„Ich möchte gerne Geld abheben.“
Kurzes Schweigen, dann: „Sie möchten Geld abheben?“
„Ja, mein Geld. Ich möchte mein Geld abheben.“
„Sie sind beim Finanzamt, nicht bei der Sparkasse, Sie können hier kein Geld abheben.“
„Aber das Finanzamt hat doch Geld. Sie haben es doch von meinem Gehalt abgezogen, da müssen Sie doch Geld haben. Und jetzt möchte ich es gerne zurückbekommen. Abheben sozusagen.“
„So funktioniert das aber nicht. Sie zahlen Einkommenssteuer, das ist eine Steuer und die bekommen Sie nicht einfach zurück.“
„Was haben Sie denn damit gemacht, dass Sie es mir jetzt nicht einfach zurückgeben können? Haben Sie es hinter meinem Rücken ausgegeben?“
„Hören Sie, wenn Sie sich über Steuern informieren möchten, dann kaufen Sie sich bitte Lehrbücher oder schauen sich Youtube-Videos an. Ich bin nur zuständig für die Bearbeitung der Steuererklärungen.“
„Da haben wir es ja: Steuererklärungen. Dann sind Sie doch genau der richtige Ansprechpartner, Sie sollen mir die Steuer ja erklären.“
„Nein, andersherum. Sie müssen eine Steuererklärung abgeben. Und die kann ich dann prüfen und bearbeiten. Und wenn die Zahlen stimmen, dann erhalten Sie vielleicht auch Geld zurück.“
„Entschuldigen Sie, ich verstehe das nicht. Mir wird Geld abgenommen, bevor es in meinem Portemonnaie landet, das ist doch dubios wie bei Bankräubern. Und dazu soll ich dann irgendwas erklären und dann…“
„Hören Sie, ich habe keine Zeit für Ihre komischen Fragen. Entweder wollen Sie mich hochnehmen oder sind Sie wirklich so unwissend?“
„Ich war noch nicht ganz fertig. Ich soll irgendwas erklären, was ich nicht verstehe, und dann schauen Sie sich das an und ich bekomme VIELLEICHT Geld zurück, mein Geld, was ich bis dahin nicht gesehen habe. Vielleicht.“
„Also gut, ich will mal sehen, ob ich etwas für Sie tun kann. Geben Sie mir mal Ihre Steuernummer, ich werden prüfen, ob ich die Vorauszahlung reduzieren kann.“
„Das ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Ist das die Vorbereitung, damit ich dann nachher Geld abheben kann?“
„So einfach geht das nicht. Ich nehme Ihren Prüfauftrag entgegen und berücksichtige das Anliegen bei der nächsten Bearbeitung.“
„Bei der nächsten Bearbeitung? Wann bearbeiten Sie denn?“
„Den ganzen Tag, aber es gibt im Moment sehr viele Vorgänge. Und Vorleistungsprüfungsanträge werden nachrangig berücksichtigt.“
„Was heißt das? Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Sie bearbeiten irgendwelche Sachen, vermutlich bekommen Sie Geld dafür und machen mal das eine, mal das andere. Und meine Abhebung jedenfalls nicht.“
„Ähm, stimmt grundsätzlich. Ihren Vorleistungsprüfungsantrag kann ich im Moment nur vormerken. Und kann Ihnen schon mitteilen, dass die Bearbeitung einige Wochen dauern wird.“
„Oh.“ Ich denke einen Moment nach. „Sie arbeiten also, und früher oder später leiten Sie dann meine Abhebung ein. Vermute ich richtig, dass Sie auch Geld für Ihre Arbeit bekommen?“
„Selbstverständlich. Ich bin Angestellter des Finanzamtes und werde für die Bearbeitung der Steuererklärungen bezahlt. Und nachrangig auch für die Vorleistungsprüfungsanträge so wie bei Ihnen jetzt.“
„Großartig. Das ist mal was, was ich verstehe. Oder nein, halt, eigentlich verstehe ich das auch nicht. Sie arbeiten, bekommen Geld dafür, dass Sie prüfen, ob das Geld, das Sie anderen abgenommen haben zurückgezahlt wird. Und von dem Geld, das Sie dafür bekommen, dass Sie das nicht zurückgezahlte Geld anderer Bürger prüfen wird Ihnen auch wieder Geld abgenommen, dass Sie erst mal nicht zurückbekommen und das geprüft wird von jemand, der Geld dafür bekommt, dass er prüft, ob Sie Ihr Geld zurückbekommen Und so weiter. Da bekomme ich Kreise im Kopf. Ist das so eine Art Kurzschluss im Geldstrom?“
„Sagen Sie mal, was wollen Sie denn eigentlich?“
„Geld abheben, das habe ich Ihnen doch ganz am Anfang gesagt. Ich will einfach nur mein Geld abheben, das ich unfreiwillig eingezahlt habe. Und eigentlich interessieren mich auch gar nicht Ihre bis in die Unendlichkeit verschachtelten Prüfungen und die daraus irgendwie konsequenterweise bis in die Unendlichkeit verschachtelten Bearbeitungszeiten. Kein Wunder, dass Sie…“
Das Geräusch in der Telefonleitung lässt vermuten, dass wir keine Verbindung mehr haben. Es ist auch keine Warteschleife, in der ich mich befinde. Er hat einfach aufgelegt. Sicher habe ich ihn mit meinen Fragen wachgerüttelt und er hat nun Zweifel am Sinn seiner Beschäftigung. Vielleicht sollte ich ihn noch einmal anrufen, trösten und ihm klarmachen, dass in jeder Sinnkrise auch eine Chance auf Veränderung steckt. Sogar beim Finanzamt.
