20 März 2026

Karin, die Redselige

Die Tür öffnet sich langsam, eine Frau mittleren Alters mit Pferdeschwanz steckt den Kopf in den Raum. Orientierend schaut sie sich um, dann kommt sie herein, setzt sich auf die untere Bank und lockert das Handtuch ein wenig. Stille, ein paar Minuten kein Geräusch, keine Bewegung.

Sie schaut sich um, wirft unauffällig einen Blick auf die anderen Gäste, bleibt mit den Augen hier und da kurz hängen, schaut dann wieder auf den Boden vor sich und schließt die Augen. Nach und nach leert es sich, teilbekleidete Menschen verlassen den Raum, schlüpfen in ihre Badeschuhe und verschwinden in einen anderen Teil der Anlage.

Karin, die Redselige
Wir sind allein. Ohne aufzuschauen setzt sie sich seitwärts, hebt jetzt doch den Blick und visiert mich an. Als wäre eine Schleuse aufgegangen beginnt sie zu reden, ich erfahre in Kurzform ihre Lebensgeschichte, Karin aus Bielefeld, zwei Kinder, getrennt lebend, Büroangestellte, Schwester zur Zeit im Ausland. Sport betreibt sie in Kursen, Yoga und ob ich das kenne, das ist so entspannend wie das Ausspannen nach dem Aufguss in der Sauna. Und so weiter.

Ich höre nur mit halbem Ohr zu, vermutlich bin ich auch gar nicht der Gesprächspartner, es ist eher zufällig, dass ich mit ihr in einem Raum sitze. Jedenfalls will sie auch gar nichts von mir hören, erzählt nur vor sich hin. Meine Gedanken schweifen ab und ich überlege, ob es eine Botschaft gibt, warum sie mich mit all ihren Geschichten überfällt. Ist es ein unspezifisches Mitteilungsbedürfnis, der Wunsch nach Kommunikation, eine Form der Kontaktaufnahme mit Option zur Vertiefung vielleicht. Oder ein Hilfeschrei, weil sie sonst niemand hat, mit dem sie ihr Leben und ihre Situation teilen kann.

Sie ist bei ihrem Beruf angekommen, bei Kollegen, einer Form von Burnout, Midlife-Crisis höre ich aus ihren Berichten heraus. Nicht nur im Beruf, auch im Leben und als Frau fühlt sie sich wie ein gebrauchter Gegenstand, oder solle sie sagen verbraucht, ohne Sinn. Ist da ein Funken von Frust, von Depression in den Sätzen, die Suche nach dem Prinzen, der sie in die goldene Kutsche packt und in sein Schloss entführt.

Was das Beste an den Tagen hier sei, fragt sie mich, ohne eine Antwort abzuwarten ist es der Spa, das tolle Essen und der Sekt zum Frühstück. Vor allem der Sekt zum Frühstück, ja, ein Glas zum Start des Tages, zwischen Vergessen und flüssiger Leichtigkeit, die ein paar Stunden anhält.

Ich nicke, schwinge meine Beine von der Bank eine Etage tiefer, dann murmele ich ein paar freundliche Worte, lege das Handtuch fester um und verlasse den Ort der Geschichten einer unglücklichen Frau.

Einige Stunden Entspannung, Sport und Whirlpool später bin ich bereit für das Abendessen. Noch etwas zu früh, ich steuere zuerst die Bar an. Und da sitzt sie, hat einen Aperol Spritz vor sich stehen oder zumindest das, was noch davon übrig ist. Ich zögere kurz, wenn ich mich neben sie setze wirkt es wie eine Annäherung, wenn ich mich entfernt platziere sieht es aus wie Ablehnung. Ich entscheide mich für einen Platz am Tresen, aber mit freien Barhockern zwischen uns.

Sofort sitzt sie neben mir, hat sich ihren Aperol mitgebracht und redet wie bekannt auf mich ein. Einstieg über das Essen, das jetzt gleich serviert wird, ihre Kochkünste und das Essverhalten ihrer Kinder und ihres Mannes. Von dem sie ja getrennt lebt. Nein, er fehle ihr nicht, phasenweise hätten sie sich nur gestritten, auch wegen der Kinder und überhaupt.

So hatte ich mir die Zeit bis zum Abendessen nicht vorgestellt, mein Blick fällt auf einen Mann etwa in meinem Alter, vielleicht etwas älter, der an einem Tischchen sitzt, ein Glas Wein vor sich, ein Buch daneben. Ich löse mich von meiner alleinerziehenden Freundin, die inzwischen einen weiteren Aperol bestellt hat und mit ihrer Hand recht aufdringlich meinen Unterarm bearbeitet. Ich befreie mich aus ihren Fängen, gleite vom Hocker und steuere auf den Tisch mit dem fremden Mann zu.

„Hallo“, begrüße ich ihn, „Mensch, Bernd, schön, dich wiederzusehen. Wer hätte das gedacht, ist ja schon ein paar Jahre her.“ Der Mann schaut mich verdutzt an, offensichtlich habe ich ihn aus seinen Gedanken gerissen. – „Guten Abend“, höflich, kurzes Zögern, dann: „Ich heiße nicht Bernd und ich kenne Sie nicht, verwechseln Sie mich vielleicht?“

Ein schneller Blick auf sein Buch, dann sage ich „Ich habe kein gutes Namensgedächtnis, aber ich erinnere mich noch genau, dass wir bei einem Wein in der Bar gesessen haben und uns über Theodor Fontane unterhalten haben.“ Wieder nachdenkliches Zögern, ich habe einen Treffer gelandet.

„Also, daran kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern, aber es kann schon sein.“ – „Ja klar, es ging um ‚Effi Briest‘ und wir haben uns mit der damaligen Zeit beschäftigt.“ Offensichtlich wieder ein Treffer, der Bestseller vom alten Theodor steht bestimmt auch in seinem Bücherschrank an prominenter Stelle. Ich lasse es einen Moment absacken, dann: „Siehst du Karin dort drüben? Sie ist ein Musterbeispiel für die heutige Zeit, eine Adaption, Transformation, ja, geradezu wie eine zeitgenössische Bearbeitung, verstehst du?“

Erwischt, seine Neugierde ist geweckt, seine Gedankenwelt umgeschwenkt in die Effie Briest, die jetzt wohl Karin heißt und die sich einreiht in Klassiker, die er auch bei Flaubert wiederfinden könnte. Und hier sitzt sie, lebendig, aus den Romanen hervorgestiegen, wie ich ihm ins Ohr flüstere. Und ob ich sie nicht an unseren Tisch bitten solle.

Schon bin ich wieder am Tresen, lege meine Hand zärtlich auf den Barhocker neben Karin, beuge mich ganz nah an sie heran und überbringe den Wunsch zum weiteren Kontakt mit meinem alten Freund, der zufällig dort drüben sitzt.

Nein, denke ich mir, von Verkuppeln möchte ich eigentlich nicht sprechen, aber zwei Menschen zusammenzubringen ist doch ein schönes Erlebnis, und wenn ich dann auch noch einen ungestörten Abend verbringen kann, ist es doch win-win.

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