24 November 2023

Fühle mit mir

Fühle mit mir
So wie du / da vor mir stehst
Solltest du / Verständnis haben
Und den Weg / den ich jetzt geh‘
Könnten wir / gemeinsam starten

Und fühle / und fühle mit mir
Gemeinsam sind wir / ein Traumpaar.

Alles da / was du jetzt brauchst
Glück allein / wirst du nicht finden
Mein Gefühl / ist was du glaubst
Schwierigkeit / zu überwinden.

Und fühle / und fühle mit mir
Gemeinsam sind wir / so glücklich.

Fühle das / was dich umgibt
Spüre es / lass Hände tasten
Dein Gespür / weist dir den Weg
Lass es zu / Du darfst nicht rasten

Und fühle / und fühle mit mir
Gemeinsam sind wir / Pfadfinder.

Es ist da / das ist gewiss
Empathie / ist unsere Chance
Gerade jetzt / gemeinsam ziehen
Auf zur Jagd / wir geh’n aufs Ganze

Und fühle / und fühle mit mir
Gemeinsam sind wir / ein Dreamteam.

Wir sind klein / die Welt ist groß
Was du fühlst / ist super wichtig
Nimm die Hand / wir stürmen los
Nur als Team / läuft alles richtig

Und fühle / und fühle mit mir
Gemeinsam sind wir / unschlagbar.

17 November 2023

Tierischer Ball

Tierischer Ball
Der angekündigte Ball hatte mich schon seit Tagen beschäftigt. Kleidung, Parfüm und Anfahrt waren Teil der aufregenden Vorbereitung. Mit gutem Vorlauf war ich schon kurz vor der Öffnung angekommen und stand nach Garderobenabgabe und erster Orientierung ein wenig unschlüssig zwischen den eintreffenden Gästen. Gerade war eine ganze Gruppe junger Frauen eingetroffen, wie die Gänse schnatterten sie eifrig miteinander, jede Menge Bewegung und viel bunte Kleidung. Kurz: Weder zu überhören noch zu übersehen.

In diesem Moment sah ich sie. Die Eingangstür öffnete sich und herein schwebte ein Schwan. Eigentlich war es nur eine gewöhnliche Frau, aber mit ihrem stolz aufgereckten Hals und einer bemerkenswert souveränen Ausstrahlung kam sie ihrem tierischen Pendant ziemlich nahe. Doch kaum im Getümmel angekommen ging sie im Durcheinander der Gänse unter.

Ich schlenderte weiter zu den Saaltüren und warf einen Blick auf das Abendprogramm. Noch in Gedanken vertieft bemerkte ich den Schwan wieder, er hatte sich aus dem Pulk gelöst und schien an einem Stehtisch auf jemand zu warten. Was nicht lange dauerte, denn herein kam eine Mischung aus Giraffe und Pinguin. Ein langer, schlaksiger Herr in dunklem Anzug mit Fliege lief schnurstracks auf sie zu, Küsschen rechts, Küsschen links.

Bong, machte der Lautsprecher, die Saaltüren wurden geöffnet und eine Reihe hilfreichen Geister kontrollierte die Einlasskarten. Bei Bedarf wurde man bei der Suche nach dem zugewiesenen Tisch unterstützt, freundliche Maisen zwitscherten Tischnummern und schlugen eifrig mit den Flügeln bis ich am richtigen Ort angekommen war.

Weiter hinten wieder mein Schwan, allerdings jetzt wieder ohne den Giraffenpinguin. Am runden Tisch mit seinen zahlreichen Gläsern, den silbernen Platztellern und den weißen Servietten kam sie jetzt wieder voll zur Geltung. Sie streckte ihren schönen Hals über die üppige Blumendekoration und plusterte ihre Arme in den weiten Ärmeln ihres cremefarbenen Kleides.

Wie eine Wiederholung der Eingangsszene währte dieser Anblick aber nicht lange, denn rudernd und durch den Willkommenssekt noch lebhafter geworden watschelten die Gänse heran. Umgeben von Ameisen mit Tabletts voller Getränke und ersten Häppchen bahnten sie sich einen Weg durch den voller werdenden Saal, ließen sich auch nicht von den tischanweisenden Maisen beeindrucken und trippelten mal links an einem Tisch vorbei um dann wieder nach rechts zu schwenken und als Schar endlich beim Schwanentisch stehenzubleiben.

Durch die aufgeplusterten Kleider der Gänse verlor ich den Sichtkontakt zu meiner Schwänin und widmete mich der Getränkekarte. Kaum die Brille aus meinem Revers gezogen legte sich eine große Tatze auf meine Schulter und ein freundlich dreinblickender Bär stellte sich höflich vor, um mein Tischnachbar zu werden. Zu seiner etwas behäbigen Art passte denn auch gut seine Begleitung, eine liebenswürdige Hummel, die ihre korpulente Erscheinung durch eine bemerkenswerte Kopfbedeckung über gestreiftem Oberteil ergänzte.

Es versprach ein interessanter Abend zu werden, besonders gespannt war ich auf die Zulosung meiner Partnerin, hatte sich doch der Veranstalter für ein Losverfahren für Singlevermittlung entschieden. Der Saal füllte sich, auf der Bühne machten sich die Musiker bereit und die Tische waren schon fast vollständig besetzt. Jetzt sah ich auch den Schwan wieder, aufgestanden vom Gänsetisch setzt sie jetzt ihre geradezu charismatische Erscheinung wieder in Szene.

Ich konnte meine Augen kaum von ihr lassen, wurde aber jäh aus meinen Gedanken gerissen, weil eine getigerte Katze mit feurigen Augen an meinem Tisch erschien. Einen kurzen Moment wirkte sie unsicher, vergewisserte sich, dass sie am richtigen Tisch angekommen war und schon glitt sie auf den Stuhl neben mir, nicht ohne ihren langen Schweif in Form der Schleppe ihres Ballkleides zur Seite zu platzieren. Ein schneller Blick auf ihre Beine ließ vermuten, dass sie auf der Tanzfläche geboren war.

Mein Tisch war nun voll besetzt, auch mit der Abwechslung von Mann und Frau war alles weitgehend richtig gelaufen, mal abgesehen vom Bären zu meiner linken. Abzählend wurde mir klar, dass ich die Ehre mit der Tigerkatze haben würde. Sicher nicht die schlechteste Wahl, wobei ich nicht einschätzen konnte, ob meine Tanzsportlichkeit bei ihr nicht an ihre Grenzen geraten könnte. Wir wechselten ein paar Worte, tasteten uns verbal ab und tauschten uns über unseren ersten Eindruck von dem Ball aus.

Unvermittelt setzte Musik ein, das Erdhörnchen am Mikrofon streckte putzig den Hals und wartete auf seinen Einsatz, während der Boxer am Schlagzeug sich an den Fellen abarbeitete. Meine Partnerin hatte schon den Stuhl zurückgeschoben, wartete ungeduldig auf meine Aufforderung und ließ sich begierig zum Parkett begleiten, wo sie ihren Schweif beiseite nahm und mit geschmeidigen Bewegungen fast lauernd in den Paartanz überging.

Nur wenige Takte später hing sie an mir, ein Taumel zwischen Raubtierangriff und tänzerischem Verlangen ließ mich alles um mich herum vergessen. Waren da wieder die Gänse, musste ich dem Bären mit seiner Hummel ausweichen oder wäre ich beinahe gegen den Giraffenpinguin gestoßen? Ich konnte nur den immer wilderen Tanz mitmachen, die schlimmsten Stupser vermeiden und versuchen auf den Füßen zu bleiben.

Eine wilde Nacht nahm ihren Anfang, ein Zoo von aufgescheuchten, hochfrisierten und bewegungsfreudigen Gestalten versetzte die Tanzfläche in ein hochgeheiztes Terrarium unter Dauerbeschallung. Eine Python schien sich um den Körper eines Zweibeiners zu winden, irgendwo in der Mitte ein Schwarm Fische, die ihren Partytanz mal nach links und mal nach rechts wogen ließen. Ich ließ mich mitreißen vom Strudel der Eindrücke, meine Tigerkatze jagte auf mich zu, an mir vorbei, um nach eleganter Pirouette wieder in meinem Arm zu landen.

Mit roten Wangen und durstig von der Anstrengung kehrten wir in der Tanzpause zu unserem Tisch zurück. Der Schwan stand auch wieder an seinem Tisch, der Pinguin war allerdings nicht zu sehen. Noch einen Moment blieb ich stehen, hob mein Glas und sah voller Freude, dass auch die Schwänin ihrerseits das Glas in die Hand nahm und mir zu meiner Überraschung zuprostete. Wie sie so da stand und den Hals reckte, den Sekt in der einen, einen langen weißen Schal in der anderen Hand war sie der Traum jedes Tänzers.

Fast zeitgleich mit dem ersten Ton der neuen Tanzrunde setzte ich mein Glas ab und eilte auf sie zu. Ich hatte keinen Gedanken mehr für die Tigerkatze, auch nicht für den Pinguin, der ganze Raum schien leer zu sein bis auf den Schwan und mich. Sekunden später schmolzen wir ineinander, es war eine Herausforderung für mich, ihre unbeschreibliche Grazie zu feiern, ihr den würdigen Rahmen zu verleihen. Alles Getier um uns herum versank in einem allgemeinen Morast, nur wir zwei drehten unsere Runden zur Musik.

Ich kann mich nicht erinnern, wie der Abend weiter verlief, es war ein Rausch ohne Drogen, ein Genuss ohne Kater. Wahrscheinlich tanzten wir ohne Pause, atemlos, nur kurz an den Tisch, um einen Schluck zu trinken und dann direkt weiterzumachen. Irgendwann hörte die Band auf zu spielen, eine Weile lief noch Musik von einem DJ, dann kehrte langsam Ruhe ein.

Wir lösten die Tanzhaltung auf und schauten uns geradezu überrascht um. Die Arche Noah war leer bis auf ein paar tischabräumende Ameisen, deren Bewegungen der späten Uhrzeit geschuldet aber deutlich langsamer geworden waren. Ich schaute noch einmal meinem Schwan ins Gesicht, der anmutige Hals und die prächtigen, wenn auch eingefalteten Flügel waren so schön wie am Anfang des Abends.

Unwillkürlich musste ich weinen, war es doch das Ende eines unwiederbringlichen Erlebnisses, eine Singularität nicht nur im Alltag, sondern in meinem Leben. Wie durch einen Schleier nahm ich noch war, dass wir zur Garderoben liefen, unsere Mäntel abholten und nach einer nicht endenden Umarmung in die Welt der Menschen zurückkehrten.

10 November 2023

Wohin soll das führen

„Madame et Monsieur“, höre ich eine Stimme sagen und frage mich, was ich hier soll. Ich sitze in einer dieser bemerkenswert uniformen Produktpräsentationen für irgendeine Software. Wie gewohnt ist das angebotene Computerprogramm die Lösung aller Probleme, der Schlüssel zum Erfolg und so weiter und so weiter.
Wohin soll das führen
(Pixabay - AI generated)

Kurzer Werbeblock, der junge Mann am Mikrofon übergibt das Zepter an seine hübsche Kollegin, immerhin ein schöner Anblick, der durch einen Schluck Begrüßungssekt noch mal gesteigert wird. Sie erzählt natürlich genauso unsinnige Behauptungen wie ihr Vorredner, ach, warum müssen gutaussehende Menschen nur immer meinen, dass sie auch intelligent seien.

Mittlerweile haben wir uns zu den Kernqualitäten des Produktes vorgearbeitet, im Jargon der Berater werde ich auf eine Customer Journey mitgenommen, mit leuchtenden Augen werden die low hanging fruits geerntet und die pain points gestresst. Anstelle von lebendiger Handarbeit bekomme ich dutzendfach abgestimmte Folien zu sehen, hier hat sich die geballte Schwarmintelligenz der Vertriebsabteilung aufsummiert.

„Gibt es an dieser Stelle schon Fragen, ansonsten darf ich Sie einladen, nachher an den Stehtischen mit uns ins Gespräch zu kommen.“ Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Phase noch in wachem Zustand erlebe. Munter geht es vorne mit Aussagen zu exponentiellem Wachstum weiter. Kann diesen schlauen Menschen nicht mal jemand erklären, dass nicht alle überproportionalen Verläufe automatisch exponentiell sind?

Nach Jahren der Flaute für die Teufel-an-die-Wand-Maler ist nun endlich wieder die Gelegenheit für düstere Zukunftsaussichten und das Ausschmücken von dramatischen Geschäftsentwicklungen. Wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt, der ist abgehängt, ohne den unverzüglichen Kauf dieses Produktes gibt es vielleicht kein morgen.

Sicher ist es eher eine entfesselte Erinnerung ferner Vergangenheit, aber irgendwie kommen mir die Inhalte bekannt, ja geradezu vertraut vor. Das habe ich doch schon mal gehört, wenn auch in anderen Räumen und von anderen Personen. Sollte mein Toaster nicht seinerzeit den Geist aufgeben, wenn die technische Menschheit ins neue Jahrhundert startete? War nicht Prozessautomatisierung das Allheilmittel gegen den allgemeinen Schlendrian?

Vorne ist mal wieder Bewegung, die Hübsche ist wieder aufgestanden, stellt sehr sehr kluge Fragen und erhält sehr sehr kluge Antworten. Die sind mit Sicherheit nicht abgesprochen, davon bin ich überzeugt und es ist auch gewiss Zufall, dass der Vortragende passende Folien dazu in Petto hat. Ich ringe mit mir, ob ich lieber Bullshit-Bingo spielen oder selbst eine kluge Frage stellen soll. „Wenn Du nichts bezahlst, bist Du das Produkt“ schießt es mir durch den Kopf. Vielleicht sollte ich eher sagen „… bist Du das Opfer.“

Mein Nebenmann steht auf, die anderen Zuhörer auch, ich rekapituliere schnell noch mal die Inhalte der letzten Stunde bevor ich mich in Richtung Stehtische in Bewegung setze. „Ein interessanter Vortrag und so spannende Erkenntnisse zu den drängenden Fragen der aktuellen Herausforderungen“ lässt mich ein älterer Herr mit einem Häppchen in der Hand wissen. Und da ich kein Spielverderber bin stimme ich ihm freundlich zu. „Auf jeden Fall“, flüstere ich ihm zu, „wir müssen aus der Vergangenheit lernen, um für die Zukunft bereit zu sein. Denn sonst weiß ich nicht, wohin das führen soll.“

03 November 2023

Müßiggang

Müßiggang
Der Segelflieger ist geschwind,
Geschwinder meist, als man es denkt.
So geht es auch dem Axel nun, 
Als er gedenkt sich auszuruh’n.
Von der harten Mathe-Zeit.
Doch auch der Lehrer ist bereit.
Der Unterricht, sein Ein-und-alles,
Sein Motto ist: Kommt oder lasst es.

Der Axel nimmt sich schnell das Blatt,
Fängt an zu falten, streicht es glatt,
Denn wichtig ist bei diesen Dingen,
Dass sie den Wettkampf klar gewinnen.
Der Lehrer denkt sich: „Lass mal seh’n“
Nein, Axel, nicht, so kann’s nicht geh’n!
Ganz unauffällig kommt der Leiter,
Axel merkt nichts, faltet weiter.

Gar traurig ist es anzuseh’n:
Das Flugzeug, das noch im Entsteh’n,
Wird nun zerknüllt und ganz zerstört,
Der Axel guckt etwas verstört.
Doch lange hält die Phase nich,t
Der Lehrer sieht ihm ins Gesicht,
Und sagt verärgert: „Danke schön,
Herr Axel Rolle, du kannst geh’n!“

So endet oft die Kunstnatur,
Denn von Erkenntnis keine Spur,
Woll’n die Leute, was sie lehren,
Und meine, es wär‘ ein Begehren,
Der Schülerschaft das einzuspeichern,
Womit die Lehrer sie bereichern.
Doch viel zu oft wird dann verkannt,
Dass dies den Schülern längst bekannt.

So hält sich’s auch in diesem Falle,
Der Lehrer missversteht sie alle.
Und hätt‘ er selbst in jungen Jahren
Einmal am eig’nen Leib erfahren,
Wie sehr erfahr’nes Unrecht drückt,
Dann wüsst‘ er jetzt, warum’s nicht glückt,
Die Schüler in sein Fach zu pressen -
Die wollen lieber Mittagessen.

Jaja, die Schule drückt sie sehr.
Alle, alle haben’s schwer.
Denn nicht nur Schüler mit Problemen,
Die sich nach etwas Liebem sehnen,
Und dies in ihre Bänke schnitzen,
Nein, auch die Lehrer müssen schwitzen.
Wenn einer nichts verstehen kann
Erlöst auch sie der Pausenklang

So geht es allen Jahr um Jahr,
Bis eines Tages laut und klar,
Der Herr Direktor gibt jetzt an:
Das Abitur ist dann und dann.
Und aus ist’s mit der Schularbeit,
Allmählich war’s ja auch so weit.
Und selbst der Axel steht bereit,
Vergessen längst die Fliegerzeit.

[Diese Woche bei den Glossen: Lehren und Belehren]
[Diese Woche beim Interdisziplinären: Hebammen und Erzieher guter Ideen]

27 Oktober 2023

Aufstehen, es ist Freitag!

Aufstehen es ist Freitag
Die Sonne lugt verstohlen durch den Schlitz zwischen den Vorhängen. „Guten Morgen“ wispert sie, aber ich bin noch müde, will sie weder sehen noch hören. Da wieder: „Guten Morgen“, ein wenig lauter jetzt, ist da nicht auch ein Sonnenstrahl, der sich an der Seite des Vorhangs vorbeimogelt? Es ist mir zu hell, ich ziehe mir das Kissen über den Kopf und freue mich über die zurückgewonnen Dunkelheit. Doch jetzt geht das Wispern in meinem Kopf los. „Guten Morgen“ scheinen meine Gedanken zu sagen, dunkel ist es und still, umso deutlicher sind die zarten Stimmen, die mich jetzt auf den Tag einstimmen möchten. „Hast du gut geschlafen?“ will die unerträglich permanent gut gelaunte und niemals müde Tatkraft von mir wissen. Mürrisch nehme ich diese Frage auf, wie kann man nur ohne Morgenkaffee so gut drauf sein. Langsam wird es unter dem Kissen stickig, ich drehe mich zur anderen Seite, aber das Kissen sperrt immer noch die Luftzufuhr ab. Auf meiner Kopfbühne wird es nun voller, mit voluminösem Organ ein Tenor, er stimmt eine Ballade an, nach wenigen Strophen erkenne ich, dass er von den Heldentaten der vergangenen Tage berichtet. Oder sind es die Aufgaben, die heute auf mich warten?

Vorsichtig lupfe ich das Kissen an, sofort stürzen sich wieder Sonnenstrahlen auf mich, mehrere zugleich und im Chor intonieren sie jetzt das „Guten Morgen“, es schwillt an, bis es orkanartige Lautstärke erreicht. Ich halte mir die Ohren zu, von Ferne mischen sich jetzt Hörner dazu, Signal zum Aufstehen oder ist es der Radiowecker, der gerade anspringt und eine musikalische Begleitung unterhebt? Ich werfe mich herum, ziehe die Beine an, schüttle vorsichtig den Kopf und befreie mich durch einen geschickten Gedankengang vom schlechten Gewissen, noch gemütlich im weichen Bett zu liegen. Das Schuldbewusstsein meiner Trägheit verbündet sich jetzt mit dem Tenor, der in die zweite Runde geht und etwas von Frühstück, heroischem Sieg über den Hunger und einem aufopferungsvollen Kampf gegen die Widrigkeiten der Projektarbeit singt.

Ich wage es, die Augen ein wenig zu öffnen, wie kann durch so einen kleinen Spalt nur so viel Licht eindringen. Aber so recht wollen sie denn doch auch nicht mehr zufallen, „Guten Morgen“, naja zumindest nicht schlecht und eine verheißungsvolle Vorfreude auf eine erfrischende Dusche, duftenden Kaffee und das herannahende Wochenende.

[Diese Woche bei den Glossen: Nicht nur der Montag ist dein Freund]
[Diese Woche beim Interdisziplinären: Mittwoch, Wartungstag]

20 Oktober 2023

Sibille geht wählen

Ich sitze vor dem Wahllokal und schaue den Leuten zu, die mal einzeln, mal in kleinen Gruppen zur Urne spazieren. Sie sind dann eine Weile im Gebäude und kommen dann – entweder in Gedanken vertieft oder eifrig diskutierend –wieder heraus. Dabei fällt mir die Geschichte von Sibille wieder ein.

Sibille geht wählen
Sibille war das erste Mal wählen und durfte gleich zwei Kreuzchen machen. Ihr Vater hatte versucht, ihr zu erklären, wo sie die Kreuzchen machen sollte, aber da war er bei ihr auf Granit gestoßen.

Sibille ist nämlich grün. Sibille isst natürlich nicht nur grün, diesen Tick hat ihr die Mutter damals ausgeredet. 
„Was soll denn das nun schon wieder?“ hat sie gefragt und gesagt: „Du isst, was auf den Tisch kommt.“
Zwei Tage war Sibille in Hungerstreik getreten, dann hatte sie eingesehen, dass man davon nicht satt wird und hatte – sehr zur Freude der Mutter, versteht sich – aufgegeben.

„Warum sollte ich dasselbe wählen wie Du?“, wollte Sibille von ihrem Vater wissen und der, der wusste auch nix. Sibille macht nämlich demnächst ihr Abi, und deshalb kann ihr Vater ihr nicht das Wasser reichen.
Sie wusste genau, was sie wollte und wählte grün, nicht nur einmal, nein, zweimal, damit doppelt so viele Grüne in die Regierung kommen, hat sie gesagt und zu ihrer Freundin: „Weißt du, es ist eigentlich ganz egal, wen du wählst, nur nicht die SPD und wie die alle heißen.“

In Sibilles Augen standen Tränen, als sie die ersten Hochrechnungen im Fernsehen sah, sie hat sich direkt einen grünen Tee aufgesetzt und durch ihren Jutefilter laufenlassen.
Als sie wieder ins Zimmer kam, sagte der Vater: „Eij, gib mal ‘ne Flasche Bier!“ und sie: „Lass mir auch mal ‘n Schluck!“

13 Oktober 2023

Pech gehabt!

Pech gehabt
Wenn der Tag so richtig vermurkst anfängt. Der Wecker hat nicht geklingelt, immerhin bin ich mit nur kleiner Verspätung aufgewacht, aber für eine anständige Dusche hat es nicht mehr gereicht. Kurzes Zähneputzen, danach irgendein Hemd aus dem Schrank und noch schnell einen Kaffee. Dummerweise steht die Tasse nicht richtig auf ihrem Teller, fällt um und bekleckert mich. Ich versuche mit dem Schwamm den Fleck wegzubekommen, aber er breitet sich eher noch mehr aus, ich muss noch mal ein neues Hemd heraussuchen.
Jetzt aber schnell aus dem Haus, ich springe ins Auto, aber verdammt, Brille vergessen, also zurück ins Haus und wieder ins Auto.

Los geht es, aber zügig sind nur die ersten hundert Meter, denn knapp vor mir biegt ein Müllauto ein und fährt Schlangenlinien von der einen zur anderen Straßenseite. An ein Passieren ist nicht zu denken. Die Zeit läuft mir davon, irgendwann habe ich dann freie Bahn, doch jetzt erwische ich eine rote Welle an Ampeln. Endlich bei der Firma angekommen finde ich keinen freien Parkplatz, muss zwei Runden um den Block drehen, um schließlich frustriert zum gebührenpflichten Parkhaus zu fahren. Zu Fuß eile ich ins Büro, meine Kollegen schauen mich vorwurfsvoll an: „Du bist zu spät“.

Mein Computer geht nicht, Passwort falsch, wie war das noch, oh nein, dreimal falsch eingegeben, jetzt bin ich erst mal gesperrt und muss die IT-Hotline anrufen. Endlich angemeldet sehe ich, dass ich gerade einen Termin verpasst habe, ich will anrufen und mich entschuldigen, reiße aber in der Hektik das Headset ungeschickt aus seiner Halterung und habe nur noch die rechte Ohrmuschel in der Hand.
Wo war noch der Ersatzhörer, ich laufe zum Schrank, nein, doch im Sideboard oder im Rollcontainer. Meine Kollegin bemerkt meine Not, will mir ihren Kopfhörer herüberreichen und stolpert dabei über den von mir verschobenen Rollcontainer. Sie landet auf meinem Schreibtisch, wehgetan hat sie sich nicht, aber die sortierten Papiere und Formulare flattern auf den Boden.

Uff, sagen wir uns, jetzt erst mal Ruhe, am besten einen Kaffee. Wir ziehen zu dritt zur Kaffeeküche, aber beim Aufhalten der Tür verfängt sich mein Schnürsenkel unter der Tür, die mir mit Wucht gegen die Rippen schlägt. Ein blauer Fleck ist mir sicher, naja, gebrochen scheint nichts.
Die Kaffeemaschine erwartet uns im Wartungsmodus. Stimmt, der ist immer um diese Uhrzeit, deshalb gehen wir normalerweise auch früher, was aber heute wegen meiner Verspätung nicht ging. Wir sind sauer, zapfen ein Wasser und trotten zurück an unsere Plätze, diesmal ohne Unfall an der Tür vorbei.
Ein wenig müde ohne den gewohnten Kaffee gieße ich meine Büropflanzen, schwanke ein wenig und schon schießt ein Strahl aus der Gießkanne direkt in meine Tastatur. Einige Stunden später habe ich ein neues  Headset und eine funktionstüchtige Tastatur (ein wenig schmuddelig, auf die Schnelle war kein neues Exemplar zu bekommen).

Ich denke noch, sollte nicht irgendwann diese Woche der Probe-Alarm stattfinden, als auch schon die Sirene geht und eine Lautsprecherstimme uns zum Verlassen des Gebäudes auffordert. Ohne Hast nehme ich meine Tasche, schnappe meine Jacke und schalte im Herausgehen den Computer aus. Auf dem Weg zum Treppenhaus fällt mir ein, dass ich die letzte Datei nicht gespeichert habe, die Arbeit des Vormittags ist damit weitgehend ungeschehen gemacht.
Unten stehen schon die Kollegen, freuen sich über die Pause, erzählen sich Fußballergebnisse und Witze und können gar nicht verstehen, warum ich so eine saure Miene mache. Es ist heiß in der Sonne, ich hätte mal eine Mütze mitnehmen sollen, also besser in den Schatten setzen. Was riecht hier eigentlich so penetrant? Verdammt, ich habe mich in einen Hundehaufen gesetzt, das ist ja eine große Sauerei und ich kann auch nicht weg, um mich zumindest notdürftig sauber zu machen.
Nach über einer Stunde ist die Übung abgeschlossen, wir dürfen wieder ins Gebäude, jetzt erst mal auf Toilette und Hose und Hände reinigen. Wenn sie denn geöffnet wäre, denn wegen Renovierung müssen wir jetzt auf die WCs der Kantine ausweichen, und dort stehe ich erst mal in der Schlange. Wie bekommt man eine Hose von Hundekot sauber, zum einen ohne Waschmittel, zum anderen ohne Trocknungsmöglichkeit?

Völlig genervt entschließe ich mich, den Arbeitstag vorzeitig zu beenden, bitte meine Kollegen um Hilfe, falls noch irgendwas Dringendes reinkommt und laufe zum Auto. Im dunklen Teil des Parkhauses ziehe ich meine stinkende Hose aus und will in Unterhose schnell zum Auto laufen, als ich von einem Parkwächter aufgehalten werde. Er beschuldigt mich irgendwelcher sexueller Delikte, Exhibitionismus, Belästigung von Frauen, Vorbereitung von Vergewaltigung und was auch immer. Selbst nach Präsentation meiner Hose ist er nur zögernd überzeugt, hatte er sich doch schon als Retter der Moral und Verteidiger der guten Ordnung gesehen.

Die Rückfahrt verläuft weitgehend ohne Zwischenfälle, wenn man von dem Starenkasten absieht, der mich mit überhöhter Geschwindigkeit blitzt, weil ich in Gedanken noch bei dem Typen im Parkhaus bin. Mein Parkplatz vor dem Haus ist heute mal frei, das heißt er wäre frei, wenn da nicht die geleerten Mülltonnen ständen. Ich halte das Auto an, steige aus und will sie beiseiteschieben, als ich aus dem Augenwinkel sehe, dass sich mein Auto in Bewegung setzt. Habe ich die Handbremse nicht richtig angezogen? Nein, der kleine Nachbarsbengel hat mir aufgelauert und den Moment genutzt, ins Auto zu schlüpfen und jetzt findet er es lustig, die Handbremse zu lösen und wild das Lenkrad hin- und herzudrehen, bis das Fahrzeug mit einem hässlich kratzenden Geräusch gegen einen anderen PKW rollt. Schreiend springt das Kind aus dem Auto, rennt zu seiner Mutter, die nun wütend schimpfend auf mich losgeht, was mir einfallen würde, es hätte ja alles Mögliche passieren können. Und den Unfall, den wäre einzig und alleine ich schuld, wenn ich es ihrem Sohn so leicht machen würde und warum ich eigentlich in Unterhose herumliefe.

Langsam wird es voller, Nachbarn schauen aus den Fenstern, Fußgänger bleiben stehen. Sie sehen einen verzweifelten Mann in braun verschmutzter Unterhose, eine keifende Frau, ein heulendes Kind, einen Autounfall und machen sich ihr eigenes Bild.
Um die Peinlichkeit zu beenden schiebe ich nun doch die Mülltonnen zur Seite und will mein Fahrzeug durch den Trubel in Sicherheit bringen. Aber während ich einsteige saust ein cleverer Zeitgenosse mit seinem Auto schnell in die freie Parklücke. Es hat keinen Zweck zu argumentieren, ich fahre einfach los und suche einen anderen Stellplatz. Natürlich ist keiner weit und breit zu bekommen, erst drei Straßen weiter quetsche ich mich in eine eigentlich zu enge Lücke. Beim Aussteigen ritze ich mir das nackte Bein an irgendeinem Teil der Fahrertür auf. Nach ein paar Minuten hört es auf zu bluten, ich drücke ein Papiertaschentuch auf die Wunde und ziehe mir für den Fußweg meine Hose an.

Vor meinem Haus erwartet mich die Polizei, wirft mir Unfallflucht vor, schließlich habe ich das Auto vom Unfallort entfernt und sei eine halbe Stunde nicht aufgetaucht, habe auch keine Anzeige bei der Polizei gemacht. Gegen eine Verwarngebühr mildern sie auf verspätete Unfallanzeige ab und entlassen mich nach ausführlichem Verhör und mehrfacher Belehrung über das richtige Vorgehen in mein Haus zu meiner Dusche.
Die allerdings kalt bleibt, weil ich heute Morgen in der Eile die Heizung nicht auf Tagesbetrieb umgeschaltet, sondern komplett abgeschaltet hatte. Obwohl erst Nachmittag genehmige ich mir einen Whiskey, lasse mich auf das Sofa fallen und merke im nächsten Moment, dass da noch das Tablett von gestern Abend lag, dass jetzt mit einem vernehmlichen Knack in mehrere Stücke zerbricht. Ich schiebe die Scherben zur Seite, schneide mich an einem der Reste, wickle ein Stück Taschentuch um den Finger und schließe die Augen.

Das Telefon klingelt, ich rapple mich wieder auf, stoße mit dem Bein gegen den Couchtisch, das schmerzende Bein erinnert mich wieder an die Panne mit der Fahrertür und ich sehe, dass die Wunde wieder angefangen hat zu bluten. Die frische Hose hat schon einen merklich roten Fleck bekommen. Das Telefon klingelt immer noch, ich nehme ab und höre meine Mutter, wie sie zu mir sagt: „Du kannst Dir nicht vorstellen, was für einen schrecklichen Tag ich heute hatte. Ich kann meine Lesebrille nicht finden und jetzt geht der Fernseher nicht an. “ – „Ehrlich“, sage ich, „Mama, das ist ja schrecklich. Erzähl‘ mal!“