29 August 2025

Es regnet

Es regnet
Es regnet, ein schöner Regen, so erfrischend, wachstumsverheißend, blütentreibend. Warm ist es auch, ob man überhaupt einen Regenschirm braucht oder die Tropfen auf sich fallen lässt. Kopf in den Nacken, Augen geschlossen und das Gefühl der Feuchtigkeit im Gesicht, mehr und mehr, feuchter und feuchter. Das Kribbeln von kleinen Rinnsalen auf der Wange, tiefes Luftholen durch die Nase und das Gefühl vom T-Shirt, das langsam an der Haut klebt.

Wie überhaupt das Wasser immer mehr Besitz ergreift, durchfeuchtet friedlich leise das Haar, die Finger aus den Taschen auch und dann geht es mit der Kleidung weiter und nimmt sich erst mal die Hose vor. Fest liegt der Stoff schon auf den Beinen, ein so enger Kontakt wie sonst nicht lässt jede Bewegung bewusster erfahren.

Das Kinn nach unten, zusammengekauert wie ein Säugling, die Brust geschützt, doch der Rücken nun unter dem Trommelwirbel des auffrischenden Regens, jeder Tropfen eine kleine Berührung, mal sanft, mal eindringlich. Als Teil der Natur dem Wasser im Weg, das vom Himmel auf die Erde fallen würde, wäre da nicht dieser menschliche Körper im Weg.

Pfützen hier und dort, kleine Wasseransammlungen mit einem unsichtbaren Mikrokosmos des Lebens, aufgewühlt zwar von den Tropfen und hineinfließenden Rinnsalen, ablaufend durch den Rinnstein vereint mit dem Wasser der Fahrbahn. Ein Blatt darauf, im Kreis drehend, getrieben vom bewegten Wasser, auch vom Regen, auch vom Luftzug.

Die Hose nun durchweicht, schon nicht mehr klamm, die Unterwäsche vom ersten Hauch des warmen Wassers erreicht. Schmeichelnd suchen sich die kleinen Bächlein ihren Weg vom Kopf über den Rücken, der Schwerkraft folgend in sanfter Ausbreitung durch die Fasern des Stoffs. Begleitet von den massierenden Berührungen zwischen den Haaren, dem gelegentlichen Tropfen der warmen Feuchtigkeit von der Nase auf den regennassen Asphalt.

Kaum noch kann man es als T-Shirt erkennen, der Stoff wie eine zweite Haut am Körper, das badewannenwarme Wasser unter einem zarten Luftstrom wird zu einer weiteren Oberhaut. In aller Zartheit ist ein Maximum erreicht, das unermüdlich nachfolgende Wasser überläuft den Körper ohne noch irgendeine Änderung, Steigerung der Befeuchtung gar, zu erreichen.

So sanft und klein die Tropfen, so liebevoll alle Berührung und streichelnd ihr Strom von oben bis unten. Bewegung dabei, kein bloßes Bad in einem Gewässer, ein ununterbrochenes Strömen und Fließen und Ablösen von vorher schon vorhandenen Tröpfchen und Tropfen und Befeuchtungen.

Jetzt eine Lücke in der Wolkendecke, regenpausierend scheinen die Wassermassen einer abgesperrten Schleuse gleich aufzuhören.

Langsam richtet sich der Körper auf. Die Augen blinzeln dem helleren Licht entgegen, das durch die Wolkenlücke fällt, wie ein Versprechen. Die Tropfen vereinzeln sich, klingen aus wie der letzte Ton eines Liedes, das noch im Ohr nachschwingt. Die Haut dampft leicht, der Atem ruhig.

Die Luft ist erfüllt vom Geruch des feuchten Sommers, von Erde, Laub und Leben. Noch ein tiefer Atemzug. Kein Drang, sich zu trocknen, keine Eile. Nur das Gefühl, ganz da zu sein – als wäre man selbst Teil des Regens gewesen, ein Tropfen unter vielen, vorübergehend schwerelos.

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22 August 2025

Erinnerung

Erinnerung
Dort hinten bei dem Wasser
Wo gestern noch Fontainen spritzten
Sehe ich ein paar Vögel
Auf der Suche nach Würmern

Dort hinten bei dem Wasser
Wo wir uns immer getroffen haben
Steht nun hohes Gras
Das mal wieder gemäht werden muss.

Dort hinten bei dem Wasser
Wo mein Fahrrad an die Buche gelehnt stand
Ist ein Kirschlorbeer gewachsen
Ohne dass ihn jemand gepflanzt hätte.

Dort hinten vor dem Wasser
Wo unsere Picknickdecke lag
Haben jetzt ein paar Enten ihr Nest
Und sorgen für ihre Küken

Dort hinten neben dem Wasser
Wo das Ufergras in die Wiese übergeht
Hatten wir unser Liebesversteck
Das uns vor Blicken schützte

Weit hinten jenseits des Wassers
Wo die Verbuschung beginnt
Meine ich dich gesehen zu haben
Aber es war nur eine Täuschung

Dort hinten bei dem Wasser
Wo jetzt ein junges Pärchen knutscht
War auch für uns ein Anfang
Der nie zu Ende ging

Dort hinten bei dem Wasser
Wo wir uns nie wieder sahen
Wächst Unkraut über die Steine
Und meine Vergangenheit

Hier vorne vor dem Wasser
Da sind wir alt geworden
Und denken an eine Zukunft
Die nie gekommen ist.

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18 August 2025

Träume vom Sommergarten (2025)

Vielen Dank an alle Gäste, die unsere Veranstaltung "Ein Sommergarten voller Kunst" besucht haben. Hier die Begrüßungsrede zum diesjährigen Thema "Träume".
(Die Fotos zeigen die Ausstellung, die Veranstaltung, das Künstler-Interview und den Weinstand sowie den Auftritt von Miriam Hanika mit ihrem Ensemble.)

Träume vom Sommergarten 2025
Szene 1

Meine Tochter ruft von Mallorca aus an. "Bobo", sagt sie, "Bobo, das Hotel ist ein Traum." Sie hat sich in Gedanken schon ausgemalt, wie die Zimmer sind, die Lage, der Pool, das Essen. Und diese Vorstellung ist nun eingetroffen, ein Traum in Erfüllung gegangen.

Szene 2

Ich wache schweißgebadet auf, schwer atmend, die Hand meiner Frau auf meinem Arm. "Schatz, du hast schlecht geträumt, es ist alles in Ordnung." Ich versuche mich zu erinnern, ein kräftiger Mann mit dem Kopf eines Wolfes hat mich verfolgt, ist immer näher gekommen, obwohl ich so schnell gelaufen bin wie ich nur konnte. Selbst Sprünge und Haken haben nicht verhindert, dass ich seinen Atem in meinem Nacken gespürt habe. Ein Albtraum.

Träume vom Sommergarten 2025
Szene 3

Während der Sitzung unseres Arbeitskreises fällt mein Name. Ich erwische mich dabei, wie ich mit den Gedanken ganz woanders war. Es war schon Feierabend, meine Hobbys stritten sich in meinem Kopf um die Gestaltung des Abends. Verträumt schaue ich aus dem Fenster, sehe dem Eichhörnchen zu, das von Ast zu Ast hüpft, so leicht als wäre es schwerelos in die Baumkrone geklettert und dabei im Gegensatz zu mir keinen Muskelkater kennt.

Szene 4

"Schließen Sie die Augen", sagt meine Therapeutin zu mir. "Und erzählen Sie mir, was sie sehen." Es dauert eine Weile, dann entsteht in meiner Phantasie ein verrücktes Gebilde, wird aus dem bunten Blumenstrauß auf dem Tisch ein Urwald, aus dem Sofa eine Hängematte und aus dem leisen Rauschen der Klimaanlage das kaum wahrnehmbare Fließen von Wasser im morastigen Bach. Und dann lugt meine Mutter hinter den Lianen hervor, winkt mir zu, "komm zu mir und erzähl mir eine Geschichte". Sie ist sofort wieder verschwunden, gerade als ich anfangen will und nach einem geeigneten Anfang suche.

Träume vom Sommergarten 2025
Szene 5

Es war einmal, beginnt die Erzählung, ich lebe mit meinen Brüdern in einem unscheinbaren Häuschen, harte Arbeit tagein tagaus, und wir bekommen selten Besuch, der uns auf andere Gedanken bringt. Doch eines Tages fährt eine Kutsche vorbei, aus dem gardinenverhangenen Fenster strahlen mich ein paar Augen an und es ist um mich geschehen. Eine wunderschöne Prinzessin hat sich in mich verliebt und der König persönlich kommt vorbei, um mich in seine Familie aufzunehmen.

Szene 6

Vor einigen Wochen musste ich einem Arbeitskollegen eine E-Mail schreiben und ihn auffordern, das Monitoring einer Anwendung zu automatisieren. Ich breitete meine Anforderungen aus und erläuterte meine Vorstellung von einer Lösung. Am nächsten Tag bekam ich die Antwort des Technikers: "Du erinnerst mich an Martin Luther King", ließ er mich wissen, "I have a dream" Meine Darstellung sei grundsätzlich ein guter Gedanke, nur in diesem Zusammenhang eher eine unrealistische Vision. Naja, träumen dürfte ich natürlich.

Träume vom Sommergarten 2025
Träume

Ein paar Träume, schön, gruselig, ziellos, visionär oder einfach nur das Dahinplätschern von Gedanken. Und genau hier ist der Übergang zu den Ausdrucksformen, die wir in der Kunst kennen. Da entsteht etwas im Kopf des Künstlers und er nutzt seine Fähigkeiten, um sie für uns erlebbar zu machen. Sichtbar, hörbar, lesbar, fühlbar. Dieser Transformationsprozess ist nur dem Künstler möglich, er setzt auf seinen inneren Bildern, Erfahrungen, Emotionen auf und bietet uns die Möglichkeit an, sich in abstrahierter Form auf seine Gedanken einzulassen.

Die eher technische Abbildung war vor ein paar Jahren auch in Unternehmen groß in Mode und nannte sich Mindmap, also Gedankenkarte. Der Ersteller sollte seine Überlegungen nach gewissen Regeln in strukturierter Form zu Papier bringen. Das ist allerdings a priori kein Kunstwerk, da dieser Darstellung der Aspekt der Transformation fehlt. Der Künstler hingegen kombiniert, verfremdet, übersetzt seine Gedanken und nimmt dabei keine Rücksicht auf Regeln oder formale Vorgaben.

Träume sind also die Grundlage für den künstlerischen Prozess, nicht hinreichendes, aber notwendiges Kriterium für die Entstehung von Kunstwerken. Das Abschweifen, die assoziative Verknüpfung von eigentlich unzusammenhängenden Aspekten und Perspektiven schafft einen neuen, individuellen und einzigartigen Ausdruck in der jeweiligen Darstellungsform. Das kann ein Musikstück sein, das sich aus einem Thema heraus entwickelt, eine Phrase variiert und in mehreren Sätzen zum Schluss kommt. Das kann auch ein Gedicht sein, vielleicht in Versform, das seine Botschaft mit Sprachrhythmus, Wortmelodie, Strophen und Metriken unterstreicht. Oder eben auch ein Gemälde, das neben der Wahl der Farben, der Perspektive und Anordnung, Grundtönen und Stimmungen sein ganz eigenes Angebot zur Interpretation mitbringt.

Träume vom Sommergarten 2025
Wie sieht das nun in der Praxis aus? Bleiben wir mal beim Beispiel der Gemälde, da beobachten wir verschiedene Möglichkeiten der Vermischung von Realität und hinzugenommenen Aspekten. Stellt der Maler die Blumenwiese in blauen Schattierungen dar, dann ist es sein künstlerisches Auge, das eben diese Wahrnehmung hat. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, den Auslöser für diese Farbverschiebung zu erkunden. Das Bild erscheint in diesem Augenblick wie ein Rätsel, das man lösen muss. Und wie in einem Tatort-Krimi gibt es nur eine richtige Lösung, aber sehr viele Hinweise, Indizien und Details, die alle zusammenpassen müssen.

Neben der Farbwahl sind auch die Perspektive und Schatten einige Überlegungen wert. Stellt sich der Künstler über sein Portrait, begegnet er ihm auf Augenhöhe, schaut er an ihm hoch? Kann es in der Praxis diesen Blickwinkel überhaupt geben? Und schon holt uns auch hier wieder der Transformationsprozess ein. Denn wir sehen im Bild ja nicht nur ein menschliches oder sachliches Objekt, sondern wir schauen durch die Augen des Künstlers, nehmen also zwangsweise seine Position ein. Wir sind gezwungen, seinen Traum mitzuerleben, seine vielleicht im Bild verarbeitete Arroganz mitzugehen.

Träume vom Sommergarten 2025
Als drittes Beispiel für die Überführung der Gedankenwelt - nennen wir sie Träume - auf die Leinwand möchte ich den Aspekt des Lichtes ansprechen. Ist alles gleichmäßig beleuchtet oder erkennen wir deutliche Schlagschatten, die einen Teil des Objektes ins Dunkel verlaufen lassen? Sollen wir diesen Teil nicht sehen oder ist es auch dem Künstler nicht klar, wie es an dieser Stelle weitergeht? Gerade venezianische Masken sollen ja die Identität verheimlichen, auf dem Ball eine Spannung aufbauen, mit wem man sich auf dem Parkett getroffen hat. Licht, das sieht man daran, spielt also eine zentrale Rolle, kann herausarbeiten, betonen, aber auch zurücknehmen bis zur totalen Ausblendung.

Träume vom Sommergarten 2025
Spitzen wir die Überlegungen abschließend auf die Masken zu, die einen Abschnitt des Gesichtes verdecken. Es ist sozusagen die endgültige Form der Verschattung, verwehrt uns den Blick auf das dahinter liegende. Neben den Elementen wie Farbwahl, Perspektive, Schatten und Modell als solches erleben wir hier eine mehr oder weniger ausgeprägte Form der Anonymisierung. Hinter der Maske verbirgt sich ein Charakter, der erraten werden muss. In "Die Schöne und das Biest" wurde diese mögliche Differenz zwischen Aussehen, einer Maskierung und dem zu Grunde liegenden Charakter thematisiert. Übrigens ein Element, das wir auch in Märchen immer wieder präsentiert bekommen. Denken Sie zum Beispiel an den "Froschkönig", wo ein Prinz in einer anderen Gestalt gefangen - also maskiert - ist und erst durch Wahrnehmung der Tochter seine Identität preisgeben kann.

Heute also "Engel inkognito". Wir haben uns dieser Motivreihe in diesem Vortrag von verschiedenen Seiten genähert. Gerne möchte ich mich gleich noch mit der Künstlerin ein wenig darüber unterhalten.

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15 August 2025

Johanna

Auf dem Flur ein leises Geräusch, so etwas wie trippelnde Schritte, dazwischen das Schurren eines Transportwagens. Kurze Stille, dann klopft es an der Tür. Erst ganz leise, dann etwas lauter. "Zimmerservice." Ich liege noch im Bett, schaue auf die Uhr. Es ist 7 Uhr, Samstag, Hotel. Wieder das Klopfen, dann der Schlüssel, die Tür schwingt auf. "Noch im Bett." Das ist keine Frage, sondern eine Feststellung. Mit ein paar Schritten steht sie vor meinem Bett, "Johanna, Zimmerservice", und mit ein paar weiteren Schritten ist sie am Fenster. Zieht die Vorhänge zurück "ich komme in einer halben Stunde wieder".

Johanna
Wie eine Erscheinung, sie hat das Zimmer wieder verlassen, ich höre sie auf dem Flur, sie klopft am Nachbarzimmer. Wer ist an einem Samstag in einem Hotel schon wach? Ich schlurfe zum Badezimmer, schaue in den Spiegel, putze mir die Zähne, suche im Koffer nach meinem Duschgel. Duschen, cremen, anziehen. Gerade will ich in die Hose schlüpfen klopft es wieder, diesmal direkt sehr energisch. Tür auf, Johanna herein.

Sie schaut mich an, "die Haare sind noch nicht trocken", dann beginnt sie das Kissen aufzuschütteln und das Bettzeug auszulegen. Während ich meine Schuhe aus dem Schrank fische eilt sie hin und her, macht mal hier sauber, rückt mal dort Sachen zurecht. Das Fenster zum Lüften geöffnet, ein Staubsauger kommt unvermittelt zum Vorschein, pfeifendes Geräusch seiner Düse. Ich flüchte ins Bad, föne noch mal meine Haare, es klopft "ich muss jetzt hier saubermachen".

Im unnachgiebigen Licht des Badezimmers werde ich wieder gemustert, "Sie haben schlecht geschlafen", wieder keine Frage, sondern eine Feststellung. "Ja", sage ich, "die Matratze ist so hart." - "Warum sagen Sie nichts?" Das ist eigentlich auch keine Frage, sondern eine Kritik. Schon hat sie ihr Handy aus der Hose gezogen, gibt Anweisungen, organisiert. Nur Minuten später stehen fünf weitere Personen bei mir im Zimmer, unter Aufsicht von Johanna wird das Bett bearbeitet.

Alles runter, Matratze raus, inzwischen ist eine andere Matratze herbeigeschafft worden, diese in das Bettgestell gelegt, mit Topper versehen, bezogen. "Besser?" Keine Frage, sondern ein Befehl zum Probeliegen. Johanna hat alles im Griff, vor versammelter Mannschaft muss ich die Schuhe ausziehen, mich auf das Bett legen und es für weicher befinden. Sie ist glücklich, scheucht die ganzen Helfer wieder aus dem Zimmer.

"Jetzt aber zügig zum Restaurant, das Buffet wartet nicht. Und Sie wollen doch in Ruhe frühstücken?" Keine Frage, eher die Begründung für das stramme Zeitmanagement. Mittlerweile hat sie Handschuhe an, einen Putzlappen in der Hand und rückt die Möbel hin und her. Ihrem strengen Regiment entgeht keine Fluse, keine Staubflocke würde es wagen, sich vor ihr zu verstecken. Und zack, auch der Ansatz eines Spinnennetzes hinter dem Nachttisch fällt dem Feudel zum Opfer.

"Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?" Mal abgesehen vom frühen Ende der Nacht durch das ungeplante Wecken kann ich nicht klagen. Die Luft im Zimmer ist frisch, es duftet nach einem parfumierten Putzmittel, alles steht an Ort und Stelle wie bei der Ankunft. Sie strahlt mich nicht an, aber sie ist sichtlich stolz, mein Durcheinander wieder geordnet zu haben und mehr so nebenbei auch noch das Bett nach Wunsch des Gastes angepasst zu haben.

"Ja", murmele ich, "vielen Dank für die Mühe." Welche kritischen Anmerkungen auch immer mir durch den Kopf gehen, ich spreche sie nicht aus. Sie verzieht ihr Gesicht doch zu einem freundlichen Ausdruck "war die Uhrzeit recht oder soll ich morgen etwas früher kommen, damit Sie mehr vom Tag haben?" - "Oh ja, nein, vielen Dank für das Angebot, ich habe auch so genug vom Tag."

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08 August 2025

Dreiviertel

Liebe Heike

Ich möchte mich mit dir über deinen Geburtstag unterhalten. Also nicht direkt unterhalten, das können die Gäste ja selber, sondern eher in einem erdachten Interview, in dem ich dir Fragen stelle, die ich mir selbst beantworte. Bist du bereit? - Natürlich bist du das, vermutlich neugierig, welche albernen, interessanten, langweiligen oder peinlichen Fragen ich dir stelle.

Soviel vorweg, dass wir natürlich nicht über dein Alter sprechen, das ist halt irgendwie, sowieso nicht zu beeinflussen und wie alle wissen ist man ja zu einem gewissen Grad so alt, wie man sich fühlt. In deinem Fall also wohl kurz hinter der Pubertät, die du mit deinem Jahrgangskameraden Thomas Gottschalk hättest verbringen können.

Dreiviertel

Möchtest du - Frage 1 - gerne eine Geschichte hören, die ich für dich geschrieben habe?

Na gut, dann hört mal zu, was es mit der "Geschichte vom Springbrunnen" auf sich hat.
Es war einmal ein schöner großer Garten, in dem sich allerlei exotische Gewächse, Bäume und Rasenflächen befanden. Sie waren nicht nur schön anzusehen, bei Sonnenschein fielen die prächtigen Farben in die Augen, besonders aber kitzelten die kräftigen Düfte der verstreut angepflanzten Kräuter in der Nase. Verlies die Sonne den Zenit, gab es in der Dämmerung ein zunehmendes Vogelkonzert, manchmal ergänzt vom Zirpen der Grillen.

Im Mittelpunkt dieses Gartens hatte der Architekt ein besonderes Werk installieren lassen. Ein Springbrunnen mit mehreren Etagen spritzte eine Fontaine in die Höhe, die plätschernd in die oberste Schale zurückfiel und von dort gurgelnd in die unteren Becken ablief. Aus weißem Stein geformt und in sorgfältiger Arbeit regelmäßig gepflegt, war dieser Springbrunnen der Blickfang in diesem grünen Paradies.

Das ist viele Jahre her, im Springbrunnen liegen nun Blätter, die von den umstehenden Bäumen in die Wasserbecken geflogen und dort klebengeblieben sind. Nur selten wird die Pumpe in Gang gesetzt, die dann Wasser aufsteigen lässt und dem Springbrunnen wieder Leben einhaucht. Sein weißer Stein hat eine Patina bekommen, in vielen Fugen und Ritzen haben sich Dreck und Moos festgesetzt. Wer zu Besuch kommt, schaut sich im Garten um, bewundert sein ehrwürdiges Alter und die hohen Bäume, vielleicht noch die Überreste der Kräuterecken. Das Wasserspiel indes wird leicht übersehen.

Liebe Heike - Frage 2 - was ist nur passiert?

Man könnte einfach sagen, dass der Garten älter geworden ist. Dass es der Lauf der Dinge ist, dass mit dem Alter auch Veränderungen verbunden sind, Leben und Beachtung abgelöst werden von Rückgang und vergehender Pflege. Lässt erst mal die Fürsorge nach, schon übernimmt die Natur mit ihrer Vielzahl an Begrünungen und Flechten die Oberfläche der in mühsamer Arbeit geschaffenen Objekte. Ja, die Veränderung über die Zeit ist immanent in uns und unserer belebten und unbelebten Umwelt enthalten.

Deshalb - Frage 3 - was können wir tun?

Es beginnt damit, dass wir erst mal einen Blick in den Garten werfen müssen. Steht da vielleicht ein Springbrunnen, den wir über die Jahre aus den Augen verloren haben? Raus mit den Blättern, den Stein reinigen, Wasser auffüllen und die Pumpe einschalten. Oh, wie schön das Wasser wieder herausspritzt, vielleicht nicht ganz so hoch wie seinerzeit, aber immer noch ein herrlicher Anblick. Und wie es dann weiterläuft, sprudelnd, gluckernd, plätschernd, um am Ende in der untersten Schale zu verschwinden.

Wir schenken ihm wieder Aufmerksamkeit, Liebe und Wertschätzung, genießen seine Qualitäten. Wir sehen ihn wieder mit den staunenden Augen der Kinder, machen ihn mit den kräftigen Händen Verliebter sauber und sitzen mit genießerischem Blick bei Sonnenuntergang vor ihm. Nicht nur zu erkennen, dass da ein Kleinod in Vergessenheit zu geraten beginnt, auch die aktive Beschäftigung, die Investition von Zeit und Mühe beleben unsere Beziehung zum Springbrunnen wieder.

Ach - möchtest du mit Frage 4 wissen - warum ich das alles erzähle.

Rund um diese wundervolle Villa im Tal gibt es Gärten mit Springbrunnen, aber sind wir nicht auch als Menschen so eine Art Garten mit über die Jahre gewachsenem Charakter und hier und da verborgenen Schätzen? Ist nicht gerade ein Geburtstag ein schöner Moment, um über seinen Springbrunnen nachzudenken? Und noch viel wichtiger - und das ist meine Botschaft für uns alle - an die Springbrunnen in unseren Mitmenschen. Sicher ist da auch der eine oder andere dabei, der blätterbedeckt ist und dessen Pumpe schon lange nicht mehr in Betrieb war. Der innerlich abgestorben ist und sich wieder nach Liebe und Wertschätzung sehnt.

Ich nehme mal Frage 5 vorweg

Meine herzlichen Glückwünsche, liebe Heike, noch viele Jahre als sprudelnder Brunnen, der voller Lebendigkeit ist und die Liebe erfährt, die einem Menschen neben der körperlichen Gesundheit auch das emotionale Wohlbefinden bringt, das aus einem simplen Dahinleben ein lebens- und liebenswertes Leben macht.

01 August 2025

Nerds Diary: Ich muss jetzt gehen (S3/F7)

Ich muss jetzt gehen (S3/F7)

Nerds Diary: Ich muss jetzt gehen (S3/F7)
„Ich muss jetzt gehen.“ – „Ja, klar.“ – „Nein, wirklich. Ich gehe jetzt. Und bin dann weg.“ Pause. Ich schaue sie an. Ihre halblangen Haare hat sie heute sorgfältig geföhnt, ihre blauen Augen leuchten mich an. Aber sie wirken ein wenig traurig, oder bilde ich mir das nur ein.

„Warum?“ – „Du kommst jetzt ohne mich aus.“ – „Aber das will ich gar nicht.“ – „Es war schön mit dir.“ Ich denke an unser Kennenlernen im Supermarkt, das gemeinsame Yoga, Backen und Kochen. „Wir haben doch noch unseren Kochkurs.“ – „Nein, ich habe meine Buchung storniert. Aber ich würde mich freuen, wenn du allein hingehst. Es ist ein Single-Kochkurs.“

„Ich bin kein Single.“ – „Doch.“ Wir haben uns nie als Paar gezeigt, waren nie gemeinsam unterwegs oder auch nur im Kino. Spielen, Musikhören, Renovieren: Alles bei mir. Weder ihre noch meine Freunde haben uns je zusammen gesehen. Wie ein Phantom, eine Beziehung, die es gab und gleichzeitig nicht gab.

„Habe ich was falsch gemacht?“ – „Nein.“ Und nach einer Pause: „Im Gegenteil. Du hast so viel richtig gemacht, so viel gelernt. Gesund leben, auf Mitmenschen achten, das eigene Leben verstehen. Du kommst jetzt ohne mich aus. Und ohne meine kalten Füße.“ Auch wenn mir nicht danach zumute ist muss ich lachen.

„Und lad mal deine Mutter ein, sie wird staunen.“ Ja, die Wohnung ist aufgeräumt, das Badezimmer ein wenig modernisiert, alles sauber. Die neuen Schlafanzüge wird sie eher kritisch sehen, aber die brauche ich ihr ja nicht zu zeigen.

Noch in Gedanken schaue ich wieder hoch, sie ist weg. War ich einen Moment abgelenkt oder war sie schon vorher davongeschlüpft, das weiß ich nicht. Auf meiner Wange meine ich noch einen Kuss zu fühlen, und mit ein bisschen Phantasie kann ich auch noch ihren Geruch wahrnehmen.

*Ende*

[Das gibt es seit 14.02.25 als kleine Serie jede Woche]