30 Januar 2026

Tierische Beziehungstypen

Tja, Menschen sind auch nur Tiere. Tief in ihnen schlummern Eigenschaften, die aus der Tierwelt bekannt sind und die sich natürlich auch in der Art und Weise niederschlagen, wie sie miteinander umgehen. Werfen wir einen Blick darauf, wie Beziehungen bestimmter Tiere typischerweise gestaltet sind und was wir davon in der menschlichen Partnerschaft oder allgemeiner in menschlichen Teams wiederfinden.

Tierische Beziehungstypen

Hund

Treu ergeben, wenn sie ihr Herrchen oder Frauchen als Leitfigur ansehen. Man kann ihnen Dinge beibringen und sie trainieren, auf bestimmte Kommandos oder Reize gezielt zu reagieren. Je nach Rasse neigen sie dazu, ihr Revier oder ihr Rudel zu verteidigen.

Hat man einen solchen Partner, dann lässt er sich steuern, zu gewünschten Handlungen führen und je nach Erziehung auch dominieren.

Katze

Liebevoll, aber auch eigenwillig gestaltet sie die Beziehung nach eigenen Vorstellungen, lässt sich dabei nur eingeschränkt beeinflussen. Übungen macht sie nur mit, wenn sie möchte, ansonsten erschließt sie sich die Welt selbst. Allerdings ist sie auch empathisch zur Stelle, wenn es emotionale Schwierigkeiten gibt und wirkt moderierend auf die Partnerschaft.

Wer eine Katze als Partner hat, der muss sich daran gewöhnen, dass Freiraum innerhalb eines treuen Rahmens nicht nur erwartet, sondern aktiv eingefordert wird. Konditionierung ist nahezu aussichtslos, es wird viel (emotional) geschenkt, aber man kann es nicht einklagen.

Esel

Ein hochgradig belastbares und zuverlässiges Tier, das allerdings in machen Situationen überraschend störrisch sein kann. Die Gründe für dieses Verhalten sind oft nicht auf den ersten Blick erkennbar, man kommt aber nur mit enormem Kraftaufwand weiter oder (völlig problemlos) wenn man das Hindernis beseitigt hat. Esel sind entgegen der landläufigen Meinung intelligent, ihre Verweigerung resultiert aus einer (für sie) logischen Entscheidung.

In der Partnerschaft ist Mitdenken und eine erhebliche Portion Empathie gefragt. Wer sich in einen Esel hineinversetzt und bei Widerspenstigkeit nach der Ursache forscht statt mit Gewalt zu reagieren, hat eine wertvolle Arbeitskraft und kann gut vorankommen.

Ziege

Sie machen aus Prinzip was sie wollen, allein um zu demonstrieren, dass sie machen können, was sie wollen. Dieser Wille ist weitgehend ziellos, mehr im Sinne einer grundsätzlichen Opposition. Es ist kraftraubend und mühsam, sie auf einen definierten Weg zu bringen.

Führung im klassischen Sinne ist ausgeschlossen, konstruktive und planbare Zusammenarbeit praktisch nicht möglich. Neben den offensichtlichen Kurswechseln zur Demonstration der eigenen Macht und Gestaltungsfreiheit laufen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch verdeckte Aktivitäten, die den offiziellen Kurs torpedieren.

Schlange

Durch ihren besonderen Körper ist sie sehr beweglich, kann aber abgesehen von schnellen Bewegungen auch unvermittelt von der Seite oder gar von hinten angreifen.

Im Falle solch einer Partnerschaft ist erhöhte Wachsamkeit geboten. Was nicht in der direkten Kommunikation läuft, wird über Kollegen, Freunde und Bekannte platziert. In vielen Fällen wird es schwierig, die Quelle einer Aussage zu finden, da durch Verschleierung kaum noch erkennbar ist, von wem und mit welcher ursprünglichen Botschaft die Kette angefangen hat.

Eule

Insbesondere wird die Eule dann aktiv, wenn andere zur Ruhe kommen. Während sie die Zeit tagsüber schläfrig verbringen, wachen sie mit der Dämmerung auf und entpuppen sich dann als sorgfältige Beobachter und scharfe Denker.

Sie können sehr wertvolle Teampartner sein, nur darf man sie nicht in die übliche Zeitplanung zwingen. Ein Tag Bedenkzeit muss immer einkalkuliert werden, dafür ist das Ergebnis dann möglicherweise besonders gut durchdacht. Für Tätigkeiten mit Interaktion oder Dialog eignen sich Eulen nur bedingt.

Faultier

Es heißt nicht nur so, es hat auch einen sehr gemütlichen Tagesablauf, manchmal nicht mehr als vier Aktivitätsstunden. Dabei kann es mehr oder weniger hübsch aussehen, ist allerdings ansonsten weitgehend unnütz.

Viel bewegen kann man mit Faultieren nicht. Weder unterbrechen sie freiwillig ihre Ruhephasen, noch zeichnen sie sich durch Impulse oder selbstgewählte Leistungen aus. Motivation wird zur Herausforderung, wobei die Bequemlichkeit so zentral ist, dass selbst die meisten üblichen Anreize nicht weiterbringen.

Biene

Von Sonnenauf- bis -untergang zu arbeiten ist für Bienen selbstverständlich. Sie schaffen, planen, organisieren und kommunizieren zur Optimierung ihrer Leistung.

Unscheinbar und deshalb oft nicht angemessen geschätzt. Zwar hält es die Biene für eine Selbstverständlichkeit, ihre Arbeitskraft für das Team oder die Familie einzubringen, freut sich aber an dem Ergebnis ihres Fleißes. Ehrungen sind nicht notwendig, aber die fortlaufende Rückmeldung, dass man die geleistete Arbeit wahrgenommen hat. Sehr leicht zu steuern und auch für ausgesprochen unattraktive Arbeiten einzusetzen, wenn sie nur fleißig sein dürfen.

Fuchs

Mit guter Nase, scharfen Augen und spitzen Ohren hat der Fuchs die Grundlage, mit seiner Intelligenz gut zu beobachten und clevere Schlüsse zu ziehen.

Wer einen Fuchs im Team hat, der hat einen klugen Entscheider. Seine Meinung ist meist gut begründet und als Basis für Taktik und Strategie geeignet. Um seine Beobachtungsgabe optimal nutzen zu können bleibt er oft lieber im Hintergrund und tritt auch bei offiziellen Runden wenig in Erscheinung.

Fisch

Kommunikation läuft unter Wasser anders. Stilles, meist ziemlich ruhiges Schwimmen und die Bildung von Schwärmen sind charakteristisch. Aber vor allen Dingen sind sie glitschig, nicht zu fassen und nur schlecht mit bloßer Hand zu fangen.

Man sieht sie vielleicht, aber man hört sie nicht. Ruhig sind sie einfach stets in der Nähe, folgen und sind immer da, wenn man sie braucht. Eher langweilig und ohne Impulse, grundsätzlich sozial aber nicht unbedingt an bestimmte Personen gebunden. Und genauso wie sie nicht in Beziehungen zu fixieren sind, sind sie auch in ihren Aussagen so schwammig, dass man sie nicht darauf festlegen kann.

Pferd

Es kann schnell laufen, ist einfühlsam und je nach Rasse auch für schwere Arbeit geeignet. Dabei aber auch sehr ängstlich mit dem Reflex, Hindernissen auszuweichen. Es scheut vor Barrikaden und muss stets eine Fluchtmöglichkeit haben.

In der Partnerschaft mit dem richtigen Management sehr angenehme und gute Mitspieler. Allerdings kann es Kraft kosten, sie zu Neuem zu bewegen, Herausforderungen anzugehen oder gar Schwierigkeiten in Angriff zu nehmen. Abgesehen davon muss dieser Typus immer einen Notausgang haben, der zumindest grundsätzlich als Alternative zur Verfügung steht. Gewaltsames Durchsetzen von Anforderungen ist völlig ungeeignet und führt zu seelischen Störungen oder Trennungen.

Bär

Als Inbegriff der Kraft steht der Bär auch für eine gewisse Geschicklichkeit und nicht zu unterschätzende Geschwindigkeit. Nur mit der Feinkoordination hapert es, er bewegt und verhält sich tapsig.

Für feine Arbeiten, Diplomatie oder den Einsatz in filigranen Netzwerken sind diese Personen nicht geeignet. Sie verhalten sich wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, wobei sie die Zerstörung in Kauf nehmen und oft noch nicht einmal wahrnehmen. Hilfreich, wenn man einen Menschen braucht, der durchgreift und ohne zu viel Skrupel aufräumt. Dabei muss man aber im Hinterkopf haben, dass das Fehlen von Feingefühl auch für die eigene Beziehung gilt.

Taube

Zu Recht werden sie im Zusammenhang mit Frieden und mit Liebe dargestellt. Sie suchen sich ihre Partner, mit denen sie dann bis zum Tod verbunden bleiben. Turteln, gegenseitige Versorgung und die Aufzucht von Nachwuchs sind die zentralen Lebensinhalte.

Wie bei den Tieren so bei den Menschen: Nicht die Arbeit, Hobbys, Gemeinschaft oder Kreativität bilden die seelische Mitte, sondern allein die persönliche Partnerschaft. Alles dreht sich um Liebe, diesem Begriff und seiner Ausgestaltung werden alle anderen Elemente untergeordnet. In der Zweisamkeit (privat und beruflich) sehr eng an genau einen anderen Menschen gekoppelt. Fällt dieser weg entsteht eine Lücke, die nach besten Möglichkeiten kurzfristig wieder durch so eine enge Partnerschaft geschlossen wird.

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23 Januar 2026

Ein Hoch auf Supercommunicators

Ein Hoch auf Supercommunicators
Stolz halte ich ein Buch in der Hand, in dem Charles Duhigg die geheime Sprache zwischenmenschlicher Beziehungen entschlüsselt, das steht auf dem Cover und ist auf 321 Seiten ausgebreitet. Es klingt sensationell und macht neugierig, und Charles ist auch noch Absolvent der Yale University (Connecticut, USA). Und das Werk wird gefeiert von Arthur C. Brooks, Professor an der Harvard Business School (Massachusetts, USA).

Soweit die Lobpreisung. Und jetzt zum Inhalt.

Auf einer Tagung komme ich mit einem anderen Gast ins Gespräch, wir unterhalten uns über dies und das, ein wenig Smalltalk, dann Familie, dann sind wir unversehens bei der persönlichen Sicht auf Work-Life-Balance und deren soziologische Auswirkungen. Die Argumente gehen hin und her, ein weiterer Gast kommt dazu, steigt mit ein und die Diskussion wird lebhafter. Angezogen vom engagierten Austausch wird die Runde um unseren Tisch immer größer. Fast müssen wir aufpassen, dass wir mit unserem Thema nicht versehentlich die Konferenz kapern.

Duhigg würde diese Szene dann einem Gesprächstyp zuordnen, zu intensiven und interessierten Fragen ermutigen und so ein inhaltliches, aber auch emotionales Angleichen herbeiführen. Je tiefer das gelingt, desto eingeschwungener agiert die Gruppe.

Wow! Das sind ja sensationelle Erkenntnisse. Nicht, dass ich sie schon mal im Zusammenhang mit Emotionaler Intelligenz gelesen hätte. Sicher ist auch der Aufbau von Rapport bei der Neurolinguistischen Programmierung etwas ganz anderes. Und ich glaube natürlich auch nicht, dass Psychotherapeuten, Coaches oder gute Verkäufer je auf diesen brillanten Gedanken gekommen sind. 

Naja, möglicherweise doch. Aber sie haben nicht den Begriff „Supercommunicators“ aus einem Vokabular à la Donald Trump dafür verwendet. Sie haben nur das Angebot eines tiefergehenden und persönlichen Austausches gemacht, Interesse signalisiert und sind auf die Äußerungen eingegangen. Ein Effekt übrigens, den ich bei Musikern beobachte und der nichts mit Vertrauen, sondern nur mit professionellem Zusammenspiel zu tun hat.

Eins jedoch sollte man Mr. Duhigg zubilligen. Es ist schon eine gewisse Fertigkeit, den alten Wein in neue Schläuche abzufüllen, vermutlich über eine Million Jahre alte Binsenweisheiten als „Entschlüsselung einer geheimen Sprache“ zu bezeichnen und das Ganze in amerikanische Heldenreisen und Beispielszenen zu gießen. Und aus diesen mehr oder weniger trivialen Gedanken dann ein ziemlich dickes Buch anzufertigen, das voraussichtlich ein Bestseller wird.

Ich löse mich langsam vom Tisch, und obwohl ich eigentlich gar nicht der Wortführer bin, ebbt die Diskussion ab, schauen mich die anderen Tagungsteilnehmer erwartungsvoll an. „Eine super Diskussion“, höre ich mich sagen, „ich kann nur hoffen, dass wir die anderen Themen dieser Veranstaltung genauso intensiv bearbeiten und zum ambitionierten Ziel kommen.“ Allgemeines Gemurmel, dann plötzlich Beifall. Als ob ich eine Rede gehalten hätte oder der Messias wäre. Das ist mir schon peinlich.

Ganz kurz ringe ich mit mir, ob ich die Konferenz nicht doch übernehmen sollte, jetzt, wo die Herde um mich herum aufeinander und auf mich eingeschwungen ist. Aber das geht ja nun wirklich zu weit und außerdem bin ich ja kein Supercommunicator. Ich überlasse die nette Truppe ihrem Schicksal und später ihrem Weinchen, bei dem sie ihre geschaffene Vertrauensbasis weiter vertiefen können.

Irgendwann im Laufe des Abends ist es dann doch noch so weit. In ausgelassener Laune lasse ich mich zum Supercommunicator krönen und bringe einen Toast aus auf dieses mächtige Werkzeug, mit dem wir endlich unsere Erfahrungen, unsere Werte und unser Gefühlsleben in den Griff bekommen.

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16 Januar 2026

Günter (Das Reiseklavier)

Beim Namen Günter muss ich an eine Geschichte denken, die mir als Student passiert ist. Mit schmalem Budget hatte ich mich in den Semesterferien auf den Weg nach Sardinien gemacht und mit dem Reisebus den Fährhafen erreicht. Es war eine lange Fahrt gewesen, wir waren quer durch Deutschland und Italien gefahren, jetzt in Livorno angekommen und standen recht verkatert am Anleger.

Unser Teamer kam mit den Fährtickets, wir stiegen die Gangway hoch und schleppten Koffer und Rucksack auf Deck. In den Ecken verteilten wir unsere Isomatten und holten notdürftig ein wenig Schlaf nach, den wir im Bus nicht gefunden hatten. Insgesamt herrschte Ruhe, kaum einer hatte Lust auf eine Unterhaltung und das Tuckern des Schiffsdiesels wirkte zusätzlich einschläfernd.

Im Halbschlaf nahm ich das Ablegemanöver wahr, fühlte das leichte Schaukeln des Bootes und die Hafenausfahrt, mit der der Seegang deutlich zunahm. Mehr wie eine Wiege spürte ich die Mischung aus Vibrieren, Stampfen und Rollen, schloss die Augen und wäre vermutlich eingeschlafen, wenn ich nicht plötzlich eine Stimme gehört hätte. "Hallo", weit weg, dann wieder "Hallo, wie geht es dir?"

Ich war ein wenig genervt, wollte ich doch schlafen und hatte kein Interesse an einer Unterhaltung. Trotzdem blinzelte ich durch ein Auge und schaute, wer mich da ansprach. Ein junger Student stand vor mir, strahlte mich an, "Günter" stellte er sich vor und wartete einen Moment, damit ich ihm auch meinen Namen verraten konnte.

"Hallo Günter" murmelte ich, schloss wieder mein Auge und wollte dösen oder schlafen. Aber mein neuer Kamerad ließ nicht locker. Er redete auf mich ein, wollte von mir wissen, woher ich käme, wohin ich wolle und wie lange ich bliebe. Er war schon mehrfach auf Sardinien gewesen und hatte diverse Tipps auf Lager. Aber auch auf der Fähre kannte er sich gut aus. "Die Bar hier oben ist für die Touristen, ein Stock tiefer ist hinten durch die Bar für die Crew. Besser und billiger." 

Ich ließ mich zu einem Cappuccino überreden und wenige Minuten später standen wir an klapprigen Tischen mit dem perfekt zubereiteten Getränk, umringt von laut plappernden Landsleuten. Allmählich wurde ich munter, die Nachwehen der unruhigen Nacht wurde vom Koffein vertrieben. Jetzt nahm ich auch die hübsche Kakaofigur wahr, unfassbar, dass im Bauch einer ölverschmierten Fähre ein Barista für die Gäste sorgte.

Inzwischen war unser Gespräch lebhafter geworden, ich erzählte von meinem Studium, dass ich kurz vor dem Diplom stünde und mich jetzt auf eine Pause von der Lernerei freute. Und erfuhr im Gegenzug, dass Günters Freundin schon auf der Insel war. Sie war eine zierliche Kommilitonen - er zeigte mir stolz ein Foto - die er in der Mensa gesehen und dann in einer Musikband kennengelernt hatte. Überhaupt schien Musik neben seinem Studium ein wichtiges Element in seinem Leben zu sein.

Erst ging ich nicht weiter darauf ein, aber dann wollte ich doch wissen, warum er nicht zusammen mit seiner Freundin gefahren war. Wenn ich vermutet hatte, dass er noch Prüfungen oder ein Praktikum zu bewältigen hätte, so lag ich komplett falsch. "Mein Klavier", war die Antwort. Ich schaute ihn etwas verwundert an, weil ich eine getrennte Anreise nicht mit einem Klavier in Verbindung bringen konnte.

"Ich bin mit meinem Klavier unterwegs." Sicher eine seiner merkwürdigen Geschichten, dachte ich. Aber er machte ein so ernstes Gesicht, dass ich mich fragen musste, ob da nicht irgendwas dran war. "Du hast dein Klavier dabei?" fragte ich ungläubig, "irgendwo hier auf der Fähre steht dein Klavier?" - "Genau. Ich fahre nie ohne mein Klavier in Urlaub. Es ist sozusagen ein Reiseklavier." Ich war immer noch nicht überzeugt und ging eher davon aus, dass er mir gerade einen Bären aufbinden wollte.

Günter (Das Reiseklavier)

Er nahm mich am Arm und zog mich aus der Bar weg, eine Stiege tiefer und noch eine, da wo der Bereich für das Sperrgut begann. Aber in der Sammlung von Containern, Boardcases und Kartons konnte ich kein Klavier entdecken. Nur eine recht sperrige Holzkiste etwa so breit wie ein Klavier und mit diversen Gelenken und Scharnieren ausgestattet. Einige Hebel und Riegel verhinderten, dass sich dieses Paket von alleine entfalten konnte.

"Da drüben" wies mir Günter den Weg und zeigte tatsächlich auf die Holzkiste mit den Scharnieren und der Verriegelung. "Dafür habe ich Maschinenbau studiert", erklärte er mir weiter, "es war immer mein Traum, dass ich mein Klavier dabeihabe. Es begleitet mich sozusagen überall hin." 

"Das ist wirklich dein Klavier?" Ich war fassungslos, "Das muss ja asig schwer sein." - "Nein, das ist eines der Geheimnisse seiner Konstruktion. Ich habe es mit einem Freund so gebaut, dass wir auf die meisten schweren Teile verzichten konnten. Weder hat es einen klassischen Resonanzboden, noch braucht es eine stählerne Platte für seine Saiten. Und durch eine ausgeklügelte Diagonalverleimung ist es auch weitgehend unempfindlich gegen Feuchtigkeit."

Aus seiner Tasche holte einen Schlüssel, steckte ihn in das Schloss des Holzkastens und mit wenigen Handgriffen klappte und schob er die einzelnen Bestandteile so in Form, dass schließlich ein Klavier vor mir stand. Vorsichtig berührte ich den Korpus, klappte die Abdeckung der Klaviatur hoch und spielte behutsam ein paar Töne. Wirklich, man konnte Musik damit machen, und wie ich beim Hochheben feststellte, war es nicht einmal besonders schwer. Ein Reiseklavier eben.

Günter strahlte, ließ mich herumklimpern, spielte dann selbst den Anfang einer Toccata von Bach und klappte das mechanische Wunderwerk zum Schluss wieder zusammen. "Siehst du", ließ er mich wissen, "das ist der Grund, warum ich mit dieser Fähre nachreise. Der normale Reisebus wollte es nicht transportieren, eine Spedition kam für mich nicht in Frage. Aber wie beim Problem mit dem Zusammenklappen habe ich auch hierfür eine Lösung gefunden.

Wir unterhielten uns noch bis zum Anlegen in Olbia, danach habe ich ihn nicht wieder gesehen. Aber es ist mir im Gedächtnis geblieben, wie ein Mensch seine ganze Energie in ein Projekt stecken kann, das für Außenstehende kaum sinnvoll erscheint. Und dabei Lösungen findet, die andere für unmöglich halten. Die ihre Mitmenschen mit ihrer Einzigartigkeit mitnehmen, inspirieren und motivieren.

Das ist es, was ich mit dem Namen Günter verbinde.

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09 Januar 2026

Das Märchen vom armen Parkplatzsünder

Es war einmal ein armer Geselle, der tagein, tagaus seiner beschwerlichen Arbeit nachgehen musste. Von frühem Morgen bis zum späten Abend diente er seinem Herrn mit Fleiß und Ausdauer, und selbst der Samstag brachte ihm keine Ruhe. Nur an wenigen, genau bemessenen Tagen war es ihm erlaubt, daheim zu bleiben und sein Werk von dort zu verrichten, denn das Arbeiten aus dem Hause war bei seinem Dienstherrn nicht wohlgelitten. So blieb ihm nichts anderes, als sich beinahe jeden Morgen in sein Gefährt zu setzen und zum Bahnhof zu fahren, wo er sein Auto zurückließ, um mit dem Zuge weiterzureisen.

Mitunter aber geschah es, dass die Züge nicht fuhren, und dann musste er unverrichteter Dinge zu seinem Wagen zurückkehren, um entweder heimzufahren oder den Weg bis zur Arbeitsstätte selbst zurückzulegen. Doch wenn ihn die Bahn gnädig aufnahm, blieb das Auto auf dem Parkplatz zurück und verlangte nach einem Parkschein, den der Geselle pflichtbewusst am Automaten erwarb.

Das Märchen vom armen Parkplatzsünder
Groß war seine Freude, als eines Tages die neue Zeit Einzug hielt. In der Zeitung las er, man könne den Parkschein nun auch mit einem kleinen Wunderkästchen buchen, das man ein Handy nannte. Am Abend saß er bei Kerzenlicht in seinem bescheidenen Heim und machte sich daran, dieses Kästchen zu bedienen. Viel Mühe kostete es ihn: Er musste einen Store aufsuchen, eine App finden und sie auf sein Gerät laden. Und es dünkte ihn ein Wunder, als ein neues, buntes Icon auf dem Bildschirm erschien.

Am nächsten Morgen machte er sich frohen Mutes auf den Weg zum Bahnhof, fand einen guten Platz fern der Bäume, auf denen die Vögel saßen, und eilte dem Bahnsteig zu. „Vergiss den Parkschein nicht“, sprach er zu sich selbst und zog das Handy hervor. Das neue Zeichen leuchtete ihm entgegen, und als er es berührte, tat sich ein weiterer Bildschirm auf.
Doch weh! Nirgends fand sich ein Parkschein. Bestürzt steckte er das Gerät wieder fort, eilte zum Automaten und kaufte, wie eh und je, einen Papierschein, den er hinter die Scheibe legte. Nun war sein Herz wieder leicht, und auch dass der Zug ohne ihn davongefahren war und er in der Kälte warten musste, nahm er ohne Klage hin.

Am Abend setzte er sich erneut an den Küchentisch und versuchte sich wieder an der App. Zwar war ihm all dies fremd, doch mit Geduld brachte er es so weit, ein Konto anzulegen. Zweifel kamen ihm, ob dies wohl rechtens sei, doch es geschah ihm kein Leid.
Auch am folgenden Morgen schien alles wohlbestellt. Er war früh aufgebrochen und fühlte sich gerüstet. Als er die App öffnete, flüsterte es ihm gleichsam entgegen: „Hier bin ich.“ Sie kannte nun seinen Namen, und er staunte über dieses neue Helferlein.

Doch abermals: kein Parkschein. „Nicht schlimm“, sprach er tapfer, kaufte wieder einen Papierschein und legte ihn sichtbar aus. Er war vorbereitet, hatte Kleingeld bei sich und Zeit gewonnen.
Zufrieden erreichte er den Zug und freute sich über seinen schönen Parkplatz. Am Abend setzte er sich wieder bei Kerzenlicht an den Tisch und kämpfte weiter mit der App. Er irrte durch Menüs, las Datenschutzerklärungen und lange Geschäftsbedingungen, bis er sie mit einem Häkchen besiegeln musste. Da fürchtete er einen Augenblick, er habe mit unsichtbarer Tinte unterschrieben und dem Teufel die Hand gereicht.
Doch nichts geschah. Kein Geist sprach, kein Schmerz befiel ihn. Und da entdeckte er einen Knopf, unter dem er ein Auto einrichten sollte. Er lächelte, denn in Gedanken erschuf er sich ein prächtiges Gefährt, größer und mächtiger als alle, die er je gesehen hatte.

Es waren böse Geister, die ihn auch in den nächsten Tagen noch mit allerlei Aufträgen piesackten. Mal verlangten sie eine Autonummer, dann musste er ein Parkareal suchen und dieses in der App hinterlegen. Er schwankte zwischen Verzweiflung und wilder Entschlossenheit, die Sache nach all den Widrigkeiten nun doch zu Ende zu bringen. Als gefeierter Held sah er sich schon, ein Foto in der Zeitung mit seinem Namen darunter und einem feierlichen Text, wie er sich in großer Tapferkeit und Ausdauer über die App erhoben hatte, sie in die Knie gezwungen und den Versuchungen der App-in-Käufe wiedersagt hatte.

Wahrlich war es ein Kampf, und wenn auch ein paar Abende verloren waren, ein paar Züge ohne ihn gefahren und der fröhliche Zeitungsartikel mit der App-Ankündigung mittlerweile zerfetzt in der Ecke lag: Mit erhobener Brust erhielt er seinen ersten elektronischen Parkschein. Wie konnte er sich freuen, warf voller Freude sein Kleingeld auf den Beifahrersitz und stolzierte zum Bahnsteig. Jeder, so dachte er, müsse ihm dieses Meisterstück ansehen, ihn auf seine Leistung ansprechen. Aber tatsächlich gähnten die Mitreisenden wie jeden Morgen und beachteten ihn nicht weiter.
Am Abend saß er ratlos am Tisch, da ihm plötzlich Zeit geblieben war. Erst da merkte er, wie sehr ihn das kleine Kästchen in Beschlag genommen hatte.

Hätte die Geschichte nicht an dieser Stelle ihr Ende finden können? War nicht seine Heldenfahrt vollbracht, sein Kampf bestanden, und war er nicht als Sieger daraus hervorgegangen? Wohl hätte man nun eine Moral daraus ziehen mögen, wie der einfache Mann mit Geduld und Beharrlichkeit die Tücken der neuen Zeit bezwungen hatte, und wie Klugheit und Ausdauer selbst die listigsten Wunderwerke gefügig machen können.

Doch ach, das Schicksal liebt es, den Menschen in falscher Sicherheit zu wiegen. Kaum hatte sich sein Herz beruhigt und der Alltag wieder in ruhigen Bahnen gefunden, da erreichte ihn ein Schreiben mit amtlichem Siegel. Darin ward ihm kundgetan, er habe am Bahnhof ohne gültigen Parkschein gestanden und sich damit eines Vergehens schuldig gemacht. Da sank ihm der Mut. Ein wenig weinte er, dann überkam ihn Zorn, dann wieder tiefe Traurigkeit, und lange saß er grübelnd da und wusste keinen Rat.

In seiner Not griff er zum Hörer und rief im Ordnungsamt an. Mit leiser Stimme frug er nach dem zuständigen Beamten und beteuerte, so wahr ihm Gott helfe, seine Unschuld. Wie zuvor die Technik ihm kalt und ohne Erbarmen begegnet war, so fand er nun auch beim Menschen kein offenes Ohr. Worte prallten ab wie Regen an Stein, und jede Erklärung verhallte ungehört.
Dennoch gab er die Hoffnung nicht sogleich auf. Er sammelte Unterlagen, legte Belege vor, schrieb demütige Briefe und bat um Milde und Einsicht, auf dass man erkenne, das Vergehen sei nicht aus Bosheit oder Sparsamkeit geboren, sondern aus den Tücken der Technik. Doch wer klein ist, widerspricht nicht leicht, wenn die Obrigkeit spricht und ihre Beweise für unerschütterlich hält.

So kam es denn, dass unser kleiner Freund sich am Ende beugen musste. Der Beamte trug ihm die Entscheidung noch einmal vor, in wohlgesetzten Worten, mit dem gewichtigen Hinweis, es lägen „keine plausiblen Rechtfertigungs- und Schuldausschließungsgründe“ vor. Da wurde dem Gesellen schwer ums Herz, zumal er im Schreiben als Täter benannt ward, gegen den ein Verfahren anhängig sei, das aus Gründen der Gleichbehandlung nicht eingestellt werden könne.

Und also schließt sich das Märchen mit der bitteren Erkenntnis, dass man wohl über Maschinen und ihre Zauberkunst triumphieren kann, gegen die starre Hand eines uneinsichtigen Beamten jedoch zumeist machtlos bleibt.

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