Das Telefon hat geklingelt. Ich nehme ab, melde mich wie gewünscht mit: „Guten Tag, Sie sprechen mit dem Amt für Soziales, Bürgeranträgen, Hilfebedürftige und sonstige Fälle. Mein Name ist Christian Moritz, wie kann ich Ihnen helfen?“
Knacken, dann eine Männerstimme, ich vermute mal eine Person Mitte fünfzig. „Ich rufe an wegen der Straßenbeleuchtung.“ – „Aha. Was ist damit?“ – „Sie leuchtet.“ – „Das ist nicht weiter ungewöhnlich, um nicht zu sagen, das ist ihre Aufgabe.“ – „Ja, aber nicht so.“ – „Wie denn?“
Wir tasten uns heran. „Sie leuchtet die ganze Nacht.“ – „Auch das ist nicht weiter ungewöhnlich.“ – „Nein, aber sie leuchtet in mein Schlafzimmer.“ – „Verstehe ich Sie richtig, vor Ihrem Schlafzimmerfenster ist ein Straßenbeleuchtungskörper, der während der gesamten Nacht aktiviert ist?“ – „Wie bitte?“ – „Ich meine, Sie rufen an, weil die Laterne, wie Sie es nennen, die ganze Nacht brennt.“
„Ja, genau. Genau das tut sie.“ – „Und weswegen rufen Sie an?“ – „Genau deshalb. Weil sie brennt. Die ganze Nacht. Vor meinem Schlafzimmerfenster.“ – „Das ist ihre Aufgabe. Die ganze Nacht oder zumindest während der dunklen Phase durchgehend zu leuchten.“ – „Schon. Aber sie leuchtet in mein Schlafzimmerfenster.“ – „Das sagten Sie schon.“
„Verstehen Sie denn nicht?“ – „Nein.“ – „Ich kann nicht schlafen. Und wissen Sie warum?“ – „Nein.“ – „Weil mir die Straßenlaterne ins Schlafzimmer scheint und es hell ist.“ – „Haben Sie es schon mal mit einem Rollo probiert? Oder einem Rollladen, einer Jalousie oder sonstiger Verdunkelung?“
„Ja, aber das ist nicht dasselbe. Ich möchte ja Licht haben. Nur nicht so viel. Und nicht von der Straßenlaterne.“ – „Die lässt sich aber nicht dimmen.“ – „Gilt hier nicht auch das Verursacherprinzip?“ – „Verursacherprinzip?“
„Wenn irgendwas Störungen verursacht und mehrere Bürger sind betroffen und gestört. Dann muss sich doch nicht jeder Bürger einzeln schützen. Sondern man entfernt den Verursacher, in diesem Fall die Straßenlaterne.“ – „Die kann man nicht einfach entfernen. Dafür müssen Sie einen Antrag stellen und einen Verwaltungsakt einleiten.“
„Verwaltungsakt einleiten? Das hört sich kompliziert an.“ – „Kompliziert vielleicht nicht, aber ich vermute mal, dass es seine Zeit braucht. Wenn es überhaupt positiv ausgeht. Ich will Ihnen mal sagen, wer alles beteiligt ist.“ – „Das interessiert mich eigentlich nicht. Ich möchte es ja nur dunkel haben.“
„Das sehen Sie etwas zu einfach. Ihr Antrag wird von einem Sachbearbeiter geprüft, dann im Bauausschuss besprochen, an den Haupt- und Finanzausschuss weitergereicht, der ihn mit dem Bauamt diskutiert. Weiter geht es an den Bauhof, der mit dem Subunternehmer Kontakt aufnimmt. Das muss dann amtlich eingemessen, geplant und baulich umgesetzt werden.“
„Nein, oder? Nur, damit es in meinem Schlafzimmer dunkel wird?“ – „Genau. Aber wissen Sie, ich bin bürgernah, es gibt noch einen Alternativweg.“ – „Warum sagen Sie das nicht gleich?“ – „Sie melden ein Gewerbe an.“ – „Ich soll was?“ – „Ein Gewerbe anmelden. Haben Sie Kinder?“ – „Ja.“ – „Und Ihre Partnerin ist die Mutter?“ – „Ja.“
„Dann haben wir es ja schon. Ihre Frau meldet einfach ein Gewerbe für erotische Dienstleistungen an. Das Geschäft funktioniert, das können Sie ja mit den eigenen Kindern beweisen und Sie sind dann der einzige Kunde Ihrer Frau. Was halten Sie davon?“
„Was hat das mit der Straßenbeleuchtung zu tun?“ – „Gemäß Bebauungsplan ist eine zweckgebundene Beleuchtungsanpassung möglich. In Ihrem Fall wäre das dann rotes Licht. Und wenn Sie dann die Fenster mit grünen Scheiben versehen ist es bei Ihnen so dunkel wie Sie es sich wünschen. Und tagsüber haben Sie es immer schön grün. Das ist doch eine phantastische Lösung.“
Mein Gesprächspartner muss das erst mal auf sich wirken lassen. Angestellte im öffentlichen Dienst mit bürgernahen und pragmatischen Lösungen ist er nicht gewöhnt. Ich kann geradezu hören, wie er denkt, dann schließlich: „Ich will es mir mal durch den Kopf gehen lassen. Vor allem, was meine Frau dazu sagt.“
„Machen Sie das“, sage ich, „ich hoffe, ich konnte Ihr Anliegen zufriedenstellend lösen. Bleiben Sie doch bitte nach diesem Gespräch noch kurz in der Leitung, es gibt eine Befragung zur Anruferzufriedenheit.“
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Es gibt auch lichtdurchlässige Gardinen, das ist dann wie Gedichtes Licht....
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