27 März 2026

Neben mir in der Sauna

Feiner Dampf wallt durch den Raum, ein Hauch von Eukalyptus liegt in der Luft. Herein kommt ein Mann etwa meines Alters, meiner Körpergröße, recht muskulös. Er wischt mit dem Handtuch über die Holzbank, lässt sich darauf fallen, wobei sein nackter Oberkörper gegen die Rückenlehne stößt.
Neben mir in der Sauna


Einigen Minuten Schweigen, dann sage ich: „Haben Sie Kinder?“ Zuerst fühlt er sich nicht angesprochen, dann registriert er meine Frage, denkt kurz nach. „Na, Sie werden doch wissen, ob Sie Kinder haben“ hake ich nach. Er schwankt zwischen Aufnahme des Gesprächsangebotes und Ablehnung.

„Wieso fragen Sie?“ – „Ich schreibe an einer Studie. Und da möchte ich andere Menschen kennenlernen. Wie ist es mit den Kindern?“ – „Ja, ich habe Kinder. Zwei Mädchen.“ – „Und sind die ganz normal entstanden mit Ihrer Frau oder Freundin oder Partnerin? Oder durch künstliche Befruchtung?“

Er zuckt kurz, dann: „Das geht Sie gar nichts an.“ – „Natürlich nicht, Entschuldigung. Wussten Sie, dass Kinder, die bei wildem Sex entstehen eine um bis zu zehn Prozent höhere Lebenserwartung haben, als Kinder von Kuschelsex und noch mal fünf Prozent mehr als bei künstlicher Befruchtung. Deshalb wollte ich nur hören, wie das Ganze angefangen hat.“

„Ach so, nein, das wusste ich nicht.“ Pause. Ich lege nach: „Daneben gibt es Studien, die die Beständigkeit von Partnerschaften mit dem Einkommen korrelieren. Wie lange sind Sie schon mit Ihrer Partnerin zusammen?“

„Gut zehn Jahre“, mein Gesprächspartner scheint etwas mürrisch, ohne Zweifel muss ich ein wenig nachhelfen. „Kritische Phase“, murmele ich, „viele Ehen, gerade mit Kindern, geraten nach dieser Zeit in ernsthafte Schwierigkeiten. Haben Sie schon mal an eine Paartherapie gedacht?“

Diesmal reagiert er extrem schnell, offensichtlich habe ich einen wunden Punkt erwischt: „Das geht Sie nun wirklich nichts an. Und ich möchte mich auch gar nicht mit Ihnen unterhalten.“ – „Oh“, ich gebe mich einfühlsam, aber nicht beleidigt, „ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Verstehen Sie, eine gute Partnerschaft ist wie ein Geschenk, das muss man auch vorsichtig auspacken.“

Er entspannt wieder, also Gelegenheit: „Apropos auspacken. Wann haben Sie Ihre Frau das letzte Mal ausgepackt? Ich weiß, das ist ein Tabuthema, aber es ist ja so wichtig darüber auch mal zu sprechen und nach zehn Jahren…“ Er springt auf „Mein Intimleben geht Sie nun wirklich nichts an“ brüllt er schon fast.

„Okay, okay“ beschwichtige ich ihn, „lassen Sie uns dann doch lieber über Ihre finanziellen Verhältnisse sprechen.“ Jetzt heißt es improvisieren, „Lebenshaltung, zunehmende Ansprüche der Frau und der Kinder sind schon eine Belastung. Da liegt ein wenig Mogelei schon nahe.“

„Was wollen Sie denn damit sagen?“, er ist offensichtlich verblüfft. „Nun“, sage ich, „eine kleine Abfrage beim Finanzamt bestätigt diese weit verbreitete Form der niedrigschwelligen Steuersünden. Ich glaube ja nicht, dass das Konsequenzen hat, aber mit der zunehmenden Technisierung der Steuerbehörden könnte auch Ihr Fall zunehmend in den Fokus der Bots geraten.“

„Wie, was, Abfrage beim Finanzamt? Wer sind Sie denn überhaupt?“ Er schwankt zwischen Verärgerung und Sorge. – „Habe ich Ihnen doch schon gesagt. Ich schreibe eine Studie, dafür informiere ich mich gerne. Das Buchungssystem vom Hotel konnte mir Ihre Adresse bereitstellen, damit habe ich die Datenbank vom Finanzamt besucht. Glauben Sie mir, reine Routine.“

Jetzt ist er wirklich erschüttert. „Sie… haben… meine…?“ – „Ja, ich möchte ja, dass Sie ihren Urlaub genießen, dass Sie Kinder zeugen, die möglichst lange leben und eine Partnerschaft haben, die viele Jahre hält. Verstehen Sie?“

„Ähm, ja“, jegliche Wut ist verraucht, er bekommt einen geradezu zärtlichen Blick, „das habe ich wohl missverstanden. Entschuldigen Sie, zwischendurch habe ich Sie für unverschämt gehalten, aber eigentlich haben Sie ja Recht und man spricht viel zu wenig über solche Themen.“

„Oh“, erwidere ich leicht, „ich sollte das Gespräch auch mit Ihrer Frau führen. Wussten Sie, dass die Trennungsrate nicht nur eng mit partnerschaftlichen Problemen zusammenhängt oder mit dem Aussehen, sondern auch mit der Anzahl übereinstimmender Antworten zu alltäglichen Fragestellungen zwischen den Partnern?“

Ich lasse den Satz gut einwirken, dann ergänze ich: „Wie würden Sie das Aussehen Ihrer Frau beschreiben, Figur, Augen, Haare, Attraktivität?“ – „Ich würde sagen, sie sieht normal aus, oder vielleicht eher gut, schlank, lange Haare, attraktiv.“

Noch während er weiter überlegt, wie er seine Frau mir gegenüber beschreiben soll, habe ich mich erhoben, ziehe das Handtuch hoch und halte auf die Tür zu. Fast beiläufig sage ich „Für eine fundierte weitere Beratung empfehle ich Ihnen, dass Ihre Frau mich zur weiteren Abklärung besucht. Zimmer 204. Sagen wir 21 Uhr, meinen sie, das passt?“

Er ist so perplex, dass er nur kurz nickt, mir versichert, dass das Gespräch mit mir sehr interessant war und er seiner Frau ans Herz legen wird, mich zu treffen.

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