25 Juli 2025

Nerds Diary: Nachmittags habe ich wieder Besuch (S3/F6)

Nachmittags habe ich wieder Besuch

Nerds Diary: Nachmittags habe ich wieder Besuch (S3/F6)
... Nachdem ich früh ins Bett gekommen bin und entsprechend früh aufstehen konnte, war die Morgenarbeit gut zu erledigen. Sogar die fälligen Pflichtdokumentationen waren zügig gemacht, die Anfrage aus dem Fachbereich auch einigermaßen schnell bearbeitet. Die Kollegen fragen, ob irgendwas wäre und sticheln, dass ich wie frisch verliebt wirkte.

Aber das kann nicht sein, ich bin alleine in der Wohnung, sitze mit meinem Kaffeepott vor dem Computer und jage die Bits und Bytes vor mir her. Noch deutlich vor Mittag verlasse ich eine Sitzung vorzeitig und erkläre den verdutzten Kameraden, dass ich jetzt erst mal Yoga machen müsste. Anders als erwartet finden sie es total gut, dass ich Bewegung in mein Leben bringe.

„Ich werde jetzt keine Pizza aus dem Tiefkühlschrank holen“ sage ich zu mir selbst und merke, dass ich im Geist die Alternativen in meinen Vorräten durchgehe. Selbst für das Backen eines Mandarinenkuchens ist noch Zeit und wie auf Kommando klingelt es an der Tür.

„Sag jetzt nichts.“ – „Du siehst gut aus.“ – „Hast du das gerade wirklich gesagt?“ – „Ja.“ – „Du bist An-wen-dungs-manager. Die sagen sowas nicht.“ – „Ich schon.“ Es folgt eine Szene wie in einem mittelklassigen Hollywoodfilm. Sie stürzt auf mich zu, nimmt mich in den Arm und drückt mich. 

„Du hast wirklich Kuchen gebacken.“ Ich verschweige ihr, dass dabei der Handmixer kaputt gegangen ist, weil sich der Rührarm im Löffel verharkt hat, mit dem ich den Teig zusätzlich vermischen wollte. „Zufälligerweise habe ich Sahne dabei.“ - „Und ich habe nur eine Kuchengabel.“ Wir müssen beide lachen.

Sie zieht die Vorhänge zu. „Wir machen Schattenkino. Hol mal eine Lampe.“ Nach einigen missglückten Versuchen geht es ganz gut, ein bisschen Kuchen auf dem Boden, aber auf der Wand erscheint eine Fütterungsszene, die wir mit dem Handy filmen.

Wir bauen noch eine Sequenz mit Sahne ein, stehen auf einem Bein, um die Akrobatik zu erhöhen und unterbrechen nur für den Eierlikör, den sie noch in ihrem Rucksack findet. „Hast du eigentlich mal wieder Brownies gebacken?“ Aber auch ohne Cannabis wird es immer lustiger und wir beschließen, eine Kuchenspur ins Schlafzimmer zu legen, damit wir den Weg in die Küche zurückfinden.

Angekommen hat sie einen neuen Plan. „Wir machen eat-in-the-dark.“ – „Was soll das sein?“ – „Wir lassen den Rollladen runter und nehmen den Kuchen mit unter die Bettdecke.“ -  „Das könnte eine ziemliche Matscherei werden.“

Es ist wirklich stockdunkel, den Kuchen kann ich noch ertasten, aber es ist schwierig herauszufinden, wo die kleine Schüssel mit der Sahne ist. „Oh, ich glaube, ich habe die Sahne gefunden.“ Einen Moment später habe ich zwei Finger mit Sahne im Mund, nachdem sie sich an meiner Wange den Weg dorthin gesucht haben.

Ich revanchiere mich mit einem Stück Kuchen und verzichte dabei sicherheitshalber auf die Gabel. Eigentlich habe ich gar keinen Hunger mehr, trotzdem geht die Schlacht munter weiter. Da sie nicht stillhält, erwische ich beim nächsten Angriff ihre Schulter, sie zuckt zurück, kann aber nicht verhindern, dass ihr T-Shirt eine Portion Sahne abbekommt.

Es wird stickig unter der Decke, zumal sie jetzt auf meinem Bauch sitzt. „Jetzt nicht bewegen, Kuchen und Sahne sind auf deiner Brust“ und die Situation ausnutzt, um mir wieder einen Finger in den Mund zu stecken. Ich winde mich unter ihrem Gewicht. „Versuchs doch.“ Mit einer gekonnten Bewegung geht sie in einen Herabschauenden Hund über, ihr Gesicht kann ich in der Dunkelheit nicht erkennen, aber ihr Atem kommt ganz aus der Nähe.

Und ihre Füße sind heute auch gar nicht kalt.

[Das gibt es seit 14.02.25 als kleine Serie jede Woche]

18 Juli 2025

Nerds Diary: Du musst dein Leben in den Griff bekommen (S3/F5)

Du musst dein Leben in den Griff bekommen

Nerds Diary: Du musst dein Leben in den Griff bekommen (S3/F5)
„Du musst dein Leben in den Griff bekommen.“ – „Ich finde, es ist im Griff.“ – „Soll das auf Dauer so weitergehen?“ – „Was ist falsch daran?“ – „Du brauchst mehr Stabilität, innere Ausgewogenheit, Resilienz.“ – „Das ist mal was, was ich kenne.“ – „Was davon?“ – „Resilienz.“

Wir diskutieren über Bounceforward und Bounceback. „Woher kennst du das?“ – „Hab ich mal irgendwo gehört.“ – „Erzähl schon.“ – „Aus der Technik. Da gibt es das auch.“ – „Werden Computer auch psychologisch betreut und therapiert?“ – „Kommt mir manchmal so vor.“

Diskussion über Psychologie im Allgemeinen, Therapeuten, Umgang mit Rückschlägen. Ich erzähle von DORA. „Es gibt ja doch Frauen in deinem Leben.“ – „DORA ist der Digital Operational Resilience Act, das ist keine Frau.“ – „Oh, wie unromantisch.“

„Ich weiß was, was dir helfen könnte. Komm mal mit.“ Wir gehen ins Büro, ich werde mit Schreibblock und Stift ausgestattet. „Du erarbeitest jetzt dein Ikigai.“ – „Mein was?“ – „Ikigai. Japanische Selbstfindung mit vier Dimensionen.“ Pause „Ich erkläre es dir.“

Auf dem Zettel entstehen große Blasen mit den Überschriften „Was ich kann“, „Was ich gerne mache“, „Wofür ich Geld bekomme“ und „Was die Welt braucht“. "Du schreibst jetzt in jede Blase was rein und nachher schauen wir, wo es Überschneidungen gibt." - „Können wir das nicht heute Abend machen, jetzt muss ich mich erst noch anziehen und dann arbeiten.“

Immerhin darf ich wieder ins Bad, den Bademantel gegen Jeans und Pulli tauschen. Kaum bin ich drin geht die Tür auf, sie legt mir den Block mit den vorgemalten Blasen auf den Boden. Dann geht die Tür zu und ich höre den Schlüssel im Schloss. „Lass mich sofort raus.“

„Erst die Hausaufgaben. Sag Bescheid, wenn du zu allen Feldern was eingetragen hast. Und versuch nicht zu schummeln, ich schaue mir das nachher genau an.“ Seufzend ziehe ich mich an, mache mir aus Handtüchern einen halbwegs bequemen Sitz und fange an, den Zettel auszufüllen.

Eine Stunde später klopft es an der Tür „Bist du noch nicht fertig?“ – „Ich will es sorgfältig machen. Was ich gut kann und gerne mache, das war ziemlich einfach. Auch wofür ich Geld bekomme war schnell aufgeschrieben. Aber was braucht die Welt von mir?“ – „Komm wenigstens wieder aus dem Bad.“ – „Ich habe es mir gemütlich gemacht.“

Am Couchtisch gehen wir meine Notizen durch. „Du hast dich ja richtig reingekniet.“ Diskussion über viele technische Aspekte, wo das Herz bleibt und ob man als Anwendungsmanager nur ein Nerd sein kann. „Gibt es überhaupt keine Menschen in deinem Leben, die du liebst?“ – „Doch, meine Mutter.“ – „Das meinst du nicht ernst. Ich meine Beziehungen, irgend ein Mann oder eine Frau. Von mir aus ohne Sex. Aber mit Gefühlen.“

„Ich würde jetzt wirklich gerne mal an den Computer gehen und schauen, wie es im Büro läuft.“ – „Du weichst immer aus. Immer, wenn ich nach Gefühlen frage oder mit dir über Beziehungen sprechen will musst du ins Büro.“ – „Ich möchte halt nicht drüber sprechen.“ – „Aber ich.“ – „Ja.“

Einen Moment schweigen wir, dann strahlt sie mich an. „Du hast Recht. Das kann man nicht erzwingen.“ Lachend schüttelt sie mich durch, gutgelaunt „Wir spielen Wahrheit oder Pflicht.“ – „Oh nein, sicher nicht.“ – „Keine Angst, jetzt darfst du erst mal ins Büro.“

Mittagessen, Kaffeepause, Abendessen. Kein Wort mehr über Ikigai, Psychologie, Beziehungsfragen. Es bleibt dabei, dass sie gute Laune hat, von ihrer Freundin erzählt, die Spaß an Boxen hat und im Club auf Männer eindrischt. Und dabei drückt sie mich hier, knufft mich da und hat dann völlig überraschend ihre Jacke in der Hand. „Ich gehe mal eine Runde um den Block. Kommst du mit?“

Die Tür schließt sich hinter ihr, ich merke, wie ich mich entspanne und obwohl es schon ziemlich spät ist schaue ich doch noch mal im Büro nach der Arbeit von heute.

[Das gibt es seit 14.02.25 als kleine Serie jede Woche]

11 Juli 2025

Nerds Diary: Ich höre Musik (S3/F4)

Ich höre Musik

Nerds Diary: Ich höre Musik (S3/F4)
... Aus fernen Sphären dringt Hardrock in mein Ohr. Zuerst sehr leise, dann etwas lauter und immer lauter, bis es schmerzt. Ich schaue mich um, mein Radiowecker kann unmöglich diese Lautstärke entfalten. Nichts zu sehen, die Musik scheint aus dem Wohnzimmer zu kommen. Beim Heben des Kopfes kommt mir wieder die Erinnerung an gestern, ein bisschen Kater, ein steifer Nacken, Kratzen im Hals, schlechtes Gewissen. Ich schiebe die Decke zur Seite und sehe das verschmutzte T-Shirt. Stimmt, da war was.

Die Musik ist aus, vielleicht habe ich das nur geträumt, stehe jetzt aber auf und setze mich tapfer in Richtung Badezimmer in Bewegung. Als ich am Arbeitszimmer vorbeikomme sehe ich sie dort sitzen. Sie hat mein Handy in der Hand, starrt gespannt auf den Bildschirm. "Was machst du da?" - "Guten Morgen. Hast du gut geschlafen?" - "Kann ich nicht sagen." - "Also nein? Soll ich dir einen Kaffee machen? Um die Uhrzeit bist du doch sonst schon lange auf."

Oh Gott, ja, ich habe total verschlafen. Wen ich mich jetzt noch im Büro anmelde muss ich die quälenden Fragen der Kollegen über mich ergehen lassen. Erst mal ins Badezimmer, kalt duschen macht den Kopf frei. Noch nicht ganz wach höre ich wieder die Musik, irgendwas zwischen ACDC und Nickelback.

Schnell das Wasser aus, notdürftig mit dem Handtuch abgetrocknet und im Bademantel rüber ins Wohnzimmer. Die Lautsprecher vibrieren unter dem Sound. Sie ist nicht zu sehen, ich drehe mich um, stehe im Flur, dessen Beleuchtung im Takt der Musik an- und ausgeht.

Aus der Küche dringt Kaffeegeruch, aber auch hier ist sie nicht. Badezimmer: Fehlanzeige. Endlich entdecke ich sie in meinem Büro. „Smart Home ist ja viel leichter zu bedienen als ich dachte.“ – „Was soll das?“ – „Du kannst die einzelnen Programme sogar miteinander kombinieren.“ – „Mach mal die Musik aus.“ – „Und diese Option zur Synchronisation mit KI ist ja irre.“

Diskussion über die Notwendigkeit, alle Funktionen meiner Smart Home App durchzuprobieren. Es klopft von unten, mein Nachbar verlangt nach Ruhe. „Dieser Langweiler soll sich auch mal vernünftige Mucke kaufen. Vielleicht braucht er mal einen Spotify-Account.“ Und lauter: „Wünsch dir was, dann kriegste das.“

Das Klopfen hört auf. „Na also. Man muss nur richtig mit den Leuten umgehen.“ Es klopft wieder, diesmal aber an der Haustür. Jetzt merke ich, dass ich noch im Bademantel bin, will nicht an die Tür und überhaupt keine Diskussion führen. „Komm, mach jetzt leise“ bettle ich. – „Wo geht das, ‚leise‘?“ – „Mach einfach ganz aus.“ Aber das geht nicht so einfach, die gesamte Programmierung ist durcheinander, Heizung, Jalousien, Musik, Beleuchtung, alles.

„Der Sicherungskasten.“ – „Was hast du vor?“ – „Sicherung raus, Ruhe.“ Jetzt klingelt auch noch das Telefon. Sicher will der Nachbar auch auf diesem Weg noch mal seinem Ärger Luft machen. Aber laut Display ist es meine Mutter. Die kann ich jetzt gar nicht gebrauchen. Kurz bevor ich panisch den Hauptschalter herunterdrücke finde ich doch noch den Alles-aus-Knopf in der App.

Die Musik verstummt, die Beleuchtung geht aus, die Jalousien bleiben stehen. Die Ruhe nach dem Sturm. Sie schaut mich etwas enttäuscht an. „Der Kaffee ist bestimmt durchgelaufen. Du brauchst jetzt Koffein. Und ruf mal im Büro an.“

[Das gibt es seit 14.02.25 als kleine Serie jede Woche]

04 Juli 2025

Nerds Diary: Das Deployment ist durch (S3/F3)

 Das Deployment ist durch

Das Deployment ist durch (S3/F3)
... ich schaue in den Kühlschrank, Gott sei Dank hat sie mir beim letzten Einkauf auch Bananen mitgebracht. Das kühle Obst tut gut an der Stirn, ich mache die Schale ab und beiße hinein. Das Telefon klingelt, ein Kollege will noch mal über den heutigen Nachmittag sprechen und ein Lessons-learned organisieren. Das will ich auch, aber anders als er meint. "Können wir das morgen machen, ich fühle mich nicht ganz wohl."

Das Telefon klingelt wieder "Du warst heute so abwesend, ist alles ok?" - "Ja, alles ok, alles cool. Ein bisschen Kopfschmerzen gerade." Schon nett. Wieder das Telefon, ja bin ich eine Telefonzentrale? "Ich bins" - "Ja?" - "Wie geht es dir, du warst so plötzlich weg." - "Ja." - "Haben dir die Brownies nicht geschmeckt?" - "Doch." - "Was dann?" - "Ich musste noch arbeiten." - "Ich komme gleich vorbei." - "Ich bin müde, komm doch bitte morgen."

Es klingelt an der Haustür. "Zeit für Yoga!" Sie strahlt mich an. "Kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen, ich bin müde, fühle mich nicht wohl. Und lieber ins Bett als Sport machen." Es folgen die bekannten Haltungen, Cobra, Vorbeuge, Herabschauender Hund, Berg. Ich werde tatsächlich langsam wieder munter. "Jetzt noch ein bisschen frische Luft." Ich reiße die Fenster auf, stelle mich in den entstehenden Durchzug. Hinter mir höre ich Bewegung, Geklapper aus der Küche.

"Grünes Abendessen. Wir machen mal FDDH." - "Was soll das sein?" - "Friss du die Hälfte. Ich beiße in ein Salatblatt, du übernimmst den Rest. Und umgekehrt. Das spart Besteck und ist total lustig." Der Küchentisch ist etwas zu breit für das Spiel, aber wenn wir beide halbwegs stehen und uns über den Tisch beugen, kommen wir an die Sachen heran, die der andere schon halb im Mund hat. Das Ganze auch noch mit Getränken zu probieren artet in eine ziemliche Sauerei aus.

Mit vollgekleckerten T-Shirts lassen wir uns unter den beschlabberten Tisch fallen. "Findest du das nicht ziemlich kindisch?" - "Aber gar nicht. Das ist archaisch, in der Steinzeit musste man sich seine Mahlzeit auch mit den anderen aus der Höhle teilen. Und konnte noch froh sein, wenn man was abbekommen hat." Es folgt eine Diskussion über die Entwicklung der Menschheit, Kultur im Allgemeinen und Esskultur im Besonderen.

"Die Asiaten essen mit Stäbchen. Hast du mal gesehen, wie die über ihren Schüsseln hängen?" - "Oder die Afrikaner mit ihrem Porenbrot, mit dem sie irgendeine Paste aufnehmen und in den Mund stecken." - "Oder die Franzosen, die morgens ihre trockenen Baguettestücke vom Vortag so lange in den Milchkaffee tunken, bis sie essbar werden." - "Oder die Tartaren, die so lange auf dem Fleisch herumreiten, bis es weich ist."

Wir sind auf allen Vieren im Wohnzimmer angekommen, zurück auf die Yoga-Matte. Ich rolle mich auf den Rücken für die Große Entspannung. Die Übungen hatte ich ja vorhin schon. Die Augen fallen mir zu, neben mir höre ich einschläfernde Worte, eine Wanderung durch meinen Körper vom Kopf über das Herz, meinen Magen und mein Becken bis in die Füße.

Mitten in der Nacht wache ich auf, der Rücken tut mir weh vom Liegen auf der harten Matte und der Hals kratzt etwas, weil ich mich wohl verkühlt habe. Sie ist nicht da, ich schleppe mich angezogen zum Bett und schlafe weiter.

[Das gibt es seit 14.02.25 als kleine Serie jede Woche]