforderung, wobei die Bequemlichkeit so zentral ist, dass selbst die meisten üblichen Anreize nicht weiterbringen.

Biene

Von Sonnenauf- bis -untergang zu arbeiten ist für Bienen selbstverständlich. Sie schaffen, planen, organisieren und kommunizieren zur Optimierung ihrer Leistung.

Unscheinbar und deshalb oft nicht angemessen geschätzt. Zwar hält es die Biene für eine Selbstverständlichkeit, ihre Arbeitskraft für das Team oder die Familie einzubringen, freut sich aber an dem Ergebnis ihres Fleißes. Ehrungen sind nicht notwendig, aber die fortlaufende Rückmeldung, dass man die geleistete Arbeit wahrgenommen hat. Sehr leicht zu steuern und auch für ausgesprochen unattraktive Arbeiten einzusetzen, wenn sie nur fleißig sein dürfen.

Fuchs

Mit guter Nase, scharfen Augen und spitzen Ohren hat der Fuchs die Grundlage, mit seiner Intelligenz gut zu beobachten und clevere Schlüsse zu ziehen.

Wer einen Fuchs im Team hat, der hat einen klugen Entscheider. Seine Meinung ist meist gut begründet und als Basis für Taktik und Strategie geeignet. Um seine Beobachtungsgabe optimal nutzen zu können bleibt er oft lieber im Hintergrund und tritt auch bei offiziellen Runden wenig in Erscheinung.

Fisch

Kommunikation läuft unter Wasser anders. Stilles, meist ziemlich ruhiges Schwimmen und die Bildung von Schwärmen sind charakteristisch. Aber vor allen Dingen sind sie glitschig, nicht zu fassen und nur schlecht mit bloßer Hand zu fangen.

Man sieht sie vielleicht, aber man hört sie nicht. Ruhig sind sie einfach stets in der Nähe, folgen und sind immer da, wenn man sie braucht. Eher langweilig und ohne Impulse, grundsätzlich sozial aber nicht unbedingt an bestimmte Personen gebunden. Und genauso wie sie nicht in Beziehungen zu fixieren sind, sind sie auch in ihren Aussagen so schwammig, dass man sie nicht darauf festlegen kann.

Pferd

Es kann schnell laufen, ist einfühlsam und je nach Rasse auch für schwere Arbeit geeignet. Dabei aber auch sehr ängstlich mit dem Reflex, Hindernissen auszuweichen. Es scheut vor Barrikaden und muss stets eine Fluchtmöglichkeit haben.

In der Partnerschaft mit dem richtigen Management sehr angenehme und gute Mitspieler. Allerdings kann es Kraft kosten, sie zu Neuem zu bewegen, Herausforderungen anzugehen oder gar Schwierigkeiten in Angriff zu nehmen. Abgesehen davon muss dieser Typus immer einen Notausgang haben, der zumindest grundsätzlich als Alternative zur Verfügung steht. Gewaltsames Durchsetzen von Anforderungen ist völlig ungeeignet und führt zu seelischen Störungen oder Trennungen.

Bär

Als Inbegriff der Kraft steht der Bär auch für eine gewisse Geschicklichkeit und nicht zu unterschätzende Geschwindigkeit. Nur mit der Feinkoordination hapert es, er bewegt und verhält sich tapsig.

Für feine Arbeiten, Diplomatie oder den Einsatz in filigranen Netzwerken sind diese Personen nicht geeignet. Sie verhalten sich wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, wobei sie die Zerstörung in Kauf nehmen und oft noch nicht einmal wahrnehmen. Hilfreich, wenn man einen Menschen braucht, der durchgreift und ohne zu viel Skrupel aufräumt. Dabei muss man aber im Hinterkopf haben, dass das Fehlen von Feingefühl auch für die eigene Beziehung gilt.

Taube

Zu Recht werden sie im Zusammenhang mit Frieden und mit Liebe dargestellt. Sie suchen sich ihre Partner, mit denen sie dann bis zum Tod verbunden bleiben. Turteln, gegenseitige Versorgung und die Aufzucht von Nachwuchs sind die zentralen Lebensinhalte.

Wie bei den Tieren so bei den Menschen: Nicht die Arbeit, Hobbys, Gemeinschaft oder Kreativität bilden die seelische Mitte, sondern allein die persönliche Partnerschaft. Alles dreht sich um Liebe, diesem Begriff und seiner Ausgestaltung werden alle anderen Elemente untergeordnet. In der Zweisamkeit (privat und beruflich) sehr eng an genau einen anderen Menschen gekoppelt. Fällt dieser weg entsteht eine Lücke, die nach besten Möglichkeiten kurzfristig wieder durch so eine enge Partnerschaft geschlossen wird.

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23 Januar 2026

Ein Hoch auf Supercommunicators

Ein Hoch auf Supercommunicators
Stolz halte ich ein Buch in der Hand, in dem Charles Duhigg die geheime Sprache zwischenmenschlicher Beziehungen entschlüsselt, das steht auf dem Cover und ist auf 321 Seiten ausgebreitet. Es klingt sensationell und macht neugierig, und Charles ist auch noch Absolvent der Yale University (Connecticut, USA). Und das Werk wird gefeiert von Arthur C. Brooks, Professor an der Harvard Business School (Massachusetts, USA).

Soweit die Lobpreisung. Und jetzt zum Inhalt.

Auf einer Tagung komme ich mit einem anderen Gast ins Gespräch, wir unterhalten uns über dies und das, ein wenig Smalltalk, dann Familie, dann sind wir unversehens bei der persönlichen Sicht auf Work-Life-Balance und deren soziologische Auswirkungen. Die Argumente gehen hin und her, ein weiterer Gast kommt dazu, steigt mit ein und die Diskussion wird lebhafter. Angezogen vom engagierten Austausch wird die Runde um unseren Tisch immer größer. Fast müssen wir aufpassen, dass wir mit unserem Thema nicht versehentlich die Konferenz kapern.

Duhigg würde diese Szene dann einem Gesprächstyp zuordnen, zu intensiven und interessierten Fragen ermutigen und so ein inhaltliches, aber auch emotionales Angleichen herbeiführen. Je tiefer das gelingt, desto eingeschwungener agiert die Gruppe.

Wow! Das sind ja sensationelle Erkenntnisse. Nicht, dass ich sie schon mal im Zusammenhang mit Emotionaler Intelligenz gelesen hätte. Sicher ist auch der Aufbau von Rapport bei der Neurolinguistischen Programmierung etwas ganz anderes. Und ich glaube natürlich auch nicht, dass Psychotherapeuten, Coaches oder gute Verkäufer je auf diesen brillanten Gedanken gekommen sind. 

Naja, möglicherweise doch. Aber sie haben nicht den Begriff „Supercommunicators“ aus einem Vokabular à la Donald Trump dafür verwendet. Sie haben nur das Angebot eines tiefergehenden und persönlichen Austausches gemacht, Interesse signalisiert und sind auf die Äußerungen eingegangen. Ein Effekt übrigens, den ich bei Musikern beobachte und der nichts mit Vertrauen, sondern nur mit professionellem Zusammenspiel zu tun hat.

Eins jedoch sollte man Mr. Duhigg zubilligen. Es ist schon eine gewisse Fertigkeit, den alten Wein in neue Schläuche abzufüllen, vermutlich über eine Million Jahre alte Binsenweisheiten als „Entschlüsselung einer geheimen Sprache“ zu bezeichnen und das Ganze in amerikanische Heldenreisen und Beispielszenen zu gießen. Und aus diesen mehr oder weniger trivialen Gedanken dann ein ziemlich dickes Buch anzufertigen, das voraussichtlich ein Bestseller wird.

Ich löse mich langsam vom Tisch, und obwohl ich eigentlich gar nicht der Wortführer bin, ebbt die Diskussion ab, schauen mich die anderen Tagungsteilnehmer erwartungsvoll an. „Eine super Diskussion“, höre ich mich sagen, „ich kann nur hoffen, dass wir die anderen Themen dieser Veranstaltung genauso intensiv bearbeiten und zum ambitionierten Ziel kommen.“ Allgemeines Gemurmel, dann plötzlich Beifall. Als ob ich eine Rede gehalten hätte oder der Messias wäre. Das ist mir schon peinlich.

Ganz kurz ringe ich mit mir, ob ich die Konferenz nicht doch übernehmen sollte, jetzt, wo die Herde um mich herum aufeinander und auf mich eingeschwungen ist. Aber das geht ja nun wirklich zu weit und außerdem bin ich ja kein Supercommunicator. Ich überlasse die nette Truppe ihrem Schicksal und später ihrem Weinchen, bei dem sie ihre geschaffene Vertrauensbasis weiter vertiefen können.

Irgendwann im Laufe des Abends ist es dann doch noch so weit. In ausgelassener Laune lasse ich mich zum Supercommunicator krönen und bringe einen Toast aus auf dieses mächtige Werkzeug, mit dem wir endlich unsere Erfahrungen, unsere Werte und unser Gefühlsleben in den Griff bekommen.

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16 Januar 2026

Günter (Das Reiseklavier)

Beim Namen Günter muss ich an eine Geschichte denken, die mir als Student passiert ist. Mit schmalem Budget hatte ich mich in den Semesterferien auf den Weg nach Sardinien gemacht und mit dem Reisebus den Fährhafen erreicht. Es war eine lange Fahrt gewesen, wir waren quer durch Deutschland und Italien gefahren, jetzt in Livorno angekommen und standen recht verkatert am Anleger.

Unser Teamer kam mit den Fährtickets, wir stiegen die Gangway hoch und schleppten Koffer und Rucksack auf Deck. In den Ecken verteilten wir unsere Isomatten und holten notdürftig ein wenig Schlaf nach, den wir im Bus nicht gefunden hatten. Insgesamt herrschte Ruhe, kaum einer hatte Lust auf eine Unterhaltung und das Tuckern des Schiffsdiesels wirkte zusätzlich einschläfernd.

Im Halbschlaf nahm ich das Ablegemanöver wahr, fühlte das leichte Schaukeln des Bootes und die Hafenausfahrt, mit der der Seegang deutlich zunahm. Mehr wie eine Wiege spürte ich die Mischung aus Vibrieren, Stampfen und Rollen, schloss die Augen und wäre vermutlich eingeschlafen, wenn ich nicht plötzlich eine Stimme gehört hätte. "Hallo", weit weg, dann wieder "Hallo, wie geht es dir?"

Ich war ein wenig genervt, wollte ich doch schlafen und hatte kein Interesse an einer Unterhaltung. Trotzdem blinzelte ich durch ein Auge und schaute, wer mich da ansprach. Ein junger Student stand vor mir, strahlte mich an, "Günter" stellte er sich vor und wartete einen Moment, damit ich ihm auch meinen Namen verraten konnte.

"Hallo Günter" murmelte ich, schloss wieder mein Auge und wollte dösen oder schlafen. Aber mein neuer Kamerad ließ nicht locker. Er redete auf mich ein, wollte von mir wissen, woher ich käme, wohin ich wolle und wie lange ich bliebe. Er war schon mehrfach auf Sardinien gewesen und hatte diverse Tipps auf Lager. Aber auch auf der Fähre kannte er sich gut aus. "Die Bar hier oben ist für die Touristen, ein Stock tiefer ist hinten durch die Bar für die Crew. Besser und billiger." 

Ich ließ mich zu einem Cappuccino überreden und wenige Minuten später standen wir an klapprigen Tischen mit dem perfekt zubereiteten Getränk, umringt von laut plappernden Landsleuten. Allmählich wurde ich munter, die Nachwehen der unruhigen Nacht wurde vom Koffein vertrieben. Jetzt nahm ich auch die hübsche Kakaofigur wahr, unfassbar, dass im Bauch einer ölverschmierten Fähre ein Barista für die Gäste sorgte.

Inzwischen war unser Gespräch lebhafter geworden, ich erzählte von meinem Studium, dass ich kurz vor dem Diplom stünde und mich jetzt auf eine Pause von der Lernerei freute. Und erfuhr im Gegenzug, dass Günters Freundin schon auf der Insel war. Sie war eine zierliche Kommilitonen - er zeigte mir stolz ein Foto - die er in der Mensa gesehen und dann in einer Musikband kennengelernt hatte. Überhaupt schien Musik neben seinem Studium ein wichtiges Element in seinem Leben zu sein.

Erst ging ich nicht weiter darauf ein, aber dann wollte ich doch wissen, warum er nicht zusammen mit seiner Freundin gefahren war. Wenn ich vermutet hatte, dass er noch Prüfungen oder ein Praktikum zu bewältigen hätte, so lag ich komplett falsch. "Mein Klavier", war die Antwort. Ich schaute ihn etwas verwundert an, weil ich eine getrennte Anreise nicht mit einem Klavier in Verbindung bringen konnte.

"Ich bin mit meinem Klavier unterwegs." Sicher eine seiner merkwürdigen Geschichten, dachte ich. Aber er machte ein so ernstes Gesicht, dass ich mich fragen musste, ob da nicht irgendwas dran war. "Du hast dein Klavier dabei?" fragte ich ungläubig, "irgendwo hier auf der Fähre steht dein Klavier?" - "Genau. Ich fahre nie ohne mein Klavier in Urlaub. Es ist sozusagen ein Reiseklavier." Ich war immer noch nicht überzeugt und ging eher davon aus, dass er mir gerade einen Bären aufbinden wollte.

Günter (Das Reiseklavier)

Er nahm mich am Arm und zog mich aus der Bar weg, eine Stiege tiefer und noch eine, da wo der Bereich für das Sperrgut begann. Aber in der Sammlung von Containern, Boardcases und Kartons konnte ich kein Klavier entdecken. Nur eine recht sperrige Holzkiste etwa so breit wie ein Klavier und mit diversen Gelenken und Scharnieren ausgestattet. Einige Hebel und Riegel verhinderten, dass sich dieses Paket von alleine entfalten konnte.

"Da drüben" wies mir Günter den Weg und zeigte tatsächlich auf die Holzkiste mit den Scharnieren und der Verriegelung. "Dafür habe ich Maschinenbau studiert", erklärte er mir weiter, "es war immer mein Traum, dass ich mein Klavier dabeihabe. Es begleitet mich sozusagen überall hin." 

"Das ist wirklich dein Klavier?" Ich war fassungslos, "Das muss ja asig schwer sein." - "Nein, das ist eines der Geheimnisse seiner Konstruktion. Ich habe es mit einem Freund so gebaut, dass wir auf die meisten schweren Teile verzichten konnten. Weder hat es einen klassischen Resonanzboden, noch braucht es eine stählerne Platte für seine Saiten. Und durch eine ausgeklügelte Diagonalverleimung ist es auch weitgehend unempfindlich gegen Feuchtigkeit."

Aus seiner Tasche holte einen Schlüssel, steckte ihn in das Schloss des Holzkastens und mit wenigen Handgriffen klappte und schob er die einzelnen Bestandteile so in Form, dass schließlich ein Klavier vor mir stand. Vorsichtig berührte ich den Korpus, klappte die Abdeckung der Klaviatur hoch und spielte behutsam ein paar Töne. Wirklich, man konnte Musik damit machen, und wie ich beim Hochheben feststellte, war es nicht einmal besonders schwer. Ein Reiseklavier eben.

Günter strahlte, ließ mich herumklimpern, spielte dann selbst den Anfang einer Toccata von Bach und klappte das mechanische Wunderwerk zum Schluss wieder zusammen. "Siehst du", ließ er mich wissen, "das ist der Grund, warum ich mit dieser Fähre nachreise. Der normale Reisebus wollte es nicht transportieren, eine Spedition kam für mich nicht in Frage. Aber wie beim Problem mit dem Zusammenklappen habe ich auch hierfür eine Lösung gefunden.

Wir unterhielten uns noch bis zum Anlegen in Olbia, danach habe ich ihn nicht wieder gesehen. Aber es ist mir im Gedächtnis geblieben, wie ein Mensch seine ganze Energie in ein Projekt stecken kann, das für Außenstehende kaum sinnvoll erscheint. Und dabei Lösungen findet, die andere für unmöglich halten. Die ihre Mitmenschen mit ihrer Einzigartigkeit mitnehmen, inspirieren und motivieren.

Das ist es, was ich mit dem Namen Günter verbinde.

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09 Januar 2026

Das Märchen vom armen Parkplatzsünder

Es war einmal ein armer Geselle, der tagein, tagaus seiner beschwerlichen Arbeit nachgehen musste. Von frühem Morgen bis zum späten Abend diente er seinem Herrn mit Fleiß und Ausdauer, und selbst der Samstag brachte ihm keine Ruhe. Nur an wenigen, genau bemessenen Tagen war es ihm erlaubt, daheim zu bleiben und sein Werk von dort zu verrichten, denn das Arbeiten aus dem Hause war bei seinem Dienstherrn nicht wohlgelitten. So blieb ihm nichts anderes, als sich beinahe jeden Morgen in sein Gefährt zu setzen und zum Bahnhof zu fahren, wo er sein Auto zurückließ, um mit dem Zuge weiterzureisen.

Mitunter aber geschah es, dass die Züge nicht fuhren, und dann musste er unverrichteter Dinge zu seinem Wagen zurückkehren, um entweder heimzufahren oder den Weg bis zur Arbeitsstätte selbst zurückzulegen. Doch wenn ihn die Bahn gnädig aufnahm, blieb das Auto auf dem Parkplatz zurück und verlangte nach einem Parkschein, den der Geselle pflichtbewusst am Automaten erwarb.

Das Märchen vom armen Parkplatzsünder
Groß war seine Freude, als eines Tages die neue Zeit Einzug hielt. In der Zeitung las er, man könne den Parkschein nun auch mit einem kleinen Wunderkästchen buchen, das man ein Handy nannte. Am Abend saß er bei Kerzenlicht in seinem bescheidenen Heim und machte sich daran, dieses Kästchen zu bedienen. Viel Mühe kostete es ihn: Er musste einen Store aufsuchen, eine App finden und sie auf sein Gerät laden. Und es dünkte ihn ein Wunder, als ein neues, buntes Icon auf dem Bildschirm erschien.

Am nächsten Morgen machte er sich frohen Mutes auf den Weg zum Bahnhof, fand einen guten Platz fern der Bäume, auf denen die Vögel saßen, und eilte dem Bahnsteig zu. „Vergiss den Parkschein nicht“, sprach er zu sich selbst und zog das Handy hervor. Das neue Zeichen leuchtete ihm entgegen, und als er es berührte, tat sich ein weiterer Bildschirm auf.
Doch weh! Nirgends fand sich ein Parkschein. Bestürzt steckte er das Gerät wieder fort, eilte zum Automaten und kaufte, wie eh und je, einen Papierschein, den er hinter die Scheibe legte. Nun war sein Herz wieder leicht, und auch dass der Zug ohne ihn davongefahren war und er in der Kälte warten musste, nahm er ohne Klage hin.

Am Abend setzte er sich erneut an den Küchentisch und versuchte sich wieder an der App. Zwar war ihm all dies fremd, doch mit Geduld brachte er es so weit, ein Konto anzulegen. Zweifel kamen ihm, ob dies wohl rechtens sei, doch es geschah ihm kein Leid.
Auch am folgenden Morgen schien alles wohlbestellt. Er war früh aufgebrochen und fühlte sich gerüstet. Als er die App öffnete, flüsterte es ihm gleichsam entgegen: „Hier bin ich.“ Sie kannte nun seinen Namen, und er staunte über dieses neue Helferlein.

Doch abermals: kein Parkschein. „Nicht schlimm“, sprach er tapfer, kaufte wieder einen Papierschein und legte ihn sichtbar aus. Er war vorbereitet, hatte Kleingeld bei sich und Zeit gewonnen.
Zufrieden erreichte er den Zug und freute sich über seinen schönen Parkplatz. Am Abend setzte er sich wieder bei Kerzenlicht an den Tisch und kämpfte weiter mit der App. Er irrte durch Menüs, las Datenschutzerklärungen und lange Geschäftsbedingungen, bis er sie mit einem Häkchen besiegeln musste. Da fürchtete er einen Augenblick, er habe mit unsichtbarer Tinte unterschrieben und dem Teufel die Hand gereicht.
Doch nichts geschah. Kein Geist sprach, kein Schmerz befiel ihn. Und da entdeckte er einen Knopf, unter dem er ein Auto einrichten sollte. Er lächelte, denn in Gedanken erschuf er sich ein prächtiges Gefährt, größer und mächtiger als alle, die er je gesehen hatte.

Es waren böse Geister, die ihn auch in den nächsten Tagen noch mit allerlei Aufträgen piesackten. Mal verlangten sie eine Autonummer, dann musste er ein Parkareal suchen und dieses in der App hinterlegen. Er schwankte zwischen Verzweiflung und wilder Entschlossenheit, die Sache nach all den Widrigkeiten nun doch zu Ende zu bringen. Als gefeierter Held sah er sich schon, ein Foto in der Zeitung mit seinem Namen darunter und einem feierlichen Text, wie er sich in großer Tapferkeit und Ausdauer über die App erhoben hatte, sie in die Knie gezwungen und den Versuchungen der App-in-Käufe wiedersagt hatte.

Wahrlich war es ein Kampf, und wenn auch ein paar Abende verloren waren, ein paar Züge ohne ihn gefahren und der fröhliche Zeitungsartikel mit der App-Ankündigung mittlerweile zerfetzt in der Ecke lag: Mit erhobener Brust erhielt er seinen ersten elektronischen Parkschein. Wie konnte er sich freuen, warf voller Freude sein Kleingeld auf den Beifahrersitz und stolzierte zum Bahnsteig. Jeder, so dachte er, müsse ihm dieses Meisterstück ansehen, ihn auf seine Leistung ansprechen. Aber tatsächlich gähnten die Mitreisenden wie jeden Morgen und beachteten ihn nicht weiter.
Am Abend saß er ratlos am Tisch, da ihm plötzlich Zeit geblieben war. Erst da merkte er, wie sehr ihn das kleine Kästchen in Beschlag genommen hatte.

Hätte die Geschichte nicht an dieser Stelle ihr Ende finden können? War nicht seine Heldenfahrt vollbracht, sein Kampf bestanden, und war er nicht als Sieger daraus hervorgegangen? Wohl hätte man nun eine Moral daraus ziehen mögen, wie der einfache Mann mit Geduld und Beharrlichkeit die Tücken der neuen Zeit bezwungen hatte, und wie Klugheit und Ausdauer selbst die listigsten Wunderwerke gefügig machen können.

Doch ach, das Schicksal liebt es, den Menschen in falscher Sicherheit zu wiegen. Kaum hatte sich sein Herz beruhigt und der Alltag wieder in ruhigen Bahnen gefunden, da erreichte ihn ein Schreiben mit amtlichem Siegel. Darin ward ihm kundgetan, er habe am Bahnhof ohne gültigen Parkschein gestanden und sich damit eines Vergehens schuldig gemacht. Da sank ihm der Mut. Ein wenig weinte er, dann überkam ihn Zorn, dann wieder tiefe Traurigkeit, und lange saß er grübelnd da und wusste keinen Rat.

In seiner Not griff er zum Hörer und rief im Ordnungsamt an. Mit leiser Stimme frug er nach dem zuständigen Beamten und beteuerte, so wahr ihm Gott helfe, seine Unschuld. Wie zuvor die Technik ihm kalt und ohne Erbarmen begegnet war, so fand er nun auch beim Menschen kein offenes Ohr. Worte prallten ab wie Regen an Stein, und jede Erklärung verhallte ungehört.
Dennoch gab er die Hoffnung nicht sogleich auf. Er sammelte Unterlagen, legte Belege vor, schrieb demütige Briefe und bat um Milde und Einsicht, auf dass man erkenne, das Vergehen sei nicht aus Bosheit oder Sparsamkeit geboren, sondern aus den Tücken der Technik. Doch wer klein ist, widerspricht nicht leicht, wenn die Obrigkeit spricht und ihre Beweise für unerschütterlich hält.

So kam es denn, dass unser kleiner Freund sich am Ende beugen musste. Der Beamte trug ihm die Entscheidung noch einmal vor, in wohlgesetzten Worten, mit dem gewichtigen Hinweis, es lägen „keine plausiblen Rechtfertigungs- und Schuldausschließungsgründe“ vor. Da wurde dem Gesellen schwer ums Herz, zumal er im Schreiben als Täter benannt ward, gegen den ein Verfahren anhängig sei, das aus Gründen der Gleichbehandlung nicht eingestellt werden könne.

Und also schließt sich das Märchen mit der bitteren Erkenntnis, dass man wohl über Maschinen und ihre Zauberkunst triumphieren kann, gegen die starre Hand eines uneinsichtigen Beamten jedoch zumeist machtlos bleibt.

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