09 Januar 2026

Das Märchen vom armen Parkplatzsünder

Es war einmal ein armer Geselle, der tagein, tagaus seiner beschwerlichen Arbeit nachgehen musste. Von frühem Morgen bis zum späten Abend diente er seinem Herrn mit Fleiß und Ausdauer, und selbst der Samstag brachte ihm keine Ruhe. Nur an wenigen, genau bemessenen Tagen war es ihm erlaubt, daheim zu bleiben und sein Werk von dort zu verrichten, denn das Arbeiten aus dem Hause war bei seinem Dienstherrn nicht wohlgelitten. So blieb ihm nichts anderes, als sich beinahe jeden Morgen in sein Gefährt zu setzen und zum Bahnhof zu fahren, wo er sein Auto zurückließ, um mit dem Zuge weiterzureisen.

Mitunter aber geschah es, dass die Züge nicht fuhren, und dann musste er unverrichteter Dinge zu seinem Wagen zurückkehren, um entweder heimzufahren oder den Weg bis zur Arbeitsstätte selbst zurückzulegen. Doch wenn ihn die Bahn gnädig aufnahm, blieb das Auto auf dem Parkplatz zurück und verlangte nach einem Parkschein, den der Geselle pflichtbewusst am Automaten erwarb.

Das Märchen vom armen Parkplatzsünder
Groß war seine Freude, als eines Tages die neue Zeit Einzug hielt. In der Zeitung las er, man könne den Parkschein nun auch mit einem kleinen Wunderkästchen buchen, das man ein Handy nannte. Am Abend saß er bei Kerzenlicht in seinem bescheidenen Heim und machte sich daran, dieses Kästchen zu bedienen. Viel Mühe kostete es ihn: Er musste einen Store aufsuchen, eine App finden und sie auf sein Gerät laden. Und es dünkte ihn ein Wunder, als ein neues, buntes Icon auf dem Bildschirm erschien.

Am nächsten Morgen machte er sich frohen Mutes auf den Weg zum Bahnhof, fand einen guten Platz fern der Bäume, auf denen die Vögel saßen, und eilte dem Bahnsteig zu. „Vergiss den Parkschein nicht“, sprach er zu sich selbst und zog das Handy hervor. Das neue Zeichen leuchtete ihm entgegen, und als er es berührte, tat sich ein weiterer Bildschirm auf.
Doch weh! Nirgends fand sich ein Parkschein. Bestürzt steckte er das Gerät wieder fort, eilte zum Automaten und kaufte, wie eh und je, einen Papierschein, den er hinter die Scheibe legte. Nun war sein Herz wieder leicht, und auch dass der Zug ohne ihn davongefahren war und er in der Kälte warten musste, nahm er ohne Klage hin.

Am Abend setzte er sich erneut an den Küchentisch und versuchte sich wieder an der App. Zwar war ihm all dies fremd, doch mit Geduld brachte er es so weit, ein Konto anzulegen. Zweifel kamen ihm, ob dies wohl rechtens sei, doch es geschah ihm kein Leid.
Auch am folgenden Morgen schien alles wohlbestellt. Er war früh aufgebrochen und fühlte sich gerüstet. Als er die App öffnete, flüsterte es ihm gleichsam entgegen: „Hier bin ich.“ Sie kannte nun seinen Namen, und er staunte über dieses neue Helferlein.

Doch abermals: kein Parkschein. „Nicht schlimm“, sprach er tapfer, kaufte wieder einen Papierschein und legte ihn sichtbar aus. Er war vorbereitet, hatte Kleingeld bei sich und Zeit gewonnen.
Zufrieden erreichte er den Zug und freute sich über seinen schönen Parkplatz. Am Abend setzte er sich wieder bei Kerzenlicht an den Tisch und kämpfte weiter mit der App. Er irrte durch Menüs, las Datenschutzerklärungen und lange Geschäftsbedingungen, bis er sie mit einem Häkchen besiegeln musste. Da fürchtete er einen Augenblick, er habe mit unsichtbarer Tinte unterschrieben und dem Teufel die Hand gereicht.
Doch nichts geschah. Kein Geist sprach, kein Schmerz befiel ihn. Und da entdeckte er einen Knopf, unter dem er ein Auto einrichten sollte. Er lächelte, denn in Gedanken erschuf er sich ein prächtiges Gefährt, größer und mächtiger als alle, die er je gesehen hatte.

Es waren böse Geister, die ihn auch in den nächsten Tagen noch mit allerlei Aufträgen piesackten. Mal verlangten sie eine Autonummer, dann musste er ein Parkareal suchen und dieses in der App hinterlegen. Er schwankte zwischen Verzweiflung und wilder Entschlossenheit, die Sache nach all den Widrigkeiten nun doch zu Ende zu bringen. Als gefeierter Held sah er sich schon, ein Foto in der Zeitung mit seinem Namen darunter und einem feierlichen Text, wie er sich in großer Tapferkeit und Ausdauer über die App erhoben hatte, sie in die Knie gezwungen und den Versuchungen der App-in-Käufe wiedersagt hatte.

Wahrlich war es ein Kampf, und wenn auch ein paar Abende verloren waren, ein paar Züge ohne ihn gefahren und der fröhliche Zeitungsartikel mit der App-Ankündigung mittlerweile zerfetzt in der Ecke lag: Mit erhobener Brust erhielt er seinen ersten elektronischen Parkschein. Wie konnte er sich freuen, warf voller Freude sein Kleingeld auf den Beifahrersitz und stolzierte zum Bahnsteig. Jeder, so dachte er, müsse ihm dieses Meisterstück ansehen, ihn auf seine Leistung ansprechen. Aber tatsächlich gähnten die Mitreisenden wie jeden Morgen und beachteten ihn nicht weiter.
Am Abend saß er ratlos am Tisch, da ihm plötzlich Zeit geblieben war. Erst da merkte er, wie sehr ihn das kleine Kästchen in Beschlag genommen hatte.

Hätte die Geschichte nicht an dieser Stelle ihr Ende finden können? War nicht seine Heldenfahrt vollbracht, sein Kampf bestanden, und war er nicht als Sieger daraus hervorgegangen? Wohl hätte man nun eine Moral daraus ziehen mögen, wie der einfache Mann mit Geduld und Beharrlichkeit die Tücken der neuen Zeit bezwungen hatte, und wie Klugheit und Ausdauer selbst die listigsten Wunderwerke gefügig machen können.

Doch ach, das Schicksal liebt es, den Menschen in falscher Sicherheit zu wiegen. Kaum hatte sich sein Herz beruhigt und der Alltag wieder in ruhigen Bahnen gefunden, da erreichte ihn ein Schreiben mit amtlichem Siegel. Darin ward ihm kundgetan, er habe am Bahnhof ohne gültigen Parkschein gestanden und sich damit eines Vergehens schuldig gemacht. Da sank ihm der Mut. Ein wenig weinte er, dann überkam ihn Zorn, dann wieder tiefe Traurigkeit, und lange saß er grübelnd da und wusste keinen Rat.

In seiner Not griff er zum Hörer und rief im Ordnungsamt an. Mit leiser Stimme frug er nach dem zuständigen Beamten und beteuerte, so wahr ihm Gott helfe, seine Unschuld. Wie zuvor die Technik ihm kalt und ohne Erbarmen begegnet war, so fand er nun auch beim Menschen kein offenes Ohr. Worte prallten ab wie Regen an Stein, und jede Erklärung verhallte ungehört.
Dennoch gab er die Hoffnung nicht sogleich auf. Er sammelte Unterlagen, legte Belege vor, schrieb demütige Briefe und bat um Milde und Einsicht, auf dass man erkenne, das Vergehen sei nicht aus Bosheit oder Sparsamkeit geboren, sondern aus den Tücken der Technik. Doch wer klein ist, widerspricht nicht leicht, wenn die Obrigkeit spricht und ihre Beweise für unerschütterlich hält.

So kam es denn, dass unser kleiner Freund sich am Ende beugen musste. Der Beamte trug ihm die Entscheidung noch einmal vor, in wohlgesetzten Worten, mit dem gewichtigen Hinweis, es lägen „keine plausiblen Rechtfertigungs- und Schuldausschließungsgründe“ vor. Da wurde dem Gesellen schwer ums Herz, zumal er im Schreiben als Täter benannt ward, gegen den ein Verfahren anhängig sei, das aus Gründen der Gleichbehandlung nicht eingestellt werden könne.

Und also schließt sich das Märchen mit der bitteren Erkenntnis, dass man wohl über Maschinen und ihre Zauberkunst triumphieren kann, gegen die starre Hand eines uneinsichtigen Beamten jedoch zumeist machtlos bleibt.

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